unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Irrgarten Sprache#

von

Hermann Maurer

Ein Essay (beruhend auf Blog Beiträgen in BTX um 1988!) erschienen in den Steirischen Berichten Nr. 2, 2013

Ein Streifzug durch die Kuriositäten und Mehrdeutigkeiten der Sprache.#

Es ist verblüffend, wie eigentümlich die Bezeichnungen für die Vertreter der beiden Geschlechter in Deutsch sind, nämlich vor allem wie unsymmetrisch! Da sagt man doch: "Meine Damen und Herren", d.h. man hat das Gefühl, dass "Dame" das Gegenstück zu "Herr" ist. Wieso sagt man dann "Herr Müller", aber "Frau Meier"? Müsste es nicht "Dame Meier" heißen? Gehören also "Herr" und "Frau" zusammen? Wohl kaum: wir sprechen doch immer von "Frauen" und "Männern", nicht von "Frauen" und "Herren". Demnach sind "Mann" und "Frau" zueinander passend? Leider auch nicht: wir sprechen von "männlichen" und "weiblichen" (nicht von "fraulichen"!) Eigenschaften. Hier also treffen plötzlich "Mann" und "Weib" zusammen ... und es ist besonders eigentümlich, dass Weib nicht weiblich, sondern sächlich ist: das Weib, nicht die Weib, heißt es!

Schwaches und starkes Geschlecht#

Es scheint so, als gäbe es mehr Ausdrücke für weibliche Menschen als für männliche: während wir einerseits nur "Mann" und "Herr" haben, gibt es ja neben "Frau", "Dame" und "Weib" noch Varianten wie "Fräulein" ("Männlein" ist wohl kaum vergleichbar damit) oder "Jungfrau" u.ä., ohne wirkliche männliche Äquivalente ("Jungmänner" gibt es als Wortneuprägung nur beim Bundesheer und "Jüngling" ist wohl auch nicht das Äquivalent von "Jungfrau"!). Interessant ist, dass bei jungen Menschen einem Wort für die weibliche Variante "Mädchen" (und dieses ist eigentümlicherweise wieder sächlichen Geschlechts: das Mädchen! wieso?) mehrere für junge Männer gegenüberstehen: "Bub", "Bursch", "Jüngling" und "Knabe". Auch "Kavalier", "Grandseigneur" oder "Hühne" haben keine weiblichen Entsprechungen! Wo aber sind, umgekehrt, die Gegenstücke zu "Herrin", "Frauchen" und "Weiblein"?

Dass unsere Sprache oder jedenfalls unser Sprachgebrauch nicht nur männlich orientiert, sondern manchmal ausgesprochen frauenfeindlich ist, steht kaum außer Zweifel: Wir verwenden "man" statt "frau", noch deutlicher "Jedermann" statt "jederfrau" oder "jedermensch", "Weib" klingt leicht abwertend und "Weibsbild" erst recht, während "ein echtes Mannsbild" eher positiv bewertet ist. Am krassesten ist es natürlich beim "herrlichen Wetter" und der "dämlichen" Frage! Neben "weiblich" und "männlich" gibt es die Varianten "weibisch" (eher negativer Beigeschmack!) und "mannhaft" (als durchaus positives Attribut); die schon erwähnten Begriffe "Herrin", "Frauchen" und "Weiblein" sind wohl auch kaum wertfrei, oder?

Absonderlichkeiten in Einzahl und Mehrzahl#

Wenn man hungrig ist, dann isst man und fühlt sich anschließend satt. Wenn man durstig ist, dann trinkt man etwas und ist anschließend ... nicht durstig: es gibt kein eigenes passendes Wort für den jetzt erreichten Zustand! Das "Nicht-durstig" beschreibt den Widerwillen gegen weiteres Trinken genau so schlecht, wie "Nichthungrig" das Völlegefühl des "Ich- bin- satt" zum Ausdruck bringt! Wieso gibt es im Deutschen die Entsprechung "satt" für den Prozess "trinken" nicht? Vermutlich, weil Durst in Europa (wo es überall, wo Menschen lebten, immer genug Wasser gab) im Vergleich mit Hunger nie ein wirkliches Problem gewesen ist!

Die Mehrzahlbildung hat viele Tücken. Die Mehrzahl von "Mann" ist "Männer"; aber von "Kaufmann" ist sie nicht "Kaufmänner", sondern "Kaufleute". Die Mehrzahl von "Eltern" gibt es nicht (da "Eltern" bereits selbst ein "Mehrzahlwort", ein "Pluraletantum", ist). Salz, Zucker, Mehl haben alle keine richtige Mehrzahl ("das Mehl" - "die Mehlsorten"; "die Mehle" gibt es nicht), und das wird auch in jeder Grammatik erläutert: "amorphe, nicht abzählbare Substanzen haben keine Mehrzahl" (darum hat "Stein" eine Mehrzahl, "Fleisch" aber nicht!).

Interessant wird es bei menschlichen Organen: "das Herz - die Herzen", "die Lunge - die Lungen", aber: "der Darm - das Gedärm"! Eines unserer wichtigsten Organe hat keine Mehrzahl: die Leber!, obwohl es in Analogie zu "die Feder - die Federn" wohl "die Leber - die Lebern" heißen müsste, existiert "die Lebern" nicht. Warum eigentlich? Jeder Mensch hat eine Leber, sie sind also abzählbar (und, wie man weiß, auch transplantierbar). Aber: ursprünglich wurde Leber (beim Fleischhauer!) eher als amorphe Masse (wie Fleisch) angesehen, nicht als Einzelorgan. Darum fällt es in die oben erwähnte Kategorie "amorphe Substanzen". Chirurgen, die für weitere Transplantationen noch fünf "Leber(n)" brauchen, werden wohl allmählich eine Mehrzahl für dieses heute noch ohne Mehrzahl existierende Organ einführen . . . und der Dudenverlag (Hüter der deutschen Sprache) wird, wie in ähnlichen Fällen, irgendwann das neue Faktum anerkennen!

Vom Satz zum Wort#

Deutsche Sätze bestehen bekanntlich immer zumindest aus einem Satzgegenstand und einer Satzaussage: in "Ich schreibe", "Der Baum blüht", usw. sind Satzgegenstand und Satzaussage immer "sinnvoll". Wussten Sie, dass wir manchmal einen künstlichen Satzgegenstand konstruieren (der überhaupt keinen Sinn macht), nur damit alles grammatikalisch in Ordnung geht ... und ohne, dass uns dieser eigentümliche Vorgang bewusst wird! Das klassische Beispiel dafür ist: "Es blitzt". Wer oder was (die übliche Frage nach dem Satzgegenstand) blitzt. Offenbar "es". Und was soll dieses "es" sein? Offenbar ein künstlich geschaffener "Füller", weil eben "nicht sein kann, was nicht sein darf" (nach W. Busch): Es darf einen Satz ohne Satzgegenstand nicht geben ... also muss ein künstliches "es" einspringen!

Nicht nur Österreicher und Deutsche haben manchmal Verständigungsprobleme, weil leider verschiedene Personen mit ein und demselben Wort verschiedene Dinge meinen können: Worte sind oft sehr mehrdeutig. Am ehesten ist uns die Vielschichtigkeit der Bedeutung bei so großen (und abgegriffenen) Worten wie "Liebe" oder "Gott" klar. Dürenmatt meint etwa sinngemäß, der Begriff Gott ergibt keinen Sinn, weil hundert verschiedene Menschen darunter hundert verschiedene Dinge meinen: eine Person den allmächtigen, allgegenwärtigen christlichen Gott, eine andere eine nicht näher erklärte Kraft, die All, Erde und den Menschen geschaffen hat (aber vielleicht schon lange aufgehört hat, zu existieren?), eine dritte einen kosmischen Gesetzgeber, der dafür sorgt, dass die Natur in so wundersamer Weise zusammenspielt, eine vierte vielleicht nur ganz vage die Gesamtheit aller Naturgesetze, usw. Und beim Begriff "Liebe" ist es kaum anders: wie verschieden er doch interpretiert wird! Und ich meine damit gar nicht die "Haarspalterei" eines Hans Weigel in "Die unvollendete Symphonie", in der er einen großen Unterschied zwischen den beiden Aussagen "Ich lieb Dich" und "Ich liebe Dich" ortet (das erste leicht hingesagt und unbedeutend, das zweite eine tiefe, verbindliche Aussage, fast ein Versprechen mit vielen Auswirkungen).

Jeder meint etwas anderes ...#

Dass auch ganz normales Textmaterial viele Interpretationen zulässt, liegt nicht so sehr an der Mehrdeutigkeit der deutschen Sprache, sondern vielmehr an der Abhängigkeit der Bedeutung von Worten, Sätzen, Aussagen und Ideen von der Zeit, der Kultur, der Menschengruppe.

Moshé Feldenkrais sagt in seinem Buch "Abenteuer im Dschungel des Gehirns" etwa: "Obwohl Wörter das einzige allgemeine Kommunikationsmittel sind, haben sie keine genaue Bedeutung, weil sie ihrer zu viele haben und weil sie unendlich verschieden gebraucht werden". Ludwig Wittgenstein, der in seinem "Tractatus Logico Philosophico" für kristallklare Formulierungen bekannt ist und für solche eintritt ("Alles, was man sagen kann, kann man klar sagen; und worüber man nicht reden kann, davon soll man schweigen"), schreibt trotzdem in seinen "Philosophical Investigations" des Jahres 1953: "Die Bedeutung von Text ist polysemantisch" (d.h. erlaubt verschiedene inhaltliche Interpretationen). Der berühmte Computerfachmann und Philosoph aus unserem Nachbarland Ungarn, T. Vamos, meint in seinem Buch "Computer Epistemology", dass die Bedeutung eines Wortes von der "Gruppe" abhängt, die es spricht bzw. hört, d.h. nur dort richtig verstanden wird, wo dieselben Erfahrungen vorliegen.

Ich möchte aber noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass nicht nur verschiedene Menschen Worte verschieden verstehen, sondern dass wir alle andauernd Worte verwenden, die wir selbst nicht verstehen! Ich denke etwa an das klassische Beispiel Gorbatschow, der auf die Frage eines Journalisten, er solle Kommunismus definieren, nicht recht wusste, was er sagen sollte. Aber, Hand aufs Herz, können Sie Kommunismus vernünftig definieren? Wissen Sie z.B., ob Kommunismus Planwirtschaft bedeutet, oder das nur zufällig in Russland so gewesen ist, usw.? Wer hat nicht schon von den "Neonazis" in den USA gehört und weiß, was damit gemeint ist? (Nicht nur Sie wissen das nicht, seien Sie getrost, auch die Journalisten, die es verwenden, wissen es genauso wenig). Wenn Sie von Rauschgift reden, was von den folgenden rechnen Sie dazu, was nicht: Tee, Kaffee, Nikotin, Alkohol, Haschisch? Was bedeutet Rasse, Nation, Volk (um einige Worte zu wählen, über die wütende Gespräche oder Klagen geführt werden, und keiner weiß, was die andere Person überhaupt damit gemeint hat). Wenn Sie von rohem Fleisch reden, meinen Sie ungekochtes oder nur unbehandeltes? Für manche Menschen sind Salzheringe, Speck, Bündnerfleisch, usw. roh, da ungekocht; für mich nicht.

Man könnte hier beliebig fortfahren. Und dann ist da noch das Problem dass es ein Österreichisch (Kren, Ribisel, Kübel,…) und ein Deutsch (Meerrettich, Johannisbeere, Eimer,…) gibt. Das schlimmste ist aber, dass Österreicher und Deutsche mit einem Wort verschiedene Dinge meinen: Österreicher bilden sich ein, dass Sessel das österreichische Wort für Stuhl ist. Weit gefehlt: ein Sessel ist im Deutschen was anderes (er ist bequemer, mit Armlehne), ein Stuhl ist was Einfacheres (schon fast so etwas wie ein Hocker). „Ich ersuche Sie dringend“ ist in Österreich eine einigermaßen höfliche Bitte, in Deutschland eine schwere Drohung („ Wenn sie das nicht sofort machen, passiert was“). Es gilt eben nicht nur für Engländer und Amerikaner: Gerade weil die Sprachen einander so ähnlich sind, ist es oft ungemein schwierig, sich zu verständigen.

Hermann Maurer ist Professor an der TU Graz. Näheres unter: www.iicm.edu/maurer . Der vorliegende Text ist angelehnt an Material im Buch: „XPERTEN: Der Anfang“, das 2003 als schriftliche Version eines frühen „Blogs“ von 1988-1995 entstand, (und dem elf Sciencefiction-Romane nachfolgten: http://www.iicm.edu/XPERTEN). Das folgende Bild ist die Titelseite eines der drei der als Buch gedruckten jeweils 64 Blogeinträgen, wobei ich (nicht sehr ernst) argumentiere (siehe zweites Bild) dass eine Quotenregelung wenn man sie einführt, auch wirklich alles betreffen muss... nicht nur dass alle Geschlechter, Altersgruppen, Berufe, etc. etc. im Parlament gerecht vertren sein müssen, sondern dann vielleicht auch in der Fußball Nationalmanschaft?

Ein frühes Blog Buch
Das Buch das aus einem Blog vor 25 Jahren entstand
Qotenregelung
Quotenregelung