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Die Traditionen des Avantgardisten#

Wien Museum Karlsplatz: "Die Ernst Jandl Show" konzentriert sich auf den Nachlass des Dichters#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 4. November 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Friederike Mayröcker und Ernst Jandl (1969)
Friederike Mayröcker und Ernst Jandl (1969)
© Wiener Zeitung / Foto: IMAGNO/Austrian Archives

Stiller ist es geworden um Ernst Jandl. Während seine Witwe Friederike Mayröcker permanent unter Literaturnobelpreis-Verdacht steht, wird Jandl, wenn überhaupt, nur noch als Verfasser pointensicherer Lautgedichte wahrgenommen. Zweifellos: "manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht / velwechsern / werch ein illtum" – das ist nahezu zum geflügelten Wort von Menschen geworden, die den Namen Jandl sonst eher mit einer Autoreparaturwerkstätte oder einer Dachdeckerei in Verbindung bringen. Das eben ist der Fluch der Popularität: Wirklich populär ist ein Werk erst dann, wenn man es kennt, ohne den Namen seines Urhebers zu wissen.

Aber ganz ehrlich: Wer nimmt heute noch "Laut und Luise" zur Hand? Dieser Gedichtband war seinerzeit immerhin Sprachsprengstoff. Von einer Ausgabe der "Gesammelten Werke" ist nichts zu merken, von den „Poetischen Werken in zehn Bänden" sind einige vergriffen.

Stiller ist es geworden um Ernst Jandl. Laut ist hingegen die Ernst-Jandl-Ausstellung im Wien Museum, und zwar richtig laut. Weil sie als audiovisuelle „Show“ gedacht ist. Jandl war ja ein Vortragskünstler, von dessen Silben-staccato mancher Rapper unserer Tage noch lernen könnte. In einer Jandl-Ausstellung Jandl nicht auch akustisch zu präsentieren, wäre Unfug. Doch im Wien Museum wird der Besucher zwangsdauerberieselt – und zwar mit mehreren Jandl-Vorträgen gleichzeitig. Sogar wenn man Kopfhörer aufsetzt, um sich auf eine spezifische Jandl-Lesung zu konzentrieren, dringt noch das Geflecht aus Sprachfetzen ans Ohr. Völlig auf verlorenem Posten steht der Besucher der Ausstellung, will er sich etwa auf die zahlreichen frühen Gedichte Jandls konzentrieren, die aus dem Nachlass stammen und wirklich Neuland sind. Wien-Museum-Chef Wolfgang Kos bescheinigt den beiden Kuratoren Bernhard Fetz und Hannes Schweiger sowie sich selbst großen Enthusiasmus in Sachen Jandl. Doch mitunter ist Enthusiasmus ein schlechterer Ratgeber für die Konzeption von Ausstellungen als kritische Distanz.

Traditionen#

Sie hätte es vielleicht eher ermöglicht, Jandl in den literaturhistorischen Kontext einzubetten statt einen Jandl-Verehrungsschrein zu errichten, der vorgibt, vor allem das unbekannte Material aus dem Nachlass zugänglich zu machen, von diesem Material jedoch letzten Endes etwas wenig bietet. Immerhin soll es 160 Umzugskartons umfasst haben. Wenn die Schau den Inhalt von zehn aufbereitet, ist es schon viel.

Die Konzentration auf die Person Jandl macht es unmöglich, dass die Ausstellung jene Sprengkraft vermittelt, die Jandls Gedichte ab den Sechziger Jahren bis zu seinem letzten Gedichtband entfalteten, der erst 2001, im Jahr nach Jandls Tod, herauskam.

Dabei kommt selbst ein Jandl nicht aus dem Nirgendwo. 1956 veröffentlichte er einen Gedichtband, der zwar "Andere Augen" betitelt war, sich aber unauffällig in den Kontext der österreichischen Lyrik fügte: Vielleicht war die Sprache etwas herber als die der meisten Anderen, vielleicht war er etwas weniger damit befasst, einer versinkenden Tradition die lebensrettenden, in Wahrheit aber hirntoten Vers- und Reim-Maßnahmen zu verordnen. Dennoch blicken die "Anderen Augen" meist zurück oder heften sich bestenfalls an die Gegenwart. In die Zukunft schauen sie nicht.

Das ändert sich 1964 mit "klare gerührt": Schon die konsequente Kleinschreibung, damals eine Glaubensfrage, signalisiert: Jandl ist ein Moderner geworden. Und in "Laut und Luise" (die Großschreibung bleibt auf den Titel beschränkt) wird aus dem Modernen gar ein Avantgardist. Ein österreichischer zumal – so viele hat es zu dieser Zeit nicht gegeben: Gerhard Rühm, H. C. Artmann – und sonst?

Freilich steht selbst der Avantgardist Jandl in einer Tradition: Vom Expressionisten August Stramm übernimmt er das Kunstwort, das durch den Klang seine Bedeutung suggeriert. Von Guillaume Apollinaire lernt er die visuellen Konzepten folgende Anordnung der Textzeilen. Hugo Ball und Kurt Schwitters beeinflussen Jandls Lautgedichte, Gertrude Stein und E. E. Cummings zeigen Jandl, wie das hinterfragte oder sogar zertrümmerte Wort neue Bedeutungsebenen eröffnet. Doch wie Jandl mit diesen Ingredienzen umgeht, ist allein ihm zu eigen und übertrifft an Radikalität sogar Artmanns Texte, denen immer eine gewisse Verspieltheit anhaftet.

Stellungnahmen#

Jandls Gedichte jedoch beziehen eindeutig Stellung. Wenn Jandl etwa aus dem Wort "Schützengraben" die Vokale entfernt und ein Konsonanten-Inferno entfesselt, das den Kriegslärm suggeriert, ist diese Aussage eindeutig anti-militaristisch zu verstehen und wesentlich suggestiver als die oft gut gemeinte, selten aber auch literarisch gute pazifistische Lyrik, die in der Zeit des Kalten Krieges allzu viele allzu süßlich duftende Blüten trieb.

Der Jazz des Wortes war auch solch eine Erfindung des Jazz-Fans Jandl: Die Stimme als Schlagzeug, der Wortlaut als akzentuierter Klang: Jandl realisierte es als sein eigener Interpret ideal und wurde zeitweise als Vortragskünstler mehr umjubelt denn als Dichter gelesen. Vielleicht ist darin auch das abnehmende Interesse an seinem Schaffen begründet: Er selbst ist nicht mehr da, um es zu interpretieren.

Still ist es geworden um Ernst Jandl. Es sollte wieder lauter um ihn werden. Auch außerhalb dieser sehr lauten Ausstellung.


Die Ernst Jandl Show
Bernhard Fetz und Hannes Schweiger (Kuratoren)
Wien Museum Karlsplatz
bis 13. Februar 2011

Zur Person: Ernst Jandl

Ernst Jandl
Ernst Jandl beim Vortrag seiner Lyrik
© Wiener Zeitung / Foto: M. Creutziger

(eb) Der österreichische Dichter Ernst Jandl wird am 1. August 1925 in Wien geboren. Seine Mutter schreibt religiöse Lyrik. Jandl selbst beginnt schon während seines Kriegsdienstes und der englischen Kriegsgefangenschaft zu dichten. 1949 absolvierte er die Lehramtsprüfung. Er arbeitet bis 1979 als Lehrer für Deutsch und Englisch an Gymnasien in Wien.

1954 beginnt seine lebenslange Beziehung zur österreichischen Dichterin Friederike Mayröcker, mit der er einige Werke gemeinsam schafft. 1973 ist Jandl unter den Mitbegründern der Grazer Autorenversammlung und ab 1975 ist er ihr Vizepräsident, von 1983 bis 1987 ihr Präsident.

Zu Jandls wichtigsten Veröffentlichungen gehören "Laut und Luise" (1966), "dingfest" (1973), "Aus der Fremde, Sprechoper in 7 Szenen" (1980), "stanzen" (1992), "Letzte Gedichte" (2001). Seine Aufsätze und Reden erscheinen 1999 unter dem Titel "Autor in Gesellschaft". Aus dem Englischen übersetzt Jandl Werke von Wystan Hugh Auden und John Cage.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 4. November 2010