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Individuum auf Crashkurs #

Der in Stuttgart lebende österreichische Autor Heinrich Steinfest vermengt in seinem Roman „Der Allesforscher“ Alltag und Absurdität: phantastisch und mit viel Sprachwitz. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 10./11. Mai 2014)

Von

Bruno Jaschke


Heinrich Steinfest
Heinrich Steinfest, Jahrgang 1961.
Foto: © dpa/Marijan Murat

Sixten Braun ist erfolgreicher Manager eines Konzerns in der taiwanischen Stadt Tainan. Dort trifft ihn eines Morgens ein Stück eines toten, auf die Rampe eines LKWs verladenen Pottwals, der durch die Wirkung von Gärgasen explodiert ist. Sixten wird mit Kopfverletzungen in ein Spital eingeliefert und verliebt sich dort in seine behandelnde, etwas exzentrische Ärztin Lana, die wie er selbst deutscher Nationalität ist. Er beginnt mit ihr eine leidenschaftliche Affäre, ehe er zu einem Arbeitseinsatz nach Japan muss.

Magische Wendungen #

Beim Rückflug von diesem stürzt er ab, überlebt aber. Gegen seinen Willen wird Sixtus zur medizinischen Betreuung zurück nach Deutschland gebracht und, weil er Missgeschicke magisch anzuziehen scheint, von seiner Firma aus dem operativen Geschäft – und somit auch aus Tainan – abgezogen. Schließlich muss er erfahren, dass Lana an einem Gehirntumor gestorben ist.

Ohne Animo heiratet Sixtus seine langjährige Verlobte und führt eine freudlose Ehe, die mit einer desaströsen Scheidung endet. In deren Gefolge verliert er Job und Vermögen und zieht von Köln nach Stuttgart um. Seiner Vergangenheit entkommt er aber auch hier nicht. Denn unverhofft wird er von Kerstin Heinsberg, einer Mitarbeiterin der taiwanesischen Botschaft, mit der Meldung konfrontiert, er habe mit der verstorbenen Lana ein Kind gezeugt.

Von Kerstin mit mehr oder weniger sanftem Nachdruck überzeugt, nimmt er sich des Buben an, obwohl sich auf den ersten Blick zeigt, dass er unmöglich dessen leiblicher Vater sein kann. Simon, so sein Name, kann zwar kein Wort Deutsch und scheint überhaupt eine eigene Sprache zu sprechen, aber er ist ein Genius beim Klettern (und, wie sich später herausstellt, auch im Zeichnen und im Lösen von Puzzles).

Simons Kletterleidenschaft ist für Sixten insofern wie ein symbolischer Fingerzeig, als auch seine Schwester Astri davon infiziert war und dadurch ihr Leben verloren hat. Gemeinsam mit Simon und Kerstin, mit der er mittlerweile eine Beziehung eingegangen ist, macht sich Sixten auf die Reise in die Tuxer Alpen in Tirol, wo Astri verunglückt ist. Dort erwarten ihn mehrere entscheidende Begegnungen – diesseitige wie jenseitige. . .

Spiel mit Phantasmen #

Der in Australien geborene und heute in Stuttgart lebende Heinrich Steinfest hat sich als Autor – er ist auch Maler – seinen Namen mit Krimis gemacht. Mit diesem Genre aber hat „Der Allesforscher“ nichts mehr gemein. Vielmehr beleuchtet der Roman die feinen, bisweilen auf die unwahrscheinlichste Weise versponnenen Beziehungsfäden, die Menschen verbinden. Steinfest hat ein feines Sensorium für die selektive Zuspitzung von Alltäglichkeiten, für das Taumeln des Individuums auf dem Crashkurs mit den Anforderungen des eigenen Egos, der Arbeitswelt und des Herzens.

Die „Phantasmen“ in der Fabel – den buchstäblichen Schicksalsschlag durch den Pottwal, die ans Übernatürliche grenzenden Fähigkeiten Simons, die buchstäblich traumhafte Kommunikation mit der toten Astri – verstrickt Steinfest so gekonnt mit der sogenannten Normalität, dass ihre Absurdität kaum auffällt. Sein treffender, nur ganz am Anfang stellenweise etwas bemüht anmutender Sprachwitz ist gewissermaßen das Bindemittel der divergierenden Elemente. Heinrich Steinfest

Der Allesforscher Roman. Piper Verlag, München 2014, 400 Seiten, 20,60 Euro.

Wiener Zeitung, (Sa./So., 10./11. Mai 2014)