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Mit einem Buch zum Ruhm#

Der Roman "Schlump" ist das einzige Buch von Hans Herbert Grimm - reicht ein Buch, um als Autor bedeutend zu sein?#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Donnerstag, 12. Juni 2014)

Von

Edwin Baumgartner


Die Etappe im Ersten Weltkrieg
Die Etappe im Ersten Weltkrieg: Hans Herbert Grimms Roman "Schlump" schildert sie ebenso, wie auch Kampfhandlungen, distanziert und teils ironisch. Das Ergebnis ist ein literarisches Meisterwerk.
© apa/ Schweizerisches Bundesarchiv

Und jetzt stellen wir uns einmal vor, Johann Wolfgang von Goethe hätte nur "Werther" geschrieben. "Werther" und sonst keine Zeile. Keinen "Faust", keine "Iphigenie", keinen "Erlkönig" und auch nicht "Wanderers Nachtlied". Nur "Werther". Würde ihn der eine Geniestreich zum großen Dichter machen? Zur tragenden Säule der deutschsprachigen Kultur?

Man kann das Gedankenexperiment weiter zuspitzen: Gesetzt den Fall, wir hätten aus Friedrich Hölderlins Feder einzig und allein das Gedicht "Hälfte des Lebens" - eines der grandiosesten Gedichte der gesamten Literaturgeschichte, zweifellos. Aber würde Hölderlin dieselbe Stellung einnehmen, die ihm zu Recht zugedacht ist, hätte er nur dieses eine Gedicht geschrieben?

Genügt also ein Gedicht, ein Buch, um ein großer Autor zu sein?

Der Roman eines Unbekannten#

Im Verlag Kiepenheuer und Witsch ist unlängst ein Buch erschienen, das solche Fragen nachdrücklich mit "ja" zu beantworten scheint: "Schlump". Der Autor ist ein gewisser Hans Herbert Grimm, Deutscher, 1896 geboren, Lehrer für Deutsch und Französisch von Beruf, im Zweiten Weltkrieg seines Postens enthoben und eingezogen, nach dem Krieg als Dramaturg tätig; 1950 nahm er sich in Altenburg das Leben. Das ist so ziemlich alles, was man über ihn weiß.

Und eben, dass er den Roman "Schlump" verfasst hat, der 1928 anonym herauskam und auch ins Englische übersetzt wurde; 1933 landete das Buch auf den Scheiterhaufen der Nationalsozialisten. Als sich Grimm nach 1945 zur Autorenschaft bekannte, war das Buch längst dem kollektiven Gedächtnis entschwunden.

Dass es jetzt dahin zurückkehren kann, ist zweifellos der Veröffentlichungshysterie in Sachen Erster Weltkrieg geschuldet: In "Schlump" werden die Kriegserlebnisse Emil Schulz’ berichtet. Der Tonfall ist ironisch distanziert, man spürt in der Diktion die Neue Sachlichkeit (man fühlt sich bisweilen auch an Isaak Babels "Reiterarmee" erinnert, wenn die kühle Mitteilungsprosa nahtlos in Poesie übergeht), wobei die Brechung beim Untertitel beginnt: "Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz, genannt ,Schlump‘, von ihm selbst erzählt", heißt es da - aber geschrieben ist das Buch in dritter Person. Spricht Schlump von sich als "er"?

Wer schreibt nur ein Buch?#

Der Roman, gerade einmal 325 eher kleinformatige Seiten lang, beschreibt das Leben in der Etappe, es gibt Grotesken, viel Sex und eine Beschreibung der Kriegsgräuel, wie sie drastischer auch Erich Maria Remarque in seinem (im gleichen Jahr veröffentlichten) stilistisch weit unterlegenen Roman "Im Westen nichts Neues" unternommen hat. Gerade das Kolportagehafte Remarques fehlt Grimm. "Schlump" hat nur eine Parallele - und es ist die bestmögliche: Jaroslav Haeks "Abenteuer des guten Soldaten vejk im Weltkrieg".

Hans Herbert Grimm
Hans Herbert Grimm
© Kiepenheuer & Witsch

Doch abgesehen von der Entdeckung eines erstklassigen Buchs: Grimm hat außer "Schlump" offenbar nichts geschrieben. Ein Meisterwerk allein auf weiter Flur - wie oft kommt das denn vor?

Selten bis fast nie. Irgendetwas haben nahezu alle Ein-Buch-Autoren auch noch geschrieben, nur ist es unbekannt oder übersehen (oder - mitunter zu Recht - vergessen). Und so sag’ ich’s gleich: Die bekanntesten Ein-Buch-Autoren aller Zeiten sind keine, weil Miguel de Cervantes neben dem "Don Quijote" massenhaft Erzählungen und Dramen verfasst hat, weil die Werke Jonathan Swifts 19 Bände beanspruchen, die nicht allein von "Gullivers Reisen" gefüllt werden, und weil Dante Alighieri neben der "Divina commedia" zahlreiche Gedichte, erzählende Sonettfolgen sowie philosophische Schriften verfasst hat. Giovanni Boccaccio ist übrigens auch kein Ein-Buch-Autor, Epen, diverse Romane und eine Dante-Biographie kommen zum "Decamerone" hinzu, und J. D. Salinger ließ dem "Fänger im Roggen" mehrere Erzählungen folgen, wenngleich keine, die einen seinem Hauptwerk vergleichbaren Kultstatus erreicht hätten.

Ein anderer Fall - und da haben wir’s wieder: ein Roman, ein einziger, der jedoch ein Geniestreich - ist der Pole Jan Potocki. Wobei, nimmt man’s ganz genau, auch Jan Nepomucen Graf Potocki, wie er korrekt heißt (1761 in Pików geboren, 1815 in Uładówka gestorben), kein reiner Ein-Buch-Autor ist: Er verfasste mehrere Reiseberichte von hoher ethnographischer Relevanz, jedoch ohne literarischen Anspruch.

Dichterisches Werk hat er indessen wirklich nur eines geschrieben, den Roman "Die Handschrift von Saragossa". Welch ein Buch! Also: Alphonse van Worden überquert die unwirtliche Sierra Morena im spanischen Hochland, wobei er selbst mancherlei - scheinbar - Spukhaftes erlebt. Er trifft dabei auf seltsame Menschen, die ihm Seltsames berichten. Nun erzählt Potocki deren Geschichten aber nicht nacheinander, sondern sozusagen gleichzeitig auf mehreren Ebenen, die durch gemeinsame Figuren verbunden sind. Während die Geschichten inhaltlich mitunter gar an Franz Kafka erinnern, nimmt die Konstruktion postmoderne Verfahren vorweg.

Der Geniestreich der Brontë#

Aber jetzt mahnt Kollegin Solmaz Khorsand nicht unboshaft, um dem elitären Geschmack einen Streich zu spielen, eine ganz und gar echte Ein-Buch-Autorin ein, und mein verzweifelter Hinweis auf deren anderes Buch, "Insel der verlorenen Träume", nützt offen gestanden gar nichts, weil, ja: zugegeben, die jugendlichen Ergüsse, in ein Schulheft gekritzelt, nicht wirklich zählen. Also: Margaret Mitchell (1900-1949) schrieb mit "Vom Winde verweht" ihr einziges literarisches Erzeugnis - trägt man die Nase allzu hoch, wenn man meint, das sei auch gut so gewesen?

Da liegen die Dinge bei Emily Brontës "Sturmhöhe" schon anders. Die jung verstorbene Engländerin (1818-1848) verfasste gemeinsam mit ihren Schwestern Anne und Charlotte lediglich ein paar Jugendgedichte über das Fantasiereich Gondal, ehe sie mit "Wuthering Heights" einen der wildesten und leidenschaftlichsten Romane der gesamten Literaturgeschichte vorlegt. Die tragische Geschichte einer bis über die Grenzen des Wahnsinns hinaus gesteigerten Liebe ist dabei derart akribisch durchkonstruiert, dass man sogar eine auf den Tag genaue Chronologie der Vorgänge anlegen könnte. Ein Stoff wie gemacht für Alfred Hitchcock, der ihn aber dennoch nicht verfilmte. Allerdings schrieb sein Filmkomponist Bernard Herrmann in leidenschaftlich aufgepeitschter nachromantischer Sprache über den Stoff seine einzige Oper.

War eigentlich Titus Petronius Arbiter (geboren um 14 gestorben 66), dieser Oscar Wilde der römischen Antike, eigentlich auch ein Ein-Buch-Autor? - "Satyricon", heute noch nicht nur glänzend lesbar, sondern geradezu ein Beispiel für geschliffenen Stil, ist mit Sicherheit das Einzige, was aus Petronius’ Griffel (und nicht mal komplett) überliefert ist. Oder ist da manches dem Lauf der Jahrhunderte zum Opfer gefallen?

Sei‘s drum: Petronius - Potocki - Brontë - es sollte auch bei Grimm ein einziges Buch von außerordentlicher Qualität zum Nachruhm genügen. Und bei Mitchell eines zum Vergessen. Aber das ist eine andere Sache, und der Film soll ja dem Vernehmen nach wirklich schön sein.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 12. Juni 2014