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Komödiant und Mythenzerstörer#

Zwischen Mondlicht der Romantik und Sonne der Aufklärung#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 19. Mai 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Markus Vorzellner


Johann Nestroy
Johann Nestroy, Lithographie von August Prinzhofer.
© Wikimedia

Vor 150 Jahren starb der geniale Dramatiker und Schauspieler Johann Nepomuk Nestroy.#

"Alles in der Welt ist wandelbar, und ich bin nicht da, um die Ausnahme der Weltgeschichte zu statuieren." Dieser, von keiner seiner Bühnenfiguren, sondern von Johann Nepomuk Nestroy selbst formulierte Satz vermag das künstlerische Selbstverständnis des Dichters zu umreißen. Es drückt sich auch auf der finanziellen Ebene aus ("Ich hab’ feste Grundsätz’, fest bleib ich dabei. Nur wenn ich ein Geld seh’, da änder’ ich’s glei"), doch die Intentionen des innovativen Bühnenautors überragen die des erfolgreichen Gagenverhandlers.

Behütete Kindheit#

Der am 7. Dezember 1801 in der Wiener Bräunerstraße geborene Sohn des Juristen Johann Nestroy wuchs in einigermaßen gesicherten finanziellen Verhältnissen auf. Der Großvater mütterlicherseits, als Seidenzeugmacher und Hausbesitzer mögliches Vorbild für das bekannte Wiener-Lied "Unser Vater is Hausherr und a Seidenfabrikant", konnte seiner Tochter eine finanzielle Sicherheit mit in die Ehe geben, der neben Johann Nepomuk noch drei weitere Kinder entstammten, die ein höheres Lebensalter erreichen konnten. Seine beiden letzten Schuljahre am Wiener Schottengymnasium dürften für seine spätere Laufbahn nicht ganz unerheblich gewesen sein; es ist dem Germanisten Herbert Zeman durchaus zuzustimmen, wenn er das lobende Urteil Eduard von Bauernfelds über die Qualität der Schule und ihrer Lehrer auf den ein Jahr älteren Nestroy projiziert.

Das Jus-Studium auf den Spuren des Vaters wird jedoch bald unterbrochen durch die Begeisterung für Theater und Musik. Der junge Nestroy fällt zuallererst als Sänger bei Veranstaltungen der "Gesellschaft der Musikfreunde" auf, wo er unter anderem Quartette von Franz Schubert in Anwesenheit des Komponisten singt.

1822 unterschreibt er als Bassist den Kontrakt mit dem Kärntnertortheater. Im Verlauf seiner Tätigkeit als Opernsänger, die ihn 1823 von Wien an das Deutsche Theater in Amsterdam und von dort zwei Jahre später nach Brünn, Pressburg und Graz führen wird, macht er sich ein Genre zu eigen: Die Oper stellt ihm ihr Potential zur Verfügung, das er in späteren Jahren als Autor und Schauspieler auf seine ureigene Art interpretieren wird.

So wirkt er 1826 in der Brünner Produktion der "Cendrillon" mit, einer damals beliebten Oper des maltesischen Komponisten Nicolas Isouard. Die Handlung entspricht der des Aschenbrödel, der auch Gioacchino Rossini mit seiner "Cenerentola" folgt. Nestroy seinerseits wird 1832 diesen Stoff für seine Posse "Nagerl und Handschuh" umarbeiten, wo die Schwestern Bella und Hyacinthe ihre Stiefschwester Rosa bis in die innerste Empfindungswelt hinein entmenschlichen: Nachdem Rosa, am Fenster stehend, ihre Begeisterung über die vorbeimarschierenden Soldaten singenderweise kundgetan hat, wird sie von Bella attackiert: "Eine Freud will sie haben, der Dienstboth, ich möcht wissen, zu was die eine Freud brauchen könnt."

Bereits in Amsterdam übernimmt Nestroy sowohl Gesangs- als auch Sprechpartien, was sich auf die Gesangsstimme nicht eben positiv auswirkt. In Brünn, sowie - ab 1826 - in Pressburg und Graz wächst der Umfang seines Sprechstückrepertoires, speziell im komischen Fach, wohingegen seine Opernpartien einen zunehmend kleineren Raum einnehmen. Demzufolge fasst Nestroy Ende der 1820er Jahre den Entschluss, nur noch als Schauspieler tätig sein zu wollen.

Den entscheidenden Schritt jedoch stellt der 1831 abgeschlossene Vertrag mit dem Direktor des Theaters an der Wien, Carl Carl, dar. Dort konnte Nestroy, wie später auch im Leopoldstädter Theater, das Carl 1838 kaufte, seine Rollen sich selbst auf den Leib schreiben.

Damit sind zwei aufeinander prallende Ebenen erkennbar, die den Grundbestand jeglicher Theaterpraxis bilden: Künstlerisch-innovative Kreativität stößt auf die Erwartungshaltung des anwesenden Publikums. Zahlreichen zeitgenössischen Kritiken ist die Reaktion des Publikums auf Nestroysche Aufführungen zu entnehmen: So wird das erste seiner beiden, in der kurzen Periode der Zensurvakanz nach dem März 1848 uraufgeführten Stücke, "Die lieben Anverwandten", vom Publikum ausgepfiffen, wohingegen die kurz darauf aufgeführte "Freiheit in Krähwinkel" einen durchschlagenden Erfolg erzielt.

Wie es scheint, hat Nestroy versucht, einerseits einer bestimmten Erwartungshaltung Folge zu leisten, andererseits aber die Rezeptionsfähigkeit des Leopoldstädter Publikums bis an die Grenze auszuloten. Ein Wegbereiter für dieses Experiment war der Schauspieler Carl Marinelli, der 1781 das Theater in der Leopoldstadt eröffnete und als Direktor nahezu ein Vierteljahrhundert führte. Von diesem Zeitpunkt an stellt das Wiener Volksstück keine vazierende Kunst mehr dar. Unter diesen Umständen kann sich eine Gewöhnung vonseiten des Publikums einstellen, die es Schauspielern ermöglicht, über längere Zeiträume hinweg Altbewährtes gegen neue Aufführungspraktiken abzuwägen.

Nestroy probiert unter diesen Auspizien eine Reihe von Veränderungen, bis hin zu gleichsam psychoanalytischer Demaskierung mythologischer Überlieferung. So hat etwa das Schicksal bei Nestroy ausgedient: Stellt die Göttin Fortuna im "Lumpazivagabundus" von 1833 noch die Frage: "Welche Fee ist mächtiger als ich?", so resigniert sie im ein Jahr später uraufgeführten Folgestück "Die Familien Zwirn, Knierim und Leim" aufgrund des Verhaltens der drei Gesellen bereits zu Beginn der Posse.

Spott übers Schicksal#

Doch Nestroy geht noch einen Schritt weiter, wenn er in eben diesem Stück "Das Fatum" zu seinem Neffen Stellaris sagen lässt: "Es ist etwas Prächtiges, das Schicksal zu sein, man tut rein gar nichts, und am Ende heißt es bei allem, was geschieht, das Schicksal hat es getan." Sogar die Zensur erkannte die Brisanz dieser Stelle: eben jene Passage wurde für die Premiere am 5. November 1834 nicht zugelassen.

Die Größe Nestroys besteht jedoch nur zum geringsten Teil in dem Umstand, dass altbekannte mythologische Versatzstücke parodiert werden. Diese Praxis war im Wiener Volkstheater bereits zuvor geübt worden. Zum Weltliteraten avancierte er vor allem durch den Umstand, dass er - wie Wendelin Schmidt-Dengler treffend bemerkt - die Parodie zur Karikatur verzerrt. Die alten Götter, die in Hebbels "Nibelungen" noch vom Christengott entthront werden, behalten in Nestroys Bearbeitungen nicht einmal die Würde der Besiegten, wenn ihre Nonchalance deckungsgleich bei den Menschen auftritt. So erfährt die alte Weltsicht des Xenophanes - "wenn Rinder Hände zum Nachbilden hätten, dann würden ihre Götter wie Rinder aussehen" - nicht erst in der Religionssoziologie des 20. Jahrhunderts, sondern schon in den Figuren Nestroys ihre Wiederkehr: Maxenpfutsch scheint dem Fatum-Onkel des Stellaris nachzueifern, wenn er auf die Information hin, dass seine Aschenbrödel-Tochter Rosa einen Bettler bewirtet hätte, zur Antwort gibt: "Ich gib nix, ich tu selber den ganzen Tag nix, ich wüsst nicht, warum ich noch den Müßiggang unterstützen soll."

Dass die Grenzen zwischen mythologischen und irdischen Wesen fließend sind, belegt im "Gefühlvollen Kerkermeister", einer Parodie auf Beethovens "Fidelio", auch die Figur des Greises. Dieser eröffnet den dritten Akt mit den Worten: "Hier sitz’ ich nun schon sechzig Jahre, ich geh’ auch bisweilen auf und ab. - Noch habe ich nicht das Geringste getan, ich werde auch nichts tun, und so hoffe ich, mein tatenreiches Leben zu beschließen."

Doch gerade mit dieser Figur verbindet Nestroy beide Dimensionen auf einzigartige Weise: Als kurz darauf die verwitwete Adelheid auf der Flucht vor dem ihr nachstellenden Berengario zusammen mit dem Kerkermeister Seelengutino und dessen Sohn Dalkopatscho - die Rolle Nestroys - in die Höhle des Greises kommen, fragt dieser: "Was wollt ihr von mir?" Seelengutino antwortet: "Schutz und Hilfe", worauf der Greis prompt reagiert: "Der Himmel wird euch beschützen, das Schicksal wird euch helfen, und so will ich euch beides gewähren." Man ist versucht, in dieser Figur einen Urahn des Koches Lobkowitz zu sehen, der in Georges Taboris "Mein Kampf" für Shlomo Herzl sich den Dimensionen Jahwes anzunähern scheint.

Absurdes Theater#

Wenn Schmidt-Dengler Nestroy als einen Vertreter des Absurden Theaters sieht, so ist dem nur schwer zu widersprechen. Die Verzerrung des altbewährten Deus ex machina nimmt bei Nestroy eine ins Surrealistische reichende Dimension an, wenn der Zauberer Semmelschmarrn in "Nagerl und Handschuh" auf einem plötzlich erscheinenden Drachen davonreitet, oder wenn der böse Berengario vor ebenso plötzlich erscheinenden Krebsen mit den Worten flüchtet: "Verdammt! Was ist denn das? Oh weh! Die Krebsen zwicken uns, o je! O weh! O weh! O weh!"

Auch hier kann ein déjà-vu im 20. Jahrhundert auftauchen: Die berühmte Szene aus Luis Buñuels Film "Le chien andalou", wo aus einer in einer Tür eingeklemmten Hand Ameisen entweichen.

Johann Nestroy, der bis zum Schluss schauspielerisch tätig war, stirbt nach einem Schlaganfall am 25. Mai 1862. Seine (Ver-) Wandlungen weisen direkt ins 20. Jahrhundert, zu Ödon von Horvath und zur "Wiener Gruppe".

Trotzdem ergreifen immer wieder Regisseure, Intendanten und sogar Kabarettisten das Wort und sprechen von der Unzeitgemäßheit des Johann Nestroy. Ihnen, die vielleicht seinen literarischen Stellenwert nicht ganz zu erreichen vermögen, hätte er vermutlich diesen Satz entgegengeschleudert: "Dichter haben wir genug, aber Stücke haben wir keine!"

Information#

Hier eine Auswahl aus der Literatur der "Nestroy-Jahre" (2012 und 2001):

  • Peter Eschberg: Nestroy lebt! Edition Steinbauer, Wien 2012.
  • Renate Wagner: Der Störenfried. Johann Nepomuk Nestroy. Kremayr & Scheriau, Wien 2012.
  • W. Edgar Yates: Bin Dichter nur der Posse. Johann Nepomuk Nestroy. Johann Lehner Verlag, Wien 2012.
  • Wendelin Schmidt-Dengler: Nestroy. Die Launen des Glücks. Zsolnay Verlag, Wien 2001.
  • Herbert Zeman: Johann Nepomuk Nestroy. Holzhausen Verlag, Wien 2001.
  • Die Historisch-Kritische Nestroy-Ausgabe (HKA), in 40 Teilbänden herausgegeben von Jürgen Hein, Johann Hüttner u.a., ist bei Deuticke, Wien, erschienen.

Markus Vorzellner lebt als Pianist, Liedbegleiter Publizist und Pädagoge in Wien.

Wiener Zeitung, 19. Mai 2012