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Ein radikaler Denker ist tot#

Der Philosoph Ernst von Glasersfeld ist 93-jährig in seiner US-Wahlheimat verstorben#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 13. November 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Glasersfeld war einer der Väter des Radikalen Konstruktivismus#

Gebürtiger Österreicher wanderte in die USA aus#

Ernst von Glasersfeld
Philosoph und Mitbegründer des radikalen Konstruktivismus: Ernst von Glasersfeld
© Wiener Zeitung / Foto: apa/Neubauer

Bosten/Wien. Es gelte nicht "Cogito ergo sum" ("Ich denke, also bin ich"), sondern vielmehr: "Ich nehme wahr, dass ich denke, daher bin ich."

Das war das Credo von Ernst von Glasersfeld, seines Zeichens Philosoph, Kommunikationswissenschafter und Professor für Kognitive Psychologie. Am Freitag ist er in seiner Wahlheimat im US-Bundesstaat Massachusetts 93-jährig verstorben. Glasersfeld war einer der Begründer der Denk- und Wissenschaftsschule des Radikalen Konstruktivismus. Berühmt wurde er durch seine Beiträge zur Primatenforschung und die Entwicklung der computerunterstützten Sprache „Yerkish“ für Kommunikationsversuche mit Schimpansen.

Geboren wurde Glasersfeld am 8. März 1917 als Sohn eines k.u.k. Diplomaten und einer Skirennläuferin in München. Er hatte zunächst die Staatsbürgerschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie, ab 1974 war er US-Amerikaner. Der Philosoph, der ohne abgeschlossenes Studium eine akademische Karriere hinlegte, wuchs in Meran dreisprachig auf (Deutsch, Englisch, Italienisch) und lernte im Internat in der Schweiz Französisch als vierte Sprache. Seine akademische Laufbahn begann mit dem Studium der Mathematik an der ETH Zürich und setzte sich – aus Geldnot – an der Universität Wien fort. Doch nach kurzer Zeit wich Glasersfeld 1937 der antisemitischen Stimmung und der Präsenz der Nazis an der Hochschule und verließ Österreich.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Australien als Skilehrer und einem Zwischenspiel in Paris emigrierte Glasersfeld nach Irland, lebte dort als Bauer und traf mit Persönlichkeiten wie Erwin Schrödinger und James Joyce zusammen.

Als Kulturjournalist kehrte er nach dem Krieg nach Südtirol zurück und bot erste konstruktivistische Reflexionen. Er schrieb für den "Standpunkt" in Bozen und die "Weltwoche". 1959 wurde er Mitarbeiter von Silvio Ceccato, dem Gründer des Zentrums für Kybernetik der Universität Mailand, und arbeitete zunächst in Italien und dann in den USA. Aus seinen Arbeiten zog Glasersfeld unter anderem den Schluss, dass „jede Sprache eine andere begriffliche Welt" bedeute.

Danach folgte der Wissenschafter einem Ruf als Professor für Kognitive Psychologie an die University Georgia in Athens, wo er mit seinen Beiträgen zur Primatenforschung für Aufsehen sorgte. Glasersfeld beschäftigte sich mit dem Werk Jean Piagets und lieferte Beiträge im Bereich der Lerntheorie und der Unterrichtsdidaktik. Er gilt mit seinem Freund Heinz von Foerster als Mitbegründer des Radikalen Konstruktivismus. Die Arbeiten von Glasersfeld haben unter anderem in den Kognitionswissenschaften, in der Managementlehre und Ökonomie, in den Literatur- und Medienwissenschaften, in der Mathematikdidaktik und in der Philosophie Spuren hinterlassen.

Wissen nur in den Köpfen#

Den Radikalen Konstruktivismus beschrieb Glasersfeld einmal als „eine unkonventionelle Weise, die Probleme des Wissens und Erkennens zu betrachten". Die Theorie beruhe auf der Annahme, dass alles Wissen, wie immer man es auch definieren möge, nur in den Köpfen von Menschen existiert und dass "das denkende Subjekt sein Wissen nur auf der Grundlage eigener Erfahrungen konstruieren kann". Glasersfeld: "Was wir aus unserer Erfahrung machen, das allein bildet die Welt, in der wir bewusst leben."

Nach seiner Emeritierung 1987 war Glasersfeld am Scientific Reasoning Research Institute der University of Massachusetts (USA) tätig. Neben Ehrendoktoraten der Universität Klagenfurt und der Universite Du Quebec in Montreal hat Glasersfeld Auszeichnungen von Universitäten und wissenschaftlichen Vereinigungen in den USA, Kanada, Belgien und Deutschland erhalten. Als er vor einem Jahr die Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold erhielt, erklärte Glasersfeld: „Für jemanden, der sein Leben lang versucht hat, sich selbst nicht ernst zu nehmen, ist eine solche Auszeichnung ein völlig erschütternder Schock."

Vor zwei Jahren veröffentlichte Glasersfeld im Folio-Verlag sein Buch "Unverbindliche Erinnerungen: Skizzen aus einem fernen Leben". Bereits 1999 war eine Doppelbiografie von Glasersfeld und Foerster unter dem Titel "Wie wir uns erfinden" erschienen.


Wiener Zeitung, Samstag, 13. November 2010