unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Klüger: Das Gedächtnis ist hartnäckig #

Ruth Klüger ist in Wien geboren und beinahe in Auschwitz gestorben. Sie lebt in den USA als Literaturwissenschafterin und Schriftstellerin – Porträt einer intellektuellen Autorität.#


Mit freundlicher Genhemigung aus der Wiener Zeitung Samstag, 29. November 2008.

Von

Jürgen Koppensteiner


Ruth Klueger
Ruth Klüger las am 21. November 2008 in der Österreichischen Nationalbibliothek aus „unterwegs verloren“, ihrem neuesten Buch.
Foto: © APA/ Herbert Neubauer

"Für Jürgen Koppensteiner zur Erinnerung an alte Tage und an ein frisches Wiedersehen in Cedar Falls, herzlich Ruth Klüger, 14. November 2006.“

Seit damals versuche ich die Widmung zu entschlüsseln, die mir die bekannte amerikanische Germanistin in mein Exemplar ihres 1992 erschienenen Bestsellers „weiter leben: Eine Jugend“ geschrieben hat. Was erinnert, frage ich mich, an die „alten Tage“, und wann fanden diese statt? Das „frische Wiedersehen“ bezieht sich wohl auf unsere (Wieder-)Begegnung an der University of Northern Iowa, an der ich früher lehrte und wohin sie zu einer Lesung und einem Vortrag über das Thema Holocaust eingeladen worden war. Natürlich „kenne“ ich Ruth Klüger seit vielen Jahren; in der internationalen Germanistik gibt es vermutlich niemanden, der sie nicht kennt.

Aura des Unnahbaren#

Bei meinen (flüchtigen) Begegnungen mit Ruth Klüger empfand ich sie so: umgeben von einer Aura des Unnahbaren und bedacht auf Distanz und Autorität. Ja, man wusste, sie war eine Auschwitz-Überlebende, verstohlene Blicke galten der auf Klügers linkem Arm eintätowierten KZ-Nummer. Ihr Offen-zur-Schau-Tragen der Tätowierung stieß bei manchen Kollegen wie auch Studenten auf Widerstand und wurde als Provokation empfunden. Als einmal in Princeton einer ihrer Kollegen, selbst jüdischer Herkunft („ein fauler, aber gescheiter Kafka-Forscher“) behauptete, sie hätte ihn mit „judenfeindlichen“ Ausdrücken beschimpft, reagierte sie heftig. In einem, wie sie zugibt „weiblich-professoralen Wutanfall“ schüttete sie ihm ein Glas Wein ins Gesicht. Die Episode sprach sich rasch herum und verstärkte die gegen sie im Umlauf befindlichen Vorurteile. Den Grund für die eher absurde Unterstellung, sie wäre antisemitisch eingestellt, sieht Klüger darin, dass viele Juden in den USA KZ-Überlebende und Einwanderer ablehnen, weil diese die ständige, aber unerwünschte Erinnerung an den Holocaust mit sich tragen.

Ruth Klüger, in Fachkreisen auch als Ruth Angress bekannt, zeichnet sich als vielseitige Literaturwissenschafterin aus. Die Bandbreite ihrer Arbeiten reicht vom Barock bis zur Gegenwartsliteratur, von Lessing über Kleist bis Heine. Voll Stolz erzählt sie von einem ihrer frühen Aufsätze, einer Neuinterpretation von Kleists „Hermannsschlacht“, einem Stück, das lange als geistiger Vorläufer der Nazi-Ideologie galt. Claus Peymann, berichtet Klüger, habe ihr Jahre nach seiner viel beachteten Bochumer Inszenierung (1982/83) versichert, den wichtigsten Anstoß zu seiner neuen Sicht des Dramas von ihr erhalten zu haben.

Klüger hat außerdem über so unterschiedliche Autoren wie Erich Kästner, Thomas Mann oder Adalbert Stifter gearbeitet. Ihre als „wohltuend unakademisch“ empfundenen Artikel (Jens Zwernemann), die sich u.a. mit den Zusammenhängen von Dichtung und Geschichte, der literarischen Darstellung des Holocaust, dem Bild der Juden in der Literatur und nicht zuletzt mit der Literatur von und über Frauen befassen, stoßen seit dem Erscheinen ihres Erfolgsbuches auf großes Interesse und werden nachgedruckt.

Die Autobiographie#

Im Sommer 1992 erscheint „weiter leben: Eine Jugend“ – jenes Buch, das Ruth Klügers Leben veränderte. Während eines Krankenhausaufenthaltes in Göttingen entstanden, wurde das „bescheidene“ Werk ein Bestseller. Innerhalb weniger Wochen wurde Ruth Klüger zu einer „celebrity“ der Literatur. Eine Rolle, die ihr zu behagen scheint.

So überraschend der Erfolg kam, so schwer war es gewesen, das Buch zu veröffentlichen. Zunächst musste ein Verlag gefunden werden. Dass der renommierte Suhrkamp Verlag das Manuskript ablehnte, erwies sich als Bumerang – für den Verleger Siegfried Unseld: Er fand die Geschichte zwar „erschütternd“, doch entspreche der Text nicht den literarischen Standards seines Hauses, schrieb er der Autorin in einem Fünfzeilenbrief, den sie als Kränkung empfand. Wenig später wurde „weiter leben“ bei Wallstein in Göttingen veröffentlicht, einem kleinen, aber ehrgeizigen Verlag. Er machte Ruth Klüger zu einer geschätzten Autorin, was nicht einmal die „Unmengen von Druckfehlern“ in der Erstausgabe verhindern konnten.

Ohne ihre deutschen Freunde wäre das Unternehmen freilich nicht gelungen. Martin Walser beispielsweise, mit dem sie sich später überwarf, stellte den Kontakt zu wichtigen Literaturkritikern her, vor allem zu Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki. Deren geradezu überschwängliches Lob im „Literarischen Quartett“ leitete den Siegeszug des Buches ein, das die unglaubliche Geschichte eines jüdischen Mädchens aus Wien erzählt, das dem sicheren Tod in einem Nazi-Vernichtungslager nur durch Zufall entkam und in Amerika Karriere machte. Auflage: 250.000 Stück! Nur wenige Bücher über den Holocaust haben so große Aufmerksamkeit gefunden. Bisher wurde „weiter leben“ in zehn Sprachen übersetzt, an vielen Schulen in Deutschland ist das Buch Pflichtlektüre. Ruth Klüger erhielt dafür viele Auszeichnungen und Ehrungen, etwa den Rauriser Literaturpreis (1993), den Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik (1997), den Bruno Kreisky-Preis (2002) oder ein Ehrendoktorat der Universität Göttingen (2003).

„Plötzlich war ich gefragt“, freut sich Klüger heute noch. Man schreibt ihr Briefe, Einladungen zu Gastprofessuren treffen ein, sie kann veröffentlichen, was sie will. Von den Medien hofiert, antwortet sie geduldig bei Interviews auf die immer wieder selben Fragen – ja, sie sei für Obama, aber über die österreichische Politik wisse sie nichts. Sie hatte einen Auftritt bei der heurigen Frankfurter Buchmesse und kann sich über immer neue Erfolge freuen. Zum Beispiel über diesen: „weiter leben“ wurde heuer für die jährlich abgehaltene Gratisbuch-Aktion der Stadt Wien ausgewählt – immerhin verschenkte 100.000 Exemplare. Klüger hat erfolgreiche Lesungen im Akademietheater und im Linzer Posthof hinter sich; am 21. November folgte schließlich eine Lesung in der Nationalbibliothek, gewissermaßen der krönende Abschluss eines erfolgreichen Jahres für diese jüdisch-österreichisch-amerikanische Autorin.

2008 hat Ruth Klüger auch den zweiten Band ihrer Erinnerungen vorgelegt. „unterwegs verloren“ (den Titel verdankt sie Herta Müller) ist ein schmaler Band, knapp über 200 Seiten, keine Memoiren im traditionellen Sinn, eingeteilt in drei Blöcke, „Abschiede“, „Neue Welt“, „Alte Welt“. Diese enthalten kürzere Essays, die um verschiedene Themen kreisen, wobei es Klüger nicht darum geht, ihr Leben chronologisch-linear nachzuerzählen. Man kann ihr neues Buch als „reflektierte Autobiografie“ bezeichnen, auch der Begriff „Lebensbilder“ (Claudine Borries) bietet sich an. Die Themenvielfalt ist groß, schließt Persönliches ein und verknüpft es mit der Darstellung gesellschaftlicher Veränderungen in den letzten Jahrzehnten. Es geht Klüger um Fragen ihrer Identität als Frau und Jüdin, um Eheprobleme inklusive Schwangerschaft und Geburt, aber auch um den amerikanischen Universitätsbetrieb, um Feminismus, Rassismus und Diskriminierung.

„unterwegs verloren“ beginnt mit einer Szene, die manche Leser als beklemmend empfinden könnten: Ruth Klüger lässt sich in einer Laserklinik in Kalifornien ihre KZ-Nummer entfernen. Ein symbolischer Akt. „Mit dem Älterwerden“, schreibt sie, „weichen auch die Gespenster zurück.“ Ein halbes Jahrhundert habe sie die KZ-Nummer „mitgehabt, angehabt, herumgeschleppt“ auf dem linken Arm, „und dann riss mir die Geduld.“ Sie will nicht länger ein Mahnmal sein, das an ihren vergasten Vater und den von den Nazis ermordeten Bruder erinnert. Ganz anders, versöhnlich und zärtlich ist der Ton in der Geschichte vom Sterben der Mutter, mit der sie ein bestenfalls ambivalentes Verhältnis verband. Die kleine Isabelita, die Enkelin der Autorin, liebte ihre Urgroßmutter vorbehaltlos und zärtlich. Eine berührende Erzählung.

Akademischer Alltag#

Ruth Klügers Erinnerungen an Princeton und andere Stationen in ihrer Karriere, treffend mit dem Titel „Das akademische Dorf“ versehen, geben Einblicke in den Alltagsbetrieb an amerikanischen Universitäten in den fünfziger und sechziger Jahren. Die Germanistik ist zu einem Orchideenfach geschrumpft, die Literatur ein „großer Tratsch mit fast nichts als Liebesaffären und gewaltsamen Todesfällen“. Das Wort Provinzposse kommt mir in den Sinn, wenn ich von all den Intrigen, Eifersüchteleien, von der Selbstgerechtigkeit und den aufgebauschten Trivialitäten im Umfeld der Germanistikabteilung von Princeton (und anderer Institutionen) lese. Dabei begann alles so schön. Ruth Klüger erhielt einen Anruf, ob sie sich nicht für die offene Stelle als Institutsleiterin bewerben wolle. Sie wollte, und machte einen großen Karrieresprung. Princeton war immerhin die Nummer drei der amerikanischen Prestigeuniversitäten. Aber sie bemerkte schnell, dass man dort nur eine Vorzeigefrau brauchte. Niemand interessierte sich für ihre Arbeit, sie war verärgert, fühlte sich isoliert und enttäuscht. Nach sechs Jahren kündigte sie und ging zurück nach Irvine in Kalifornien, an eine in der amerikanischen Rangordnung mindere Universität, „wie eine Frau, die von einem enttäuschten Liebhaber zu ihrem geduldigen Ehemann zurückflüchtet“. „Die sechs Jahre Princeton“, so zog Klüger Bilanz, „haben mich wehleidiger und ungeschützter gemacht, als ich es vorher war.“

Aber es blieb nicht bei diesen negativen Erfahrungen. Ihre hastig geschlossene Ehe mit dem Historiker Tom Angress scheiterte, und Ruth Klüger hatte jetzt nur das eine Ziel, der „großen Trostlosigkeit“ möglichst rasch ein Ende zu bereiten. Nicht einmal zum Streiten reichte es: „Eine Ehe, in der sich Freundschaft nie einstellte.“ Zudem entsprach ihr Leben als Frau eines Professors nicht ihren Vorstellungen. Sie wollte kein Anhängsel ihres Mannes sein. Nach ihrer Scheidung folgt eine „lange Lebensphase mit Katzen, Hunden und Kindern“, und schließlich eine neue Enttäuschung: der Bruch mit den zwei Söhnen und den Enkeln. „Sie hatte sich die Liebe zu den Kindern abgewöhnt“, wie einer ihrer „ungeschriebenen Sätze“ lautet.

Ihrer Geburtsstadt Wien – den Begriff „Heimatstadt“ lehnt Klüger ab –, wo sie seit dem „Anschluss“ als kleines Mädchen ausgegrenzt und terrorisiert wurde, wo sie nicht in die Schule, in den Park oder ins Kino gehen durfte, steht Ruth Klüger mit großer Skepsis und Ambivalenz gegenüber. „Für eine, die wie ich zurückkehrt, bleibt sie die Stadt der Vertreibung“, schreibt sie. An einer anderen Stelle heißt es: „Wiens Wunde, die ich bin, und meine Wunde, die Wien ist, sind unheilbar.“ Obwohl sie zugibt, dass Wien nicht mehr die düstere Stadt ist, an die sie sich erinnert, kommt sie von den Bildern der Vergangenheit nicht los. Mit „Wiener Neurosen“ und einem kurzen Epilog schließt Klügers „unterwegs verloren“. Kann es keine Heilung für sie geben? „Das Gedächtnis ist hartnäckig und will nicht verdrängt werden“, lautet ihre Antwort. Auf „ihre alten Tage“ will sie in der Stadt ihrer Eltern „ein bissel dazugehören“.

„unterwegs verloren“ ist ein zorniges Buch voller Ressentiments – laut Klüger etwas sehr Gutes –, das Buch einer Außenseiterin. Es fordert zu Diskussionen und Widerspruch heraus.

Ruth Klüger kann trotz vieler Kränkungen, Anfeindungen und Demütigungen auf eine glänzende akademische Karriere und auf ein wahrhaft erfülltes Leben zurückblicken. Ein „unübliches“ Leben“ nennt es Renata Schmidtkunz in einem bei Mandelbaum erschienenen Interview mit Ruth Klüger. Und Klüger erwidert: „ein ungewöhnliches Frauenleben, aber auch ein paradigmatisches Frauenleben. Denn es steckt so ziemlich alles drin, was Frauen in diesem Jahrhundert erlebt haben.“ Inzwischen hat Ruth Klüger ihre akademische Karriere beendet und lebt, sofern sie nicht gerade auf Reisen ist, in Südkalifornien, wo sie sich zu Hause fühlt. Von dort blickt sie, ein wenig nostalgisch, zurück auf einen Beruf, „der zum Besten gehört, was mir im Leben zuteil geworden ist . . . ein wunderbarer Beruf, mit unvergleichlichen Höhepunkten“. Wer kann das schon von seinem Arbeitsleben sagen? Ihr Leben sieht Ruth Klüger als eine Reise. Hat sich die Reise gelohnt? „Naja“, erwidert sie zögernd, „es ist uns schon schlechter gegangen.“ Klingt das nicht nach Versöhnung?

Kloppensteiner.jpg

Literatur#

  • Ruth Klüger: unterwegs verloren. Erinnerungen. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2008, 238 Seiten, 20,50 Euro.
  • Renata Schmidtkunz: Im Gespräch: Ruth Klüger. Mandelbaum Verlag, Wien 2008, 64 Seiten, 15 Euro.

Wiener Zeitung, 29. November 2008