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Höhenflug und Todessturz#

Vor 100 Jahren nahm sich der Grazer Student Ernst Goll das Leben#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung (Freitag, 13. Juli 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

von

Christian Teissl


Nur wenige wussten damals, dass Goll ein reiches lyrisches Werk geschaffen hat, das nun neu aufgelegt wird.#

Ernst Goll
Ernst Goll (1887-1912)
© Wiener Zeitung

Vor hundert Jahren wurde in den Metropolen der Alten Welt ein neuer Erdteil entdeckt: der Kontinent neuen künstlerischen Ausdrucks, neuen Schauens, Sagens und Gestaltens. Die ihn entdeckten und als Erste besiedelten, waren nicht Angehörige der damaligen kulturellen Eliten, sondern in der Regel jugendliche Außenseiter, Visionäre und Unruhestifter, die das Bestehende attackierten, überkommene Formen zertrümmerten und sich dem Althergebrachten, Tradierten und Normierten mit aller Entschiedenheit widersetzten.

Das Jahr 1912 erwies sich für diese neue Generation programmatischer Provokateure als ein annus mirabilis, nicht nur in deutschen Landen, sondern europaweit. Von einem "Gipfeljahr europäischer Literatur" sprach jüngst der Literaturkritiker Michael Braun in einem kenntnisreichen Essay, von einer "fantastischen Bündelung kultureller Energien und ihrer Freisetzung auf dem Terrain der Literatur", und zwar über Sprach- und Staatsgrenzen hinweg, in atemberaubendem Tempo: Kaum hatte in Berlin Gottfried Benn seinen "Morgue"-Zyklus als Flugblatt veröffentlicht, schuf in Paris Apollinaire seine revolutionäre Großstadthymne "Zone".

Lyrisches Testament#

Im selben Jahr, doch weit entfernt von den Schauplätzen dieser ästhetischen Revolutionen, in Graz, dem "Pensionopolis" einer altersmüden Monarchie, machte der 25-jährige Ernst Goll sein Testament, indem er die folgende lyrische "Grabschrift" verfasste:

Die Menschen haben mich zu sehr gequält,
Und allzu schwer empfand ich meine Bürde.
Da trat ich frierend aus dem Tor der Welt
Und wünschte nichts, als daß mir Ruhe würde.

Die ihr an meinem frühen Grabe steht,
Verlöschet sanft die blassen Totenkerzen,
Gebt mir nicht Tränen, gebt mir kein Gebet:
Es führt kein Weg zu meinem kühlen Herzen.

Doch jenem andern, der noch Atem holt,
Bekränzt den Weg mit roten Liebesrosen
Und wertet seine Menschheit nicht nach Gold,
Daß er nicht flüchte zu den Lebenslosen.

Als Goll diese Zeilen schrieb, war er in seiner Heimat kein gänzlich Unbekannter mehr; spätestens seit seiner ersten öffentlichen Vorlesung im Februar 1912 galt er in Graz unter Kennern als Nachwuchshoffnung. Vom weiten Weg aber, den er bereits zurückgelegt hatte, wussten nur ganz wenige Freunde. Es war ein von Krisen gepflasterter Weg der konsequenten Reduktion, der ihn von der poetischen Schablone zum geschliffenen Wort führte, von einer geblümten romantischen Sprache zu knappen, prägnanten Strophen, die bisweilen fast kunstlos und wie improvisiert wirken und doch, Wort für Wort und Vers für Vers, präzise erarbeitet sind, mit einem ausgeprägten Sinn für sprachliche Architektonik. Manche Textvarianten und Entwurfskizzen, die sich in seinem Nachlass finden, belegen eindrucksvoll, wie sehr seine poetische Arbeit einer langwierigen Suchbewegung glich, mit allem Vor und Zurück, allen Umwegen und Irrwegen, allen Unsicherheiten und unerwarteten Lösungen.

Lakonische Moderne#

In seiner letzten Schreibphase, 1911/12, gelang es ihm schließlich, formal an der Tradition festhaltend, sprachliches Neuland zu betreten und in die alten Schläuche des strophisch gebauten und gereimten Gedichts neuen Wein zu füllen. So sind in seinem letzten Lebenswinter Bildnisse entstanden wie jenes von den "Skifahrern":

Sie schritten auf eilenden Füßen
Die schneeigen Hänge empor,
Ein letztes verhallendes Grüßen
Der Morgenglocken im Ohr.

Dann fielen die Flocken dichter
Und hinter der Nebelwand
Versanken die bunten Lichter
Vom atmenden Menschenland.

Da ritt auf schnaubenden Rossen
Der Tod seine Königsbahn,
Hielt still vor den Fahrtgenossen
Und sah sie schweigend an.

Da riß vor den zitternden Lidern
Der Maja-schleier der Zeit,
Da löste von ihren Gliedern
Sich blutend das Menschenkleid.

Binnen kurzer Zeit hatte Goll wie in einem Zeitraffer eine außerordentliche poetische Entwicklung durchlaufen, die ihn aus redseliger, verklärender Epigonalität herausführte und ihn dazu ermächtigte, auf eine ihm gemäße, lakonische Weise Zeitgenossenschaft zu üben. Am Ende dieser Entwicklung war er nicht mehr darauf angewiesen, die Welt zu verklären und sein Leben zu poetisieren, hatte seine Poesie doch sein Leben längst schon überrundet. Sein lyrisches Ich war vorausgegangen und hatte vorausvollzogen, was sein biographisches Ich nur noch nachzuvollziehen hatte, in erschreckender Konsequenz.

"Freitag, den 12. Juli, war sein Entschluss gefasst. Er ließ sich rasieren, badete, kleidete sich mit schöner Wäsche und ging zur Universität. Welch ein Martyrium mag dieser Nachmittag gewesen sein!", schreibt sein Dichterfreund und literarischer Nachlassverwalter Julius Franz Schütz in einem bisher unveröffentlichten Gedenkblatt, in dem er auch den Versuch unternimmt, die letzten 24 Stunden im Leben Ernst Golls zu rekonstruieren:

"Samstag 10 Uhr vormittags verließ er die Wohnung zum letzten Mal. Sein Zimmer war in tadelloser Ordnung, ein kleines Handkofferchen enthielt sämtliche Briefe und Andenken von seiner Braut, eine braune Mappe mit seinen Gedichten lag da [...], auf der Mappe eine weiße Schachtel, die Tagebücher enthaltend. Mappe und Schachtel waren sorgfältig adressiert. Auf der Schachtel lagen die Schlüssel. - Mittags verließ er die Universität auf eine kurze Zeit, ohne zu speisen [,] um dreiviertel ein Uhr sprach er den Portier um etwa eingelaufene Briefe an. Er erledigte noch rasch die Korrespondenz und begab sich ruhigen Schrittes in den zweiten Stock, wo er bis halb zwei Uhr hin und herging, unglaubliche Mengen Wasser zu sich nahm und wartete, bis der Gang menschenleer war. Dann nahm er ein Tuch, das er sich daheim schon gefaltet und gedreht hatte (ein zweites ebenso gedrehtes lag bei seiner Wäsche), band sich dasselbe um den Hals und zog es fest, vielleicht um sich zu betäuben. So sprang er in die Tiefe."

Unter dem Titel "Selbstmord eines Rigorosanten" meldete die "Neue Freie Presse" tags darauf: "Aus Graz wird uns berichtet: Der Kandidat der Philosophie Ernst Goll, ein Sohn des Oberpostmeisters Goll in Windischgrätz, hat heute aus Furcht vor dem abzulegenden Rigorosum durch Sturz vom zweiten Stockwerk des Universitätsgebäudes auf die Straße Selbstmord verübt."

Postume Beachtung#

An Pressemeldungen wie diese anknüpfend, in denen lediglich von der Prüfungsangst des Kandidaten die Rede war, nicht jedoch von der viel größeren, abgründigeren Angst des Dichters, notierte Peter Rosegger einige Wochen später in seinem "Heimgarten": "Ein Student, hat man gesagt, der sich vor dem Rigorosum gefürchtet. Das war vielleicht anders, es war ein Idealist, der überhaupt dieses Leben nicht mehr ertrug. Er mochte geahnt haben, daß sein Schönheitsdrang ihn zu Ehre und Ruhm führen könne, aber das war ihm zu wenig, ein zu geringer Ersatz für die Qualen eines Erdenlebens unter Philistern. [...] Wir haben wahrscheinlich an ihm einen bedeutenden Dichter verloren, ohne ihn zu besitzen."

Erstaunlich rasch kam es in weiterer Folge zur Drucklegung von Golls Gedichten. Julius Franz Schütz nutzte hiefür seinen Kontakt zum Egon Fleischel-Verlag, einem Berliner Verlagshaus, das die Werke von dazumal viel gelesenen Autorinnen und Autoren wie Clara Viebig, Georg Hermann und Cäsar Flaischlen betreute. In derart illustrer Umgebung erschien bereits im Spätherbst 1912 der von Schütz zusammengestellte Band "Im bitteren Menschenland", ein Debüt im Trauerflor, das im gesamten deutschen Sprachraum positive Resonanz erhielt. Es enthält nicht ganz zwei Drittel von Golls lyrischem Nachlass, vornehmlich Arbeiten aus seinen letzten drei Lebensjahren, allerdings nicht in chronologischer Reihung, sondern nach thematischen Zusammenhängen und zugunsten fließender motivischer Übergänge geordnet.

Steht die "Grabschrift" am Ende dieses Bandes und aller späteren Ausgaben bis auf jene von 1943 - damals fiel sie, wie auch der Titel des Bandes, der NS-Zensur zum Opfer -, so steht ganz am Beginn das im Juni 1911 entstandene Gedicht "Königszug". Es ist eine hymnische Feier der Jugend und zeigt, wie sehr auch Goll auf seine Weise Anteil hat am geistigen Aufbruch jener Jahre.

In Kurt Pinthus’ "Menschheitsdämmerung" und seither in jeder besseren Expressionismus-Anthologie findet man das Gedicht "Aufbruch der Jugend" des schlesischen Dichters Ernst Wilhelm Lotz, der mit 24 Jahren im Sommer 1914 an der Westfront gefallen ist: "Aus unsern Stirnen springen leuchtende, neue Welten,/ Erfüllung und Künftiges, Tage, sturmüberflaggt! -" So endet die letzte Strophe dieses ekstatischen Programmgedichts; es findet eine ebenbürtige, zeitgleiche Entsprechung in Golls "Königszug": "Die Augen heiß, die Stirnen weinumlaubt/ Und Fahnenwimpel über unserm Haupt, // So ziehn wir aus, den Sonnenweg entlang,/ Und unser Lied ist Frühlingssturmgesang: // Du, Vater, in dem engbegrenztem Haus, / Sieh, unsre Sehnsucht breitet Schwingen aus! // Du, Mutter, die uns eng umfangen hält,/ Hör, unser Herz gehört der ganzen Welt!"

Der letzte Vers ist für Goll emblematisch: So oft auch rechtsgerichtete Publizisten in den letzten hundert Jahren versucht haben, ihn auf seine Herkunft zu reduzieren, ihn zum Heimatdichter zu stempeln, zum Sänger der alten Südsteiermark, des "verlorenen Unterlandes", die Substanz seiner Poesie konnten sie dadurch nicht zerstören. Golls Ort ist nicht irgendein dahingeschwundenes grünweißes Arkadien, sondern die österreichische Moderne.


Christian Teissl, geboren 1979, lebt als freier Schriftsteller in Graz.

Wiener Zeitung,, 13. Juli 2012