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Bauer und Weltverbesserer#

Ein Leben zwischen "blutsaurer Arbeit", Poesie und Widerstand: Vor 175 Jahren kam der Vorarlberger Dichter und Sozialreformer Franz Michael Felder zur Welt. Annäherung an ein Phänomen.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 20./22. September 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Petra Paterno


ranz Michael Felder mit Ehefrau (links), Mutter (Mitte) und Kindern
Franz Michael Felder mit Ehefrau (links), Mutter (Mitte) und Kindern.
© Foto: Vorarlberg Museum

"Er tut nicht wie andere." So zischelt es über ihn im Dorf. Neben der Arbeit stecke er "seine Nase in die Bücher", auch habe er Zeitungen aus Deutschland abonniert, Gottseibeiuns. "Darf denn einer, der ein Bauer ist, nichts lernen?", stemmt sich Franz Michael Felder (1839-1869) gegen Dorfklatsch und Tuschelei. Durch die Lektüre kommt er ins Grübeln: Über die engen Verhältnisse seines Standes, seiner Heimat Vorarlberg. Er ist Bauer - und wird zum Dichter und Sozialreformer, der sich mit den Mächtigen seiner Zeit anlegt, der von den Zeitgenossen über die Maßen verehrt oder hasserfüllt verfolgt wird. Tagsüber bewirtschaftet er seinen Hof, nachts schreibt er Bücher, die weit über die Landesgrenzen bekannt werden. Er ist ein Weltverbesserer. Pragmatisch und visionär. Einer, der sich nicht nur empört, sondern Probleme anpackt. Er stirbt, noch nicht 30-jährig, an Typhus. Wie hat es Felder geschafft, in kurzer Zeit so viel zu erreichen?

Der Bregenzer Wald ist ein gutes Pflaster für Sonderlinge. Die Bewohner im nordöstlichen Teil des Landes gelten im Rest Vorarlbergs als eigener Menschenschlag, maliziös, nicht nur zu Felders Zeiten, Hinterwäldler genannt. Erst in der Epoche von Internet und EU-Regionalförderung ist die Gegend über die Landesgrenzen hinweg für innovatives und nachhaltiges Handwerk bekannt geworden. Die einstige Enge des Bregenzerwaldes hat sich längst Richtung geografischer und kultureller Weite geöffnet.

Geburt im Abseits#

Als Franz Michael Felder 1839 in Schoppernau im hintersten Bregenzerwald geboren wird, war die Region von der Welt abgeschnitten. Das Dorf auf 852 Meter Seehöhe zählt kaum 500 Einwohner (heute sind es 942). Felders Geburtshaus steht noch, ein stattlicher einstöckiger Hof, gebaut mit für den Landstrich typischen Holzschindeln. Unweit vom Felder-Haus hat im Obergeschoß des neu errichteten Kulturhauses ein modernes Museum ganzjährig geöffnet, das Werk, Leben und Sterben des bekanntesten Sohns des Dorfs durchmisst. Schoppernau will Frieden mit Felder schließen. Das war nicht immer so.

Ein Leben lang polarisierte Felder, selbst nach seinem frühen Ableben ging die Fehde weiter. Stein des Anstoßes war ein Denkmal. Der Pfarrer wehrte sich gegen die Errichtung auf dem Friedhof; in einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde das Grabmal aufgestellt, eine Vorgehensweise, die von den Behörden im Nachhinein abgesegnet wurde: Das Denkmal durfte bleiben - wurde aber im Lauf der folgenden Jahrzehnte immer wieder mit Dreck beschmiert.

Die postume Häme lässt erahnen, mit welcher Art von Hetzkampagnen sich Felder zu Lebzeiten konfrontiert sah. Am Siedepunkt des Konflikts, von den Honoratioren und Pfaffen hasserfüllt am Köcheln gehalten, floh Felder gemeinsam mit seiner Frau für einige Zeit aus dem Dorf, weil sie um ihr Leben fürchteten. Es waren die für das 19. Jahrhundert geradezu archetypisch ausgetragenen Gefechte zwischen liberalen und konservativen Denkströmungen, die Felders Leben und Sterben unheilvoll prägten.

Der Bregenzerwald, im tiefen 19. Jahrhundert. Die Bauern leben vom Handel mit Milch und Milchprodukten. Die Käsehändler, "Käsgrafen" genannt, haben ein ausgeklügeltes lmport-Export-System aufgebaut, das die Landwirte der Region knebelt und knechtet. Die Monopolisten setzen den Rohproduktpreis so niedrig an, dass die Milchproduzenten kaum je aus der Schuldenfalle finden. Dito beim Holzhandel, einer weiteren wichtigen Erwerbsquelle. In einem seiner frühen Gedichte hält Felder die Malaise des Schuldenkreislaufs fest: "Denn an den Katharinentagen / Werden Bücher aufgeschlagen, / Wo die Schulden eingetragen - / Was die Väter einst verbrochen, / Wird an Kindern nun gerochen: / Fünf Prozente sind versprochen."

Franz Michael Felder näherte sich den sozialen Problemen aber nicht nur mit Hilfe der Poesie. Er lehnte sich gegen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung auf. Beeinflusst von den sozialökonomischen Werken eines Ferdinand Lassalle, angeregt von Diskussionen mit seinem Schwager Kaspar Moosbrugger, einem Verfechter des Klassenkampfes, entwickelte Felder die Idee einer Sennerei-Genossenschaft, mit dem erklärten Ziel eines Zusammenschlusses der Bauern, um deren Produkte selbst zu vermarkten. Felder rief eine Viehversicherungsgesellschaft ins Leben, um seinen Stand gegen Schadensfälle abzusichern. Das rief selbstredend die Käsgrafen auf den Plan, die ihre Machtstellung nicht kampflos aufgeben wollten. Klerikale Radikale verschworen sich überdies gegen Felder. Von den Kanzeln herab wird er als "Freimaurer" und "Rot-Republikaner" verunglimpft.

Die Reformpartei#

Franz Michael Felder hatte aber nicht nur Feinde. Mit Gleichgesinnten gründete er eine Reformpartei in Vorarlberg, die den Einzug in den Landtag nur knapp verpasste; in Schoppernau wird Felder Gemeinderat. Im Dorf bewegte er viel. Er organisierte die Verbreitung von Zeitungen zwischen entlegenen Weilern, gründete eine Leihbibliothek. 1862 sorgte er für eine Feier zu Shakespeares 300. Geburtstag - an der Bregenzer Ach, einem Zufluss des Bodensees, wurden zu Ehren des Dichters Feuer, so genannte Funken, entzündet, eine Musikkapelle spielte auf, Felder hielt die Laudatio auf den Jubilar. Der Außenseiter brachte es im Dorf zu gewissem Ansehen. "Wenn du nicht da bist, ist es hier öd, fad und leer", schrieb Schwager Moosbrugger an Felder, als dieser sich 1867 eine Weile in Leipzig umtat.

Als Schriftsteller reizt Bauer Felder Feind und Freund. Es erscheinen neben den politischen Essays das Erstlingswerk "Nümmamüllers und das Schwarzokaspaleder" (1863) der Zeitroman "Sonderlinge" (1867) und der Sozialroman "Reich und arm" (1868). Von der konservativen Presse erntet der Autor vernichtende Kritiken, der Leipziger Germanist Rudolf Hildebrand dagegen setzt sich für seinen späteren Freund Felder ein. Hildebrand veröffentlicht in der auflagenstarken Zeitschrift "Die Gartenlaube" hymnische Besprechungen und macht die literarische Welt mit dem Eigenbrötler aus dem fernen Wald bekannt. Der Autor wird Ehrenmitglied des Leipziger Germanistenclubs; er arbeitet beim Grimmschen Wörterbuch mit. Er legt eine Sammlung von Dialektwörtern an und beschäftigt sich, durch Hildebrand angeregt, mit dem erdigen Vorarlberger Idiom.

Felder, 1867.
Felder, 1867.
© Foto: Vorarlberg Museum

Allein: Franz Michael Felder bleibt ein Außenseiter in der Welt der Literatur, der nach seinem Tod 1869 bald in Vergessenheit geraten wird. Sein wohl bedeutendstes Werk, die Autobiografie "Aus meinem Leben", findet jahrelang keinen Verleger und erscheint postum 1904. "Aus meinem Leben" begann Felder 1868 zu schreiben, nach dem Tod seiner geliebten Frau Anna Katharina, genannt Nanni, mit der er fünf Kinder hatte. Die Lebensgeschichte ist schonungslose Anklage und Bericht einer Selbstwerdung zugleich: Felder erzählt darin von seiner Jugend, von Ärzten, die ihm beinahe das Augenlicht raubten, von seiner großen Liebe zu Nanni. Er betrauert den frühen Tod des Vaters, notiert die Auswirkungen der Isolation im Dorf und erinnert sich an die früh einsetzende Freude am Lesen.

Felders rechtes Auge war von grauem Star betroffen, der wohl ein abnorm kleines Sehorgan bedingte. Seinerzeit hielt man den an sich harmlosen medizinischen Defekt für ein böses Omen. Mit einem Jahr brachte man Franz Michael zu einem Arzt. Der alkoholisierte Kurpfuscher behandelte das gesunde linke Auge. Zeitlebens laborierte Felder an seiner Beinahe-Blindheit.

"Aus meinem Leben" erzählt viel über den Einzelnen im Widerstand und die entschwundene Allmacht der Religion, über bäuerliches Leben im 19. Jahrhundert und eine Region im Umbruch: eine Fundgrube der Poesie und einer längst vergangenen Epoche. Das Buch zeigt auf, wie Handlungs- und Existenzspielräume sich dehnen lassen, wie Auflehnung gegen Übermacht und Arroganz wirksam werden kann.

Dennoch zählt Felder nach wie vor zu den am wenigsten gelesenen Autoren seiner Zeit, zu einem Schriftsteller, dessen Lektüre noch immer eindringlich empfohlen werden muss - auch wenn sein gesamtes literarisches und essayistisches Werk und der gesammelte Briefwechsel in einer 12-bändigen Werkausgabe vorliegen und 1969 eigens ein bis heute das Andenken des Autors umtriebig fördernder Franz-Michael-Felder-Verein gegründet wurde.

Liebling der Autoren#

Das mag auch daran liegen, dass das Werk lange Zeit politisch beliebig vereinnahmt wurde. "Felder war ein Argument, ein Steinbruch, aus dem man holt, was man braucht", notierte der Vorarlberger Romancier Michael Köhlmeier über den Dichterkollegen; Liberale, Christsoziale, Sozialdemokraten, selbst Nationalsozialisten seien, so Köhlmeier, bei Felder fündig geworden. Erst in der "Anti-Heimat"-Literatur der späten 1960er und 1970er Jahre erfährt das Werk Felders verstärkt literarische Aufmerksamkeit: Felder wird zum "Writer’s Writer", zum Liebling vieler Autoren, aber keines breiten Leserpublikums. Erneut Schwung in die Felder-Rezeption kommt 1985, als Peter Handke für die Neuausgabe von "Aus meinem Leben" ein enthusiastisches Vorwort besteuert.

2014 feiert Franz Michael Felder seinen 175. Geburtstag. Sein Sterben war vielleicht halbwegs versöhnt. "Ich stehe äußerlich allein, aber ich bin in der Welt und habe die Welt in mir, in mir hab‘ ich sie mit blutsaurer Arbeit überwinden gelernt, und seitdem ist sie mir erst lieb", notierte er im Todesjahr 1869. Die Welt ist nach wie vor kein lichter Ort. Ändern wir sie im Geiste Felders. Pragmatisch und visionär.

Petra Paterno hat Theaterwissenschaft studiert und ist Feuilletonredakteurin und Theaterkritikerin der "Wiener Zeitung".

--> www.felderverein.at

Wiener Zeitung, Sa./So., 20./22. September 2014