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"Wie ein Seismograph"#

Am 20. Oktober wird Elfriede Jelinek 70. Interview mit Jelinek-Forscherin Pia Janke über die Stücke der Nobelpreisträgerin.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 13. Oktober 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Petra Paterno


Elfriede Jelinek
Elfriede Jelinek in einer Archivaufnahme.
Foto: © Godany/C/picturedesk

13. Oktober, Vormittag: Irgendwo auf dieser Welt klingelt das Telefon einer Autorin oder eines Autors. Ein Mitglied der königlichen schwedischen Akademie wird ihr oder ihm zum Nobelpreis für Literatur gratulieren. Um 13 Uhr erfahren es die Medien. Als Favoriten werden heuer der syrische Lyriker Adonis und der japanische Autor Haruki Murakami gehandelt. 2004 gewann eine Überraschungskandidatin: Elfriede Jelinek. Die Autorin ist die erste und bislang einzige österreichische Literaturnobelpreisträgerin.

Am 20. Oktober feiert Jelinek ihren 70. Geburtstag. Eine Vielzahl an Veranstaltungen (siehe Info-Kasten) würdigt Werk und Wirkung der Künstlerin, die derzeit eine der am meisten gespielten Dramatikerinnen im deutschsprachigen Raum ist. Was fasziniert die Bühnen dermaßen an Jelineks Texten? Ein Gespräch mit der Germanistin Pia Janke, Leiterin der Forschungsplattform Elfriede Jelinek.

"Wiener Zeitung":"Ich will kein Theater, ich will ein anderes Theater", sagte Elfriede Jelinek in einem Interview. Um was für ein Theater könnte es sich dabei handeln?

Pia Janke: Es gab die Tendenz, Jelineks Stücke als etwas gänzliches Neues zu betrachten, einfach weil sie nicht im herkömmlichen Sinn mit Figuren und Dialogen operiert und linear nachvollziehbaren Handlungen misstraut. Wesentlich interessanter erscheint mir jedoch, in ihren Bühnenarbeiten nicht nur Unterschiede herauszustreichen, sondern vielmehr nach Verbindungen zum klassischen Drama zu suchen. Formen des traditionellen Theaters werden bei ihr gezielt weiterentwickelt und entfalten ein ungeahntes Potenzial - aus der Antike entlehnt sie etwa Botenbericht und Chor, es gibt Querverweise zum Volkstheater, zum bürgerlichen Theater bis hin zu Brecht und Heiner Müller. Häufig bezieht sie sich ganz unmittelbar auf andere Stücke der Weltliteratur - etwa von Ibsen, Goethe, Schiller. Man könnte sagen, sie arbeite "parasitär", bedient sich anderer Texte, arbeitet mit Prä- und Intertexten. Im Zentrum steht jedoch immer die Sprache. Der Klang ist wichtig, der Rhythmus. Am besten versteht man ihre Texte, wenn man sie hört. Guten Jelinek-Inszenierungen gelingt es, diese Spracherkundungen auf der Bühne sichtbar zu machen.

Ein Beispiel?

Theaterhistorisch bedeutsam war wohl "Ein Sportstück", Ende der 1990er Jahre von Einar Schleef im Burgtheater uraufgeführt. In dem siebenstündigen Mammut-Unternehmen wurden erstmals verschiedene Sprechweisen im Chor ausprobiert, es wurde mit der Mehrstimmigkeit und Musikalität von Jelineks Sprache experimentiert. Ganz anders, aber nicht weniger wegweisend erscheint mir die Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief - etwa "Bambiland" im Burgtheater. Schlingensief versuchte, ihre komplexen Texturen in unterschiedliche Bildebenen zu übersetzen.

Von Jelinek gibt es die Anweisung, dass Regisseure mit ihren Texten machen können, was sie wollen. Wie ist das zu verstehen?

Als Herausforderung. Wer Jelinek auf die Bühne bringen will, muss zu ihren Texten eine Haltung entwickeln und sich dazu positionieren. Mit einem traditionellen Rollenverständnis und psychologischer Spielweise wird man nicht weit kommen. Heute wird gern behauptet, dass der Text im Gegenwartstheater nicht mehr bedeutsam sei. Bei Jelinek ist es, denke ich, umgekehrt: Gerade durch ihre Textformen hat sie das zeitgenössische Theater beeinflusst und in gewisser Weise neue szenische Formen geradezu provoziert. Irgendwie scheint Jelinek immer mit dabei zu sein, wenn es darum geht, traditionelle Bühnensituationen aufzusprengen - siehe: Nicolas Stemann, Einar Schleef, Christoph Schlingensief, Michael Thalheimer, Frank Castorf. Vielleicht hat man die ideale Bühnen-Entsprechung für Jelinek-Dramen noch gar nicht gefunden, wer weiß?

Wie politisch ist Elfriede Jelinek?

Ich sehe sie als engagierte Autorin, die aus der 68er-Bewegung kommt und mit ihrem Schreiben die Gesellschaft verändern möchte. Gewiss ist sie mittlerweile sarkastischer, ironischer, resignativer geworden, aber der Anspruch etwas zu bewirken, über Sprache sichtbar zu machen, was mit Sprache angestellt wird, gilt, denke ich, nach wie vor. Sie verleiht jenen eine Stimme, die sonst keine hätten. Vor allem in ihren frühen Bühnenstücken - etwa "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte" und "Clara S." - etablierte sie eine starke feministische Handschrift. Wenn man sie aber "nur" als feministische Autorin klassifiziert, würde man ihr nicht gerecht werden. In vielen Stücken hat sie sich seitdem mit der Verdrängung der Mitschuld am Nationalsozialismus beschäftigt - von "Burgtheater" bis "Rechnitz (Der Würgeengel)" - und zunehmend setzt sie sich mit den großen Fragen unserer Zeit auseinander: Krieg, Gewalt, Globalisierung, Islamismus, Terrorismus.

Warum gehört Elfriede Jelinek zu den derzeit meistgespielten Gegenwartsdramatikerinnen?

Weil sie wie ein Seismograph die relevanten Themen unserer Zeit aufgreift: Unmittelbar vor Ausbruch der Finanzkrise schrieb sie "Die Kontrakte des Kaufmanns", unmittelbar vor der Flüchtlingskrise verfasste sie "Die Schutzbefohlenen", das Stück wird derzeit übrigens weltweit gespielt.

Welche Bedeutung hatte der Nobelpreis für Literatur, der ihr 2004 verliehen wurde?

Der Nobelpreis erhöhte die Rezeption ihrer Werke außerhalb Europas. Beispielsweise wurden ihre Werke danach auf Chinesisch übersetzt, gerade ihre Kapitalismuskritik traf in China auf reges Interesse. Innerhalb Österreichs wurde sie danach als Autorin gewissermaßen kanonisiert, man wagte es nicht mehr, sie öffentlich zu diffamieren, wie noch in den 1990er Jahren. Trotzdem, und das ist für mich erstaunlich, ist sie offenbar eine Reizfigur geblieben. Die rechtspopulistische Bewegung der Identitären suchte sich wohl nicht zufällig ein Stück von Jelinek für eine Störaktion aus, eine Aufführung von "Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene" wurde gestürmt. Nicht nur in ihren Werken, sondern auch daran, wie man mit ihr als Künstlerin umgeht, lassen sich gesellschaftliche Strömungen ablesen.

Information#

  • Symposium: "Nestbeschmutzerin & Nobelpreisträgerin" nennt sich eine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe samt Symposium, Performance und Filmaufführungen, veranstaltet von Pia Janke und der Forschungsplattform Elfriede Jelinek, die bis 23. Oktober an diversen Orten stattfindet. https://fpjelinek.univie.ac.at
  • Theater: Am Donnerstag, feiert Jelineks "Schatten (Eurydike sagt)" in der ehemaligen Sargfabrik F23 in Wien-Liesing Premiere. Der Bühnentext kauderwelscht sich launig durch Sigmund Freud und Ovid, mäandert luzid zwischen Mythos und Alltag. Regie führt Sabine Mitterecker. http://www.theaterpunkt.com
  • Buch: In "Drama als Störung" setzt sich Teresa Kovacs mit Jelineks "Konzept des Sekundärdramas" auseinander. transcript Verlag: 2016, 314 Seiten, 39,99 Euro.
  • Radio: Das detaillierte Programm zum Jelinek-Schwerpunkt auf Ö1 finden Sie in der beiliegenden Ausgabe der "ProgrammPunkte".

Wiener Zeitung, Donnerstag, 13. Oktober 2016