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Dichter und Dilettant#

Vor 75 Jahren, am 16. März 1938, stürzte sich Egon Friedell, auf der Flucht vor SA-Schergen, aus dem Fenster seiner Wohnung. Eine Annäherung an diese unverwechselbare Figur des Wiener Kulturlebens.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 16./17. März 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

David Axmann


Egon Friedell als Goethe in seinem gleichnamigen Stück
Egon Friedell (rechts) als Goethe in seinem gleichnamigen Stück, in einer Aufführung in den Wiener Kammerspielen am 13. März 1937.
Foto: © IMAGNO/Österreichisches Theatermuseum

Egon Friedells Hauptwerk, die "Kulturgeschichte der Neuzeit", reicht laut Untertitel "von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg", also von 1348 bis 1918. Als Friedell 1938 stirbt, geht die altösterreichische, vom assimilierten jüdischen Bürgertum geprägte Kulturepoche endgültig unter. Mehr Symbolträchtigkeit ist kaum möglich. Friedell, dieser treue Liebhaber der europäischen Vergangenheit, stirbt an der Nazi-Pest.

"Lachender Philosoph"#

Wer war Egon Friedell? Die vielleicht sicherste, zweifellos aber originellste Antwort erhalten wir von dem in Frage stehenden Manne selbst. Anlässlich seines 60. Geburtstags veröffentlichte Friedell im "Neuen Wiener Tagblatt" 1938 einen von tiefer Sorge diktierten Brief an die Redaktion: "Obgleich ich infolge meines überlangen Wirkens in der Öffentlichkeit nachgerade auch gegen die kompromittierendsten Lobsprüche völlig abgehärtet bin, so bin ich trotz meines hohen Alters noch nicht abgeklärt genug, um bei offenkundig falschen Angaben nicht nervös zu werden. Darum stelle ich Ihnen folgende zuverlässige Daten zur Verfügung":

„Geboren am 21. Jänner 1878 in Wien, zweimal in Österreich und zweimal in Preußen maturiert, beim viertenmal glänzend bestanden. In verhältnismäßig kurzer Zeit zum Doktor der Philosophie promoviert, wodurch ich die nötige Vorbildung zur artistischen Leitung des Kabaretts ‚Fledermaus‘ erlangte. Da ich zur Erholung von dieser verantwortungsvollen Nachttätigkeit mich bei Tage mit essayistischen Arbeiten beschäftigte, erwarb ich den Titel eines ‚lachenden Philosophen‘. Worauf mir nichts übrigblieb, als zu dessen Widerlegung die ‚Judastragödie‘ zu schreiben, deren Uraufführung im März 1923 im Burgtheater... stattfand.

Anders als viele meiner Kollegen wurde ich erst auf Grund meiner dramatischen Tätigkeit Theaterrezensent. Mein Mangel an Kritik brachte Reinhardt auf den Gedanken, mich unter die ‚Schauspieler des Theaters in der Josefstadt‘ einzureihen. Als Darsteller neuzeitlicher Gestalten hatte ich Gelegenheit, umfangreiche Materialien zu meiner dreibändigen ‚Kulturgeschichte der Neuzeit‘ zu sammeln...

Da einige Fachgelehrte mir die Kompetenz für die Erforschung der Neuzeit absprachen, ließ ich vor einem Jahr den ersten Band meiner ‚Kulturgeschichte des Altertums‘ erscheinen. Im kommenden Februar werde ich in Leichts Varieté auftreten."

Was ist aus dieser autobiographischen Skizze abzulesen? Vor allem Friedells von unprätentiöser Heiterkeit geleiteter Stil, sofern es sich um die Behandlung von Themen handelt, die an der Oberfläche der Kulturgeschichte angesiedelt sind. Auf die Sache bezogener Humor und Selbstironie dürfen sich bei diesem Autor im Allgemeinen frei entfalten; wenn’s aber um das Besondere geht, um eine bedeutende Einsicht oder die Ursachen einer epochalen Entwicklung, schlägt der Essayist gewichtige, ja wohl gar pathetische Töne an.

In dunklem Drange...#

Und schließlich zeigt sich, dass Egon Friedell, wie fast jede intellektuelle Person, von Gegensätzen genährt und durch Widersprüche gestärkt wurde. Was ihm selbst natürlich nicht verborgen geblieben ist: Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich der Lebensregel wohl bewusst. ("Der Widerspruch", heißt es im Hauptwerk, "ist nämlich die notwendige Form, in der sich unser ganzes Denken bewegt.")

Wie war Egon Friedell privat? Der Journalist Walther Schneider, Friedells Freund und sein Nachlassbetreuer, eröffnet uns den Rückblick: "Das war der erste Eindruck: Ein großer Schreibtisch in der Mitte des Zimmers, auf dem in peinlicher Anordnung jeder Gegenstand seinen angewiesenen Platz hatte, zwei oder drei aufgeschlagene Bücher, in die sorgfältig, zierlich und sauber Margina-lien eingetragen waren. Neben diesem Schreibtisch auf dem Sofa liegend ein großer, beleibter, sehr behaglicher Herr mit Hornbrille, Schlafrock, langer Pfeife, ein Buch in der Hand und zu seinen Füßen ein der Rasse nach schwer definierbarer Hund. Eine vollkommene Idylle."

Gedenktafel Friedells am Haus Gentzgasse 7
Gedenktafel am Haus Gentzgasse 7, aus welchem Friedell sich am 16. März 1938 stürzte.
Foto: © wikipedia

Kurzum, Egon Friedell präsentiert sich als "ein Privatgelehrter, der ein überaus bürgerliches Leben führt. Mit genauer Stundeneinteilung, pedantischer Regelmäßigkeit und Ordnung, zurückgezogen in seine wenig luxuriöse Wohnung im dritten Stockwerk eines Hauses in der Währinger Gentzgasse."

Erscheinung#

Friedells häusliche Lebensweise kontrastiert zu seinem sich öffentlich darstellenden Charakter eines Anti-Bürgers, der "falsche Würde, Feierlichkeit, Pathos, Wichtigtuerei" verachtete. Mag sein, dass die janushaft anmutende Erscheinung des Mannes in seiner Herkunft begründet liegt: Friedell enstammte dem wohlhabenden, "streng bürgerlichen" Milieu des Tuchfabrikanten Moriz Friedmann aus Mariahilf, was ihn zu der ahnenstolzen Äußerung veranlasste, "in seinen Adern fließe Samt und Seide". (Die Namensänderung, die Egon Friedell in der Studentenzeit vollzog, erklärte er später so: er habe den, zweifellos schönen, Namen Friedmann abgelegt, "weil er so gut wie gar nicht zu meinem Naturell paßt, und weil ich nicht mit anderen Leuten desselben Namens verwechselt werden will".)

Eine unverwechselbare Figur des Wiener Kulturlebens war Friedell spätestens im Alter von dreißig Jahren geworden. Er hatte sich im avantgardistischen "Intimen Theater" als Dramaturg und Regisseur betätigt; er hatte in Karl Kraus’ Zeitschrift "Die Fackel" Beiträge veröffentlicht, ein Gütesiegel erster Klasse; er hatte zusammen mit seinem Freund Alfred Polgar den berühmten Einakter "Goethe" verfasst, der - mit Friedell in der Titelrolle - seit 1908 im Kabarett "Fledermaus" immer wieder aufgeführt wurde (zum letzten Mal im Februar 1938). In diesem Sketch tritt der Dichterfürst als Einspringer für einen schlecht vorbereiteten Prüfungskandidaten auf; an dessen Stelle von einem peniblen Schulmeister über Goethes Leben und Werk examiniert, fällt der klassische Ersatzmann wegen mangelhafter Kenntnis seiner eigenen Biographie glatt durch.

In der "Fledermaus" trug Friedell auch immer wieder Peter Altenberg-Anekdoten vor, wozu er sich als selbst ernannter Eckermann dieses kauzigen literarischen Außenseiters, dieses stadtbekannten Kaffeehausszeneoriginals, in hohem Maße berechtigt fühlte. "Eines Tages" (erzählt Friedell) "sagte jemand: ‚Mein Bruder hat jetzt ein Eichhörnchen.‘ - ‚Großartig!!‘ sagte Peter Altenberg, ‚der moderne Mann muß ein Eichhörnchen haben! Ein Eichhörnchen ersetzt jede Frau! Es hat hundertmal mehr Humor, Grazie, Liebenswürdigkeit, Gutmütigkeit als jede Frau, und außerdem belastet es einen nicht, denn man braucht bloß zuzuschauen.‘ - ‚Nun ja‘, sagte ich, ‚aber es hat einen großen Fehler: es stinkt.‘ - ‚Wieso!?! Wenn es gezähmt ist?!?‘"

Glücklich in der höheren Zoologie angelangt, ein Wort zu Schnick und Schnack. Schnick war ein kleiner Hund aus Ser-bien, Schnack sein Nachfolger aus dem Wiener Tierschutzheim, und beide waren Friedell ans Herz gewachsen. Alfred Polgar hat einen Nachruf auf Schnick geschrieben, darin er auch des Hundes Talent zu Kunststücken lobte. Ein solches spielte sich (wie die Tochter von Friedells Haushälterin berichtet) folgendermaßen ab: Der Schriftsteller liest Zeitung. Plötzlich runzelt er die Stirn, erhebt die Stimme, der Hund spitzt schon die Ohren und wedelt erregt mit dem Schwanz, dann der Ausruf: "Was muss ich da lesen? Eine elende Kritik über dein Herrl? Lauter Lügen! Da hast du das Dreckblatt!" Friedell schleudert die Zeitung zu Boden, Schnick stürzt sich mit wütendem Gebell darauf und zerfetzt sie, angefeuert durch des Herrls wilde Schmähungen der Kritikerzunft, in tausend Stücke.

Briefmarke zum 100. Geburtstag von Friedell aus 1978
Briefmarke zum 100. Geburtstag von Friedell aus 1978
© Österreichische Post

Was hielt Egon Friedell vom österreichischen Nationalcharakter? Auf Grund ausgiebiger empirischer Untersuchungen war er drei Jahre nach Ausrufung der Repu-blik zu der Erkenntnis gelangt, dass über der Bevölkerung "nach wie vor der Alpdruck des ‚k.k.‘ liegt, das durch alle Übermalung immer wieder siegreich hervorbricht: das ‚k.k.‘ ist das ewige Lebenssymbol des Österreichers." Unter diesem Symbol gedeiht aufs prächtigste ein nationaler Wesenszug von ebenfalls unsterblicher Art: der Zug ins heimtückisch Neidische. Ja, "der ‚Naderer‘, der Spitzel, der Denunziant (ist) ganz offenbar ein österreichischer character indelibilis".

Was hielt Egon Friedell vom Leben an sich? Nach reiflicher Überlegung war er zu dem Schluss gekommen, "daß die Menschen überhaupt nur in zwei Gruppen zerfallen: in Lausbuben und sogenannte ‚ernste Menschen‘ . . . Oder, um es ganz allgemein verständlich auszudrücken: Es gibt nur zweierlei Menschen: lustige und lächerliche. Jene sind talentiert und lebensfähig, diese sind untalentiert und verdienten, aufgehängt zu werden."

Egon Friedell zählte sich - wer daran zweifeln wollte, würde sich lächerlich machen - zu den talentierten und lebensfähigen Exem-plaren. Wahrscheinlich bedurfte es solch lausbübischer Selbsteinschätzung, um das so kühne Projekt einer europäischen Kulturgeschichtsdeutung überhaupt zu wagen.

Wie lustig gestimmt auch immer Friedell an dieses gewaltige Werk herangegangen sein mag, einmal in die Mühen des Gestaltungsprozesses geraten, musste er sein Menschenbild am eigenen Leib Lügen strafen. Wann immer er sich nämlich anschickte, elegante essayistische Gedankengebäude über seinen existenziellen Zentralbegriffen zu errichten, konnte er’s nicht verhindern, ernst und idealistisch zu werden.

Seelen von Epochen#

Zu den Zentralbegriffen zählen der Dichter und der Dilettant. In mehr erstaunlicher als verständlicher Verklärung eines poetischen Idealismus konstatiert Friedell: "Jeder Mensch, dem irgend etwas wichtiger ist als er selbst, ist eine Art Dichter." Welcher Art und welcher Bedeutung ein persönliches Dichtertum ist, zeige sich an der jeweiligen Lebenskraft. Insofern war Jesus, wie Friedell glaubt, "ein größerer Dichter als Shakespeare" (welcher übrigens, jetzt spricht der Theaterkritiker Friedell, an "Gedankenübervölkerung" leidet - er "stopft in einen Satz ein halbes Dutzend Beobachtungen, Empfindungen, Gleichnisse, Interjektionen, zu denen mindestens zwei Seiten gehören"). Was das Wesen und die Sendung des Dilettanten betrifft, ist Friedell überzeugt, "daß allen menschlichen Betätigungen nur so lange eine wirkliche Lebenskraft innewohnt, als sie von Dilettanten ausgeübt wird. Nur der Dilettant . . . hat eine wirklich menschliche Beziehung zu seinen Gegenständen." Daraus leitet er durchaus folgerichtig ab: Kulturgeschichte kann gar nicht anders als dilettantisch betrieben werden. Das heißt konkret, wie Friedell in der Einleitung zur "Kulturgeschichte" darlegt, dass es sein "unverbrüchliches Leitprinzip" war, "eine möglichst unwissenschaftliche Darstellung zu geben". Deshalb folgte er, wie er in einem Interview sagte, der Grundidee, die Geschichte Europas dramatisch zu behandeln. "Ich schlage ein Figurentheater auf, ich entwerfe eine Art seelischer Kostümgeschichte." Mit einem Wort: "Dieses Buch ist von keinem Historiker geschrieben, was aber vermutlich niemanden stören wird als die Historiker, auf deren Leserschaft wiederum von der Seite des Autors keinerlei Wert gelegt wird."

Egon Friedell zeigt in seiner imposanten, voluminösen "Kulturgeschichte der Neuzeit" - wobei es ihm, wie Ulrich Weinzierl behauptet, gelungen sei, "den Feuilletonismus ins Monumentale zu steigern" (was als Lob oder als Tadel verstanden werden kann) -, dass "der Geist sich seine Zeit baut"; später, rückblickend verstehen wir den Bauvorgang als Geschichte, als Erzählung von der gestalteten Substanz eines Zeitalters, die wir (auch das ein Friedellscher Zentralbegriff) als Seele dieser Epoche begreifen. Und wer "denkt ununterbrochen" über die Seele nach? "Der Dichter und das religiöse Genie", sagt Friedell. (Von Zeit zu Zeit tut das allerdings auch der Dilettant.)

Am 12. März 1938 kapituliert Österreich vor Nazi-Deutschland. Am Abend des 16. März stehen zwei SA-Männer vor Friedells Wohnungstür; er geht ins Bibliothekszimmer, öffnet das Fenster und stürzt sich in den Tod. Der Junggeselle Friedell hat testamentarisch seine langjährige Haushälterin zur Alleinerbin bestimmt. Mit der Schätzung des schriftstellerischen Nachlasses wird Hans Deuticke, "Verlagsleiter und beeideter Sachverständiger für Verlag und Buchhandel", beauftragt. Er kommt zu dem Schluss, "dass sämtliche aus den Verlagsverträgen resultierenden Rechte, so weit sie sich auf die Originalausgaben beziehen, materiell wertlos sind . . . Als Sachverständigen-Honorar setze ich einen Betrag von RM 100,- ein, den ich in meinem Namen direkt an das Winterhilfswerk zu überweisen bitte. Heil Hitler! H. Deuticke".


David Axmann, 1947 geboren, ist Publizist, Buchautor und Nachlassverwalter von Friedrich Torberg. Er lebt in Wien und im Burgenland.


Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 16./17. März 2013