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Was die anderen sagten #

Erich Hackl reflektiert in seinem sehr persönlichen Prosaband die Geschichten seiner Mutter über ihre Kindheit und Jugend. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 5. Dezember 2013)

Von

Maria Renhardt


Erich Hackl
Erich Hackl. In seinem neuen Buch begibt sich Hackl (geb. 1954 in Steyr) auf ein sehr persönliches Terrain.
Foto: © FIL Guadalajara

Erich Hackl kennt man als einen, der sich schreibend mit der Vergangenheit und Zeitgeschichte auseinandersetzt, als einen, der Ungerechtigkeiten dokumentiert und Schicksalen eine Stimme gibt, die vergessen oder gar nicht erst bekannt geworden sind. Schon lange sieht ihn die Literaturkritik als „großen Chronisten“, der keine Scheu hat, den Opfern des Widerstands eine adäquate Sprache zu verleihen, wie beispielsweise jüngst in seinem Erzählband „Familie Salzmann“.

Mit seiner neuen Prosa „Dieses Buch gehört meiner Mutter“, mit dem er sprachlich und formal Neuland betritt, begibt er sich auf ein sehr persönliches Terrain, weil er darin den Spuren seiner Kindheit folgt, dem mütterlichen Erzählraum und Geschichten-Fluidum. In seiner Nachbemerkung heißt es dazu: „Soweit ich zurückdenken kann, hat meine Mutter von der Welt ihrer Kindheit und Jugend erzählt.“ Das Aufgreifen dieser mündlichen Tradition bedeutet für ihn zugleich Versicherung einer „früheren Welt“, die einer Frau gehört, die trotz der lebhaften, pointierten Geschichten ihre „Erfüllung ... in der Gegenwart“ und nie in den Erinnerungen an damals gesehen hat.

Den Titel habe er sich von Bettina von Arnim ausgeliehen, denn Hackl verfolgt eine ähnliche Intention wie sie. Er will zeigen, „wie es Menschen trotz Armut und Mühsal gelingt, sich über die fremdbestimmten Verhältnisse zu erheben, für einen Moment oder länger. Mit List und Humor, oder aus Mitleid, auch mit sich selber.“ Hackl hat diese Fülle des Stoffes angereichert mit seinem „Gewissen“, wie er es nennt, mit einem refl ektierenden Unterfutter – quer das ganze Buch hindurch. Auf diese Weise entrollt er „Einsichten, die sie nicht auszudrücken vermochte“. Hackl ergänzt sie und stößt damit Nachdenkprozesse an.

Blitzlichter in eine vergangene Zeit #

Firling, ein winziges Dorf im Mühlviertel, ist Schauplatz dieser Erzählwelt. Der karge Boden dieser Gegend erlaubt nur saures Obst, Erdäpfel, Hafer und Roggen. In nahezu lyrischen Strophen nähert sich Hackl dem Kindheitsort seiner Mutter und erzählt aus der Perspektive ihres Ichs: „Immer in der Schwebe / zwischen Argwohn und Leichtsinn. / Zu erschöpft, / sich die Gegenwart vorzustellen.“ Da sind die ersten technischen Errungenschaften, das Fahrrad, die Skier, das Motorrad, das erste Donauschiff, sogar der erste Zeppelin und später dann das Telefon. Es sind spontane Blitzlichter auf verschiedenste Situationen, die dieses Buch strukturieren und zwischen Vorurteilen, Gewalt, Rollenbildern, Ideologien, heimlichen Ausbrüchen oder Hierarchien oszillieren. Jedes Jahr kommen Roma und Sinti ins Dorf.

Geschickt stellt Hackl die landläulandläufi ge Meinung dem korrigierten Blick gegenüber: „Sie stehlen wie die Raben, sagte man. Uns ging / nie was ab.“ Und später heißt es lapidar: „Unsere Schuld war es nicht, daß sie mit einemal ausblieben. / Unsere Schuld war, daß wir nicht fragten, wo sie / geblieben waren.“

Dann wieder sind es elementare Ereignisse wie Geburt oder Tod, das Aufbahren des Leichnams in der eigenen Stube, die Totenwache oder das Begleiten eines Menschen in den Tod mit bereit gelegter Totenkerze. Unvorstellbar erscheint heute das leichtfertige Weitergeben eines Kindes an einen Verwandten, wenn kein Erbe da war, oder das Problem der ledigen Mutterschaft. Dazu gehört die Abtreibung unter größten Schmerzen oft mit Todesfolge, all das ist unausweichlicher, von den anderen meist stumm hingenommener Gang des Lebens. Keine Anklage, keine Verurteilung, denn Unkeuschheit trifft Frauen schlimmer als jede andere Sünde.

Und schließlich das Grauen des Krieges. Das Einrücken des geliebten Bruders und das Schicksal der Juden. Auch davon hat man gewusst. Die Geschichten darüber gewähren präzise Einblicke in die Lebens- und Denkweise einer längst vergangenen Zeit, in die verkrusteten Strukturen eines dörflichen Lebens, das fest in patriarchaler Hand ist.

Besonders berührend ist die Passage, die Hackl als späte Reflexion der Mutter konzipiert. Erst nachträglich erkennt sie, dass sie ihr Handeln und Denken trotz ihrer Ausbrüche vielfach an fremden Maßstäben orientiert hat: „ICH gab immer zuviel auf das, / was die anderen sagten. / Das war mein Fehler / mein Lebtag lang / und schon damals.“ Das kollektive Festhalten an traditionellen Werten und Normen, die von anderen gesetzt worden sind, prägt die Menschen damals in besonderer Weise. Ganz selten nur gibt es lichte Momente des Innehaltens. Sie sind mit Geschichten und Tanz verbunden. Doch manchmal gibt es auch sie, diese Zeit der Wonne und des Glücks.

Hackl gelingt mit seinem schmalen Bändchen nicht nur eine feinfühlige Auseinandersetzung mit den Jugendjahren seiner Mutter, sondern zugleich auch ein Stück kollektiver (Sozial-)Geschichte. Die sensible Freilegung der Matrix ihres Lebensumfeldes gerät gleichzeitig zu einer Reflexion sozialhistorischer Kontexte. Seine meist in Strophen geschriebene rhythmisierte, zuweilen auch poetische Prosa zeigt sich als subtil kritischer und zugleich authentischer Zugang zur Vergangenheit. Ein sehr persönliches und eindringliches Stück Historie.

Bild 'Hackl-Cover'

Dieses Buch gehört meiner Mutter.

Von Erich Hackl.

Diogenes Verlag 2013.

112 Seiten, gebunden, EUR18,40

DIE FURCHE, Donnerstag, 5. Dezember 2013