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Jura Soyfer und die Welt von Heute #

Jura Soyfer war Autor einer kritischen Öffentlichkeit am Ende der Ersten Republik und im Ständestaat. Wieso gehört diese Öffentlichkeit nicht zum Kanon der österreichischen Literatur, wieso ist diese nicht Teil der Identität des Landes?#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 28. November 2013)

Von

Hubert Christian Ehalt


Karl-Marx-Hof
Rotes Wien. Der Karl-Marx-Hof, ein Symbolbau jenes Roten Wiens, für das Intellektuelle wie Jura Soyfer stehen.
Foto: Wikipedia

Ein Gespräch mit seinem Biografen. #

Die von Hubert Christian Ehalt herausgegebene „Enzyklopädie des Wiener Wissens“ strebt ein „Portrait der Stadt Wien“ an. Der Schriftsteller und Essayist Alexander Emanuely hat sich intensiv mit Jura Soyfer und dessen Zeit befasst. Im Gespräch mit Hubert Christian Ehalt spricht er über das politische Vermächtnis Soyfers, aber auch über dessen literarische Qualitäten – und nennt ihn in einem Atemzug mit Johann Nestroy, Samuel Beckett oder Elfriede Jelinek.


HUBERT CHRISTIAN EHALT: Wie wichtig ist es heute, sich mit Jura Soyfer zu beschäftigen?

Alexander Emanuely: Um die Gegenwart, und alles was passiert, begreifen zu können, ist es meines Erachtens wichtig zu wissen, wie weit denn diese in die Zeit reicht, und zwar ins Gestern und ins Morgen. Wir haben so ein merkwürdiges Zeitverständnis, wollen gerade die grauslichsten Taten in unserem Land in eine abgeschlossene Vergangenheit verbannen, weit weg von uns. Man tut so, als gehörten die Verbrechen der Nazis einer anderen Welt an. Und man vergisst dabei, dass diese Verbrechen unsere Gesellschaft, Europa aufs Erschreckendste geprägt haben, dass unser Alltag, unsere Sprache, unser Denken und Handeln durchaus noch verpestet zu nennen sind. Und es wird noch Generationen daran gearbeitet werden müssen, bis sich eine halbwegs humanistische Selbstverständlichkeit, so wie seit der Aufklärung angestrebt, bei uns allen durchsetzt. Um sich dessen bewusst zu sein, um dort hin zu kommen, braucht es die Kunst, die Literatur, die Philosophie, und eine breite Öffentlichkeit dafür. Jura Soyfers Geschichte erzählt von einem kurzen Augenblick in Österreich, da es engagierte Intellektuelle sowie Massenmedien für deren Ideen, wie die Arbeiter-Zeitung, gegeben hat, es war die Zeit des Roten Wiens. Der Intellektuelle und Schriftsteller Jura Soyfer war ein Kind dieses Wiens und all der Möglichkeiten, das dieses geboten hat. Heute Jura Soyfer zu lesen, ist ein literarisches Vergnügen, sich mit ihm zu beschäftigen ein Muss, denn es eröffnet einem eine Gedankenwelt, die ihre Gültigkeit, Wichtigkeit und Dringlichkeit nicht verloren hat.

Alexander Emanuely
Emanuely. Der Autor des Buches, Alexander Emanuely, geb. 1973, studierte Politik- und Theaterwissenschaft an der Universität Wien. Foto: Privat

EHALT: Was ist an Jura Soyfers Werk so bedeutend?

Emanuely: In seinen Stücken steckt alles drinnen: in „Astoria“ die Sehnsucht nach dem Glück – und wie diese Sehnsucht von skrupellosen Menschen ausgenützt wird, in „Vineta“ das Sich-im-Kreis-Drehen einer Gesellschaft, in der die Menschen nur noch dank einer kollektiven Alltagsamnesie die Sinnentleerung ihrer Existenz ausblenden können, im „Lechner Edi“ die bald alte, aber nie veraltete Frage der Entmenschlichung durch den technischen Fortschritt … Jeder politisch aktive Mensch, sagen wir linker, humanistischer Ausrichtung, sollte Jura Soyfers Romanfragment „So starb eine Partei“ lesen, ein Lehrstück, in dem die Unzulänglichkeit des Handelns beim bes ten Willen beschrieben wird. Die Briefe Jura Soyfers gehören zu den schönsten, humorvollsten, kurzweiligsten Briefen der Literaturgeschichte überhaupt. Man findet hier kein Selbstmitleid, kein Jammern, Verzweiflung schon, aber mit Würde und Humor getragen, und viel Hoffnung, mit noch mehr Würde und Humor getragen. So was zu lesen tut wirklich gut. Und dann Juras Gedichte, schön, intelligent, prophetisch und kämpferisch zugleich, aber über Lyrik soll man nicht reden, man soll sie lesen, soll sie singen, Jura ist für beides geschaffen.

EHALT: Wie würden Sie Jura Soyfers intellektuelles Umfeld beschreiben?

Emanuely: Jura war nicht das Einzelgenie der österreichischen Zwischenkriegszeit. Wir haben unzählige AutorInnen, KünstlerInnen, DenkerInnen, so wie er vergessen, so wie er ein großes Werk hinterlassen habend. Wir haben in Wien eine ganze Landschaft von linken Intellektuellen, die sich durchaus mit jenen in Paris oder Cambridge oder New York zu dieser Zeit messen können. Doch während André Breton, Virginia Woolf, E. E. Cummings ganz selbstverständlich bekannt sind, sind ein Theodor Kramer, eine Else Feldmann oder eine Adele Jellinek oft nur den Eingeweihten oder Neugierigen ein Begriff. Oder wer kennt noch Otto Felix Kanitz? Immerhin hat man diesen Pädagogen als „vermutlich größte Begabung, die die sozialistische Bewegung Österreichs hervorgebracht hat“ besbeschrieben! Wahrscheinlich wissen nicht einmal mehr die meisten SozialdemokratInnen, wer er war. Es gibt gerade eine Ausstellung mit Fotos von Edith Tudor-Hart im Wien Museum. Wer weiß noch, wer ihr Vater und ihr Onkel waren, die Gebrüder Suschitzky, mit ihrer Leihbibliothek und Buchhandlung, der ersten in Favoriten, und mit ihrem Anzengruber-Verlag? Ein Cousin Edith Tudor-Harts war übrigens auch der Hauptsponsor des Politischen Kabaretts, dem Versuch der SozialdemokratInnen von 1927 bis 1933 nicht nur über sich selbst lachen zu können, sondern auch die Ideen der internationalen Avantgarde, Brechts und Piscators auf eine Wiener Bühne zu bringen. Jura Soyfer lernte auf dieser Bühne ab 17 sein schriftstellerisches Handwerk, Edith Tudor-Hart zeigte dort ihr Talent als Schauspielerin.

EHALT: Welche Bedeutung haben die Intellektuellen des Roten Wiens und was ist von ihnen heute noch präsent?

Emanuely: Eines haben die aufgezählten, die vergessenen ÖsterreicherInnen, allesamt Stützen des Roten Wiens, der Wiener Moderne in der Ersten Republik, gemein, entweder wurden sie von den Nazis ermordet oder sie konnten sich ins Exil retten. Von den eben aufgezählten haben nur Edith Tudor-Hart, ihr Cousin und Theodor Kramer überlebt. Dass sie nach 1945 mehr oder weniger vergessen wurden, ist einfach ein weiterer Anschlag auf ihre Existenz, nämlich auf das, was von dieser übrig blieb, auf ihr Werk. Wir sollten uns gut überlegen, wieso dieses Vergessen so lange angehalten hat und dieser geistige Mord teilweise nach wie vor anhält, und was das eigentlich für uns alle bedeutet. Und während wir überlegen, sollten wir die Bücher dieser AutorInnen lesen, mich haben sie jedenfalls geprägt und bereichert.

EHALT: Was wünschen Sie sich für Jura Soyfer?

Emanuely: Dass man sich an Jura Soyfer nicht nur zu seinen runden Geburtstagen oder Todestagen erinnert. Dass seine Stücke zum Repertoire der großen Bühnen gehören, so wie jene Nestroys, Becketts oder Jelineks. Dass man seine Stücke verfilmt. Dass Jura Soyfers Name in Österreich genauso geläufig ist, wie in Frankreich jener Albert Camus’, der nur um ein Jahr jünger war. Das heißt, dass man Jura Soyfer schon in den Schulen liest. Dabei denke ich, dass die SchülerInnen mit „Geschichtsstunde im Jahre 2035“ ihre Freude haben werden!


DIE FURCHE, Donnerstag, 28. November 2013