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Fäden zwischen Zeilen und Zeiten#

Zu seinem 60. Geburtstag erscheinen von Erich Hackl "Drei tränenlose Geschichten", die den (ober-)österreichischen Autor einmal mehr als konsequenten literarischen Dokumentaristen zeigen.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 24./25. Mai 2014)

Von

Gerald Schmickl


Nach dem in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Band "Dieses Buch gehört meiner Mutter" (2013), in welchem Erich Hackl eine kunstvoll einfache sprachliche Aneignung an die Erzählweise seiner Mutter und deren Lebensgeschichte in Strophenform versucht (was ihm überzeugend gelingt), nähert sich der am 26. Mai vor 60 Jahren in Oberösterreich geborene, in Wien und Madrid lebende Autor in seiner neuen Publikation wieder seinem angestammten Metier.

Erich Hackl
Schreibt Geschichten "nach dem Leben": Erich Hackl.
© Apa/B. Gindl

Seit seinem Debüt, "Auroras Anlass" (1987), ist Hackl als literarischer Chronist und Dokumentarist hervorgetreten und hat - allesamt im Schweizer Diogenes Verlag - eine Reihe von Büchern zu bemerkenswerten Fällen aus der jüngeren Zeitgeschichte vorgelegt. Dieser Methode, "Geschichte in Geschichten" und "nach dem Leben" zu schreiben, "in einer Form der zweiten Zukunft, einem lapidaren Ton des Es-wird-gewesen-sein" (Rose-Maria Gropp), ist er in all den Jahren seither treu geblieben.

Finden statt erfinden#

Hackl, der auch als Übersetzer aus dem Spanischen tätig ist, findet seine Geschichten - anstatt sie zu erfinden - hauptsächlich in den dunklen Jahren des 20. Jahrhunderts, und da vor allem während der NS-Diktatur und in den lateinamerikanischen Ländern unter Militärregimes - also dort, wo es besonders unmenschlich zuging. Dass es sich dabei zuvorderst um jüdische Schicksale und um die Verfolgung von Linksaktivisten handelt, liegt bei dieser historischen Auswahl auf der Hand.

In der ersten von drei Erzählungen, die nunmehr in dem Band "Drei tränenlose Geschichten" versammelt sind, verbinden sich diese beiden Stränge miteinander. In "Familie Klagsbrunn. Vorschein einer Geschichte" (in solchen Genre-Bezeichnungen ist Hackl immer wieder aufs Neue erfindungsreich) ist der Autor dem Schicksal einer jüdischen Familie über vier Generationen hinweg auf der Spur, von einem Foto aus dem Jahr 1904 ausgehend, das Ignaz Klagsbrunn, das Familienoberhaupt, mit Ehefrau im (Halb-) Kreis ihrer elf Kinder vor einer Floridsdorfer Villa zeigt.

Im Wesentlichen ist es die Geschichte von Victor Hugo Klagsbrunn, einem Enkel des Zweitjüngsten auf dem Familienfoto (Leo). Ihn, Victor, einen - mittlerweile pensionierten - Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universidade Federal Fluminense, hat Hackl vor zweieinhalb Jahren in Brasilien kennen gelernt. Und mit ihm, der von seinen Vorfahren nicht viel wusste, hat er gemeinsam Teile der Familiengeschichte rekonstruiert: vom Floridsdorfer Holzkohlenhandel des Großvaters, dem Heraufdämmen des Nazitums, der rechtzeitigen Ausreise nach Brasilien bis zum frühen Tod des Vaters dortselbst, als Victor erst sechs Jahre alt war. Das ist die eine Geschichte.

Die andere ist jene von Victor und seiner Frau Marta, die beide seit ihrer Studentenzeit in Brasilien politisch tätig sind, und zwar im Rahmen einer marxistischen Organisation mit linkskatholischen Wurzeln. "Filho do Mao" - "Maobubi" - nennen Victor die Mitglieder seiner Zelle. Am 2. September 1969 wird diese von einem Überfallskommando der Polizei gestürmt und gesprengt.

Damit beginnt eine Verfolgungsgeschichte, "schlimmer als die seiner Eltern und Großeltern" (Hackl), eine Haft- und Flucht-Odyssee, die das Paar - teils getrennt, teils vereint - durch brasilianische Gefängnisse, mit Folterungen "so schlimm, daß es nicht zu beschreiben ist, nicht beschrieben werden darf" (Hackl), schließlich nach Chile führt. Als es dort 1973 zum Militärputsch (gegen Allende) kommt, stehen die beiden rasch wieder ohne alles da. Nach einer Flucht in die argentinische Botschaft in Santiago, weiter nach Argentinien, wo sie wiederum nur eine Woche Zeit haben, das Land zu verlassen, landen sie schließlich in Europa, zuerst in Rom, wo sie zwei armselige Jahre verbringen, dann in Berlin, wo sie erst mühsam Deutsch lernen müssen. 1986, mit einer mittlerweile neunjährigen gemeinsamen Tochter, kehren Victor und Marta nach Brasilien zurück, wo sie wiederum lange brauchen, um sich zurecht zu finden.

Bild-Chronist von Rio#

In einem Gedicht beschreibt Marta eindringlich die Folgen der Haft- und Verfolgungsjahre, wie man "nicht fähig zur ganzen Freiheit" ist, wie man "das Gefängnis in die Welt hinaus" schleppt. Auch Victors Onkel, dem Fotografen Kurt Klagsbrunn, einem der großen Bild-Chronisten Rio de Janeiros, um den sich Victor in dessen letzten Lebensjahren (Kurt stirbt 2005) intensiv kümmert, ist in dieser Familienrekonstruktion eine Erinnerungsspur gewidmet.

Erich Hackl schildert diese gewundenen, verschlungenen Lebenswege, "wie ich sie gehört und in Erinnerung behalten habe (...) in ihren Eckdaten, einigermaßen dürftig, wenig anschaulich, ohne Emotionen, die man sich dazudenken muß". Das klingt dürftiger und nüchterner, als es ist. Auch wenn sich der erzählende Chronist, mit gutem Grund, Gefühle bei der Beschreibung versagt (wobei nicht ganz erklärlich ist, warum man Gefühle "denken" sollte), entsteht doch so etwas wie ein emotionaler Echoraum, in welchem Befindlichkeiten zum Klingen gebracht werden.

Der Autor schließt diese Geschichte, nach knapp 70 Seiten, indem er das Ausgangsfoto von 1904 mit einem heutigen Bild, das Victor und Marta mit Tochter, Schwiegersohn und Enkelkindern zeigt, vergleicht: "Unsichtbar die Fäden auf diesem Bild, die sich zwischen Zeiten und Kontinenten ziehen." Auf dem Bild ja, aber nicht in dieser Erzählung, die einen Teil der Fäden und ihre Verknüpfungen sichtbar macht.

Nicht das Auge, mit seinem optischen (Seh-)Sinn für äußere Zusammenhänge, aber ein seelisches Organ mit (Spür-)Sinn für innere, Generationen übergreifende Zusammenhänge wird mit dieser behutsamen, sachlich-aufmerksamen Form des dokumentarischen Erzählens buchstäblich angesprochen. Das machen mittlerweile mehrere Autoren, aber nur wenige so konsequent, ausdauernd und genau wie Erich Hackl, den - laut Selbstauskunft - "einerseits die Sehnsucht nach dem privaten Glück und andererseits das Streben nach sozialer Gerechtigkeit" zum Schreiben drängt.

Trauung im KZ#

Um offenkundig Optisches, nämlich das Fotografieren, geht es (auch) in der zweiten Geschichte des Bandes, "Der Fotograf von Auschwitz", genauer: um Wilhelm Brasse, den noch lebenden einstigen Gefangenen des Konzentrationslagers, der dort Tausende von Ablichtungen machte bzw. machen musste. Auf ihn ist Hackl erst vor vier Jahren durch die polnische Ausgabe seines Buches "Die Hochzeit von Auschwitz" gestoßen. Das Foto von dem im KZ getrauten Paar (Rudi Friemel und Margarita Ferrer) stammt nämlich von Brasse. Hackl besucht und porträtiert ihn.

Von einer weiteren Trauung in einem KZ, diesmal in Dachau, handelt u.a. die Geschichte "Tschofenigweg. Legende dazu", in welcher Hackl - auf ähnlich mosaikhafte Weise wie bei den Klagsbrunns - das Schicksal der oberösterreichischen Widerstandskämpferin Gisela Tschofenig (1917-1945) nachzeichnet, welcher in Ebelsberg, am Rand von Linz, der Tschofenigweg gewidmet ist.

Für diese beiden Geschichten gilt das Gleiche wie für die erste: Es sind Musterbeispiele einer dokumentierenden und doch lebendigen Erzählweise, die dem jeweiligen Thema in Ton und Stil fein angepasst ist. Daher ist es keineswegs ausgemacht, dass es bei der Tränenlosigkeit bleiben muss...

Erich Hackl: Drei tränenlose Geschichten. Diogenes Verlag, Zürich 2014, 154 Seiten, 19,50 Euro.

Wiener Zeitung, Sa./So., 24./25. Mai 2014