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Der Dichter als Denker#

„Niemand schreibt so wie Alfred Kolleritsch. Nachfolger, die die Arbeit in seinem Sinn fortsetzen könnten, gibt es nicht, kann es gar nicht geben.“#


Mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitung DIE FURCHE (Februar 2011)

Von

Anton Thuswaldner


Vor fünfzig Jahren gründete er die Literaturzeitschrift „manuskripte“. Seither prägt er den österreichischen Literaturbetrieb wie kaum ein anderer: Alfred Kolleritsch. Diese Woche feiert der steirische Autor und Literaturvermittler seinen achtzigsten Geburtstag.#

Alfred Kolleritsch
Alfred Kolleritsch
Foto: Marko Lipus/picturedesk.com

Als die Jungen antraten, die literarische Welt aus den Angeln zu heben, war Alfred Kolleritsch einer von ihnen. Dennoch unterschied er sich in der langen Anlaufzeit von ihnen. Wolfgang Bauer, Barbara Frischmuth, Peter Handke, Elfriede Jelinek begannen in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren, die österreichische Literatur von Traditionsresten zu befreien, als sie von ihrem dreißigsten Geburtstag noch weit entfernt waren.

Der zehn Jahre ältere Kolleritsch war bereits über vierzig, als er mit seinem Roman „Die Pfirsichtöter“ die literarische Bühne betrat. Aber was heißt das bei so einem wie ihm schon. Lange davor galt er, der sich als Lehrer eine bürgerliche Existenz aufgebaut hatte, bereits als ein literarischer Kopf, einer ohne Werk jedenfalls. Mit seinem Debüt aber war ein Bann gebrochen, von nun an ging es Schlag auf Schlag. Romane, Erzählungen und vor allem Gedichte folgten in kurzen Abständen, die österreichische Literatur war plötzlich ohne dieses Werk nicht mehr zu denken.

Niemand schreibt so wie er. Nachfolger, die die Arbeit in seinem Sinn fortsetzen könnten, gibt es nicht, kann es gar nicht geben. Dieses Werk ist die subjektive Zuspitzung, Umdeutung und Verkehrung aller Denksysteme, die sich in jahrhundertelanger Tradition, unsere Welt analytisch zu ergründen, herausgebildet haben.

Auswege aus der Enge#

Kolleritsch ist der Philosoph als Schriftsteller, der Poet als Denker, der der Literatur deshalb so dringend bedarf, weil sie ihm dort weiterhilft, wo das Denken, wie es einem die Systeme der Philosophie aufzwingen, an Grenzen stößt. Nicht umsonst taucht das Wort „Wege“ als ein Schlüsselbegriff in seiner Lyrik gehäuft auf. Er sucht Auswege aus der Enge, beschreitet auch Holzwege, wenn es sein muss.

„Holzwege“ – auch so ein Begriff, der philosophisch in Anspruch genommen wurde, nicht von irgendeinem, vom großen Dunklen des 20. Jahrhunderts, Martin Heidegger. Mit ihm hat sich Kolleritsch in seiner Dissertation auseinandergesetzt: „Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit in der Philosophie Martin Heideggers“ (1964). Die Philosophie steht also am Anfang, die Literatur entsteht aus dem Ungenügen daran. Alle seine Gedichte wirken wie Befreiungsschläge gegen geschlossene Modelle, sie brechen Erstarrungen und Fixierungen auf. Das macht die Lektüre für Leser schwer, die mit fertigen Botschaften rechnen. Man muss sich nur eines herausgreifen, um zu sehen, wie sich Offenheit gestaltet. „Erwartung“ heißt eines, das im Band „Die Summe der Tage“ von 2001 abgedruckt ist:


„Begrüßen dich nicht die Vögel,
zeig mir den Falter,
nenne die Dichter ebenso.


Sie entstehen in dir,
ihr Raubzug ins längst Gesagte.


Wirst du den denken,
der dich sucht,
preisgegeben der Vergeblichkeit,
zugerichtet,
zunichte gemacht
für Begegnungen.“


Die steirische Vulkanlandschaft, in der er aufgewachsen sei, habe ihn tief geprägt, sagte er mir, als wir vor einigen Jahren in seiner Wohnung zusammensaßen. Ursprünglich sei die Lava etwas Flüssiges, Bewegtes gewesen, die dann erstarrt sei.

In „Der Pfirsichtöter“ ist nachzulesen, wie eine Welt in Erstarrung überzugehen droht und feste Bilder eine Wirklichkeit dingfest machen. Etwas dingfest zu machen muss eine Schreckensvision des Alfred Kolleritsch sein. Ihm zerfließt unter der Hand jeder feste Begriff, Wirklichkeit wird ins Lösbad versetzt, wo sie ihren Anspruch aufgibt, Wahrheit abzusondern.

Er, der unter den Nazis seine Kindheit verbrachte und später eine katholische Erziehung erfuhr, sah sich immer umgeben von Wahrheiten. Die Inhalte hatten sich verändert, aber den Katholiken kreidet er an, dass sie nie davon gesprochen hätten, dass er die ersten vier Jahre der Mittelschule einer miserablen Ideologie ausgesetzt gewesen sei. Nun also das Gedicht, das mit „Erwartung“ etwas Vages, Flüchtiges, Offenes anspricht. Vögel und Falter, Gegenbilder zur Erstarrung, werden mit den Dichtern in eins gesetzt. Die Dichter bedeuten, wenn schon nicht Rettung, die bei Kolleritsch sowieso nicht zu haben ist, den Wagemut zum Aufbruch ins Ungewisse. Freundlichkeit ist nicht zu erwarten bei Kolleritsch.

„Vergeblichkeit“ ist auch eines dieser Schlüsselwörter, mit denen er nicht nur das eigene, sondern unser aller Streben in Verruf bringt. Was passiert noch in diesem Gedicht? Etwas wahrlich Ungeheures! Die Außenwelt, die über Signale ins Gedicht kommt, wird ins Innenleben des angesprochenen „Du“ verlegt. Die Welt – ein Gedankenkonstrukt, eine Chimäre, eine Vorstellung. Im Hintergrund buhlt immer die Philosophie um Aufmerksamkeit.

Neue Maßstäbe#

Man könnte locker ein Germanistenleben an die Deutung des Werks von Alfred Kolleritsch hängen und doch hat man damit erst die halbe Persönlichkeit. Bevor er selber ernsthaft zu schreiben begann, trat er als Förderer junger Literatur in Erscheinung. Seit fünfzig Jahren betreibt er sein Großunterfangen manuskripte in Graz.

Das erste Heft der Literaturzeitschrift erschien 1960 in Tarnfarbe. Dass sich dahinter ein Produkt verbarg, das in den folgenden Jahren und Jahrzehnten ästhetische Maßstäbe neu definieren und durchdiskutieren sollte, war nicht ersichtlich. Das Titelblatt zierte ein dunkelblauer Schriftzug mit dem Namen der Zeitschrift, am unteren Rand stand klein und unauffällig „forum stadtpark.graz“. Im Inneren fand man Texte von Autoren, von denen heute nur noch Alfred Kolleritsch und Alois Hergouth ein Begriff sind.

Mit der nächsten Ausgabe ging es dann richtig los. H. C. Artmann, Konrad Bayer, Friedrich Achleitner, Gerhard Rühm, Andreas Okopenko wurden veröffentlicht und damit war eine Richtung vorgegeben. Es ging um das, was die Sprache in ihrem Innersten zusammenhält. Die Zeitschrift wurde ein Forum für das Neue, Unerprobte, hier durfte experimentiert werden, dass dem gemeinen Bürger der Hut vom spitzen Kopf fiel. Der ließ sich das nicht immer gefallen, und wenn es die jungen Leute, die allmählich doch in die Jahre gekommen waren, es seiner Meinung nach allzu bunt trieben, stand der eine oder andere Prozess an. Das Kolleritsch-Graz machte zudem Schluss mit jenen Literaten vom Schlage eines Max Mell, die im Dritten Reich gefördert wurden und im Nachkriegsösterreich sofort zu neuen Ehren kamen.

All jene aber, die sich mit zeitgenössischer Literatur beschäftigen, kommen ohne die manuskripte bis heute nicht aus. Sie leistet nämlich Pionierarbeit. Kolleritsch entdeckt jene Autorinnen und Autoren, die für die Zukunft bestimmend sind. Lektoren wissen das und sehen diese Zeitschrift als Probefeld für junge Talente. Schwer vorstellbar, aber der ewig junge Alfred Kolleritsch feierte diese Woche seinen 80. Geburtstag.

Von Brunnsee zum „Forum Stadtpark“#

Am 16. 2. 1931 wird Alfred Kolleritsch in Brunnsee in der Südsteiermark geboren. Sein Vater arbeitet als Forst- und Teichverwalter auf Schloss Brunnsee. Nach dem Besuch der Volksschule, die den Linkshänder radikal normiert, kommt er 1941 nach Graz, wo er 1950 maturiert. Während des Studiums in Graz erlebt er eine konservative Universität, die die Moderne verbannt. 1955 legt er die Lehramtsprüfung für Geschichte und Philosophie ab, 1959 folgt jene für Germanistik. 1964 wird er zum Doktor der Philosophie promoviert. Als Erziehe in Liebenau scheitert er, weil er jene pädagogischen Maßnahmen durchziehen soll, die er selbst als Schüler bekämpfte. Am Bundesgymnasium in Leibnitz findet er dann zu seiner Rolle als Pädagoge. 1959 zählt er zu den Gründern der Vereinigung „Forum Stadtpark“, Graz öffnet sich der Avantgarde. Seit 1960 gibt Kolleritsch die Literaturzeitschrift manuskripte heraus. Wichtige Werke: „Die Pfirsichtöter“ (1972), „Die grüne Seite“ (1974), „Allemann“ (1989) und die Gedichtbände „Einübung in das Vermeidbare“ (1978), „Augenlust“ (1986), „Die Summe der Tage“ (2001). (A. Th.)

DIE FURCHE (Februar 2011)