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Inkognito ins Grab#

Vor 150 Jahren starb Carl Postl, der österreichisch-amerikanische Schriftsteller Charles Sealsfield, in der Schweiz.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Donnerstag, 22. Mai 2014)

Von

Oliver vom Hove


Carl Postl alias Charles Sealsfield
Charles Sealsfield führte ein abenteuerliches Leben, das sich in seinen Büchern niederschlug.
© wikipedia

Seine Lebensgeschichte ist so abenteuerlich wie kaum eine andere Biografie eines Literaten im 19. Jahrhundert. Carl Postl alias Charles Sealsfield war nacheinander aus Prag entlaufener Ordenspriester, Flüchtling vor Metternichs Geheimpolizei, amerikanischer Immigrant unter falschem Namen, publizistischer Ankläger des österreichischen Kerkerstaats im Vormärz, Pendler zwischen dem europäischen und amerikanischen Kontinent - und einer der populärsten Schriftsteller seiner Zeit.

Einmal als Sekretär des Prager Kreuzherrenordens Carl Postl untergetaucht und als amerikanischer Staatsbürger Charles Sealsfield wieder aufgetaucht, hat der Verfolgte das angenommene Inkognito zeitlebens gegenüber niemandem gelüftet: Trauma eines steckbrieflich Gesuchten. Sogar nach seinem Tod vor 150 Jahren, am 26. Mai 1864 im schweizerischen Solothurn, fanden die Testamentsvollstrecker in seinem Letzten Willen zwar die Nachkommen seines Bruders Joseph Postl bedacht (die, um erbberechtigt zu werden, wenigstens kurzfristig nach Amerika auszuwandern hatten). Doch seine Identität gab der unverheiratet und kinderlos verstorbene Autor auch über den Tod hinaus nicht preis. Erst das Geburtsdatum 3. März 1793 auf dem Grabstein in Solothurn offenbarte dem angereisten Joseph Postl, dass es sich bei dem unbekannten Erblasser um seinen verschollenen Bruder Carl handelte.

Heftige Österreich-Kritik#

Ursprünglich war es die Flucht aus dem ungeliebten, nur auf Mutters Geheiß angenommenen Priesterstand, die dem Dreißigjährigen, aus der Gegend des mährischen Znaim stammenden Carl Postl nach einer Anzeige des Ordensgenerals die Häscher des Habsburgerreichs auf den Hals hetzte. Über Wien und die Schweiz floh er 1823 nach Amerika. Von seiner ersten Ausreißerfahrt in die Neue Welt nach Europa zurückgekehrt, diente er sich unter neuer Identität zunächst dem österreichischen Staatskanzler als Spion an. Als dies fehlschlug, schrieb er 1828 in London auf Englisch die schärfste Vormärz-Kritik am Metternich-Staat nieder: "Austria as it is". Und war nun erst recht zu einem lebenslangen Spiel mit Maske und Geheimnis gezwungen.

Als Rebell und Republikaner hatte er in diesem viel beachteten Pamphlet den habsburgischen Despotismus vom Standpunkt jenes aufgeklärten Liberalismus aus angeprangert, wie er ihn noch als Theologiestudent in Prag von seinem philosophischen Lehrer Bernard Bolzano vermittelt bekommen hatte. In Form des Reiseberichts eines anonymen Augenzeugen ("by an Eye-Witness") wird der Blick auf die politischen und sozialen Missstände in den habsburgischen Landen gelenkt, wobei mehr als die Hälfte der Schilderungen sich mit den Verhältnissen in der Hauptstadt Wien befassen: mit der Zensur, den allgegenwärtigen Spitzeln, den Theatern und ihren Besuchern, mit der Kirche, den Klöstern und mit Metternich selbst.

Fünf Jahre nach seiner Flucht rechnet der Verfasser mit den Herrschern in Mitteleuropa unerbittlich ab: "Sie führen unablässig Krieg mit ihren Untertanen. Dadurch richten sie ihr Volk nicht plötzlich, aber stückweise zugrunde." Und noch schärfer heißt es: "Die österreichische Regierung vermeidet es wegen ihrer eigentümlichen Stellung, die Tatkraft ihrer Untertanen zu erwecken, weil dadurch der Gehorsam leiden könnte; sie gestattet ihnen nicht, mehr Wohlstand zu erreichen, als nötig ist, um zu essen, zu trinken, Steuern zu bezahlen und für den Kriegsfall einen Notgroschen zurückzulegen."

Auf den Index gesetzt#

Als "dreistes, verleumderisches Libell" wurde "Österreich wie es ist" unverzüglich von der Obersten Polizei- und Zensur-Hofstelle, dem "k. k. Bücher-Revisionsamt", auf den Index verbotener Bücher gesetzt. Verkauf und Besitz der brisanten Streitschrift seien als ein "in hohem Maße strafbares Verfahren" und auch als "eine höchst unpatriotische Handlung" zu werten.

Antiabsolutistisch und antiklerikal, preist das Werk eine Freiheit, die der Verfasser auch in zahlreichen Romanen und Reiseschilderungen über die Neue Welt als das über allem wirksame Ideal hochhielt: in dem Bericht "The United States of America as they are" (1827) ebenso wie in den "Lebensbildern aus der westlichen Hemisphäre" (1835), den "Deutsch-Amerikanischen Wahlverwandtschaften" (1839) und in dem 1841 erstveröffentlichten "Kajütenbuch", bis heute seine meistgelesene Publikation. Diese literarischen Erschließungen der Neuen Welt ließ der Autor in der Schweiz, wo er sich mittlerweile auch niedergelassen hatte, drucken: erst bei Orell-Füssli, dann bei Schulthess in Zürich.

Die Fülle der darin ausgebreiteten Erfahrungsgeschichten über Landnahme und Lebensformen der Händler, Farmer und Waldläufer zeigt Sealsfields Offenheit für die Weite Amerikas, aber auch seine aus Europa mitgebrachte Skepsis, die nie verstummte. In der "Erzählung des Obersten Morse" aus dem "Kajütenbuch", die als dessen Rahmengeschichte später unter dem Titel "Die Prärie am Jacinto" oft eigenständig veröffentlicht wurde, kämpft ein verzweifelter Texas-Reiter in der als ein berückendes Naturwunder geschilderten Bay von Galveston mit verzweifeltem Lebensmut gegen die Weite und Unberechenbarkeit dieser unbegrenzt scheinenden Natur-Freiheit an. Von ihr heißt es im Buch, dass sie "auch das mit dem Paradies gemeinsam hat, dass sie so leicht verführt".

Was Leser und Rezensenten von Anfang an für Charles Sealsfields Schriften begeisterte, waren die Genauigkeit und stilistische Könnerschaft bei der Schilderung amerikanischer Landschaften und ihrer Besiedelung. Duft und Farben der unbekannten Gegenden, das Gewimmel fremder Völker und sozialer Schichten waren verführerisch eingefangen. Ansteckend wirkte der Enthusiasmus, mit dem die Pionierleistung der Yankees bei der Urbarmachung des Landes, dem Bau von Straßen und Eisenbahnen zur Erschließung des Westens gewürdigt wurde. Wahrgenommen wurde auch das leidenschaftliche Plädoyer des Autors für die einigende Kraft der Demokratie - und seine Enttäuschung über den Verrat des amerikanischen Traums durch Raffgier, Geldwirtschaft und den fortschreitenden Raubbau an der Natur. Für das enge Verhältnis von "Herz und Dollarbeutel" der amerikanischen Ostküstengesellschaft hatte er nur Verachtung übrig.

Gefahr des Ichverlusts#

Die Zerrissenheit des in die Neue Welt aufgebrochenen Flüchtlings, der sich in dem Gelobten Land eine neue Identität erwerben möchte und im Wirrwarr eines ungeordneten Lebens ständig mit der Gefahr des Ichverlusts konfrontiert wird - das war die Erfahrung, die Charles Sealsfield aus dem erhofften amerikanischen Paradies mitbrachte, auch in die europäische Literatur. "Weiß nicht mehr, wo ich bin, wer ich bin, was ich bin", bekennt Cockley, eine der vielen gestrandeten Gestalten in Sealsfields letztem, amerikakritischstem Roman "Süden und Norden" (1842/43). Und nimmt damit, mitten im Tropendschungel und bedroht von der mexikanischen Revolution, ein halbes Jahrhundert vor Rimbaud dessen "Ich ist ein anderer", die Erfahrungsformel der Moderne, vorweg.

Zuletzt saß der Autor, der immer ein ruheloses Wanderleben hatte führen müssen, in der Schweiz auf seinem eigenen Grund und Boden. "Unter den Tannen" war seine Adresse in Solothurn. Dort lebte er in behaglichem Ruhestand und bewachte, ängstlich angesichts der im amerikanischen Bürgerkrieg niederrasselnden Börsenkurse, sein Aktienkapital. Auf seinem Grabstein ließ er die Inschrift "Charles Sealsfield, Bürger von Nord Amerika" einmeißeln. Erst sein Testament hinterließ der Nachwelt die wohlbedachte Spur, um sein Geheimnis zu lüften.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 22. Mai 2014