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Rückgewinnung des Übersehenen #

Das Erscheinen des Gesamtwerks von Jesse Thoor erinnert an die großen Außenseiter der Literatur#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Freitag, 3. Jänner 2014)

Von

Edwin Baumgartner


Während eines deutschen Luftangriffs auf London
Während eines deutschen Luftangriffs auf London stand der österreichische Dichter Jesse Thoor auf der Straße und brüllte apokalyptische Engelvisionen: Der Kommunist war Mystiker geworden.
wikipedia

Das Gesamtwerk: 397 Seiten. 197 Seiten Gedichte, 76 Seiten Erzählungen (zumeist Autobiografisches), ein paar Varianten, Briefe. Das ist alles. Ein Vielschreiber war Jesse Thoor wahrlich nicht. Lautet nicht eine bewusst überspitzte These, ein Gedicht würde genügen, um in die literarische Unsterblichkeit einzugehen?

Jesse Thoor ist kein großer Vergessener, er ist ein großer Übersehener. Denn vergessen zu sein, bedeutet, dass man irgendwann einmal doch von Bedeutung war. Übersehen zu sein, heißt, niemals Bedeutung erlangt zu haben. Auch das kann geschehen ungeachtet einer vielleicht sogar genialen Begabung. Die Übersehenen sind die Ungerechtigkeiten der Literatur, der Malerei, der Musik, aus denen die Nachwelt ihre großen Entdeckungen spinnt.

Franz Werfel übersah Jesse Thoor nicht. Er bezeichnete seine Gedichte als "die erstaunlichste Leistung, die mir auf dem Gebiete deutscher Lyrik seit Jahren begegnet ist". Und Peter Suhrkamp, Gründer des Suhrkamp-Verlags und ein Mann mit untrüglicher Nase für bedeutende Literatur, nannte eines, "In einem Haus", als eines der schönsten (oder sagte er gar: das schönste?), das ihm jemals untergekommen sei.

Der Dichter dieser sechs Zeilen ist der Österreicher Peter Karl Höfler, geboren am 23. Jänner 1905 in - ja, es mag gleich der Beginn seines Lebens symptomatisch für das Kommende sein: Berlin. Im Jahr zuvor war der Vater aus Oberösterreich in die deutsche Hauptstadt übersiedelt, kehrte aber bald nach Österreich zurück. Peter Karl Höfler arbeitete als Zahntechniker, dann erlernte er das Handwerk des Feilenhauers - und ging auf Wanderschaft. Macht dieses biografische Detail sein Werk tatsächlich zur Vagantenlyrik?

Handwerker und Kommunist#

Höfler nimmt jede Arbeit an - nicht, weil er vom Schreiben nicht leben könnte, sondern weil er das Schreiben nicht als legitimen Broterwerb betrachtet. Wer essen will, soll arbeiten - und zwar mit den Händen. Höfler tut sich insofern etwas leichter als viele andere, als er offenbar mühelos und in kürzester Zeit jedes Handwerk erlernt: Tischler, Bildhauer, Silberschmied. Und kommt er nicht als Handwerker unter, fährt er als Heizer in der Küstenschifffahrt.

Dann geht er wieder nach Berlin, tritt der kommunistischen Partei bei und engagiert sich im Rotfrontkämpferbund. Soziale Ungerechtigkeiten, das Leben der Erniedrigten und Leidenden ist der Nährboden seiner Gedichte - politische Gedichte oder gar Kampflieder sucht man dennoch vergebens bei ihm. Sein Werk ist auch frei von antisemitischen Tendenzen - das sei betont, denn dass Höfler zu antisemitischen Aussagen neigte, war im Freundeskreis kein Geheimnis.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten flieht Höfler mit seiner Frau in seine alte Heimat Österreich, nach dem Anschluss 1938 in die Tschechoslowakei und von dort nach Großbritannien. Er wird als "feindlicher Ausländer" interniert, dann ist man sich sicher, dass vom österreichischen Handwerker keine Gefahr für das British Empire ausgeht. Er wird aus der Haft entlassen, arbeitet in Heimarbeit für einen Londoner Goldschmied. Sein Leben in England wird erschwert durch das simple Faktum, dass er sich weigert, die Landessprache zu lernen. Dennoch bleibt Höfler auch nach 1945 in London. Bei einem Verwandtenbesuch 1952 in Lienz stirbt er an den Folgen eines Herzinfarkts.

Flucht ins Exil#

Neben dem unstet umherziehenden Handwerker Peter Karl Höfler ist da Jesse Thoor. Mit Beginn der Flucht aus Deutschland gerät Höfler in immer größere Distanz zu den Kommunisten. Im tschechischen Exil nimmt Höfler den neuen Namen an, den er ableitet von Jesus und dem nordgermanischen Gott des Donners.

Peter Karl Höfler nannte sich Jesse Toor
Peter Karl Höfler nannte sich Jesse Toor und entwickelte sich vom Kommunisten zum religiösen Mystiker.
© ÖBV/unbezeichnet

Und dieser Jesse Thoor - balanciert er am Wahnsinn entlang? Immer wieder sucht er die Einsamkeit, hat quälende Kopfschmerzen. Er entwickelt sich zum religiösen Mystiker. Bei einem deutschen Luftangriff steht er in London auf der Straße und brüllt seine Engelvisionen heraus.

Viele seiner späten Gedichte sind religiöse Lyrik - aber etwas Vergleichbares hat man noch nicht gelesen: Die Sprache leuchtet visionär, verbindet scheinbar Unvereinbares, ihre Bilder wirken, als könne man sie mit Händen anfassen. Diese Eigenschaft hatten schon Thoors frühere Gedichte: Klang, Duft, auch Geheimnis. Immer wieder wird da etwas kurz angedeutet, das im Leser nachschwingt. Von einem "Olle Michael" etwa heißt es, dass ihn "die Sonne nicht mehr blendet". Was ist mit diesem Menschen geschehen? Ist er erblindet, gestorben?

Seltsam auch die bewusste Fragmentierung der strengen Sonettform: Jesse Thoor zeigt mit abgezählten Strichen an, wo Worte fehlen, Zeilen fehlen. Mitunter ist es eine ganze Strophe. Der Autor zieht sich zurück, offenbart dem Leser, dass Unsagbares unsagbar bleibt, dass Unaussprechliches das eben noch Sagbare von Zeit zu Zeit überdeckt. Mitunter wirken diese Gedichte wie halb unter Sanddünen begrabene Monumente, deren Koordinaten es erst zu vermessen gilt, ehe man sich, ungewiss, was man finden wird, an die Ausgrabung wagt.

Jesse Thoor hat sich um die Veröffentlichung seines dichterischen Werks nie sonderlich bemüht. Dafür eingesetzt hat sich - unter sehr wenigen anderen - der Dichter Alfred Marnau, einer der großen Übersehenen auch er. Geboren wurde er am 24. April 1918 in Pressburg, als diese Stadt gerade noch zu Österreich-Ungarn gehörte. Wie Jesse Thoor, dessen Nachlassverwalter Marnau war, emigrierte er nach London und, auch dies eine Parallele, ist Autor eines sehr überschaubaren Gesamtwerks von außerordentlicher Qualität. Man sollte es nicht auf die (freilich kongenialen) Übersetzungen der blutigen Dramen des Shakespeare-Nachfolgers John Webster einengen.

Dabei erinnern Jesse Thoor und Marnau vehement daran, dass die österreichische Literaturgeschichte durch den Nationalsozialismus einerseits, andererseits aber auch durch die ideologischen Grabenkämpfe der Nachkriegszeit, die bis heute Nachwirkungen haben, in großen Linien der Ungerechtigkeiten verlaufen.

So konnten die wenigsten der Exilautoren dem literarischen Bewusstsein zurückgewonnen werden: Dichter wie Fritz Brainin, Fritz Bruegel oder Hermann Hakel müssen, geschieht nicht ein Wunder, ungeachtet der Qualität ihres Werks als verloren gelten.

In anderen Fällen scheint die Vita sich auf ungeahnte Art querzulegen: So wurde Roman Karl Scholz, dessen Lyrik von großer Schönheit ist, zwar 1944 von den Nationalsozialisten als Widerstandskämpfer hingerichtet - doch dass er als Augustiner-Chorherr zum katholischen Widerstand gehörte, passte nicht in die Nachkriegsszene, in der Sozialisten und Kommunisten unter Missachtung der Fakten den Widerstand für sich allein beanspruchten.

Biografische Stolpersteine#

Rudolf Henz wiederum, ein Dichter von großem Format auch er, war zwar ebenfalls eindeutig anti-nationalsozialistisch in der Einstellung - aber er war dem Austrofaschismus nahegestanden und nützte seine Stellung als Programmdirektor des Österreichischen Rundfunks von 1945 bis 1957, um eine katholische Erneuerung Österreichs zu betreiben. Literaten und Literaturwissenschafter, die sich für fortschrittlich hielten und halten, konnten das nicht vergeben. Sie verkleinerten den qualitativ herausragenden Dichter zur Fußnote - falls sie ihn überhaupt erwähnen.

Sonderlinge wie Michael Guttenbrunner wiederum gingen eher mit Anekdotischem, im konkreten Fall etwa einem mit einem Beil ausgeführten Angriff auf ein Auto, ins Gedächtnis ein als mit den vielleicht beklemmendsten Antikriegsgedichten der österreichischen wenn nicht gar der deutschsprachigen Literatur. Und der Silberstreif, der sich am Horizont mit der Neuauflage von Otto Basils NS-satirischem Roman "Wenn das der Führer wüsste!" abzeichnete und Hoffnungen auf eine Gesamtausgabe erweckte, ist wieder verblasst.

Aber vielleicht ranken sich Hoffnungen und Erwartungen auch immer zur Unzeit in die Höhe - dann nämlich, wenn ohnedies gerade etwas Wichtiges zum Thema geschehen ist. Wie etwa die Jesse-Thoor-Gesamtausgabe. Wer hätte mit ihr vor einem oder zwei Jahren gerechnet?

Jesse Thor, Das Werk, Herausgegeben von Michael Lentz, Wallstein, 468 Seiten, 24 Euro

Wiener Zeitung, Freitag, 3. Jänner 2014

--> Jesse Thoor (AustriaWiki)