unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Ein sensibler Erzähler#

Der Salzburger Schriftsteller Walter Kappacher gehört nicht zu den lauten Vertretern seines Berufsstandes. Zurückhaltend, aber stetig arbeitet er an seiner Literatur – am 24. Oktober 2008 wurde er 70 Jahre alt. #


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Samstag, 18. Oktober 2008)

von

Peter Landerl


Walter Kappacher
Walter Kappacher
© Wiener Zeitung

Auch so kann man zum Autor werden: Da kommt einer 1938, ein halbes Jahr nach dem Anschluss, in Salzburg zur Welt und wächst dort in tristen Verhältnissen auf. 1945 kehrt der Vater aus dem Krieg heim, die Wohnung ist von den Amerikanern beschlagnahmt. 1947 wird der kleine Walter zu einer bürgerlichen Familie in die Schweiz zur Erholung geschickt. Wie so viele Buben in der Nachkriegszeit begeistert er sich für Motorräder und beginnt gegen den Willen seines Vaters eine Mechanikerlehre. Er nimmt an einigen Motorradrennen teil, doch nach der Gesellenprüfung erlischt seine Begeisterung für Motoren plötzlich. Er reißt in die Schweiz aus, arbeitet dort als Milchmann, und kehrt nach drei Monaten in die Werkstatt zurück. Bald hat er neue Ziele: er zeichnet, liest Dramentexte, geht leidenschaftlich gern ins Kino. 1960, er ist 22 Jahre alt, wird er Theaterschüler in München. Nach einem halben Jahr sind die Ersparnisse aufgebraucht, und er kommt wieder nach Salzburg. Dort lässt er sich als Waschmaschinen-Vertreter einschulen, gibt aber bereits nach seinem ersten Arbeitseinsatz auf. Auf zwei Anzeigen hin bewirbt er sich bei einem Marionettentheater und einem Reisebüro, und entscheidet sich für letzteres. Als Reisekaufmann hat er die Gelegenheit, nach Italien und Griechenland zu fahren.

Ein Außenseiter#

Nach Dienstschluss liest er und beginnt, kürzere Texte zu schreiben. 1967, er ist 29 Jahre alt, schickt er einige Texte an Martin Walser, der sie an die „Stuttgarter Zeitung“ weiterleitet, wo sie veröffentlicht werden. 1970 stirbt der Vater, von dem der Sohn sagt: „Er hatte nie Interesse an mir gezeigt.“ Drei Jahre später erscheint im Salzburger Winter Verlag sein erstes Buch „Nur Fliegen ist schöner“, eine Erzählsammlung. Auch so kann man zum Autor werden: Walter Kappacher ist nie die einfachen, die ausgetretenen Wege gegangen, und deshalb stets ein Außenseiter im Literaturbetrieb geblieben. Kappacher hat nicht im Chor der Österreichbeschimpfer mitgesungen, bei den GAV-Avantgardisten ist er nicht zu Hause und für den auf Wien konzentrierten Literaturbetrieb ist Salzburg weit weg. Seine Literatur ist auf den ersten Blick unspektakulär. Sie ist unaufgeregt und unaufdringlich, Pathos, Übertreibung, Manierismus sind ihr ebenso fremd wie dezidierte Kritik der politischen Verhältnisse.

1975, Kappacher arbeitet damals immer noch als Reisekaufmann, erscheint sein Roman „Morgen“. Dafür erhält er den Rauriser Förderungspreis, das Buch wird in den wichtigsten deutschen Feuilletons besprochen, auch deshalb, weil Martin Walser in der „Zeit“ eine hymnische Kritik veröffentlicht: „Dieses Buch bringt einen auf den Gedanken, dass man Prosa auch nach Lautstärke einteilen könnte: Es wäre dann das stillste, das ich kenne. So etwas von Zurückhaltung ist mir noch nicht begegnet.“ Kappacher erzählt in kurzen Szenen und in mehreren Erzählsträngen aus der Ich-Perspektive das Leben des Angestellten Winkler, der in einer Salzburger Werbeagentur tätig ist. Dieser leidet an der Monotonie des Arbeitslebens, an seiner Kommunikationsunfähigkeit, und kündigt am Ende des Buchs seine Arbeit. Ebenfalls 1975 erscheint Kappachers Roman „Die Werkstatt“. Darin erzählt er von einem Rennfahrer, der ehemalige Kollegen in der Werkstatt besucht, wo er seine Mechanikerlehre absolviert hat. Kappacher hat in diesem Roman seine eigenen Erfahrungen als Lehrling verarbeitet. In einem Interview meinte er dazu: „Dass das Schreiben mehr oder weniger mit dem eigenen Leben, dem Denken und Fühlen und der Umwelt zu tun hat, war mir immer das Selbstverständlichste, und es war mir rätselhaft, warum das ein Problem sein soll, wie ich in Kritiken manchmal las.“

Die Stärke von Kappachers Literatur liegt eben darin, dass der Autor seine beschriebenen Milieus aus eigener Erfahrung kennt und deshalb in der Lage ist, sie überzeugend zu schildern. 1978 entschließt sich Kappacher, seinen Brotberuf als Reisekaufmann aufzugeben und das Wagnis eines freien Schriftstellerlebens einzugehen. Er wechselt zum Stuttgarter Klett-Cotta-Verlag und veröffentlicht dort die Erzählung „Rosina“. Wie in „Morgen“ geht es auch hier um das leere, öde Angestelltendasein. Rosina arbeitet sich zur Chefsekretärin hoch, doch sie ist überfordert und unglücklich, und kündigt am Ende des Buchs ihre Arbeit. Spätestens nach der Veröffentlichung von „Rosina“ erhält Kappacher – fälschlicherweise – das Etikett „Literat der Arbeitswelt“ verpasst. Denn er beschreibt zwar realistisch Szenen aus dieser Welt, doch geht es dabei immer um mehr als das bloße Aufzeigen ungerechter, inhumaner Arbeitsbedingungen. Kappachers Literatur folgt keinem politischen Impetus und ist frei von vereinfachender Schwarz-Weiß-Malerei. Kappachers Figuren sind sensible Außenseiter, die Sehnsüchte haben und bereit sind, einen hohen Preis für ihren Ausbruch aus dem „normalen Leben“ zu zahlen. In den späten 1970er Jahren lernt Kappacher den Regisseur Peter Keglevic kennen und beginnt für das Fernsehen zu arbeiten. 1982 erscheint „Der lange Brief“, der zwiespältige Reaktionen hervorruft. Tatsächlich hat dieser Roman einen komplexen Aufbau, ist um eine Rahmenhandlung gebaut, das Romangefüge setzt sich aus disparaten Handlungselementen zusammen. Die späten 1980er Jahre gestalten sich für Kappacher schwierig. Er verwirft die beiden Romanmanuskripte „Wege“ und „Wiesmühl“, und veröffentlicht in Kleinverlagen kürzere Texte. Kappachers „Krisenjahre“ enden 1993 mit der Veröffentlichung des Romans „Ein Amateur“ im Wiener Deuticke Verlag, welchem Kappacher seitdem treu verbunden ist. „Und auch wenn mich Motorräder nicht mehr interessierten, ließen sie mich doch nicht los: Jahrelang träumte ich von der Werkstatt und von Tätigkeiten, die ich längst nicht mehr ausführte“, sagte Kappacher in einem Interview. In diesem Buch, das wohl die stärksten autobiografischen Züge trägt, begegnen wir dem jungen Simon, der erst eine Mechanikerlehre macht, später Schauspieler werden will und schließlich zum Schreiben findet.

Späte Erfolge#

Auch der 2000 erschienene Roman „Silberpfeile“ ist in der Automobilsphäre angesiedelt. Der Motorsportjournalist Mautner will über die „Silberpfeile“, die Mercedes-Rennwagen der 1930er Jahre, ein Buch schreiben. Im Zuge seiner Recherchen lernt er den 85-jährigen Ingenieur Paul Windisch kennen, der in der Jugend am Wettlauf um Geschwindigkeitsweltrekorde beteiligt war. Jetzt lebt er in einem Salzburger Pensionistenheim, gibt Mautner zwar Auskunft über die Silberpfeile, will jedoch viel lieber über den Zweiten Weltkrieg reden. Windisch arbeitete damals im Werk Schlier bei Zipf mit anderen Technikern und vielen KZ-Häftlingen an der Entwicklung der als „kriegsentscheidend“ eingestuften V2-Raketentriebwerke mit. Kappacher verknüpft in der Figur Windisch geschickt die fanatische Jagd nach Geschwindigkeitsrekorden mit der ebenfalls fanatischen, wahnwitzigen Jagd der Nazis nach einer Wunderwaffe. Seinen sicherlich größten Erfolg feiert Kappacher mit dem 2005 erschienenen Roman „Selina oder das andere Leben“. Darin erzählt er vom Sterben eines alten Mannes und von der Sinnsuche eines jüngeren, von Freundschaft und Liebe, von Literatur und der Liebe zu Italien, von der Natur und von Unsterblichkeit. Ein leises, weises Buch, die Frucht eines langen, nicht immer einfachen Schreiberlebens. Die Kritiken über dieses Buch waren hymnisch, Paul Ingendaay etwa schrieb in der „FAZ“: „Was die wirklich hohe Kunst dieses Romans ausmacht, ist, dass Walter Kappacher Liebe, Tod und Unsterblichkeit meinen kann, indem er von Grillen, Hummeln, Käuzchen und Fledermäusen spricht, von der grüngelben Natter, vom reparierten Ziegeldach und dem Rieseln des Regens in den Eschenblättern.“ Spät (zu spät?) wurde Walter Kappachers Literatur gewürdigt. 2004 erhielt er den Hermann-Lenz-Preis, 2005 wurde er in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen, und heuer verleiht ihm die Universität Salzburg das Ehrendoktorat. Am 24. Oktober feiert Walter Kappacher seinen siebzigsten Geburtstag. Es würde nicht überraschen, würde er dies in großer Stille tun.

Peter Landerl, geboren 1974, ist Literaturwissenschafter und arbeitet derzeit als Lektor in Straßburg.

Wiener Zeitung, Samstag, 18. Oktober 2008