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Die gläserne Welt (Essay)#

(Badische Presse, 12.1.1928)

Von Hans Prager

Wer zum erstenmal in seinem Leben mit einer Brille versehen den Dingen gegenübergestellt ist, der wird mancherlei erfahren, was ihm vordem hie und da nur in den Gedanken aufgetaucht sein mochte, um ebenso flüchtig wieder aus ihnen zu entschwinden. Nunmehr aber bleibt der Blick darauf gerichtet: keine Selbsttäuschung hilft dem Brillenmenschen darüber hinweg, daß er nunmehr eine andere, eine Art künstliche Welt vor sich hat. Wie oft und gern macht man sich aber das unnötige Spintisieren der Philosophen lustig, die so viel Denkkraft auf die Untersuchung der Frage verwenden: ob denn die Welt uns wirklich oder nur scheinbar gegeben sei, ob wir die Dinge, so wie sie sind, zu ergreifen vermögen oder nur den Schatten von ihnen sehen, während ihr wahres Wesen uns ewig verborgen bleibt? Freilich: der gesunde Mensch mit lebenskräftigen Organen, mit scharfem Blick mag schon die Frage allein als töricht empfinden; wie aber, wenn sein Auge schwach wird, wenn sich der Blick verschleiert, wenn die Dinge trübe Schatten werfen? Wie lange wird er da den Mut finden, bei seiner Überzeugung von einst zu bleiben? Wird ihm da nicht im wahrsten Sinne ad oculus demonstriert, daß die Wirklichkeit, so wie sie angeblich ist, dem Menschen nur solange geliehen ist, solange das Auge zureicht, das Gesehene in seiner Eindringlichkeit und Fülle aufzunehmen. Eine geliehene Welt, die jederzeit ihre Gefälligkeit widerrufen kann. Erst die Brille, ein Kunstwerk des tief dringenden Verstandes, stellt den früheren Zustand wieder her, und so bewahrheitet sich die große Erkenntnis Kants, daß wir die Welt nicht wahrnehmen wie sie „an sich“ ist, sondern wie sie uns erscheint; es ist der ordnende Verstand, der die Natur bewältigt. Diese Welt ist künstlich, weil sie erst vom Geiste des Menschen zu einer erfaßbaren Wirklichkeit eingeschlossen wird; das künstliche Auge, dieses Hilfsorgan des natürlichen, läßt den Gedanken über die Schwäche der natürlichen Kräfte des Menschen triumphieren.

Ein gesunder Mensch wertet begreiflicherweise das Leben ganz anders als ein kranker; und eine Lebensanschauung, die aus der Stärke und völligen Daseinsbejahung erfließt, ist um keinen Grad wahrer und zuverlässiger als jene, die aus dem Leiden und seinem absoluten Herrschaftsanspruch erfolgt. Kann ja morgen schon die Gesundheit für immer dahin sein, morgen aber auch die Genesung einsetzen, die den Verzweifelten so mit dem Dasein verknüpft, als ob das Leid nie gewesen wäre. Der sehschwache Mensch aber, dem ein geschliffenes Glas wieder das Erschauen der Dinge möglich macht, ist weder gesund noch krank; ihm ist zwar die Sicherheit abhanden gekommen, die ihn befähigt, stark und unmittelbar im Leben tätig zu sein, denn ohne „Krücke“ ist er hilflos und behindert; doch anderseits wieder ist er keineswegs der Schwäche seiner Organe völlig verfallen. Er meistert sie dadurch, daß er sie zwingt, ihre Arbeit weiter zu verrichten, und dieser Zwang wird ihm zur Gewohnheit und zur Selbstverständlichkeit. Ist es nun nicht so, daß dieser Zustand derjenige wäre, der der durchschnittlichen Lebenserfahrung am besten entspricht? Pendeln wir nicht alle unser ganzes Leben zwischen Gesundheit und Krankheit hin und her, empfinden wir nicht, daß völlige und dauernde Gesundheit und unheilbare Krankheit äußerste Grenzfälle darstellen, die nicht das Maß für eine eindeutige Bewertung des Lebens abgeben können?

Man hat immer den Philosophen und ihren Systemen vorgeworfen, daß sie mit Brillen die Welt betrachten, daß sie mittels Begriffen, die nicht ohne weiteres verständlich sind, ihre Systeme der Erkenntnis aufbauen. Wie viele Menschen nun wissen, wie ein Glas für einen Kurz-, für einen Fern-, für einen Übersichtigen geschliffen wird? Und sie gebrauchen ihre Krücken doch, weil ohne diese ihnen die Welt voll von Nebeln wäre! Bezeichnenderweise nun hat man die Begriffe der Philosophen „Krücken des Verstandes“ genannt, mit denen dieser sich weiter behilft, und immerwährend arbeitet man daran, den Schliff dieser Denkbrillen so fein und genau als möglich zu machen.

Der menschliche Geist ist weder blind noch sehscharf; seine Kraft steht inmitten beider Grenzmöglichkeiten. Er sieht, aber sieht nicht dauernd gut, ihm verschwimmen nur zu leicht die Umrisse der Gegenstände, so daß diese ihm nebelhaft, problematisch werden. So greift er zur Denkbrille und gebraucht sie so als ob sie unauflöslich zu seinem Wesen gehörte. Ohne feingeschliffene Begriffe steht er ohnmächtig der Welt gegenüber, diese Begriffe also sind sein Werk. Die Krankheit jeder Philosophie ist, daß sie immer einer anderen als ihres Arztes bedarf, damit ihr geholfen werde; die Gesundheit aber des Philosophierens liegt darin, daß es nie untergehen kann; denn ohne den Lebenswillen denkenden Tuns ist kein Dasein möglich.

Wir alle, ob wir Brillen tragen oder nicht, leben in dieser „gläsernen Welt“, die zerbrechlich ist wie wir selbst. Immer droht Verwirrung, Unordnung, Zerstörung, Hilflosigkeit, Chaos der Natur, immer aber hat der Mensch seine optische Kraft bereit, die ihn befähigt, inmitten der zerstörenden Kräfte sich schauend und aufbauend zu stellen. Persönliches Schicksal und innerer Sinn des Daseins entsprechen einander im Tiefsten; wer dies erkennt, ist gleichermaßen davon entfernt, hochmütig die Begriffsphilosophie zu verachten, denn morgen schon kann er des Augenarztes bedürfen!