unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Fallstricke der Konvention#

Die österreichische Schriftstellerin Hannelore Valencak zeichnete in ihren Romanen mentalitätsgeschichtliche Porträts der verlogenen Nachkriegsgesellschaft. Höchste Zeit für eine Wiederentdeckung.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 3./4. März 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Evelyne Polt-Heinzl


Hannelore Valencak
Hannelore Valencak (1929-2004).
© Gert Schlegel

Die Zeitfenster, in denen Literatur von Frauen verstärkt wahrgenommen wird, sind meist kurz. Für das radikale Vergessen Hannelore Valencaks gibt es allerdings einen viel allgemeineren Grund, der mit der Genderfrage gar nichts zu tun hat. Für die Germanistengeneration nach 1968 galt die Literatur der 1950er und frühen 1960er Jahre abseits der Wiener Gruppe, von Artmann bis Jandl und Mayröcker, als so verzopft und konservativ, wie es die Institutionen des Literaturbetriebs tatsächlich waren. Eine begriffliche Markierung eines erzählerischen Neustarts - wie die Gruppe 47 in Deutschland - gibt es für die österreichische Literatur bis heute nicht, einfach weil immer noch niemand genauer hingesehen hat.

Freilich saßen in Österreich nach 1945 über Nacht die alten Gatekeeper aus der Zeit des Austrofaschismus, spätestens ab Anfang der 1950er Jahre sogar jene aus der Zeit des Nationalsozialismus, wieder fest in ihren Ämtern. In Redaktionen und Sendeanstalten verhinderten sie tatkräftig, dass antifaschistische wie zeitkritische Romane breiter debattiert wurden, und sie prägten das Klima nachhaltig. Erst in den 1960er Jahren begann sich die junge Generation durchzusetzen, und die lange Latenzzeit brachte ihr keineswegs zu Unrecht den Nimbus der unterdrückten und heldisch aufbegehrenden Avantgarde ein.

Bewältigungsliteratur#

Doch diese verspätete Befreiung aus verkrusteten Strukturen prägte die Optik allzu eindimensional - und das hat Langzeitfolgen bis heute. Denn vieles wurde von vornherein aus dem Kanon ausgegliedert, oder besser: einfach nicht wahrgenommen, weil es in irgendeiner Weise mit dem Mief der 1950er Jahre verbunden schien. Das betrifft auch die unmittelbar nach 1945 publizierten Romane über die NS-Vergangenheit, was zur hartnäckig vertretenen, aber schlicht falschen These führte, eine "Bewältigungsliteratur" habe in Österreich erst in den 1960er Jahren eingesetzt.

Und dieses Missverständnis ist wohl auch schuld am völligen Verschwinden einer Autorin wie Hannelore Valencak, die Verlogenheit, Tristesse und Perspektivlosigkeit der Nachkriegszeit mit einer literarischen Dichte vermaß, für die sich kaum Vergleichbares findet.

Einigen Autorinnen aus diesem Umfeld war dann ein Auferstehen aus dem Grab der Vergessenen durch die feministische Literaturwissenschaft vergönnt. Marlen Haushofer etwa hatte das postume Glück, dass Ende der 1970er Jahre junge Germanistinnen wie Christine Hoffmann-Schmidjell über sie Dissertationen verfassten und damit die wissenschaftliche Beschäftigung eröffneten. Die Neuauflage des Romans "Die Wand" fiel 1983 genau in die Zeit des erwachten Interesses an der Literatur von Frauen. Nun wurde dem Buch breite Aufmerksamkeit zuteil, und Haushofer in den Literaturkanon eingeschrieben. Dieser glückliche Zufall ist bei Valencak ausgeblieben.

Geboren wurde Hannelore Valencak am 23. Jänner 1929 in Donawitz, sie studierte Physik an der Universität Graz und arbeitete nach der Promotion 1955 als Metallurgin in Kapfenberg. 1959 verunglückte ihr erster Mann, mit dem sie einen Sohn hat; 1962 heiratete sie ein zweites Mal und ging nach Wien, wo sie als Patentsachbearbeiterin arbeitete; ab 1975 lebte sie als freie Schriftstellerin. Das sind die kurzen Lebensdaten, die sie selbst ihren Publikationen beigab. Die Autorin starb am 9. April 2004 in Wien.

Zu veröffentlichen begann Valencak wie alle Jungen nach 1945 in Zeitschriften und Anthologien. Insgesamt umfasst ihr Werk zwei Lyrikbände, fünf Romane, zwei Erzählbände und vier Jugendbücher. 1957 wurde sie gemeinsam mit Gerhard Fritsch unter mehr als hundert Einsendungen für den staatlichen "Förderungspreis für Literatur" ausgewählt, wie der Österreichische Staatspreis damals hieß. Sie erhielt den Preis - und das ist ein absoluter Einzelfall - für den noch unpublizierten Roman "Feuer auf steinernem Herd". Das war der Arbeitstitel ihres erst vier Jahre später erschienenen Buchs "Die Höhlen Noahs".

Wenn Hans Weigel stets für sich reklamierte, an Haushofers Roman "Die Wand" als Korrektor, Berater und Titelerfinder beteiligt gewesen zu sein, hat er Ähnliches von Valencaks erstem Roman nie behauptet. Die beiden im Abstand von zwei Jahren erschienenen Endzeitvisionen - Valencak 1961, Haushofer 1963 - sind in Thema und Stimmung eng verwandt. Sieht sich Haushofers Erzählerin über Nacht hinter einer gläsernen Wand als Überlebende einer globalen Katastrophe alleine wieder, geht es bei Valencak um eine zusammengewürfelte Gruppe von Menschen, die ihr Überleben organisieren und Grundsatzfragen entscheiden müssen, etwa jene, ob das Leben in einer absterbenden Umwelt weitergehen soll. Das ergibt eine komplexere Struktur und andere Konstellationen.

Verstörende Direktheit#

Auch der Einbruch der Katas-trophe erfolgt in den beiden Romanen ganz unterschiedlich. Bei Valencak kommt sie nicht über Nacht und nicht mit einer säuberlich aufgezogenen gläsernen Wand, hier fällt der Leser direkt ins Feuerinferno, das 1961 Erinnerungen an die Bombennächte wachrufen musste. Einer breiteren Rezeption stand wohl gerade diese Direktheit entgegen, denn die zeitgenössischen Leser liebten die Verpackung des jüngst Erlebten in existenziell ausdeutbare Parabeln. Das führte auch dazu, dass in den Rezensionen im zeittypischen Jargon viel und schwammig von "Schuld" und "Vorbestimmung des menschlichen Schicksals" die Rede war - und hinter jeder dieser Worthülsen öffnet sich ein Fenster in die existenzielle Unendlichkeit.

Solche Formeln haben viele Romane der Zeit mit einer Staubschicht überzogen, die nicht aus den Werken kommt, sondern aus einer sprachlich, nicht selten auch ideologisch unsauberen Rezeption. Vielleicht geriet Valencak auch deshalb bis heute nicht einmal in den Blick feministischer Forscherinnen.

Bei Verleihung des Staatspreises 1957 lag das Manuskript ihres zweiten Romans, "Ein fremder Garten", bereits vor; erschienen ist er erst nach vielen Überarbeitungen im Jahr 1964. Wie häufig in ihren Romanen, versucht sich hier eine junge Frau frei zu spielen aus den bedrängenden Familienverhältnissen, deren Hintergrund die NS-Vergangenheit ist. Subtil und schonungslos beobachtet Valencak das Verhalten und die Lebenslügen ihrer Figuren und entwickelt daraus dynamische Bilder des brodelnden Familienzwists, vor allem in der Analyse der äußerst ambivalenten Mutter-Tochter-Beziehung.

1967 folgte "Zuflucht hinter der Zeit", zehn Jahre später neu aufgelegt mit dem Titel "Das Fenster zum Sommer", ein Spiel mit brüchig werdenden Zeit- und Bewusstseinsebenen. Eine jung verheiratete Frau erwacht eines Morgens wieder in der trostlosen Atmosphäre ihrer Jugend: der gemeinsame Haushalt mit der Tante, einer früh gealterten Frau, die verbittert ihre kleinen Alltagshöllen aus Streit, Tratsch und moralinsaurem Übelwollen am Köcheln hält; tagsüber die Tristesse des ungeliebten Büroalltags, in dem die Stunden wie das Leben zerrinnen, ohne greifbare Spuren in der Erinnerung zu hinterlassen. Es ist ein radikales Zurück an den Start, nunmehr aber ausgestattet mit dem Wissen, wie ganz anders ein Leben aussehen kann. Das stellt die Frage nach der Möglichkeit verändernder Eingriffe ins eigene Leben und lässt vieles in einem neuen Licht erscheinen, selbst die Tante als Vertreterin einer - unabhängig von ihrer historischen (Mit)-Schuld - vom Leben vielfach enttäuschten Frauengeneration.

Im fünf Jahre später erschienenen Roman "Vorhof der Wirklichkeit" beschreibt Valencak dann direkt das Heranwachsen einer jungen Frau vor dem Hintergrund von Krieg und Nachkriegszeit. Die Schärfe, mit der hier die Zeit der Bombardements, die Erfahrungen im Luftschutzkeller und der radikale Orientierungsverlust der Erwachsenen geschildert werden, ist in Romanen dieser Zeit selten zu finden. "In ihrer Lust an der Grausamkeit, ihrer krassen Mißachtung des Rechts, ihrer Neigung zur Willkür hast du deines Vaters Wesenszüge erkannt", lautet der reichlich unübliche Kommentar zur Wahrnehmung der russischen Besatzungssoldaten durch das pubertierende Mädchen. Erzähltechnisch operiert der Roman mit einer Erzählstimme, die sich spaltet in die Perspektive des Mädchens und jene der reifen, den Bericht niederschreibenden Frau, die das Gewesene mit dem Gewicht der späteren Erfahrung anders zu werten versucht. Erst aus der Distanz werden die Verlogenheiten und Charakterschwächen der Elterngeneration aus ihren eigenen Lebensmiseren zumindest erklärbar.

Valencaks letzter, 1981 erschienener Roman, "Das magische Tagebuch", kehrt die Versuchsanordnung von "Das Fenster zum Sommer" um. Hier gelingt der verändernde Eingriff in das Schicksal, was sich nicht als Glück erweist. Die "Beschwörung" im Tagebuch lässt den kurz nach der Hochzeit verunglückten Ehemann tatsächlich weiterleben. Doch er entpuppt sich als rücksichtsloser Tunichtgut.

Explosive Gedanken#

Mit dem Fortgang der Handlung haben sich die Rezensenten schwer getan. "Das Tagebuch wird zur Kraftquelle und zum Speicher für unvorstellbare Kräfte", heißt es, oder: "Dieses Wissen um ihre Macht bringt sie in die zwiespältigsten Regungen der menschlichen Seele". Das klingt geheimnisvoll, meint aber ganz einfach die Erkenntnis der jungen Frau, dass der Gatte nur ihrer Beschwörung im Tagebuch sein Leben verdankt, es also auch in ihrer Macht liegt, diesen Satz und damit ihn endgültig zu vernichten, was sie dann auch tut. Der Ehehafen ist für alle Frauenfiguren Valencaks ein problematisches Terrain.

Ihre Romane sind mentalitätsgeschichtliche Porträts der Nachkriegszeit, an deren Verbogenheit und geistiger Enge sich alle ihre Figuren reiben. Sie stehen keineswegs über den Verführungen, mit denen die Gesellschaft nach ihnen greift, und seien es nur neuartige Konsumformen oder Errungenschaften wie die beleuchtete Hausbar. Sie finden selten laute Töne für ihr Unbehagen und ihre Unbehaustheit im neuen Eigenheim, doch sie zerren und reißen an den Fallstricken der Konven- tion. So entstehen reale Bilder der verkrusteten Strukturen, die nicht nur das literarische Leben der Nachkriegszeit prägten, sondern auch das Verhältnis der Geschlechter.

Valencaks Panoramen aus dem kleinbürgerlichen Alltag sind die innerfamiliären wie gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse eingeschrieben. Hinter der ruhigen Fassade aber zeigen die Figuren oft erfrischend unverblümte Aggressionspotentiale, die zumindest in Gedanken zur Explosion bringen, was in der Realität noch unauflösbar blieb.

Information#

Valencaks Romane "Das Fenster zum Sommer"(2011) und "Die Höhlen Noahs"(2012) sind - jeweils mit einem Nachwort von Evelyne Polt-Heinzl - im Residenz Verlag erschienen

Wiener Zeitung, Sa./So., 3./4. März 2012