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„Es ist die Zeit des stummen Weltgerichts“ #

Friedrich Hebbel zeigte die Erstarrung der (klein)bürgerlichen Normen, seine Geschichtsdramen spiegeln die Krise der anbrechenden Moderne. Eine Erinnerung anlässlich Hebbels 150. Todestag am 13. Dezember. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 12. Dezember 2013)

Von

Wolfgang Häusler


Friedrich Hebbel
Friedrich Hebbel. Sein 200. Geburtstag am 18. März dieses Jahres ging neben den Jahresregenten Verdi und Wagner unter. Allzu selten werden seine Dramen gespielt, die sich u. a. mit dem Kampf der Geschlechter beschäftigen.
Foto: IMAGNO/Austrian Archives

Von der Höhe des k. k. Hofburgtheaters schauen dreimal drei Große des europäischen und deutschsprachigen Dramas auf uns herab. Von den drei „Österreichern“ scheint nur der vergessene Friedrich Halm mit sich und der Welt zufrieden – Eligius Freiherr von Münch-Bellinghausen brachte es immerhin zum Generalintendanten beider Hoftheater.

Wie anders Grillparzer und Hebbel! Selbst die geschönte Büste zeigt das Unbehagen in den Zügen des beamteten Poeten, der zur Zeit von Hebbels Erfolgen nur mehr für die Schreibtischlade schrieb, und die Physiognomie des zum Wahlwiener mutierten norddeutschen „Pantragikers“ wirkt verhärmt.

Österreichs Klassiker standen einander kritisch gegenüber. Grillparzer reimte „Neb(b)el“ auf Hebbel. Stifter wurde von Hebbel als kleinlicher „Naturdichter“ missverstanden, obschon Hebbel einige der schönsten Naturgedichte deutscher Sprache schrieb („Nachtlied“, „Herbstbild“). Sein tragisches Weltgesetz war nicht sanft.

Hebbel erlebte gerade noch die Anfänge der Ringstraßenepoche, in seinem Blickfeld liegen Rathaus, Reichsrat, Volksgarten, Hofburg und – Heldenplatz, jene „kleine Welt Österreich, in der die große ihre Probe hält“ (1862). Sein 200. Geburtstag am 18. März ist in der grandiosen Musik seiner Jahrgangskollegen Verdi und Wagner untergegangen, der Komponisten von national(istisch)em Schmerzensschrei, Triumphmarsch und Zukunftsmusik. Man gedachte Hebbels, ernsthaft in aller Stille, in der Pfarrkirche des holsteinischen Heimatstädtchens Wesselburen, und mit einem Symposion in Wien, bei dem immerhin Xiaoqiao Wu zur Hebbel-Rezeption in China sprach.

Hebbels „Nibelungen“ werden derzeit vom deutschen Regietheater malträtiert, zuletzt in Jorinde Dröses Frankfurter Inszenierung mit Interjektionen wie „Och Quatsch“ oder dem Streit der Königinnen angesichts von „Siggi-Lusche“ als „Lara Croft meets Barbie“, unter „Hagens toten Augen in der Geisterbahn“. „Von seinem Deutschtum“ habe Dröse „das zeitlose Drama in der Businessburg befreit“, lernen wir.

Kampf der Geschlechter #

Erst für Februar 2014 hat das Burgtheater die Inszenierung der „Maria Magdalena“ angekündigt. Allzu selten nimmt sich die Bühne des psychologischen und vorauseilend psychoanalytischen dramatischen Vermächtnisses zum Kampf der Geschlechter an, zwischen Eros, Schuld und Tod: „Judith“, „Genoveva“, „Herodes und Mariamne“, „Agnes Bernauer“, „Gyges und sein Ring“.

Büchners „Dantons Tod“ fand Hebbel „herrlich“ – was hätte er wohl zum kongenialen „Woyzeck“ gesagt? Mit Kierkegaard teilte er die existenzielle Selbsterforschung, im poetischen Werk ebenso wie in den „Tagebüchern“, immer wieder gemessen am protestantischen Bibelverständnis. Dies zeigt die Variation des Titels: „Maria Magdalena/e“. Die von der Männerwelt in den Selbstmord getriebene Dulderin heißt nicht wie die im Titel angekündigte büßende Sünderin Magdalena, sondern einfach Klara. Was Hebbel am Beispiel dieser Schwester Gretchens zeigt, ist die Erstarrung der Normen der (klein)bürgerlichen Gesellschaft – am Ende versteht der Vater, Tischlermeister Anton, „die Welt nicht mehr“. Weder der gefährdete Bruder noch die beiden um sie werbenden Männer können ihr Halt geben. Deren Berufe – der Schreiber Leonhard und der namenlose Sekretär – sind als Erinnerung an das Streben des Maurertaglöhnersohnes zu Bildung und Bürgerlichkeit zu verstehen. Beide wissen sich nichts Gescheiteres, als einander im falschen, von Adel und Militär entlehnten Ehrenkodex totzuschießen.

Hebbel arbeitete hier Schuldgefühle ab, gegenüber der um neun Jahre älteren Elise Lensing, die sich für den halb verhungerten Literaten und Studenten in Hamburg aufopferte, mit ihm zwei früh verstorbene Kinder hatte – und der er die Ehe verweigerte. In München hatte er bei seinem Logisgeber Tischler Schwarz das Milieu kennen gelernt; mit der Tochter Beppi hatte er ein Verhältnis. Zwischen der Entstehung der „Maria Magdalena“ (1843) und der Aufführung am revolutionierten Burgtheater am 8. Mai 1848 liegt 1846 die Heirat mit der Braunschweiger Burgschauspielerin Christine Enghaus, die gefeierte Heroine seiner Frauenrollen. Die großherzige Christine knüpfte mit Elise freundliche und hilfreiche Kontakte an.

Bürgertum in welthistorischer Perspektive #

Hebbel stellte sein bürgerliches Trauerspiel in eine große welthistorische Perspektive. Mit Hegel deutete er in seinen Dramen „Zeitenwenden“, so in „Moloch“ und im Projekt „Christus“, das ihn noch im letzten Lebensjahr beschäftigte. Die wenigen Textsplitter geben zu denken: Die erste Szene, „im Hintergrund das große Getriebe des römischen Reiches“, handelt von Maria Magdalena als „Jugendliebe von Christus“, die „in Sünde fällt, macht sich seiner unwürdig, kommt dadurch aber zu Gott und zum Gott in ihm.“ – Angesichts solcher Visionen etablierte sich der erfolgreiche Dramatiker als Besitzbürger. Beim Ankauf des Sommerhauses in Orth bei Gmunden (1855) freute es ihn am meisten, dass er sich als „Grundeigentümer selbst die Fenster einschmeißen“ könnte. Ist es allzu verwegen, einen Bezug zu Thomas Bernhard herzustellen?

Vorangegangen war die Revolution von 1848, da man „das Pflaster des Staates und der Gesellschaft“ aufgerissen hatte. Hebbel war unter den Demonstranten des 13. März. Erfolglos kandidierte er für Frankfurt; zur Donquixoterie wurde die Mission zu dem aus Wien geflohenen Kaiser Ferdinand. Am 18. April 1848 notierte er zum deutsch-österreichischen Dilemma: „Die lieben Östreicher! Sie sinnen jetzt darüber nach, wie sie sich mit Deutschland vereinigen können, ohne sich mit Deutschland zu vereinigen! (…) Wenn zwei, die sich küssen wollten, sich dabei den Rücken zuzukehren wünschten!“ Als ich 1993 unter diesem Motto in Wesselburen sprach, hatte sich eine kleine Katastrophe zugetragen: Das Hebbel- Haus hatte Hebbels Sterbebett aus der Josefstädter Wohnung erhalten – während einer Reinigungsaktion gerieten die Bettteile in den Sperrmüll, der prompt auf der glosenden städtischen Schutthalde „Schweineheide“ entsorgt wurde – nur wenige verkohlte Fragmente dieser Reliquie konnten noch geborgen werden. Der Vorfall wäre des Erzählers Hebbel würdig gewesen –‚ seine Novellen sind das missing link zwischen Jean Paul und Kleist hin zu Kafka.

In der Krise der anbrechenden Moderne #

1848 wurde der Dichter durch den Kritiker Sigmund Engländer politisiert. Engländer, wie viele Freunde Hebbels Jude, gab das Karikaturenblatt „Katzenmusik“ heraus und drängte Hebbel zum „socialen Drama“. Diese Impulse verarbeitete Hebbel in seinem nachrevolutionären, zur Idylle zurechtgebogenen Versepos „Mutter und Kind“. Die Frage der Überbevölkerung wird in krassen Elendsbildern aufgeworfen; ein aus Amerika zurückgekehrter Tischler predigt den revolutionären Kommunismus. Hebbel zeigt sich versiert, außer den Lehren von Malthus kennt er den utopischen Kommunismus Weitlings, den Anarchismus Proudhons, er hatte Schriften von Engels gelesen und beschwört die „roten Gespenster“. Schon 1845 schrieb er angesichts der Hungergesichter der Lazzaroni in Neapel von einer „drohenden Mordschlacht zwischen den Besitzenden und den Proletariern“. Hebbel tat nicht den Schritt vom Liberalismus zur Demokratie, obgleich er schon 1837 erkannt hatte: „Wenn eine Revolution verunglückt, so verunglückt ein ganzes Jahrhundert, denn dann hat der Philister einen Sachbeweis.“ Er hielt an der Monarchie als notwendiger Staatsform fest.

Seine Geschichtsdramen, zuletzt der Anlauf zum „Demetrius“, sind keineswegs historistisch, sie spiegeln die Krise der anbrechenden Moderne. Im Brennpunkt des österreichischen Staats- und Reichsproblems stand die nationale Frage. In der Kontroverse zwischen Föderalismus und (Deutsch)Zentralismus, im widerspruchsvollen Ringen um einen parlamentarischen Neubeginn (Oktoberdiplom – Februarpatent) richtete Hebbel 1861 „An Seine Majestät, König Wilhelm I. von Preußen“ jenes fatale Gedicht, das die slawischen „Bedientenvölker“, „Czechen und Polacken“, die „ihr strupp’ges Karyatidenhaupt schütteln“, verhöhnte. Noch an seinem Lebensabend wurde der dänische Untertan Hebbel in Kommersen der deutschnationalen Burschenschaften in der Schleswig-Holstein- Frage gefeiert – jener Konflikt, der 1864 in den Dänischen Krieg führte und von Bismarck weiter in den Deutschen Krieg von 1866 gelenkt wurde.

Am Matzleinsdorfer Evangelischen Friedhof hat Hebbel sein Grab gefunden. Sein König Kandaules hat den künftigen Machtusurpator Gyges davor gewarnt, „an den Schlaf der Welt zu rühren“. Dies haben Hebbels Dramen unentwegt getan, im steten Blick auf die politische, soziale, nationale Revolution. Geschichte als Gegenwart: „Unsere Zeit“ ist jenes Gedicht überschrieben, das wir im Titel zitieren.

Der Autor ist em. Univ.-Prof. für Österreichische Geschichte


DIE FURCHE, Donnerstag, 12. Dezember 2013