unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
6

Der Platz im Leben#

Plädoyer für eine Unbekannte. Im Gedenken an die Linzer Arbeiterschriftstellerin Henriette Haill, die vor 110 Jahren geboren wurde.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 21./22. Juni 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Erich Hackl


Henriette Haill
Henriette Haill (1904-1996).
© Foto: Zentrales Parteiarchiv der KPÖ, Bildarchiv

Vor zwanzig Jahren, als ich ihr zum 90. Geburtstag gratulierte, bedankte sie sich mit Staunen darüber, "daß Sie noch an mich denken" - die Linzer Arbeiterschriftstellerin Henriette Haill, die zeitlebens nicht nur von der literarischen Öffentlichkeit übergangen, sondern wegen ihres stillen Wesens sogar von der nächsten Umgebung verkannt worden ist. "Ich habe nie in meinem Leben etwas zu reden gehabt", erzählte sie ihrem Genossen von der KPÖ, dem Geschichtsforscher Peter Kammerstätter, der ihre Arbeiten gesammelt und für die Nachwelt aufgehoben hat. Nicht einmal Eugen Haill, mit dem sie in zweiter Ehe verheiratet war, brachte für ihr Schreiben Verständnis auf. Er habe sie herabgesetzt, verhöhnt, sich über ihr Schreiben lustig gemacht. "Wenn ich Erfolg gehabt hätte, wäre ich was gewesen, so habe ich keine Erfolge gehabt, so war ich niemand."

An den Moment, an dem ihr dies zum ersten Mal bewußt geworden war, erinnerte sie sich genau: Es war lange vor dem Ersten Weltkrieg, bei der Weihnachtsfeier einer von Nonnen geleiteten Kinderbewahranstalt, die für Töchter berufstätiger und bedürftiger Frauen bestimmt war. Im weißen Kleid, mit langen Flügeln und goldenem Heiligenschein als Engel verkleidet, sollte die vierjährige Jettel vor den Gönnerinnen der Anstalt - adeligen Damen, Gattinnen von Offizieren, betuchten Geschäftsfrauen - ihre stumme Rolle spielen. Aber im Trubel der Vorbereitungen wurde sie vergessen. Niemand holte sie aus dem Speisesaal, in dem sie auf ihren Auftritt wartete.

Menschen in Armut#

Nirgendwo sonst als in dieser literarischen Reminiszenz, die ihrem Erzählband "Der vergessene Engel" den Titel gab, hat Henriette Haill so ausführlich von sich selbst geschrieben. Vergessen werden und das Vergessen vergessend, während sie sich in Träumereien verliert; ihr Abseitsstehen, als übergangene Akteurin, immer allein unter vielen: "Trotz meiner wenigen Jahre wußte ich plötzlich, wo mein Platz im Leben sein würde und daß ich weder einen Silberflügel noch einen goldenen Reif zu erwarten hätte."

Aber eigentlich hat Haill, von ihren politischen, appellhaften Gedichten abgesehen, immer nur über Menschen geschrieben, die ebenfalls in Armut aufgewachsen oder in sie geraten sind, wie die "gestrandeten, enttäuschten und enterbten" Mieter von "Haus Nr. 15" (in der Donatusgasse am Linzer Römerberg), denen sie in der gleichnamigen Erzählung ein kleines, aber dauerhaftes Denkmal gesetzt hat.

"Manchmal kamen feine Damen ins Haus, um unser Elend zu besehen, schüttelten die Köpfe, tätschelten die hübscheren Kinder, schoben uns ein Zuckerl in den Mund und gingen, von Abscheu geschüttelt, wieder. Tagelang spielten wir Mädchen dann Damen, schoppten uns die Brüste aus, wickelten einen alten Vorhang um den Leib und ahmten das Gehabe eleganter Frauen nach. Das Haus hatte vielerlei Gerüche, es duftete nach Kohl und Sauerkraut, im Herbst und im Winter nach Holler- und Apfelkoch, nach Bohnen, Linsen und Erbsen, selten nach Fleisch."

In der dinghaften Sprache, dem klaren, unverstellten Blick, der tiefen Sympathie für die Übergangenen, Bescheidenen und Zerrütteten, nicht zuletzt auch aufgrund des herb nüchternen Tonfalls ihrer Prosastücke und Gedichte könnte man Henriette Haill für die jüngere Schwester Theodor Kramers halten (dessen Werk sie allerdings nicht gekannt hat). Besonders auffällig ist die Nähe zu Kramers Poesie in den vor Wehmut und Zartheit flirrenden Versen, die Haill über Vaganten, Landstreicher, Tippelschicksen geschrieben hat: "Den Weg entlang setzt sich der Staub,/ Bedeckt mir Haß und Zorn,/ Und Liebe, für mich ist, ich glaub‘,/ Hopfen und Malz verlorn."

Der Zyklus "Straßenballade" verdankt sich ausschließlich dem eigenen Erleben - und der Kunst, es literarisch zu gestalten; dergestalt, daß die Gedichte Zeit und Anlaß überdauern: Als Fabrikarbeiterin war sie in den Sommermonaten der zwanziger und frühen dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf die Walz gegangen, ins nahe Mühlviertel, in dessen Kargheit sie ihre Seelenlandschaft fand, oder stromaufwärts, die Donau entlang nach Bayern hinüber und weiter nach Coburg, wo sie Bekannte hatte, angetrieben von zielloser Sehnsucht und dem Bedürfnis nach Gemeinschaft mit Gleichgesinnten - jungen Menschen, die voller Überschwang ("wir haben uns selber der Gefühlsduselei bezichtigt") von einer besseren Welt träumten. Sie waren politisch oft uneins, stritten, hänselten sich oder versuchten, einander mit Argumenten zu übertrumpfen. Manche ihrer Reisebekanntschaften liefen bald darauf von den Wandervögeln zu den Nazis über, einige schlossen sich der Sozialdemokratischen Partei an, wieder andere flüchteten dorthin, wo die Herrschenden sie immer haben wollen, ins Private.

Mitglied der KP#

Henriette Haill war schon 1922, mit achtzehn Jahren, dem Kommunistischen Jugendverband, zwei Jahre später der Kommunistischen Partei Oberösterreichs beigetreten. Das Ende des Ersten Weltkriegs hatte sie als Befreiung empfunden, "wie wenn der Himmel aufgegangen wäre". Ein Empfinden, das sich 1945 nicht mehr einstellte: "Der Krieg war ganz anders, furchtbarer, viel größere Wunden hat er geschlagen, alles zertrümmert. Die Jugend war in einer ganz anderen Lage. Zum Teil war sie durch den Krieg belastet, nicht nur weil sie dabei waren, sondern ein Teil war ja politisch belastet, sie waren bei der Hitlerjugend."

Dazu der Tod zahlreicher Genossen, Genossinnen. Gerade von den Linzer Kommunisten waren so viele noch in den letzten Wochen der Naziherrschaft verhaftet, ins nahe Konzentrationslager Mauthausen gebracht, dort ermordet worden. Ihr erster Mann Hans Kerschbaumer gehörte, wie Peter Kammerstätter, zu denen, die das KZ Buchenwald überlebt hatten. Sie selbst erlebte die Befreiung im Mühlviertel, auf einem kleinen abgelegenen Bauernhof, wohin sie mit ihren vier Kindern geflohen war. Die politisch verfänglichen Gedichte hatte sie zuvor vergraben; ein Großteil des Packens wurde von Mäusen aufgefressen.

Bald nach Kriegsende, 1946, erschien "Befreite Heimat", ein schmaler Band mit "Kampfgedichten und Friedensliedern", der, weil von einer Kommunistin stammend und nicht dem Selbstmitleid der Mitläufer verpflichtet, auf geringes Interesse stieß. Erst 1991 folgte ihr zweites Buch, "Der vergessene Engel". Das dritte, "Straßenballade", erlebte sie nicht mehr; sie starb am 22. Februar 1996, vier Monate vor der Veröffentlichung.

Im "Vergessenen Engel" hatte sie sich einer Begegnung 1915 versichert, mit russischen Kriegsgefangenen, die einen alten Wasserspeicher neben ihrem Wohnhaus am Römerberg instandsetzen mußten. Mit einem der Männer, Porfiri Oleschko aus Odessa, freundete sich die Elfjährige an. Sie wunderte sich, daß ihn seine Landsleute Stari nannten, Alter, obwohl er erst 28 Jahre alt war. "In Rußland dürfte man damals sehr kurz jung und lange alt gewesen sein." Porfiri erzählte ihr von seinen Eltern, den Geschwistern, dem Elend bei sich zu Hause und davon, daß er im Krieg, seiner revolutionären Gesinnung wegen, nicht auf die österreichischen Soldaten geschossen habe.

Nach beendeter Arbeit, ehe der zerlumpte Trupp wieder abgezogen wurde, küßte er die rauhe, rissige Hand ihrer Mutter und strich der kleinen Jettel übers Haar. Dabei flüsterte er ihr seine Wahrheit ins Ohr: "Du darfst nicht vergessen Porfiri Oleschko, einmal nicht mehr Krieg, einmal alle Brüder." Das Mädchen sah ihn noch einmal, nach Wochen, auf einem Gerüst am neuen Linzer Dom, wo die Gefangenen Handlangerdienste verrichten mußten. "Ich winkte und rief nach ihm, er aber sah und hörte mich nicht. Er stand und blickte nach Osten, wo in weiter Ferne Brüder einander immer noch töteten und seine arme, verwüstete Heimat lag."

Bedenkenswert gerade heute, in einer Zeit, in der wieder der Russenhaß geschürt wird, wie sehr Haills Dichtungen sich dem kolportierten Bild vom primitiven, mittlerweile vom blutrünstigen Bolschewiken zum zynischen Oligarchen mutierten Untermenschen widersetzen. Ihr 1944 verfaßtes Gedicht "Ostarbeiter" (und das bedeutet: Sklavenarbeiter) endete mit einem Vierzeiler, der ihr Warnung und Genugtuung in einem war: "Einmal kommt die Stunde,/ Einmal kommt der Tag,/ Da für jede Wunde/ Zahlt ein harter Schlag."

Und in einer anderen autobiografisch geprägten Erzählung, "Feuer im Schnee", erinnerte sie sich an ein Erlebnis kurz vor Kriegsende 1945, als sie auf dem Fußweg von Linz zum rettenden Mühlviertler Gehöft auf sowjetische Gefangene stieß, einen Haufen von "vielleicht zweihundert Elendgestalten", die sich um vierzig Feuerstellen scharten. "Sie hockten im Schnee, von aufflackernden Flammen beleuchtet, und sahen mich mit hoffnungslosen Sträflingsaugen und verhungerten Gesichtern an." Diese Männer sollten noch vor dem Eintreffen der Alliierten von einer Einheit der SS getötet werden, aber die Bauern der Umgebung wußten dies, "schon aus Angst vor den Folgen nach Kriegsende", zu verhindern. "Noch ein, zwei Jahre sah man die Brandmale auf der Wiese, wo die Russen ihr Feuer im Schnee entzündet hatten. Zögernd nur wuchs Gras darüber, und wie langsam heilende Wunden wurden die Flecken ausgebrannter Erde kleiner." Es wäre, denke ich mir, kein Unheil, blieben die Brandmale für immer sichtbar.

Ein anderes Geschlecht#

Auf eine Umfrage der kommunistischen Wochenzeitung "Stimme der Frau", Anfang 1948, ob das ‚Ewigweibliche‘ ewig sei, hatte Haill in der für sie typischen Mischung aus Bestimmtheit und Demut geantwortet: "Wir sind weder mehr noch weniger als der Mann. Wir sind ein anderes Geschlecht, das ist alles. Wir wollen aber dafür nicht bestraft werden, so wie wir nicht einsehen, warum der Mann, seiner Mannheit wegen, einer höheren Einschätzung wert wäre."

Ihre Bücher sind vergriffen, Neuauflagen nicht in Sicht. Aber es gibt die CD, auf der der ostdeutsche Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel siebzehn Gedichte aus der "Straßenballade" vertont hat. Eine andere, der österreichischen Frauenband Petra und der Wolf, mit einem von Haills eindringlichen Mauthausen-Gedichten. Und im Linzer Randbezirk Pichling einen 300 Meter kurzen Weg, der ihren Namen trägt. Immerhin. Der vor vier Jahren gestarteten Initiative, einen Platz mitten im Zentrum nach dem vergessenen Engel der österreichischen Literatur zu benennen, war kein Erfolg beschieden.

Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, Schriftsteller und Übersetzer; lebt in Wien. Als literarischer Dokumentarist und Chronist befasst er sich mit den dunklen Jahren des 20. Jahrhunderts. 2014 erschien bei Diogenes "Drei tränenlose Geschichten".

Wiener Zeitung, Sa./So., 21./22. Juni 2014