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Der gefährdete Skandalautor#

Vor 140 Jahren wurde Hugo Bettauer in Baden bei Wien geboren. Als freizügiger Journalist und reißerischer Romancier provozierte er das Publikum und bezahlte dafür mit seinem Leben.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 17. August 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christian Hütterer


"Bettauer verstand es wie kein anderer, die Gemüter seiner Zeitgenossen zu erhitzen, war ebenso populär wie verhasst, seine Bedeutung wuchs weit über den Bereich des rein Literarischen hinaus." Mit diesen Worten wurde ein Journalist und Schriftsteller beschrieben, der in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg für Aufsehen in vielerlei Hinsicht sorgte, heute aber fast vergessen ist: Hugo Bettauer.

Bettauer wurde am 18. August 1872 in Baden geboren und wuchs in Wien auf, wo er gemeinsam mit Karl Kraus das Gymnasium besuchte. Im Alter von achtzehn Jahren konvertierte er vom Judentum zum Protestantismus, weil er Karriere beim Militär machen wollte. Da er Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten hatte, desertierte er aber schon nach wenigen Monaten und flüchtete in die Schweiz.

Hugo Bettauer
Hugo Bettauer (1872-1925)
© Wiener Zeitung / Wikipedia

Lehrjahre in New York#

Dort trat Bettauer als 24-Jähriger das beachtliche Erbe seines früh verstorbenen Vaters an und heiratete. Sein weiterer Weg führte ihn nach New York, wo er allerdings als armer Mann ankam - er hatte sein gesamtes Erbe einem Bankier anvertraut, der just während Bettauers Reise über den Atlantik in Konkurs ging. Die Zeit in Amerika war daher von Armut und Hunger geprägt, und so entschloss sich Bettauer zur Rückkehr nach Europa. Er ließ sich in Berlin nieder, wo er seine Karriere als Journalist begann. Bettauer bezichtigte hohe Beamte der Korruption, und innerhalb zweier Jahre wurde er zwölf Mal wegen Ehrenbeleidigung verurteilt. Schließlich beschuldigte er den Direktor des Hoftheaters der Korruption, dieser beging Selbstmord und Bettauer wurde in der Folge aus Preußen ausgewiesen.

In Hamburg lernte er nach der Scheidung von seiner ersten Frau ein damals sechzehn Jahre altes Mädchen namens Helene Müller kennen und reiste mit ihm neuerlich nach Amerika. Der zweite Aufenthalt in Amerika verlief besser als der vorige, Bettauer heiratete Helene und erwarb die US-Staatsbürgerschaft. Er begann, für deutschsprachige Zeitungen aus Randolph Hearsts Konzern Fortsetzungsromane zu schreiben und legte damit den Grundstein für seine Karriere als Krimiautor. 1909 kehrte Bettauer nach Österreich zurück, weil ihm durch eine Amnestie des Kaisers die Strafe für die Desertion erlassen wurde. Bettauer nahm wiederum die österreichische Staatsbürgerschaft an und etablierte sich in Wien als Journalist.

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Bettauer als Korrespondent für amerikanische Zeitungen und schilderte in seinen Artikeln die Situation der notleidenden Bevölkerung von Wien. Es gelang Bettauer sogar, Hilfslieferungen aus den USA zu organisieren, und er begann, sich immer mehr in sozialen Fragen zu engagieren.

Neben seiner journalistischen Tätigkeit erschien im Jahr 1920 Bettauers erster Roman und bis zu seinem Tod fünf Jahre später sollten noch 14 weitere Romane, zwei Novellenbände und zwei Theaterstücke folgen. Meist handelte es sich dabei um Kriminalromane, in denen er aber auch soziale Themen ansprach. Der literarische Wert dieser Romane ist nicht sonderlich hoch, sie geben aber einen guten und umfassenden Einblick in die Lebensverhältnisse der Wiener Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg. In Bettauers Romanen finden sich Neureiche und Arbeitslose, Verarmte und aus dem Krieg heimgekehrte Soldaten, die ihren Platz im neuen Österreich suchen.

Verfilmte Zeitromane#

Neben den großen sozialen Fragen dieser Zeit spielte Bettauer in seinen Werken auch auf politische Ereignisse und Personen an und seine Romane wurden dadurch zu lebendigen Schilderungen dieser Umbruchphase. Mehrere dieser Kriminalromane wurden auch verfilmt, Georg Wilhelm Pabst inszenierte etwa das Buch "Die freudlose Gasse", in welchem Film auch eine junge Schwedin namens Greta Garbo ihren ersten internationalen Erfolg feierte . . .

1922 erschien das wohl bekannteste Buch Bettauers, "Die Stadt ohne Juden". Bettauer beschrieb in einem Artikel, dass er auf öffentlichen Toiletten immer wieder die Aufschrift "Hinaus mit den Juden" gelesen hatte: "Dieser Sehnsuchtsschrei regte meine Phantasie zu spielerischen Gedanken darüber an, wie dieses Wien sich wohl entwickeln würde, wenn die Juden tatsächlich einmal der höflichen Aufforderung folgten und die Stadt verließen." In seinem - wie Bettauer selbst sagte - "ganz amüsanten Romänchen" beschließt das österreichische Parlament, mit der Ausweisung aller Juden des Landes auf die Wirtschaftskrise zu reagieren. Das "naive, treuherzige und verträumte Volk" der Österreicher soll dadurch vor der "katzenhaften Geschmeidigkeit und der blitzschnellen Auffassung" der Juden geschützt werden.

Die Österreicher jubeln über diese Entscheidung, aber die Freude dauert nicht lange. Der Exodus der Juden hat nämlich unvorhergesehene Folgen: Die Wirtschaft bricht vollends zusammen, Kaffeehäuser stehen vor dem Ruin, Theater spielen nur noch die langweiligen Stücke österreichischer Autoren, statt der neuesten Mode aus Paris wird nur noch Loden getragen und Wien ist auf dem besten Weg, ein großes Dorf zu werden - kurz: die bejubelte Vertreibung der Juden erweist sich als kapitaler Fehlschlag.

Ein von der Maßnahme betroffener junger Mann namens Leo Strakosch versucht, seine Ausweisung rückgängig zu machen, weil er zu seiner Liebe nach Wien zurückkehren möchte. Strakosch hat schließlich Erfolg, das Parlament hebt das umstrittene Gesetz auf und die Juden können wieder nach Österreich zurückkehren. Strakosch selbst kommt als erster Jude wieder in Wien an und wird vom Bürgermeister persönlich mit den Worten "Mein lieber Jude . . ." begrüßt.

Der Roman war aus mehreren Gründen umstritten: Bettauer wurde dafür kritisiert, dass er die Figuren zu klischeehaft darstellte. Alle Juden sind bei Bettauer geschäftstüchtig und raffiniert, sie sind "rascher im Denken und Handeln" als der Rest der Bevölkerung, der als naiv und schwerfällig dargestellt wird. Die verbliebenen Österreicher müssen im Roman rasch erkennen, dass ohne ihre jüdischen Mitbürger das Land einfach nicht lebensfähig ist, was wiederum von vielen Lesern als Provokation aufgefasst wurde. Tatsache ist, dass wir neunzig Jahre nach dem Erscheinen dieses Buches und im Lichte unserer historischen Erfahrungen allein schon den Titel des Buches nicht als Satire, sondern als düstere Prophezeiung empfinden.

Neben seinen Romanen widmete sich Bettauer weiterhin dem Journalismus und gab ab 1924 eine Zeitschrift mit dem Titel "Er und Sie. Wochenschrift für Erotik und Kultur" heraus. Darin schrieb er über Themen wie Homosexualität, Abtreibung und Scheidung. Bettauer stellte darin nüchtern fest, dass sich die Menschheit in einer "gewaltigen und entscheidendsten Revolution aller Zeiten" befinde, nämlich der "erotischen Revolution". Sein Ziel war es, mit seiner Zeitschrift die Beziehungen zwischen Mann und Frau "aus dem Sumpf einer verlogenen Pseudomoral zur sittlichen, freien Höhe emporheben".

Erhitzte Gemüter#

Wegen der geradezu revolutionären Offenheit, mit der all diese Themen behandelt wurden, war die Zeitschrift ein großer Erfolg und schon nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe musste die Auflage auf 60.000 Stück verdreifacht werden. Die Kritiker empörten sich und spätestens als der damalige Bundeskanzler Seipel von der "Entsittlichung und Verseuchung des Volkes" sprach, wurde Bettauers Zeitschrift zu einem Politikum. Am 21. März 1924 kam es im Wiener Gemeinderat nach einer Debatte über Bettauer sogar zu einer Schlägerei zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten. Mehrere Beschlagnahmen und wiederkehrende Verkaufsverbote führten dazu, dass die Zeitschrift aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt werden musste. Bettauer wurde zudem wegen Verstößen gegen die öffentliche Sittlichkeit, gegen Ruhe und Ordnung und auch der gewerbsmäßigen Kuppelei angeklagt, weil in seiner Zeitschrift Kontaktanzeigen erschienen.

Im folgenden Prozess wurde Bettauer von allen Anklagepunkten freigesprochen, die Aufregung um ihn legte sich allerdings nicht. Die "Reichspost" schrieb etwa über Wien nach dem Fall Bettauer: "Keine andere europäische Großstadt ist heute in diesem Maße von der Pornographie beherrscht, auch nicht Paris."

Nach der erzwungenen Einstellung von "Er und Sie" gab Bettauer eine Zeitschrift mit dem Titel "Bettauers Wochenschrift. Probleme des Lebens" heraus und hielt in der Redaktion in der Lange Gasse im 8. Bezirk Sprechstunden ab, in denen sich Wiener Bürger mit den verschiedensten Problemen an ihn wenden konnten. Auch am 10. Mai 1925 war eine dieser Sprechstunden angesetzt, sie sollte allerdings für Bettauer tödlich enden. Der 21-jährige Zahntechniker Otto Rothstock, der den Nationalsozialisten nahe stand, kam in Bettauers Büro, zog einen Revolver und schoss fünf Mal auf ihn. Nach den Schüssen verwüstete Rothstock die Redaktion, wartete aber auf die alarmierte Polizei und ließ sich widerstandslos festnehmen. Bettauer wurde schwer verletzt in das Allgemeine Krankenhaus gebracht und erlag dort sechzehn Tage später seinen Verletzungen.

Die Reaktionen auf das Attentat waren gespalten und entsprachen dem polarisierten Klima der Ersten Republik. Bettauers Unterstützer sprachen von einem politischen Mord, von konservativer Seite hieß es hingegen: "Hier hat ein Jüngling aus dem zwingenden Gebot seiner Empörung heraus gehandelt". Bettauer war demnach "ein Gegner, der niedergeknallt werden musste, damit Verderbnis von jungen Seelen abgewehrt werde".

Im folgenden Prozess gab der Schütze Rothstock an, dass er seine Altersgenossen vor dem verderblichen Einfluss Bettauers schützen habe wollen und berief sich darauf, zum Zeitpunkt der Tat nicht zurechnungsfähig gewesen zu sein. Rothstock wurde schuldig gesprochen, in eine Anstalt eingewiesen, aber schon im Mai 1927 als freier Mann entlassen. Am Ende desselben Jahres wurde "Bettauers Wochenschrift", die von seiner Witwe Helene weitergeführt worden war, eingestellt. Bettauer selbst geriet in Vergessenheit und erst sechzig Jahre nach seinem Tod wurden seine Bücher wieder aufgelegt.

Christian Hütterer , geboren 1974, ist Politikwissenschafter und Historiker. Er hat über internationale Zusammenarbeit im Ostseeraum dissertiert und ist im EU- und Internationalen Dienst der österreichischen Parlamentsdirektion beschäftigt.

Wiener Zeitung, 17. August 2012