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Die Suche nach dem „Ego“ #

Die Frage, wer wir sind, erhält heute durch die Hirnforschung neuen Treibstoff. Über multiple Persönlichkeiten und das alte philosophische Projekt der Selbsterkenntnis. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 28. Mai 2014).

Von

Martin Tauss


Symbolbild: Psychische Störungen
Psychische Störungen. Ein Blick in die Welt der Geisteskrankheit zeigt, welche Leistung unser Gehirn vollbringt, wenn es diverse Persönlichkeitsanteile immer wieder neu zu einem Gesamtbild integriert. Gelingt dies nicht, kommt es zur Desintegration des Bewusstseins.
Foto: © Shutterstock

In der Regel klappt es ja recht gut: Wir wissen, wer wir sind, und, um mit dem deutschen Philosophen Richard David Precht zu sprechen, wenn ja, wie viele: zum Beispiel Journalist, Katzenliebhaber, immer schon Anhänger der Wiener Austria (oder von Rapid Wien) und Fan der Beatles (oder der Rolling Stones).

Wissen wir das Wesentliche nicht mehr, ist meist Feuer am Dach – es sei denn, wir haben einen guten Grund vorzuweisen: Wir könnten etwa einmal zu viel über den Durst getrunken haben, unter vorübergehend starken Medikamentennebenwirkungen leiden oder, wer weiß, in eine überwältigende Trance oder Ekstase geraten sein. Ansonsten aber deutet der geistige Verlust der wichtigsten Eckdaten unseres Selbst wie Namen, Geburtsjahr und Nationalität auf einen dringenden Hospitalisierungsbedarf. Es ist diese „Reisepass-Identität“, die all unseren Identitäten zugrunde liegt.

Abspaltung von Erlebnisinhalten #

Zahlreiche psychische Störungen gehen mit einer Fragmentierung und Desintegration des Bewusstseins einher, aber nur eine von ihnen wird primär durch multiple Persönlichkeitszustände definiert: Dies ist nicht die Schizophrenie, die selbst von angehenden Medizinstudenten oft noch fälschlicherweise als Persönlichkeitsspaltung aufgefasst wird, was vielleicht an der Suggestivkraft des aus dem Griechischen abgeleiteten Krankheitsbegriffs liegt („schizeín“ für „spalten“). Die einflussreiche literarische Doppelung von Dr. Jekyll und Mr. Hyde passt vielmehr zu jenem seltenen Krankheitsbild, das in der diagnostischen Klassifikation als „dissoziative Identitätsstörung“ angeführt wird. Bei den Betroffenen spiegelt es die Unfähigkeit wider, verschiedene Aspekte ihres Gedächtnisses und Bewusstseins in einer Persönlichkeit zu integrieren.

Bei dieser Identitätsstörung kann jeder der Persönlichkeitszustände ein jeweils eigenes Selbstbild haben. Bestimmte Identitäten können das Wissen über andere leugnen oder sogar im offenen Konflikt mit ihnen stehen. Aggressive oder feindselige Ich-Zustände können zeitweise Aktivitäten unterbrechen oder die anderen Identitäten in unangenehme Situationen bringen. Experten sehen in dieser Symptomatik eine Folge schweren körperlichen oder sexuellen Missbrauchs in der frühesten Kindheit. Die Kinder reagieren darauf mit einer Abspaltung (Dissoziation) von Erlebnisinhalten.

Die „dissoziative Identitätsstörung“ ist zugleich eines der besonders kontrovers diskutierten Krankheitsbilder, da die abgrenzende Diagnose zu einer Reihe anderer psychischer Erkrankungen wie Schizophrenie, manisch-depressive Störungen, Angst- und Persönlichkeitsstörungen in der Praxis keineswegs leicht fällt. Einige Studienautoren glauben, dass diese Krankheit bisher zu selten diagnostiziert wurde, andere gehen davon aus, dass sie aufgrund des Medieninteresses und der starken Suggestibilität der Betroffenen überdiagnostiziert ist.

Der Blick in die Welt der Geisteskrankheit zeigt jedenfalls, welch erstaunliche Leistung unser Gehirn eigentlich vollbringt, wenn es verschiedene Persönlichkeitsanteile und Identitäten immer wieder neu zu einem Gesamtbild integriert. Wo aber sitzt dieses „normale Ich“, das dies zu bewerkstelligen mag – die Grundlage all unserer Identitäten? Um sich den Fragen nach dem Bewusstsein und dem Selbst des Menschen zu nähern, versucht man heute verstärkt, Erkenntnisse der empirischen Hirnforschung mit philosophischen Theorien zu verbinden.

Das „Ich“ als mentales Konstrukt #

Einen solchen Ansatz verfolgt etwa der deutsche Philosoph Thomas Metzinger, seit kurzem neuer Fellow des Gutenberg-Forschungskollegs, der die Überzeugung vertritt, „dass die Neurowissenschaften wertvolle Beiträge zum alten philosophischen Projekt der menschlichen Selbsterkenntnis leisten können“. Dabei sorgte er mit einer These für Aufregung, die er im Buch „Der Ego-Tunnel“, nun in erweiterter Neuauflage erschienen, auch für ein breites Publikum dargestellt hat: Ein „Selbst“ im Sinne eines eigenständigen Wesenskerns, den wir schon immer haben oder der wir im Innersten sind, existiere gar nicht. Das bewusst erlebte Ich sei demnach nur ein Konstrukt des menschlichen Geistes: Was wir wahrnehmen, sei nichts als „ein virtuelles Selbst in einer virtuellen Realität.“ Seine Aussagen stützt Metzinger unter anderem auf Ganzkörper-Illusionen, die in Versuchen mit Mitteln der virtuellen Realität hervorgerufen werden konnten.

Auch wenn Metzingers naturalistische Thesen viel Kritik auf sich gezogen haben, fügen sich seine Ideen gut in moderne Theorien an der Schnittstelle von Hirnforschung und Konstruktivismus. Auch die Quantenphysik hat in ihrer Analyse der Materie gezeigt, dass unter dem mikroskopischen Blick der Wissenschaft das Forschungsobjekt immer fremder anmutet und sogar ganz zu entschwinden scheint. Das gilt wohl auch für die Suche nach dem „Ich“, das weder in den Nervenzellen noch in irgendeinem Teil des Gehirns zu lokalisieren ist. Vielleicht ist es hier angemessen, mit den Weisen dieser Welt zu denken und zu sprechen: Denn was das „Ich“ wirklich ist, bleibt auch im Zeitalter der computerisierten Hirn-Scanner eines der am besten gehüteten Geheimnisse des Universums.

BuchcoverDer Ego-Tunnel

Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst.

Von Thomas Metzinger.

Piper Taschenbuch 2014. 464 Seiten, kartoniert, EUR 11,30

DIE FURCHE, Donnerstag, 28. Mai 2014