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Ganz Gedicht aus Geduld und Härte#

Die Lyrikerin Christine Busta, eine der großen Einzelgängerinnen der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts, ist vor zwanzig Jahren gestorben.#


Von der Wiener Zeitung, freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Samstag, 1. September 2008)

von

Christian Teissl


Rudolf Brestel
Christine Busta
© Wiener Zeitung

Christine Busta gehörte nie zu jenen Autorinnen, die Kritik und Leserschaft spalten und polarisieren. In den vier Jahrzehnten, in denen sie am literarischen Leben teilgenommen hat, entzündeten sich an ihr und ihrem Werk keinerlei Kontroversen. Den Grabenkämpfen, in die so manche ihrer Zeit- und Zunftgenossen viel Zeit und Kraft investiert haben, ist sie immer fern geblieben, hat sich nie einer literarischen Gruppe angeschlossen, nie einer ästhetischen Doktrin unterworfen. Auch entsprach sie in keiner Phase ihres Schaffens dem, was man in England "a poet’s poet" nennt, hat nie nur für Ihresgleichen geschrieben.

Biblische Kindheit#

Ihre Lyrik umgibt nicht die Aura des Exklusiven, Dunklen, Hermetisch-Verrätselten. Sie schöpft zwar aus einem reichen Bildervorrat, dessen Ursprung in eine "biblische Kindheit" zurückreicht (wie die Autorin eine Gedichtfolge betitelt hat), zwar hat ihr Realismus einen magischen Rahmen, zwar grenzt in ihr das Alltägliche unmittelbar an den Mythos und lässt dadurch irritierende Momente entstehen, doch esoterisch oder gar egozentrisch ist sie nicht.

An der Errichtung eines lyrischen Paralleluniversums war Busta nie interessiert, die Verbesserung der Welt war ihr kein Anliegen, doch hütete sie sich auch davor, die bestehenden Verhältnisse zu affirmieren. Gemäßer war es ihr, eine Laudatio auf einen Kieselstein zu halten:

Ein Prüfstein der Weltgeschichte ist er, Sprachgewicht auf der Zunge, entäußert
ganz Gedicht aus Geduld und Härte,/ und eine Kinderhand begreift’s.

Weltumspannende Gesten waren Bustas Sache nie; sie war keine alles umarmende Weltfreundin im Sinne und im Stile des jungen Werfel, wohl aber eine Menschenfreundin, mit einem genauen Blick für das Unbeachtete, Geringgeschätzte, Randständige. Nicht von ungefähr ist es die Distel und immer wieder die Distel, die sie rühmt, und nicht die Rose.

Wenn du das Wappen der Liebe malst,
vergiss nicht die Distel!

Die sanfte Freundin der Hummeln und Falter,
die Trösterin der Eselsgeduld,
die Rächerin der Wehrlosen, Schwachen,
die furchtlos die Haut des Henkers zerreißt
und ihm mit flugbereiter Seele
längst in künftige Sommer entflohn ist,
unerreichbar dem Beil, das sie fällt.

Geärgert und gekränkt hat Christine Busta der bisweilen – vor allem in den siebziger Jahren – erhobene Vorwurf, sie sei eine Dichterin der "heilen Welt", verstand sie sich doch gerade als Dichterin einer Welt- und Daseinsbejahung, die voller Ambivalenzen und sich ihrer Sache keineswegs sicher ist. Oft sprach sie von ihrer "furchtbaren Treue zum Leben", und schon in einem Gedicht der fünfziger Jahre, einer Breughel-Hommage, prägte sie die Formel von der "schönen und schrecklichen Welt"; Jahrzehnte später dichtete sie einen kurzen, fragmentarischen Psalm, der in den Ausruf mündet:
"Unser verfluchter und gesegneter Brotstern
in einer dünnen Rinde Luft."

Die "furchtbare Treue zum Leben", die für sie geradezu sprichwörtlich wurde, ließ die Busta nicht mehr los, aber auch das Staunen nicht. Nicht wenige ihrer prägnanten lyrischen Bilder und Chiffren verdanken sich wohl vor allem dem Staunen über die Dinge und Menschen, über Spuren, die jemand hinterließ, über Signale, die jemand gab. Die Frömmigkeit der Busta, ihre „Mystik des Kreatürlichen“ (Ignaz Zangerle) und ihre Lust am Konkreten haben hier ihren Ursprung, und ihre Gedichte wurden wohl für so manchen Leser zu einer Schule des Staunens. Früh schon gelang es der Busta, sich eine Lesergemeinde zu erarbeiten, zunächst innerhalb ihrer eigenen Generation; spätestens 1959, als ihre "Sternenmühle", ein Klassiker der österreichischen Kinderliteratur, herauskam, auch innerhalb der nachfolgenden.

Bis zuletzt erhielt sie zahlreiche Leserbriefe – welcher Lyriker, welche Lyrikerin kann das heutzutage noch von sich behaupten? – und es lag ihr viel daran, mit ihren Lesern Kontakt zu halten. Vielleicht war es gerade diese Lesergemeinde, die dem vater- und geschwisterlos aufgewachsenen Wiener Vorstadtkind spät, aber doch die Familie ersetzte.

Die Schale mit Primeln#

Im Gegensatz allerdings zu manch anderer österreichischer Autorin ihrer Generation war Christine Busta niemals Liebkind der Literaturwissenschaft. Ein Gedicht wie ihr "Ritornell vor dem Einschlafen", das mit der Frage einsetzt: "Was hat mich heut so froh gemacht?" und darauf umgehend die bündige Antwort gibt:

Die Schale mit Primeln, sie steht am Fenster:
eine Lampe voll Frühling vorm Antlitz der Nacht

ruft nicht gerade Scharen von Exegeten auf den Plan, und so überrascht es wenig, dass sich um ihr Werk im Lauf der Jahre und Jahrzehnte verhältnismäßig wenig Sekundärliteratur angesammelt hat, während es zu fast jeder Zeile der Bachmann eine eigene Abhandlung gibt. Das mag wohl vor allem damit zu tun haben, dass man die Busta vorschnell abgestempelt hat als Verfasserin christlicher Trostpoesie, sie, die knapp ein Jahr vor ihrem Tod resümierte:

Ich hab mich ein Leben lang
mit dem Glauben sehr schwer getan.

Manierismen und Stilisierungen, Erklügeltes und Erkünsteltes finden sich allenfalls in ihren frühen Gedichten, von Band zu Band aber wird ihre lyrische Rede schlichter, eigentümlicher, fasslicher und spröder. In ihrem Spätwerk tritt alles Formale in den Hintergrund; die Dichterin tritt ohne Maske auf, gibt sich preis, legt Bekenntnis und Rechenschaft ab, und es gelingen ihr Liebesgedichte, die sich in Diktion und Tonfall mit denen Erich Frieds durchaus vergleichen lassen; etwa das Gedicht "Deine Hand":

Deine Hand auf meinem Gesicht,
deine Hand über meinem Herzen,
deine Hand auf dem schmalen Rücken
eines geliebten Buches,
deine Hand auf dem Schreibpapier.

Deine Hand an der rauhen Rinde
eines Baums und am glattgegriffenen
Stiel der Schaufel, mit der du die Erde
andächtig lockerst und umgräbst,
deine Hand auf dem täglichen Brot.


Deine Hand auf dem Haar eines Kindes,
das nicht unseres ist.

Geht man von hier aus 38 Jahre in der Zeit zurück und schlägt eine Anthologie junger österreichischer Lyrik auf, die 1947 unter dem Titel "Die Sammlung" erschien, begegnet einem eine ganz andere Busta, die formelhaft und verspielt von der Liebe redet:

Ich liebe, was gewölbt und rund
den Korb, den Krug, die Magd, den Mund,

die Schüssel gut in meiner Hand
das Brot, den kühlen Brunnenrand,

den Apfel, der vom Baume fällt,
den Mond, die tränenschwere Welt ...

Der Regenbaum#

Die 1915 geborene Dichterin hat – wie sich bereits an der Gegenüberstellung dieser beiden Gedichte zeigt – eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht. Stand sie anfangs noch im Bannkreis Trakls und Weinhebers, versammelte sie in ihrem ersten Band, "Der Regenbaum" (1951), noch Oden, Sonette und Ritornelle, so lockerte sich bereits im Lauf der fünfziger Jahre das Korsett traditioneller Formgebung und Verssprache spürbar. Den Durchbruch zu einer neuen lyrischen Signatur brachte 1965 der Band "Unterwegs zu älteren Feuern". In dieser Sammlung, die den Zeitgenossen eine "neue Busta" präsentierte, finden sich lyrische Gleichnisse wie etwa das folgende:

Nur einmal
hat die Wasseramsel sich gezeigt.
Es strahlte
das Weiß an ihrer Brust.
Wo sie hinabgetaucht ist,
kann uns der Fluß
nie wieder dunkel werden.

Ein wesentliches Charakteristikum von Bustas Gedichten ist es, dass sie sich nie nur im Gegenwärtigen erschöpfen, nie nur im magischen Augenblick, sondern sich immer weit und gänzlich mühelos ins Vergangene vortasten und dabei in den Bereich des Mythischen gelangen. Das Ich in diesen Gedichten erinnert sich keineswegs nur an Ereignisse seines eigenen Lebens, sein Gedächtnis reicht viel weiter zurück. In dem Gedicht "Das Erbe" heißt es folgerichtig:

Eh ich die Donau kannte
stand ich am Ufer des Jordan.
Schönbrunn war ein herrlicher Garten
aber der Engel rauschte
nur durch Gethsemanelaub

Lampe und Delphin#

Was Sandor Marai in seinen Aufzeichnungen "Die vier Jahreszeiten" auf Rilke gemünzt hat, ließe sich mühelos auch auf Christine Busta übertragen:

"Er muss erschreckend viele Erinnerungen gehabt haben. Wer vermöchte die Erinnerungen eines Dichters zu zählen? (...) Die Erinnerungen des Dichters sind grenzenlos. Ein Gedicht ist das Destillat aus Jahrmillionen und von Millionen Erlebnissen." Ein schönes Beispiel dafür ist das Gedicht "Legende", aus der Sammlung "Lampe und Delphin". Es sollte in jeder Anthologie deutschsprachiger Lyrik nach 1945 enthalten sein.

Einmal waren wir Vögel:

wir flogen zusammen
und kreisten durch unermessliche Tage.
Wir hockten gedrängt im Nest,
wenn die funkelnde Nacht heraufkam,
und schwereloser war nichts
als Flaum an Flaum unser Leben.

Als heute der scharfe Bergwind
uns Arm in Arm vor sich hertrieb,
erkannt’ ich dich wieder am schnelleren Herzschlag.
Vom Munde gerissen war uns die Sprache, die lähmt,
und wir flogen noch einmal,
jäh in der Kehle den Laut/ reiner, sinnloser Lust.

Wiener Zeitung, Samstag, 1. September 2008