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„Nur die Liebe allein schafft das Leben“ #

Er ist aller Erinnerungsarbeit und Vergangenheitsbewältigung zum Trotz weitgehend vergessen: Zur Erinnerung an den Dichter Felix Grafe, der Ende 1942 von den Nazis hingerichtet wurde.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 28. Februar 2013).

Von

Joseph P. Strelka


Felix Grafe
Felix Grafe. Der 1888 in Böhmen geborene Grafe war Kunsthistoriker, wurde jedoch vor allem als Lyriker und Übersetzer bekannt. Aufgrund eines antinazistischen Gedichts wurde er zum Tod verurteilt und am 18. Dezember 1942 in Wien hingerichtet.
© K.K.

Vor siebzig Jahren ist in Wien der Dichter und Kunstexperte Felix Grafe hingerichtet worden. Kaum ein anderer bedeutender Dichter ist in solch völliger Vergessenheit versunken wie er. Geboren 1888 in Humpoletz (Humpolec, Tschechische Republik), kam er bereits zweijährig nach Wien und ist hier auch aufgewachsen. Sein Vater besaß in Gänserndorf eine Fabrik. Grafe hat in Wien und München Philosophie, Philologie und Kunstgeschichte studiert, beherrschte sieben Sprachen, kannte die wichtigsten Dichtungen in ihnen und entwickelte sich mehr und mehr zu einem Kunstexperten. Er wurde ein Fachmann für mittelalterliche Handschriften, Autographen, Kupferstiche und Handzeichnungen.

Knapp bevor er 1908 zum Studium nach München ging, wurde er von Karl Kraus entdeckt, der Grafes erstes Gedicht in der „Fackel“ abdruckte und später auch einige von Grafe übersetzte Gedichte. Der zweite, nicht weniger kritische Herausgeber, der ihn mehr als zwei Jahrzehnte später entdeckte, war Ernst Schönwiese, der eine in Österreich im zwanzigsten Jahrhundert in ihrer weltliterarischen Qualität einmalige Zeitschrift, Das Silberboot, herausgab. Schönwiese war auch einer der wenigen, die nach 1945 wieder Gedichte von Grafe abdruckten, als Das Silberboot wieder erscheinen konnte. Auch versuchte er, ihn durch den Rundfunk bekannt zu machen. Schon in Grafes erstem Gedichtband „Idris“ von 1910 standen die Verse, die als Motto über seinem ganzen Leben stehen könnten: „Selig, wer sich Herz und Hände / rettet aus dem Brand der Zeit, / dass sein Leben sich vollende / keusch in seiner Einsamkeit.“

Wahrscheinlich wäre es ihm im Zweiten Weltkrieg wie im Ersten gelungen, sich aus dem Wahn-, Hass- und Mordgetriebe der Zeit herauszuhalten. Er hatte sich schon bei der Massenpsychose des Ersten Weltkriegs gegen diese gewendet, und er wusste nur zu genau, was vom Zweiten zu erwarten war. Durch eine unglückliche Verkettung von Umständen wurde aber der zurückgezogen lebende Mittelalter-Experte dennoch ein Opfer des Gewaltregimes.

„...ist heilige Verwandlung“#

Sein Schwager Franz Tastl war das Haupt einer Widerstandsgruppe, die primitive Flugblätter gegen Krieg und Gewalt herstellte, welche zumeist in die Telefonbücher von öffentlichen Sprechzellen eingelegt wurden. Tastl bat seinen Schwager, den „Dichter“, um ein Gedicht gegen Hitler. Grafe schrieb ein Rollengedicht, das einem revolutionären Arbeiter in den Mund gelegt war, der seine Kampfgenossen anfeuerte. Das einzige „politische“ – wenn man den Begriff ungewöhnlich weit fasst – Gedicht, das Grafe zuvor je geschrieben hatte, war eines aus der Zeit der Monarchie, das den Titel „Elisabeth“ trug, ohne zu erklären, wer diese Elisabeth sei, das aber die Kaiserin feierte. Es war ein schwärmerisches Sisi-Gedicht.

Gestapo-Quartier am Wiener Morzinplatz
Gestapo. Grafes Schwager Franz Tastl war das Haupt einer kommunistischen Widerstandsgruppe, er bat Grafe um ein Gedicht gegen Hitler für die illegale Zeitschrift „Hammer und Sichel“. Ein Mitarbeiter Tastls dürfte diesen und Grafe verraten haben (Bild: Gestapo-Quartier am Wiener Morzinplatz).
© K.K.

Ein Polizeikonfident soll der unmittelbare Mitarbeiter Tastls gewesen sein, der alles verriet. Grafe wurde zusammen mit seiner ahnungslosen Frau am 25. Juli 1941 verhaftet und wegen seines Gedichts von einem der herumreisenden „fliegenden Sondersenate“ im Schnellverfahren gemeinsam mit Tastl zum Tod verurteilt. Aus der Todeszelle schrieb er an die Gattin und den jungen Sohn: „Vor allem sollt ihr nicht traurig sein. Ich bin es auch nicht, ich habe meinen Frieden mit der Welt gemacht und gehe mit dem Bewusstsein meiner Unschuld ruhig, ohne Hass, getröstet ins Jenseits. Wenn man so alt und krank ist, stirbt man gerne – ich bin ganz taub geworden, meine Zuckerkrankheit hat mächtig weiter gefressen, ich wiege nur mehr 48 kg (gegen normal 72) und bin ein zahnloses, weißhaariges Gespenst geworden.“ An die erste Frau und seine beiden Söhne von ihr endete sein Brief mit einem „Kurzgedicht“ des Platonikers: „Ob Schierling oder Enthauptung, / es bleibt die gleiche Handlung. / Doch was sie Strafe glauben, / ist heilige Verwandlung.“

In der Tasche seines Rocks fand sich ein Zettel, auf den ein Gedicht geschrieben war:

„Nicht länger, wenn ich tot bin, sollst du klagen, / nicht länger als der dunklen Glocke Klang / dir zuruft dumpf, dass ich zu Grabe sank, / wo bittre Würmer bittere Welt benagen. // Wenn du dies liesest, sollst du dich nicht sehnen / nach dem der’s schrieb – du bist mir lieb, bist mein –, / eh ich dich trauern weiß um mich mit Tränen, / will ich viel lieber ganz vergessen sein. // O hörst du mich? Wenn ich dereinst zu Staube / zerfallen bin und dies Gedicht dich rührt, / bleib mein gedenkend aller Rührung taub, / vergiss den Namen, den mein Leib geführt. // Denn jeder Schmerz, den diese Welt errät, / ist ihr ein Schauspiel, das sie höhnend schmäht.“

Felix Grafe
Felix Grafe
© K.K.

Zunächst dachte man, es sei ein persönliches Abschiedsgedicht, doch war es das 71. Sonett Shakespeares, das Grafe Jahre zuvor meisterlich übersetzt hatte und das so perfekt seinen eigenen Gefühlen Ausdruck verlieh.

Linke Kampfpropaganda #

Nach Grafes Tod hat sein früherer Freund aus Münchner Tagen, Heinrich Mann, in einer Sendung der BBC London für Österreich einen würdigen Nachruf gehalten. Der österreichische Exilautor Ernst Waldinger schrieb in den USA ein erschütterndes Sonett auf Grafes Tod. Alfred Kubin schuf eine faszinierende Federskizze, die den erstarrten Kopf Grafes zeigt, gewürgt von einer riesigen schwarzen Schlange. In Österreich gab es nach 1945 eine Reihe von Nachrufen und eine Gesamtausgabe der Dichtungen, die aber nicht half, Grafe aus seiner völligen Vergessenheit zu holen. Das änderte sich auch nicht, als ganze Scharen von Wohlstandsbabys im Jahr 1968 mit Hilfe östlicher Geheimdienste entdeckten, dass Hitler, den sie nur vom Hörensagen kannten, ein böser Mann war. Unerschrocken glaubten sie, den Schrecken des Nationalsozialismus erkannt und ein Monopol auf seine Aufdeckung zu haben. Es entstanden riesige Mengen von Aufsätzen und Büchern, die entgegen dem übersteigerten Selbstbewusstsein ihrer Autoren überaus geringen wissenschaftlichen Wert hatten. Man hätte annehmen können, dass ein Dichter wie Felix Grafe endlich zu seinem Recht kommen würde. Davon konnte keine Rede sein. Denn es ging ihnen um ideologische Streit- und Kampfpropaganda. Darin waren sie den Nationalsozialisten sehr ähnlich. Was konnte ihnen da ein Platoniker wie Grafe bedeuten, der im letzten Brief an seine erste Gattin geschrieben hatte: „Die Theorie des Empedokles, dass alles Leben aus Hass und Liebe besteht, ist geistreich, aber falsch. Nur die Liebe allein schafft das Leben.“

Der Autor, Jg. 1927, ist österreichischer Germanist und lehrte bis 1997 an verschiedenen US-Universitäten

DIE FURCHE, 28. Februar 2013