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Idylle ist keine Schande#

Schriftsteller und Buchpreiskandidat Heinrich Steinfest über die Notwendigkeit eines Neobiedermeier.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 4./5. Oktober 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christina Böck


Heinrich Steinfest
Humor aus dem Ernst heraus ist die Spezialität von Heinrich Steinfest.
© Getty/Thomas Lohnes

Heinrich Steinfest ist der einzige Österreicher auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, der am Montag vergeben wird. Bekannt wurde der Wahl-Stuttgarter mit unkonventionellen, philosophischen Krimis, etwa mit dem Detektiv Cheng. Sein neuer Roman "Der Allesforscher" (Piper) erzählt die Geschichte von Sixten Braun, der erst von einem explodierenden Wal fast getötet wird und dann einen Flugzeugabsturz überlebt, um dann sein kleines Glück in den Tiroler Bergen zu finden.

"Wiener Zeitung": In Ihrem Roman wünschen Sie sich einen musikalischen Vorspann von Schönberg. Wie könnte der Vorspann zu diesem Interview klingen?

Heinrich Steinfest: Spannend und horribel. Ich bin eher ein ängstlicher Mensch und Interviews besitzen für mich immer den Geschmack einer Prüfung, und damit meine ich Schulprüfung. Ich würde also am Beginn eines Interviews etwas nehmen wie Jerry Goldsmiths Musik zum ersten Alien-Film.

Warum denn eigentlich Schönberg? Der ist ja für manche auch ein gewisser Abschaltimpuls...

Finden Sie? Ich schreibe ja in meiner Einleitung, dass die gleiche Schönbergmusik, die im Konzertsaal den einen oder anderen zum Abschalten bringt, als Filmmusik verwendet genau jene klirrende Dichte besitzt, die einen guten Vorspann ausmacht.

Haben Sie zur Vorbereitung auf die Buchpreis-Verleihung das von Ihnen überrundete Buch von Marlene Streeruwitz ("Nachkommen."), in dem diese Veranstaltung satirisch beschrieben wird, gelesen? Oder sicherheitshalber nicht, weil man eh eigene Alpträume hat?

In der Tat habe ich meine eigenen Alpträume. Immer vor Lesungen. Entweder merke ich plötzlich, dass ich nackt vor dem Publikum stehe, oder mir fallen beim Vortrag sämtliche Zähne aus, oder die Seiten in meinem Buch sind leer, oder es ist es das Buch eines anderen Autors.

Welche Chancen rechnen Sie sich aus? Meistens gewinnen ja dann doch Familiengenerationenromane mit Nazi- oder DDR-Hintergrund...

Daran habe ich nicht gedacht, dass ich vielleicht irgendeinen DDR-Hintergrund hätte einbauen müssen. Nein, im Ernst, ich glaube nicht, dass das die Kriterien sind, nach denen die Jury den Preis vergibt. Eher handelt es sich dabei um Themen, mit denen sich eine große Menge der deutschsprachigen Autoren beschäftigt, und dann kommen halt viele schlechte und viele gute Bücher heraus. Das ist mehr eine Sache der Statistik. Wenn etwas gegen mich spricht, ist es vielleicht der Humor, der aus dem Ernst schlüpft. Im Übrigen bin ich recht zufrieden, mit den anderen fünf Autoren auf der gleichen Palette eine Farbreihe zu bilden.

Muss man das Krimischreiben, und sei es noch so literarisch wie Ihres, hinter sich lassen, um von der Literatur-Preisindustrie anerkannt zu werden?

Schaut schon so aus. Da gibt es noch immer eine Grenzziehung, weshalb dann der Krimisektor seine eigenen Preise hat. Wie die Science Fiction. Die Comics. Und dann gibt es eben noch die reine Literatur, bei uns auch die hohe genannt. Überall Kategorien. Sportabteilung, Spielzeugabteilung, ganz oben das Restaurant. Es ist ein Verdienst der Postmoderne, dies ein wenig aufgeweicht zu haben. Aber halt nicht bei den Preisen.

Sie sagen, dass Sie selbst nie vorher wissen, was Ihre Figuren machen werden - was hat Sie in diesem Roman am meisten überrascht?

Wie gut Sixten Braun mit seinem Adoptivsohn Simon zurechtkommt. Und der mit ihm. Diese Harmonie hätte durchaus mehrere Einbrüche erleben können. Hat sie aber nicht. Das kann man mir dann als "Idylle" vorhalten. Auch gut.

Sie leben schon lange in Stuttgart, in Ihren Büchern kehren Sie aber immer wieder in Ihre alte Heimat Österreich zurück, diesmal in die Tiroler Berge. Ist da doch so ein bisschen Heimweh, das literarisch therapiert wird?

Absolut. Ich bin ja auch so einer, der von der Heimat nicht loskommt. Darum wahrscheinlich die von mir schon öfters postulierte Liebe zur Schwedenbombe, die so perfekt Österreich verkörpert (statt eben Schweden; und ich meine vor allem die Exemplare mit den Kokosstreuseln, Streusel, die Flocken sind).

Sie haben einen Hang zu kuriosen Tierauftritten, diesmal spielt ein explodierender Wal eine nicht unwesentliche Rolle - wie kommt es zu diesem Faible?

Tiere haben in meinen Büchern immer etwas von göttlichen Boten. Selbst noch - wie in diesem Fall - wenn sie tot sind und explodieren. Indem sie auftreten, bringen sie etwas in Bewegung. Sie verändern die Menschen, manchmal deutlich, manchmal unmerklich. Ich würde sagen: Sie verändern die Luft, die der Mensch atmet.

Im "Allesforscher" spricht Sixtens Sohn Simon eine Privatsprache, es scheint aber keine Probleme zu geben, sich trotzdem mit ihm zu verständigen. Ist das nicht riskant, ausgerechnet als Schriftsteller zu postulieren, dass Sprache überschätzt wird?

Die gleiche Sprache zu sprechen, führt ja nicht immer dazu, sich auch zu verstehen. Mitunter ist die Sprache eine stabile Brücke, mitunter ein Abgrund aus Missverständnissen. (Die Geschichte der Kommunikation zwischen Vater und Sohn war inspiriert von einem Erlebnis, das ich vor fünfundzwanzig Jahren in China hatte, als ich auf einem Schiff vier taubstumme Chinesen kennenlernte und mit ihnen mehre Wochen im Land unterwegs war. Selten habe ich mich besser verstanden.)

Gibt es Entwicklungen in der deutschen Sprache, bei denen Sie sich auch manchmal eine Privatsprache wünschen?

Ach, ich bin ja kein Sprachpolizist. Sprache entwickelt sich, Wörter kommen und andere gehen. Entscheidend ist nicht das Wort, sondern was man daraus macht.

Das Fliegen ist in diesem Roman nicht ganz unproblematisch, wohingegen das Klettern befreiend ist: Ist das ein Plädoyer dafür, dass man sich mehr anstrengen muss, um dem Himmel nahe zu sein?

Ich steige seit Jahren in kein Flugzeug mehr ein, habe aber trotz Höhenangst mit dem Hallenklettern angefangen. Dies entspricht sehr viel mehr meiner Persönlichkeit. Der Himmel ist immer ein Spiegel. Und bei manchen Tätigkeiten ist dieser Spiegel sehr weit weg. Siehe Flugzeug.

In Ihren Büchern spielen Zufälle und magische Momente und Begegnungen eine wichtige Rolle. Sind wir zu wenig aufmerksam für solche Momente geworden in einer Zeit, in der jeder vor allem mit seinem Handy-Display beschäftigt ist?

Also, ich glaube, dass man auch auf dem Handy-Display seine magischen Momente erleben kann. Es nützt ja nichts, kein Handy zu haben und dafür blind fürs Leben zu sein.

In letzter Zeit ist der Schriftsteller-Protest zum Trend geworden, gegen die NSA, gegen Amazon etc. Schließen Sie sich da an oder bleiben Sie lieber bei regionaleren Interessen - Sie haben sich etwa sehr gegen Stuttgart 21 eingesetzt...

Ich habe mich von vielen dieser Themenkreise zurückgezogen, so wichtig sie sind. Ich habe es kürzlich so ausgedrückt: Ich fühle mich vergiftet von der Politik und benötige einen Abstand, um die toxischen Substanzen abzubauen. Entschlackung! Das ist dann wohl neobiedermeierlich zu nennen. Für mich aber nötig. Und selbstverständlich ändert das die Struktur meiner Romane.

Wird es einen Cheng-Film geben?

Da gab es immer wieder mal Ansätze. Natürlich sind meine Romane nicht verfilmbar, aber Aspekte und Ideen sehr wohl. Die wichtigste Frage ist die des Hauptdarstellers. Ein einarmiger Wiener Detektiv mit chinesischen Wurzeln, die er verleugnet. Und im Zuge seiner Einarmigkeit der eleganteste Mensch wird, den man sich vorstellen kann. Ich hoffe sehr, ihn doch einmal auf der Leinwand zu sehen.

Und wie könnte die Abspannmusik zu diesem Interview klingen?

Das Ende ist ja meistens entspannter als der Anfang (bezeichnend allerdings, dass man sich eher die Musik zum Vorspann als die zum Abspann merkt). Jedenfalls würde ich hier vorschlagen: die Geräusche einer davonfahrenden Straßenbahn, die nach und nach in ein kleines Stück von Schubert übergehen.

Wiener Zeitung, Sa./So., 4./5. Oktober 2014