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Kafkas Köpfe #


Anlässlich der Veröffentlichung eines Bildbandes über Kafka erschien am 10. Juli 2008 ein Artikel in dem Wochenjournal Die Furche, den wir hier mit freundlicher Genehmigung des Verlages wiedergeben dürfen.


von

Oliver Ruf


Kafka, Franz
Franz Kafka
© Die Furche

In einem seiner kleinen, im Oktavheft H überlieferten Texte heißt es: "Alles fügte sich ihm zum Bau. Fremde Arbeiter brachten die Marmorsteine zubehauen und zueinandergehörig. Nach den abmessenden Bewegungen seiner Finger hoben sich die Steine und verschoben sich. Kein Bau entstand jemals so leicht wie dieser Tempel oder vielmehr dieser Tempel entstand nach wahrer Tempelart." Ein Tempel ist Kafkas Werk inzwischen für die einen, ein mithin nahtlos verfugter "Bau" für die anderen, den zu betreten manch einem (ganz so wie dem Mann vom Lande in der berühmten "Türhüterlegende") nicht möglich ist, obwohl doch dessen Tür die ganze Zeit offensteht. Kafka wurde und wird zum Gegenstand immer höher bauender Auslegungen. Es überrascht nicht, dass der Berg an Publikationen mit dem diesjährigen Jubiläum – Kafka wurde vor 125 Jahren geboren – weiter angewachsen ist. Unter den neuen Büchern sind nützliche Einstiege in das Kafka’sche "Universum", famos verfasste literarische Essays und gleichsam ikonografische Zeugnisse dieses großen Mysteriums der Weltliteratur.

Lebensraum im Bild#

Die beeindruckendsten Bilder bietet Hartmut Binders opulente Bildbiografie, die erstmals umfassend alle Lebensphasen Kafkas mit über 1200 fast ausschließlich historischen und großenteils unveröffentlichten Fotografien dokumentiert, die ausführlich und einsichtig erläutert werden. Gezeigt werden alle Prager Wohnungen Kafkas und seiner Verwandten, die Domizile seiner wichtigsten Freunde sowie die Schulen, Hochschuleinrichtungen, Synagogen, Kirchen, Kaffeehäuser, Hotels, Theater, Kabaretts, Vortragssäle, Salons, Ausstellungen, Badeanstalten und Parks, kurz: alle Orte, die Kafka je zu besuchen pflegte. Fotografisch nachvollzogen werden außerdem seine fast täglich unternommenen Stadtspaziergänge, seine Ausflüge in die Umgebung Prags, seine Dienst- und Urlaubsreisen sowie seine Kuraufenthalte in den Jahren der Krankheit – und das alles kleinschrittig, in Bildsequenzen, die nach Motiv, Zeitstellung und Perspektive möglichst genau auf Tagebücher und Briefstellen rekurrieren, in denen von den genannten Unternehmungen die Rede ist. Dass dabei zahlreiche bisher unidentifizierte Örtlichkeiten und Monumente zum Vorschein kommen, ist erstaunlich. Dass hierbei auch jene Menschen, mit denen Kafka Kontakt hatte, in Bild und Beschreibung Konturen gewinnen, ist ein zweiter Gewinn dieses bemerkenswerten Buches. Mit ihm gelingt es Hartmut Binder, die enge Verzahnung von Kafkas literarischem Werk, seinen Tagebüchern und Briefen mit seinem tatsächlichen Lebensraum authentisch aufzuzeigen. Damit bietet Binder ein geradezu ideales Pendant zu Klaus Wagenbachs großer Standard-Bild-Monografie, die jetzt als überarbeitete und erweiterte Ausgabe erschienen ist und die den Blick auch auf Kafkas Berufsutensilien und Alltagsgegenstände lenkt, etwa auf die Schreibfeder, die Büroschreibmaschine oder die "Ohropax"- Box – "unentbehrlich gegen den Lärm der Welt".

Keine leere Landschaft#

Warum das Stimmengewirr der Welt dennoch so nachhaltig und "ungeheuerlich" den Weg in Kafkas Kopf gefunden hat (unweigerlich denkt man an Gregor Samsas phantastische Verwandlung in ein ungeheueres Ungeziefer), erklärt Louis Begley in seinem neuen, versierten biografischen Versuch. Begley, 1933 als Sohn polnischer Juden im ukrainischen Stryj geboren, dessen eigenes dichterisches Debüt "Lügen in Zeiten des Krieges" als wichtigstes Dokument der literarischen Erinnerung an den Holocaust gilt, hat die wichtigsten Schwierigkeiten, die sich im Umgang mit Kafkas Leben und Werk ergeben, souverän geschultert. In dem Bewusstsein, dass Kafkas Romane und Erzählungen streng ahistorisch seien, wird demonstriert, dass dieser "doch nicht in einer Landschaft" schrieb, "die so leer und öde war wie die winterlichen Felder, durch die der glücklose Landvermesser K. auf seinem Weg zu Graf Weswests Schloss stapft". Vielmehr wird – aus der subjektiven Sicht eines Autors, der als Jude selbst dem Holocaust entging – ersichtlich, wie fest verankert Kafka in Prag und in der deutschsprachigen jüdischen Mittelschicht war. Zitiert wird denn auch an einer Stelle Willy Haas, der erste Herausgeber von Kafkas Briefen an Milena Jesenská und Mitglied des Prager Literaturenzirkels, in dem auch Kafka verkehrte, der schreibt: "Kafka hat gewiss alles gesagt, was wir auf der Zunge hatten und niemals sagten, niemals sagen konnten... Ich kann mir nicht vorstellen, wie irgendein Mensch ihn überhaupt verstehen kann, der nicht in Prag und nicht um 1890 und 1880 geboren ist … Kafka scheint mir ein … österreichisches, jüdisches, Prager Geheimnis zu sein, zu dem nur wir den Schlüssel haben." Wenn auch die Haas’sche Behauptung Begley zu Recht reichlich übertrieben erscheint, nimmt er sie gleichwohl zum Anlass, Böhmen, Prag und Kafkas Familie als Ausgangspunkt seiner Überlegungen heranzuziehen, um auf diese Weise (gerade auch für neue Leser) einen Zugang zu Kafkas literarischem Labyrinth anzubieten, gewissermaßen nicht vor der Tür zu Kafkas OEuvre zu verharren, sondern leichten Schrittes den Eintritt zu wagen, obwohl dies letztendlich doch unmöglich sein mag. "The Impossibility of Being Kafka" lautet der Titel eines Essays der amerikanischen Erzählerin Cynthia Ozick – "Die Unmöglichkeit, Kafka zu sein". Reiner Stach, der in der Vergangenheit nicht nur "Kafkas erotischen Mythos" untersucht hat, sondern auch für die gefeierte Ausstellung über "Kafkas Braut" verantwortlich zeichnete, nimmt zu Beginn seiner gerade publizierten, neuen Biografie nicht zufällig Bezug auf Ozicks programmatische Überschrift, die – so Stach – "verblüfft" und "einleuchtet", weil sie "unterschwellig jenes vertraute Porträt eines neurotischen, hypochondrischen, skrupulösen, in jeder Beziehung schwierigen und empfindlichen Menschen heraufbeschwört, der ewig um sich selbst kreist und dem schlechthin alles zum Problem wird."

Einsam, aber nie eintönig#

Ein solches Bild, das Kafka zum "paradigmatischen Fall einer weltfremden, sich selbst verzehrenden Innerlichkeit" gemacht hat, zeichnet Stach in seinem stilistisch vortrefflich geschriebenen Buch, in dem er den biografischen Zugang zu Kafka gegenüber den Geisteswissenschaften aufs Deutlichste verteidigt und gleichzeitig demonstriert, wie ein solcher bestmöglich funktionieren kann. "Man muss sich klarmachen", heißt es bei Stach, dass "privates und öffentliches Unglück" bei Kafka „nicht nur zeitlich zusammentrafen, sondern dass sie auch in dieselbe Kerbe, dieselbe Wunde schlugen. Denn beides waren Katastrophen, die kostbare menschliche Verbindungen kappten und ihn in einem Augenblick der Hoffnung auf sich selbst zurückwarfen: Katastrophen der Einsamkeit." Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis zum diesjährigen Jubiläum: Dass es in Kafkas Kopf-"Bauten" zwar einsam, aber niemals eintönig ist, was im Besonderen auch das von Peter Höfle neu herausgegebene Lese- und Einführungsbuch zum Thema belegt. Enthalten sind darin (leichtverständlich eingeleitet, wiederum biografisch verortet und nach Lebensstationen geordnet) Kafkas bedeutendste Texte, darunter auch jener, in dem zu lesen ist: „Alles fügte sich ihm zum Bau … Nur dass auf jedem Stein … unbeholfenes Gekritzel sinnloser Kinderhände oder vielmehr Eintragungen barbarischer Gebirgsbewohner zum Ärger oder zur Schändung oder zu völliger Zerstörung mit offenbar großartig scharfen Instrumenten für eine den Tempel überdauernde Ewigkeit eingeritzt waren.“ In dieser Ewigkeit – so ließe sich zusammenfassen – ist Kafka heute situiert.

Literatur#

  • KAFKAS WELT Eine Lebensgeschichte in Bildern Von Hartmut Binder Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2008. 688 S., geb., € 70,–
  • FRANZ KAFKA Bilder aus seinem Leben Von Klaus Wagenbach. Wagenbach Verlag, Berlin 2008. Überarb. und erw. Ausgabe. 256 S., geb. € 40,10
  • DIE UNGEHEUERE WELT, DIE ICH IM KOPF HABE Über Franz Kafka. Von Louis Begley. Aus dem Engl. von Christa Krüger. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008. 336 S., geb., € 20,60
  • KAFKA – Die Jahre der Erkenntnis Von Reiner Stach S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 732 S., geb., € 30,80
  • EINFACH KAFKA Hg. von Peter Höfle Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2008 350 S., brosch., € 7,20

Die FURCHE, NR. 28, 10. Juli 2008