unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Sinnsuche und –verweigerung #

Die Schöpfung einer ‚wahren‘ Welt nach eigenen Gesetzen wurde Georg Trakl zum Lebenssinn. Doch vor 100 Jahren, am 3.11.1914, setzte der Dichter seinem Leben mit einer Überdosis Kokain ein Ende. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 30. Oktober 2014)

Von

Eberhard Sauermann


Georg Trakl
Georg Trakl
Foto: © Forschungsinstitut Brenner-Archiv Innsbruck

Georg Trakl, geboren am 3.2.1887 in Salzburg, stammte aus einer gebildeten und wohlhabenden bürgerlichen Familie. Der finanzielle Rückhalt war jedoch nur bis zum Tod seines Vaters gegeben, seine Beziehung zur Mutter war gestört. Zu seiner jüngsten Schwester Gretl hatte er ein enges, wahrscheinlich inzestuöses Verhältnis, er versorgte sie mit Drogen. Trakl war eine physisch kräftige Natur, schätzte Rauschgift und Alkohol. Er musste das Gymnasium abbrechen und absolvierte nach einer Apothekerlehre ein Pharmazie- Studium in Wien.

Bereits mit 19 Jahren brachte Trakl zwei Dramen am Salzburger Stadtheater zur Aufführung und einen Prosatext zur Veröffentlichung. Bald danach entstanden die ersten Gedichte, 1908/09 erschienen einige in Salzburger Tageszeitungen, im Sommer 1909 übergab er seinem Freund Erhard Buschbeck eine Sammlung von Gedichten zur Veröffentlichung.

Nach Beendigung seines militärischen Präsenzdienstes bewarb sich Trakl um eine Stelle im Arbeitsministerium. Doch dann beantragte er beim Kriegsministerium seine Übernahme in den Aktivstand der Militärmedikamentenbeamten; am 1.4.1912 nahm er seinen Probedienst in der Apotheke des Garnisonsspitals in Innsbruck auf. Nach dessen Beendigung vermerkte Trakls Vorgesetzter in der Dienstbeschreibung, Trakl sei für den Berufsstand ungeeignet, zumal er die Arbeiten wann immer möglich jemandem anderen übertrage.

Unfähig fürs bürgerliche Leben #

Der Anschluss an den Brenner-Kreis um Ludwig von Ficker in Innsbruck gewährte ihm einen gewissen Halt. Er versuchte sich in das bürgerliche Leben zu finden, war aber dazu unfähig; er bemühte sich um Stellen in den genannten Ministerien, hielt es aber an der einen nur wenige Tage aus, an der andern ein paar Stunden. Hatte er schon 1913 zeitweise bei Ficker in Mühlau und bei dessen Bruder auf der Hohenburg bei Igls gewohnt, so durfte er 1914 großteils auf ihre Kosten leben. Im Juli 1914 erhielt er von der Summe, die Ludwig Wittgenstein Ficker zur Verteilung an bedürftige Künstler Österreichs zur Verfügung gestellt hatte, umgerechnet 80.000 Euro; doch bevor er anfangen konnte, das Geld auszugeben, musste er einrücken. Er war seinen Aufgaben als Militärapotheker nach der Schlacht von Grodek nicht gewachsen und wurde nach einem Selbstmordversuch in die Psychiatrische Abteilung des Garnisonsspitals in Krakau eingewiesen. Am 3.11.1914 setzte Trakl seinem Leben mit einer Überdosis Kokain ein Ende. Er wurde auf dem Rakoviczer Friedhof in Krakau beerdigt, 1925 erfolgte die Überführung seiner sterblichen Überreste auf den Neuen Mühlauer Friedhof in Innsbruck.

Seit Trakl die Erfahrung machte, wie fasziniert Ficker und andere Mitglieder des Brenner-Kreises von ihm und seiner Dichtung waren, sah er im Dichten die größte Chance auf Anerkennung; die Schöpfung einer „wahren“ Welt nach eigenen Gesetzen wurde ihm zum Lebenssinn. Ficker brach- te in jedem Brenner-Heft ein Gedicht von Trakl, im renommierten Leipziger Kurt- Wolff-Verlag erschienen die Gedichtbände „Gedichte“ und „Sebastian im Traum“. Seit Herbst 1912 machte sich im Brenner eine verstärkte Hinwendung zu Fragen der christlichen Existenz bemerkbar. In Trakls Gedichten sah Ficker die individuelle und allgemeine Schuld des Menschen betont und die erlösungsbedürftige Schöpfung in den Mittelpunkt gerückt; ein Dichter war für ihn ein stellvertretend für die Menschheit leidendes Individuum.

Poesie als Medium des Denkens #

Im Allgemeinen wird Trakl zu den Expressionisten gerechnet, doch großstädtische Modernität und intellektuelle Legitimation treffen auf ihn nicht zu. Statt des vitalistischen Aufbruchs eine Stimmung des schönen Untergangs, statt des Entwurfs einer utopischen Gesellschaft und der Menschheitsverbrüderung das krisenhafte Schicksal des Individuums. Als expressionistisch können in seiner Lyrik die Motive des Sinnverlusts und Verfalls gelten, aber auch die chiffrierte Sprechweise und die Reihung isolierter Wahrnehmungen. Die Farbe wird als abstrakter Eindruck aufgenommen, dessen konkrete Bedeutung aus dem Kontext nicht zu erschließen ist.

Die poetische Sprache ist für Trakl ein Medium des Denkens; der Gedanke kann nach seiner schriftlichen Objektivierung für gut befunden oder verworfen werden. Mehrfach überarbeitet er seine Gedichte, sogar gedruckt vorliegende. Die Änderungen wirken oft wie ein Versuch, in einer verdichteten Komposition die traditionelle Erwartungshaltung des Lesers zu durchbrechen, ihn zu einer Sinnsuche herauszufordern und diesen Sinn zugleich zu verweigern. Trakl übernimmt vor allem von Rimbaud und Hölderlin, aber auch aus der Bibel Stilelemente, Motive und Bilder, er benützt diese Texte quasi als Steinbruch. Das erfolgt in einer Kombination, wie es sie in der deutschen Literaturgeschichte zuvor noch nie gegeben hat. Trakl fügt auch Bilder aus eigenen Texten mosaikartig zu neuen Gebilden zusammen, ja montiert verschiedene Texte zu einem Gedicht. Man kann in Trakl einen Sprachmagier sehen, der die faszinierende Wirkung „dunkler“ Dichtung angestrebt hat.

DIE FURCHE, Donnerstag, 30. Oktober 2014