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Philosophieren, Schritte zählen#

Der Dichter als "Pedometer-User": Julian Schutting legt in seinem Buch "Auf der Wanderschaft" vier Texte über das Vergnügen am Gehen vor.#


Von der Wiener Zeitung freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Samstag, 8. August 2009)

von

Evelyne Polt-Heinzl


Immer schon scheint österreichischen Autorinnen und Autoren als Ausgleich zur sitzenden Tätigkeit des Schreibens der Lobpreis des Gehens besonders am Herzen zu liegen. Minutiös und leidenschaftlich geraten die Beobachtungen von Geh-Eigentümlichkeiten, der Hüpfgeher in Rilkes "Malte Laurids Brigge" etwa oder der mechanische Läufer in Gerhard Roths "Landläufiger Tod". Und der so leidenschaftliche wie begabte Spazierwanderer Peter Handke schreibt in seinem Buch "Die Abwesenheit" Nietzsches Misstrauen gegen sitzende Philosophen gleichsam nahtlos weiter: "In all den Fahrzeugen gibt es keinen Aufbruch, keine Ortsveränderung, kein Gefühl einer Ankunft. (...) Nur der Geher holt sich ein und kommt zu sich. Nur was der Geher denkt, gilt."

Franz Kafkas "Der plötzliche Spaziergang" als Mittel, "sich zu seiner wahren Gestalt zu erheben", verdichtet sich zu den leidenschaftlichen "Denker-Gehern" in den Romanen Thomas Bernhards und den reflexiven Hommagen an das Gehen als idealer Fortbewegungsart bei Helmut Eisendle. "Man schmerzt nicht so beim Gehen", schrieb Hertha Kräftner kurz vor ihrem Selbstmord 1951.

"Auf- und Abgehen im Freien: verjüngt", heißt es bei Peter Handke an anderer Stelle – ein Aspekt, der von der aktuellen Fitnessbewegung eine neue Dimension erhalten hat. Unsere Gesellschaft verlängert die Omnipräsenz von Zwängen, Leistungsdruck und Versagensängsten gerne in das Freizeitverhalten hinein und der Transmissionsriemen heißt Fitness. "Die Altersgenossen sind Gesundheitsdenker geworden, (...) sie erzählen einander mit einem Gesicht, das von gut arbeitender Verdauung kündet, wo sie an Sonntagen gegangen seien, lassen durchblicken, was sie als Nächstes vorhaben", konstatierte Engelbert Obernosterer schon 1993 in seinem Roman "Verlandungen".

Nun legt Julian Schutting ein Lob des Gehens vor. Das überrascht nicht, denn seine Lust an der Fortbewegung in freier Natur ist bekannt. Ein früher Text Schuttings bannt auf einem in sanften Sprachwellen über zwei Seiten hinlaufenden Satz die Hügellandschaft der österreichischen Voralpen wie in einer Fotomontage aus einander überlappenden Landschaftsausschnitten. Was überrascht, ist jedoch das Outing Schuttings als Pedometer-User, der das Wanderziel „körperliche Ertüchtigung“ messbar machen will, der mitunter zum Schrittezähl-Trick greift, wenn die Motivation zum Weitergehen abhanden zu kommen droht, und der dem Gedanken des Wettwanderns nicht abhold ist.

Man kennt das Phänomen der mit verbissenen Gesichtern ihren persönlichen Zeitrekorden hinterherstapfenden Fitness-Wanderer, für die eine Sportart wie die andere ist. Mit dem philosophischen Geh-Gedanken bleibt das unvereinbar, denn gehen heißt ja auch schauen, hören und eben vor sich hindenken – davon hält den Wanderer Schutting allerdings nichts ab, weder Pedometer noch Wettkampfgeist noch Zählmagie.

"Auf der Wanderschaft. Über das Vergnügen am Gehen" umfasst vier Texte, die die erwanderten Erfahrungen mit Gedankensplittern und konkreten Abenteuern verbinden. Der erste Text ist eine Hommage an den "Gnadenort der Kindheit", Maria Hohenberg in Kärnten abseits der prestigeträchtigen Pilgerwege, der sich beim Bergaufwandern auch aufgrund landschaftlicher Eingriffe wie Stacheldrahthürden nicht immer leicht finden lässt. Wer weiß heute schon noch über die Wirkweise der Irrwurz Bescheid?

Der Ort wie der Weg sind verbunden mit den Bildern und Gedanken aller früheren Wanderungen und angereichert mit den Wünschen, Hoffnungen und Danksagungen der Wallfahrer vieler Jahrhunderte. Auch der zweite Text, „Der Jauntaler Drei-Berge-Lauf (In Wahrheit eine Phantasie)“, ist die Geschichte einer Wallfahrt, beschwerlich, regenvoll, nicht allein, sondern im Kollektiv unternommen – oder eben nicht. Damit eine Wanderung zustande kommt, bedarf es ja oft eines inneren Rucks – und manches spricht schnell gegen den Aufbruch, zum Beispiel befürchtetes Schlechtwetter. Der längste Text, "Gehen" (angehängt ist noch die kurze Skizze „Unterkünfte“), ist dann eine viele Orte und Wandertypologien – inklusive Stadtwanderungen durch Wien – umfassende Philosophie des Gehens und des Gehers. Er kann gehend auf sich oder die Liebe zulaufen, oder sich und der Enttäuschung davon; er kann sich die Zeit verkürzen mit Schauen, Blumen oder Früchte sammeln, Lieder und "Gebetsformeln" der Kindheit memorieren, Wortfeldstudien betreiben oder einfach die Natur genießen.

"Wohl einem jeden, dem die Kontemplation gegeben ist, im Innehalten für viele Minuten Naturschönheit in sich einzulassen, in vollkommener Selbstvergessenheit ihr hingegeben – selbst Mondblicke gelingen dir nur für Augenblicke", heißt es an einer Stelle.

Das ist natürlich ein Understatement, denn man erfährt viel über Schuttings Beobachtungen, obwohl es immer "misslingen muss", den Gedankenfluss aufzuzeichnen, da "wir alle für uns allein abgekürzt denken". Doch Schuttings Aufzeichnungen belegen einmal mehr, dass es literarisch eben doch immer wieder gelingt.


  • Julian Schutting: Auf der Wanderschaft. Über das Vergnügen am Gehen. Otto Müller, Salzburg/Wien 2009, 115 Seiten, 18 Euro.


Wiener Zeitung, Samstag, 8. August 2009