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Hermann Broch#

Hermann Broch ist der große Humanist, uomo universale und Polyhistor Österreichs. Er war Techniker, Manager, Industrieller, Verbandsfunktionär, Sozial- und Kulturwissenschaftler, Ästhet, Menschenrechtler, Pazifist, Politiker, Philosoph, Denker, Dichter in einer Person.#

Von

Manfried Welan


Am 1. November 1886 als Sohn des neureichen Textilindustriellen Josef Broch in Wien geboren, war er zwar jüdischer Religion, wurde aber nicht religiös erzogen. Seine Kindheit war nur äußerlich glücklich. Seine Mutter war eine Zwangsneurotikerin und sein Vater ein Haustyrann, dessen Erziehungsprinzip lautete: "A Kind gehört gestraft." Er zwang Hermann, der ein humanistisches Gymnasium besuchen wollte, in die mehr praktisch orientierte Realschule im Ersten Wiener Gemeindebezirk. Hermann hatte aber einen hervorragenden Hauslehrer neben der Schule. Nach der Matura ging er an die Höhere Lehr- und Versuchsanstalt für Textiltechnologie im Fünften Wiener Gemeindebezirk, studierte aber daneben an der Universität Wien. 1906/1907 besuchte er das Technikum Mühlhausen im Elsaß und wurde Textilingenieur, der u.a. eine Baumwoll-Mischmaschine erfand. Daraufhin erlaubte ihm der Vater eine mehrwöchige Amerikareise und bestellte ihn nachher zum Assistenzdirektor seiner Teesdorfer Textilfabrik. Als sozial denkender Manager war er nicht nur guter Geschäftsmann, sondern sorgte auch in vielfacher Weise für seine Arbeiter und Angestellten. 1909 heiratete er Franziska von Rothermann. Seiner Frau und ihrer Familie zuliebe trat er zum Katholizismus über. Nach sieben Jahren brach die Ehe auseinander. Er führte ein Doppelleben. Tagsüber arbeitete er, nachts studierte er und erwarb seine umfassende Bildung. Seit 1913 publizierte er.

Nach Kriegsausbruch 1914 übernahm er die Leitung eines Lazaretts auf dem Fabriksgelände in Teesdorf. In Wien im "Café Central" gehörte er mit Robert Musil, Ernst Polak, Paul Schrecker, Gina und Otto Kaus dem sogenannten "Blei-Kreis" an.

In der zu Ende gehenden Habsburgermonarchie diagnostizierte er den Zerfall der Werte. Er erkannte die Problematik der modernen Wissenschaft und Philosophie, die nur mehr durch mehr Spezialisierung mehr Wahrheit zu erkennen glaubten. Die ihm am Herzen liegenden metaphysischen Fragen stellten sie nicht.

Der Schriftsteller#

1927 verkaufte er die Fabrik und widmete sich nur noch seinen Studien, der Literatur und dem Schreiben. "James Joyce und die Gegenwart" (1936) enthält Brochs Auseinandersetzung mit dem modernen Roman. Er war der Auffassung, dass nach der Entwicklung von Philosophie und Wissenschaft zur Spezialisierung die Kunst das ganze Leben und die gesamte Welt umfassen sollte. Er wollte im Roman den Menschen in seiner Ganzheit erfasst wissen, angefangen von den physischen und psychischen bis hin zu den moralischen und metaphysischen Erlebnismöglichkeiten.

Seine Theorie vom polyhistorischen Roman und der Totalitätserfassung setzte er in seinen Werken um. In seiner Romantrilogie "Die Schlafwandler" (1932) stellte er drei Stufen des totalen Wertezerfalls dar, gebunden an die Jahreszahlen 1888, 1903 und 1918. Sie machen die (un)geistigen Grundlagen bewusst, aus denen der Nationalsozialismus entstand.

1933 veröffentlichte er den Roman "Die unbekannte Größe", in dem mystische Erkenntnisse eingeflossen sind. 1934 hatte sein Drama "Die Entsühnung" in Zürich Premiere. Frauen sind mit ihrem Mitgefühl der Aggressivität der Männer gegenübergestellt.

1935 und 1936 schrieb er in Mösern und Altaussee am "Bergroman". Darin wird in poetischer Form seine Massenwahntheorie dargestellt.

1937 las er im Rundfunk aus der Erzählung "Die Heimkehr des Vergil". Das war der Beginn seines größten Romans "Der Tod des Vergil", an dem er jahrelang in seinem Exil in den USA arbeitete und der 1951 in Zürich erschien. Am 13. März 1938 wurde er im Auftrag der Nazis in Altaussee verhaftet; freigelassen gelang es ihm in Wien mit vieler Mühe ein Visum für England zu bekommen. Thomas Mann und Albert Einstein vermittelten ein Visum für die USA. Am 9. Oktober 1938 kam er in New York an. 1944 erwarb er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er war aber auch als Amerikaner nicht glücklich in den USA. Ihn plagten gesundheitliche und finanzielle Probleme. Kurz vor dem Antritt einer Europareise stirbt Broch am 30. Mai 1951. Ein Jahr vorher war er für den Nobelpreis nominiert worden.

Der Politiker und Philosoph#

Schon in den Dreißiger Jahren ging es Broch um eine Neudeklaration der Menschenrechte: Der Völkerbund sollte in seine Statuten Bestimmungen zum Schutz der Menschenwürde einbauen, human bestimmte regulative Prinzipien zu Richtlinien seiner Politik machen, um erfolgreich gegen kriegerische Akte, Unterdrückungen und Verfolgungen vorgehen zu können. Broch wollte das Menschenrecht neu konstituieren. "Erscheint das Menschenbild bei Kafka von hilflosen Ausgeliefertsein bestimmt; gegenüber Lieblosigkeit und Unverstandenheit im Rationalen und Endlichen wie gegenüber einer nur erahnbaren, niemals erreichbaren Zielgrenze, einer Fremde, Unbestimmtheit und undenklichen Ferne im Irrationalen und im Unendlichen, von Kampf- und Absolutheitsstreben trotz alledem; erscheint das Menschenbild Musils bestimmt von Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn, so erscheint es bei Broch bestimmt vom Begriff der "Ebenbildhaftigkeit". (Strelka, Poeta Doctus 2002, S. 15)

Brochs Vorstellung von Menschen geht vom allumfassenden Satz aus: "Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild". Er ist für ihn die Vorwegnahme der gesamten idealistischen Philosophie von Plato bis Kant. Mit der Erkenntnis, dass etwas Absolutes in ihm lebt, weiß der Einzelmensch von seiner Sonderstellung in der Natur. Die Ebenbildlichkeit bringt den Menschen zur unaufhörlichen Wiederholung der Weltenschöpfung. Der Erkenntnis des Menschen ist die Schöpfungspflicht auf ewig aufgetragen. In seiner Erkenntnis des "Irdisch-Absoluten" fand Broch die Lebensquelle der Demokratie. Die Ebenbildhaftigkeit war sein Ausgangspunkt. Damit verbunden gibt es nur eine einzige Ethik: die der Humanität. "Alle Politik hebt beim Menschen an. Sie wird von ihm, für ihn und oftmals gegen ihn betrieben. Um über Politik sprechen zu können, muss man eine Vorstellung vom Menschen haben. Sonst spricht man über eine leere Mechanik". Brochs Menschenrecht ist nicht eine Umtaufung des göttlichen Rechts in Naturrecht oder Vernunftrecht. Es ist ausschließlich Menschenrecht. Es ist irdisch, weil der Mensch ein biologisches und psychologisches Wesen ist. Aber um seiner Ebenbildhaftigkeit willen ist es zugleich ein transzendent verhaftetes Recht. Aus den Sätzen dieses Menschenrechtes soll letztlich ein Bild des Menschen entwickelt werden. Es entspricht der Dynamik dieses Menschenrechtsbegriffes, dass er immer auf der Höhe der Zeit und damit auf der Höhe des Wissens vom Menschen sein muss.

Broch hat die Erfahrungen des 20. Jhdts. Er kennt die verschiedenen Versklavungen und zeigt sie auf: die politische, die ökonomische, die ideologische. Er erläutert die besondere Versachung, welche der Mensch in der Sklaverei erfährt. Er schildert die Geschichte der Sklaverei. Sein Beispiel für Vollversklavung sind die Konzentrationslager. Das Irdisch-Absolute lässt sich darin negativ erfassen. Durch die im KZ erfolgte Vollversklavung ergibt sich der Imperativ: "Der Mensch darf den Menschen nicht versklaven." Gerade in der grauenhaften Versachung der Menschen in den Konzentrationslagern sah Broch die Eignung, der Würde und der Freiheit des Menschen Evidenz und Anspruch zu verleihen. Das Absolut-Negative bestimmt so das Absolut Positive. Durch sein Ringen um das Menschenrecht unterscheidet sich Broch von anderen Repräsentanten der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Niemand von ihnen hat sich mit Politik-, Staats-, Rechts- und Gesellschaftswissenschaften so beschäftigt wie er. Grundlage dafür waren dafür vor allem seine massenpsychologischen Studien. Die Erfahrung der Gräuel des 20. Jhdts. wird zur Neufundierung des Menschenrechts. Der Satz der unbedingten Verwerflichkeit dieser Versklavung ist das Absolutum an der Spitze der Menschenrechte. Der Mensch darf den Menschen nicht versklaven. Der Mensch darf niemals vom Rechtssubjekt zum Rechtsobjekt werden. Er muss immer als Person und darf nie als Sache behandelt werden. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Das Opus magnum#

"Den Tod des Vergil" ist das magnum opus Brochs. Die vier Teile des Romans entsprechen den vier Sätzen einer Symphonie. Sie sind den Begriffen Wasser, Feuer, Erde und Äther oder Luft zugeordnet. Sie heißen "Ankunft", "Abstieg", "Erwartung", "Heimkehr", und werden als großer innerer Monolog des sterbenden Vergil zusammengehalten.

Der Roman beginnt mit dem todkranken Vergil auf einem Schiff der kaiserlichen Flotte, die im Hafen von Brundisium landet. Er wird durch die Stadt in den kaiserlichen Palast getragen und empfängt einige Besucher. In einem großen Gespräch mit Kaiser Augustus setzt er die Freilassung seiner Sklaven auf seinem Landgut durch, macht sein Testament und stirbt. Der Roman ist kein historischer Roman im herkömmlichen Sinn, er stellt dichterisch die Parallele einer anderen Periode gleicher Art dar. Er entstand wie die Aeneis des Vergil in einer Zeit tiefer Krise und weist wie diese auf eine geistige Erneuerung hin.

Zwei Ästhetiken und Ausdruck zweier Welthaltungen sind im Roman enthalten: Die des historischen Vergil und die des Vergil des Romans. Sie wird durch die Todeserkenntnis der Sterbeerfahrung erworben. Das Todesbewusstsein gibt ihm die große Schau des Seins. Die alte Ästhetik steht für die alte Ordnung, die eigentlich Chaos ist, die neue für die innere Ordnung, die zeitlos alles dem Ewigen und Absoluten einbindet. Der Roman ist sehr komplex und wer den "Tod des Vergil" lesen will, braucht einen langen Atem. Der Roman ist voller Geheimnisse und doch auch von großer Einfachheit, so wenn Vergil sagt: "Das Gesetz? Es gibt nur ein Gesetz, das Gesetz des Herzens! Die Wirklichkeit der Liebe!"