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Autodidakt mit sozialer Ader#

Friedrich Hebbel, ein bedeutender deutscher Dramatiker des 19. Jahrhunderts, starb am 13. Dezember 1863 in Wien. Es war die Liebe zu seiner Frau, die den Norddeutschen an die Kaiserstadt band.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 7./8. Dezember 2013)

Von

Brigitte Biwald


Friedrich Hebbel, porträtiert von Carl Rahl (1855)
Friedrich Hebbel, porträtiert von Carl Rahl (1855).
Bild: Wikimedia/zeno org

Als der 32-jährige Friedrich Hebbel am 4. November 1845 erschöpft in Wien ankam, war er mittellos und konnte sein Zimmer am Josefstädter Glacis (heute Florianigasse 5) nicht einmal heizen. "Es muss etwas geschehen, wenn ich nicht zu Grunde gehen soll", notierte er in sein Tagebuch. Kurz darauf trat ein Ereignis ein, das Hebbel selbst als "Wunder von Wien" bezeichnete: Er lernte die bekannte Schauspielerin Christine Enghaus kennen. Die wohlhabende Wienerin und der Norddeutsche führten - bis zu seinem Tod - eine harmonische Ehe, weil sie einander schätzten und gegenseitig inspirierten.

Nicht nur Hebbels Werk, auch seine Biographie zeigen einen problematischen Menschen voller Widersprüche. In seinen Werken bearbeitete er tragische, schicksalhafte Verkettungen von Ereignissen und machte die sozialen Probleme seiner Zeit zum Thema. Formal griff Hebbel auf die klassische Tragödie zurück, inhaltlich - wie Franz Grillparzer - auf historische und mythische Stoffe. Hebbel verarbeitete eigene Erlebnisse, übernahm aber auch Theorien und Gedanken der zeitgenössischen Philosophie. Er vertrat das Menschenbild der Aufklärung, wie sein 1837 entstandenes Gedicht "Hab’ Achtung vor dem Menschenbild" beweist. Die Ereignisse im Revolutionsjahr 1848 kommentierte er eifrig.

Milieuschilderungen#

Hebbel schuf - trotz seiner Orientierung an der Klassik - Neues, als er mit seinen Milieuschilderungen den späteren Naturalismus vorwegnahm. Seine Stücke sind vielschichtige Studien der Paarbeziehungen vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, deren Selbstverständnis im 19. Jahrhundert erschüttert wird.

Wie auch andere junge Leute seiner Zeit, legte Hebbel große Strecken zu Fuß zurück. Was ihn auszeichnete, war sein ständiger, autodidaktischer Drang nach höherer Bildung. Trotz erster Erfolge war er stets in Geldnöten und auf die Unterstützung von Frauen und Mentoren angewiesen.

Friedrich Hebbel, der lyrische Dichter, begabte Journalist und Theaterkritiker wurde gelobt und kritisiert, ignoriert und mitunter missverstanden. Er kam mit seiner norddeutschen, etwas direkten, selbstgerechten Art in Wien nicht immer gut an.

Geboren wurde Christian Friedrich Hebbel am 13. März 1813 in der Stadt Wesselburen in Schleswig Holstein, wo er in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs. Sein Vater Claus Friedrich, ein Maurer, starb, als sein Sohn Friedrich 14 Jahre alt war. Der junge Friedrich trat bei einem angesehenen und gebildeten Kirchspiel-Vogt (entspricht einem Bezirkshauptmann) als Amtsgehilfe in Dienst. Als Autodidakt vertiefte er sich in historische und philosophische Werke, die er in der großen Bibliothek seines Vorgesetzten benützen durfte.

Im Jahr 1835 nahm Hebbel mit dem Stadttheater Hamburg Kontakt auf, hatte aber keinen Erfolg. Auch Ludwig Uhland, dem Hebbel Proben seiner Dichtkunst übermittelt hatte, konnte nicht helfen. Unterstützung kam von einer Frau, der Schriftstellerin Amalie Schoppe. Sie hatte in ihren "Neuen Pariser Modeblättern" einige Gedichte von Hebbel publiziert. Mit Hilfe von Gönnern konnte der junge Mann sein bescheidenes Dasein finanzieren. Ab März 1835 begann er ein Tagebuch zu führen, das später den Anstoß zu einer breiten Hebbelforschung gab.

In jenem Jahr, also mit 22 Jahren, lernte Hebbel in Hamburg die neun Jahre ältere Elise Lensing (1804-1854) kennen. Sie unterstützte den Dichter, hatte mit ihm zwei Söhne (Max und Ernst) und blieb - unverheiratet - die ewige Freundin. Dank Elises Unterstützung konnte Hebbel von Hamburg nach Heidelberg reisen und dort juristische, historische und philosophische Vorlesungen als Gasthörer besuchen. In dieser Zeit entstanden erste lyrische Gedichte.

Im September 1836 "reiste" Hebbel zu Fuß von Heidelberg nach München, da ihm das Heidelberger Studentenleben nicht behagte. In der Isarstadt ernährte er sich hauptsächlich von Suppen aus der "Kraftsuppenanstalt". Anregungen holte er sich in der Alten Pinakothek und an der Universität. Während dieser Zeit lebte Hebbel bei einem Tischlermeister und dessen Tochter. Seine Eindrücke verarbeitete er in dem bürgerlichen Trauerspiel "Maria Magdalena". Nach drei Jahren, 1839, kehrte er mittellos und krank, zu Elise Lensing nach Hamburg zurück.

Nachdem diese ihn gesund gepflegt hatte, gelang dem Dichter der große Wurf: Angeregt von Giulio Romanos Gemälde "Judith" in der Alten Pinakothek, vollendete Hebbel die gleichnamige Tragödie. Das Stück wurde in Hamburg und Berlin aufgeführt. Ein Jahr später entstand Hebbels zweites Drama, "Genoveva", darauf folgte die Komödie "Der Diamant". Trotz dieser drei Werke blieb Hebbels finanzielle Situation prekär.

Die Wiener Zeit#

Ziemlich deprimiert reiste der 29-Jährige im November 1842 nach Kopenhagen und wurde dort mit dem Bildungs-Reisestipendium von König Christian VIII. ausgestattet. Hebbel fuhr nach Paris und vollendete 1843 dort das Trauerspiel "Maria Magdalena". Währenddessen starb sein Sohn Max mit drei Jahren. Elise Lensing, bereits wieder von ihm schwanger, drängte in ihren Briefen auf Rückkunft und Heirat. Doch Hebbel nützte sein Stipendium und reiste über Lyon, Avignon und Marseille nach Rom und Neapel. Von dort führte ihn sein Weg über Ancona, Triest und Graz nach Wien.

Am 4. November 1845 kam der 32-jährige Hebbel in Wien an. Hier wurden die Brüder Zerboni di Sposetti, zwei polnische Adelige, auf ihn aufmerksam, halfen ihm aus seiner neuerlichen finanziellen Notlage heraus und führten ihn in die Wiener Gesellschaft ein. Hebbel besuchte Franz Grillparzer, der ihm aber wenig Hoffnung im Hinblick auf das k.k. Hofburgtheater machen konnte. Dann trat die entscheidende Wende in Hebbels Leben ein: Er heiratete Christine Enghaus und adoptierte deren unehelichen Sohn. Sie war eine bekannte Schauspielerin am k.k. Hofburgtheater. Dadurch konnte Hebbel erstmals in gesichertem Wohlstand arbeiten. Großzügig nahm Christine Hebbel auch die unglückliche Elise Lensing in ihrem Haus auf.

Hebbel schrieb nun vor allem Dramen, unter anderem "Agnes Bernauer", "Gyges und sein Ring" sowie "Die Nibelungen". Unter dem Direktor Franz Ignaz Holbein wurde am 5. Mai 1848 "Maria Magdalena" mit Christine Hebbel als Klara am k.k. Hofburgtheater uraufgeführt.

Hebbel begrüßte die Revolution 1848 als "Zeitenwende". Nach Aufhebung der Zensur, nach Proklamation der Constitution (Verfassung) und Pressefreiheit im März, jubelte er: "Ich lebe jetzt in einem anderen Österreich". Franz Grillparzer hingegen flüchtete nach Baden bei Wien und empörte sich über die Revolution mit zornigen Epigrammen. Auch der sozial gesinnte, aber doch kaisertreue Hebbel lehnte den Radikalismus ab. Die Ereignisse kommentierte er in der "Wiener Zeitung" und in der "Augsburger Allgemeinen Zeitung". Dabei versuchte Hebbel "staatsbürgerlich-erzieherisch" zu wirken. Doch die Art und die Sprache eines Norddeutschen kamen bei der Wiener Gesellschaft eher nicht an. Man lehnte ihn als Kandidaten für das Deutsche Parlament ab. Als Vizepräsident der Schriftstellervereinigung Concordia kehrte er von einer Mission nach Innsbruck, zum Kaiser, erfolglos zurück.

Als Wien im Oktober 1848 von den Truppen des Feldmarschalls Alfred III. Fürst zu Windisch-Graetz erobert wurde, beendete Hebbel sein Drama "Herodes und Mariamne". Mit seiner Frau in der Hauptrolle wurde das Stück am 19. April 1849 am k.k. Hofburgtheater ohne Erfolg aufgeführt. Noch enttäuschender endete Hebbels Versuch, mit einem Märchen-Lustspiel die Bühne zu erobern. Nach der Aufführung des Stückes "Der Rubin" am 21. November 1849 im k.k. Hofburgtheater stellte Hebbel selbstbewusst fest, dass sein Publikum das Stück wohl nicht verstanden habe.

Die Situation spitzte sich 1850 zu, als Hebbels Gegenspieler, der Dramatiker Heinrich Rudolf Laube, die Leitung des k.k. Hofburgtheaters übernahm. Christine Hebbel wurde mit Nebenrollen abgespeist und Laube inszenierte als einziges Werk "Genoveva".

Entspannung und Ablenkung fand die Familie mit Tochter Titi ab 1855 im Sommerhaus in Gmunden am Traunsee. Mit dem Schriftsteller und bedeutenden Theatermann Franz Dingelstedt verband Hebbel in den 1850er Jahren ein freundschaftliches Verhältnis. In München brachte Dingelstedt das Stück "Agnes Bernauer" auf die Bühne, obwohl dies Laube in Wien abgelehnt hatte. In Weimar wurde Hebbels Nibelungen-Trilogie mit Christine Hebbel als Brunhild und Kriemhild aufgeführt.

Auch nach 1848 kommentierte Hebbel die Tagespolitik in Briefen und Aufzeichnungen, doch allmählich beschäftigte er sich wieder mit den Mythen der Vergangenheit. 1853 machte ihn der Bibliotheksbeamte des Wiener Polizeiministeriums Braun von Braunthal auf die Fabel von "Gyges und Rhodope" aufmerksam. Daraus entstand die Tragödie "Gyges und sein Ring". Dieses Werk sah Hebbel nie auf der Bühne, Laube sandte das Manuskript zurück. Die Tragödie wurde erst 26 Jahre nach Hebbels Tod, am neuen k.k. Hofburgtheater aufgeführt.

Zähe Gegnerschaft#

Hebbels nächstes Werk, das Epos "Mutter und Kind", wurde in Dresden ausgezeichnet. Laubes Gegnerschaft belastete Hebbel so sehr, dass er 1857 von Wien nach Weimar reiste, wo anlässlich des Geburtstages von Großherzog Karl Alexander von Sachsen-Weimar sein Drama "Genoveva" aufgeführt wurde. Zum Kreis des Fürstenpaares zählten die bekanntesten Persönlichkeiten des wissenschaftlichen und künstlerischen Lebens: Alexander von Humboldt, Hoffmann von Fallersleben, Ludwig Richter, Richard Wagner, Franz Liszt.

In den letzten Lebensjahren litt Friedrich Hebbel an Rheuma, das er in Baden bei Wien behandeln ließ. Er wohnte während seiner 18 Wiener Jahre an acht Adressen und starb, 50 Jahre alt, am 13. Dezember 1863 in der Liechtensteinstraße 13 in Wien. An diesem Haus befindet sich eine Gedenktafel. Hebbel ruht auf dem Evangelischen Friedhof Wien-Matzleinsdorf an der Seite seiner Frau.

Der Bildhauer Anton Ritter von Fernkorn nahm Hebbels Totenmaske ab, die als Ausgangsform für zwei Marmorbüsten diente. Eine davon schuf Viktor Tilgner für das neue Hof-Burgtheater an der Ringstraße. Mit den Inszenierungen von Hebbel-Stücken in Wien hält man sich in den letzten Jahren - im Gegensatz zu Deutschland - sehr zurück.

Brigitte Biwald, geboren 1951, ist Historikerin und in der Erwachsenenbildung tätig. Veröffentlichungen über die Revolution 1848 (1996) und über das Sanitätswesen im Ersten Weltkrieg (2003). Lebt in Perchtoldsdorf.

Information#

Ida Koller-Andorf (Hrsg.): "Hebbel volksnah. Jeder Satz ein Menschengesicht". Jubiläumsband. Verlag Johann Lehner, Wien 2013, 232 Seiten.

Wiener Zeitung, Sa./So., 7./8. Dezember 2013