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Heimito von Doderer 1896 - 1966#


Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus dem Buch: Große Österreicher. Thomas Chorherr (Hg). Verlag Carl Ueberreuter, Wien. 1985.


Heimito von Doderer, Gedenktafel 9., Währingerstraße 50
Heimito von Doderer, Gedenktafel 9., Währingerstraße 50
© Peter Diem

Der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer hat jenen Grad von Unbekanntheit, der eine Diskussion gemeinhin verhindert. Es kennen ihn, so steht zu vermuten, weder diejenigen, die ihn verehren (dazu zählt vor allem die altösterreichische Literaturszene), noch diejenigen, die ihn ablehnen.« Solchem Pauschalurteil, 1976 in einer großen deutschen Zeitung erschienen, darf gegenübergestellt werden, was Thornton Wilder, der amerikanische Dramatiker, als sein Besuchsprogramm für Wien angegeben hat: »Erstens Strudelhofstiege, zweitens Döbling, um die Schauplätze der >Dämonen< nachzuvollziehen.« Es sind in der Tat die Extreme, die sich in Heimito von Doderer, Kandidat für den Literatur-Nobelpreis und von Friedrich Torberg »Austriae Poeta Austriacissimus« genannt, gefunden hatten - so wie auch das Urteil über ihn zwischen den Extremwerten schwankte. Torberg freilich hielt der bundesdeutschen Abqualifikation noch etwas anderes entgegen: »Aus der schlechterdings rabiaten Hervorkehrung seines Österreichertums ergab sich die unausbleibliche Folge, dass er bei uns erst berühmt wurde, als er's in Deutschland schon war.« Faktum ist, das Doderer, der heute allgemein als einer der größten deutschsprachigen Romanciers des 20. Jahrhunderts gilt, als einer von jenen, die dem Roman auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch huldigten, als die Zeit der Kurzgeschichten angebrochen war -dass also Doderer seine Berühmtheit auf Grund zweier Werke, beide nach 1950 veröffentlicht, errungen hat: »Die Strudelhofstiege« und »Die Dämonen«. Als er letztere fertiggestellt hatte, jubelte er in einer Tagebuchaufzeichnung: »Ich wurde im Hochsommer 1955 in Wien als Schriftsteller geboren.« Das heißt: Doderer hat über sein Werk Bescheid gewusst. Er hat erkannt, daß er eigentlich erst im sechsten Lebensjahrzehnt jenen Höhepunkt erreichte, der ihn, den Altösterreicher, zum Poeta laureatus der Republik und zum Nobelpreiskandidaten gemacht hat.

Er ist der Sohn eines Eisenbahnbauers gewesen, Vater Wilhelm von Doderer hat an der Wiener Stadtbahn und an der Karawankenbahn mitgeplant, vielleicht war es ein Teil des väterlichen Erbes, dass Heimito in feiner Handschrift seine verwickelten und verwinkelten Romane geradezu konstruierte - und zwar in drei Farben geschrieben. Nikolaus Lenau war sein Urgroßonkel, mag sein, dass auch von dieser Verwandtschaft ein Tropfen Blut in das schriftstellerische Talent des Nachfahren einfloss. Dass er schreiben wollte, hat der junge Doderer - »Heimchen« hieß er im Kreise der Schwestern und des Bruders - schon als Jüngling erkannt. Der Vater war erst unglücklich darüber, ließ sich aber überreden - unter der Voraussetzung, dass ein Doktorat gemacht werde. Heimito von Doderer studierte Philologie, während er schon der Schriftstellerei oblag, er promovierte 1925 in Wien und arbeitete dann am österreichischen Institut für Geschichtsforschung. Schon 1923 sind die ersten Gedichte publiziert worden, 1938 erschien Doderers erster Roman, »Ein Mord, den jeder begeht«. Zu diesem Zeitpunkt hat der Schriftsteller bereits jenen Irrtum - früher als andere »Mittäter« - erkannt, den er ein paar Jahre vorher begangen hatte: er war der illegalen NSDAP beigetreten. Doderer hat dies nie beschönigt, hat es immer zugegeben - und in seinem ganzen schriftstellerischen Leben nicht eine einzige Zeile publiziert, die nationalsozialistischem Gedankengut auch nur nahegekommen wäre.

Er war, vielleicht, zu österreichisch dafür. Oder stimmt, was über ihn geschrieben wurde, dass er nämlich »an den Irr- und Kreuzwegen der europäischen Geistesgeschichte anzusiedeln« gewesen sei? Österreichs Irrwege hat er mitgemacht, er hat sie geschildert, in einer Sprache, die heute noch Dissertationsthema für Germanisten ist. Denn Doderer ist nicht nur Romancier gewesen, er war auch Romantheoretiker. Immer wieder hat er sich mit der Person des Schriftstellers auseinandergesetzt, mit seinem Werdegang, mit dem, was vorhanden sein muss, mit der schwerwiegenden Entscheidung auch, sein Leben dem Schreiben zu widmen - und oft nur kärglich davon zu leben. »Früh fällt der Einhieb der Entscheidung, ob einer eine Figur sein wolle oder aber ein Autor«, formulierte er. Und in seinem Essay »Von den Grundlagen und der Funktion des Romans« schrieb Heimito von Doderer: »Was aber ist er denn nun wirklich, der Schriftsteller, dieser Mensch, dem nichts heilig ist, weil alles? Nichts ist er, gar nichts, und man suche nichts hinter ihm. Es ist ein Herr unbestimmbaren Alters, der einem dann und wann im Treppenhaus begegnet.« Hätte man in Heimito von Doderer, wäre man ihm im Treppenhaus begegnet, den begnadeten Schriftsteller erkannt? »In seinem Gesicht war Österreich«, hat Hans Weigel über ihn geschrieben. Nicht nur in seinem Gesicht. In seinen beiden großen Romanen hat er meisterhafte Zeitgemälde geschaffen, und vor allem die »Dämonen«, an denen er nahezu ein Vierteljahrhundert gefeilt hat, werden dem »Mann ohne Eigenschaften« Musils an die Seite gestellt. Aber Doderer ist auch dem Wesen nach, dem Charakter nach tief österreichisch gewesen. Manches an ihm war verschroben bis skurril, er liebte das Bogenschießen, aber es musste immer der gleiche englische Bogen sein. Er war auch ein überaus geselliger Mensch, frequentierte die Altwiener Beisln, schätzte Essen und Trinken - dem Wiener Gastwirt Franz Blauensteiner, dessen Wirtshaus zu den Lieblingslokalen Doderers gehört, verdankt man eine der liebenswertesten Schilderungen der Persönlichkeit des Dichters - und dem Zeitungsherausgeber Hans Dichand die Beschreibung eines Ausflugs, den er mit Doderer zum Krebsfangen unternommen hatte. Heimito von Doderer hat das Land, in dem und für das er schrieb, geliebt, wie nur ein Altösterreicher es lieben kann. In Prein, wo er seine Sommer verbrachte, hat man ihm ein Denkmal errichtet. Als er 1966 starb, trauerte das kulturelle Österreich. Die Einsegnung in der Döblinger Karmeliterkirche nahm der Kardinal-Erzbischof von Wien vor. und hinter dem Sarg gingen der Bundeskanzler, der Unterrichtsminister und der Bürgermeister.

Es war ein Dichter-Begräbnis, wie es zuletzt Franz Grillparzer bereitet worden war. Viele meinen, Heimito von Doderer sei dem Klassiker ähnlich gewesen.