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Empfindsame Erkundung#

Der österreichische Schriftsteller Leopold Federmair verwebt den ältesten Roman seiner Wahlheimat #

Japan mit eigenen Landes- und Seelenbildern.#

Prinz Genji, Japans Don Juan aus dem 11. Jahrhundert
Prinz Genji, Japans Don Juan aus dem 11. Jahrhundert (Farbholzschnitt von Toyohara Kunichika, 1867).
© Wikimedia


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 29./30. November 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

David Axmann


Empfindet man all jene, die hierzulande Bücher schreiben, verlegen oder lesen, in einem weit gefassten, familiären Sinn als österreichische Literaturgesellschaft, darf man doch wohl (ohne respektlos zu wirken) den Schriftsteller Leopold Federmair als unseren Mann in Japan bezeichnen.

1957 in Oberösterreich geboren, lebt er seit über einem Jahrzehnt im Land der aufgehenden Sonne, und zwar in Hiroshima, der zu schrecklicher Bekanntheit verfluchten Stadt. Doch heute, fast siebzig Jahre nach dem Atombombenabwurf, sagt Federmair: "Hiroshima ist ganz normal".

Doppelabsichtspfad#

Mag sein, dass wir im fernen Westen das nicht so ganz einfach glauben wollen; die Vernunft überzeugt uns, dem Auskunftsgeber zu trauen. Denn er fällt keine vorschnellen Urteile, zieht keine voreiligen Schlüsse. Behutsam und bedächtig, Blick um Blick nähert er sich dem so anders gearteten, so eigentümlich gestalteten Land, seiner Natur und Kultur, seiner Geschichte und Gegenwart.

Da Federmair in Österreich Geschichte und Germanistik studiert hat und jetzt an der Universität von Hiroshima Deutsch unterrichtet, liegt ihm das Thema seines jüngsten Romans wahrlich nahe - und auch am Herzen. Die "Wandlungen des Prinzen Genji" folgen einem Doppelabsichtspfad.

Erstens analysiert Federmair mit philologisch-psychologischer Akribie "Genji Monogatari" (Die Geschichte vom Prinzen Genji), ein Hauptwerk der japanischen Literaturgeschichte, vor über tausend Jahren vermutlich von der Hofdame Murasaki Shikibu verfasst. Das Buch erzählt auf "feinsinnig komische" Art, so Federmair, "die Geschichte eines sentimentalen Don Juan", vom "ästhetisch-erotischen Treiben" am Kaiserhof und von der Gedankenwelt der Höflinge. Zweitens will Federmair Antwort finden auf die Frage, was das ehrwürdige Werk uns heute (noch) zu sagen hat.

Der Autor versteht sich selbst als "der tägliche Forscher und Konvolutor"; erweist sich dabei als ein Mann mit trefflichem Beo-bachtungsvermögen und anschaulicher Darstellungsfähigkeit; eröffnet uns Einblicke in (oft sensationell empfundene) Alltagsszenen, welche er häufig und am liebsten mit seiner kleinen Tochter Naomi erlebt, etwa am Kinderspielplatz, am Badestrand, bei Zugreisen oder bei Schiffsrundfahrten.

Federmair hat in seiner Funk-tion als Hausmann und Haupterzieher eine innige (und innig deklarierte) Beziehung zu Naomi entwickelt (von deren japanischer Mutter wir übrigens fast nichts erfahren). Seiner Tochter verdankt der unverhohlen empfindsame Autor nicht nur Lebenslust und Vaterfreude, sondern auch die Bekanntschaft mit einer Spielplatzmutter, was sich alsbald zu einer Affäre auswächst.

Vertraute Fremde#

So erscheint Federmairs Roman gleichsam als literarisches B & B-Produkt, bestehend aus persönlichen Bekenntnissen und Berichten von Alltagserlebnissen in Hiroshima und Umgebung, garniert mit poetisch-soziologischen Definitionen typischer Volkscharaktereigenschaften. Während wir unseren Mann in Japan (nunmehr widerstandslos) für eine sichere Auskunftsperson halten, ist er selbst bemüht, mit seiner existenziellen Befindlichkeit zurechtzukommen. "Ich habe mich", bekennt Federmair, "vorsätzlich in die Fremde begeben, um nichts mehr zu verstehen. Aber dabei konnte es nicht bleiben, weil ich mich angefreundet habe mit der Fremde, die jetzt keine mehr ist. . . Das Fremde ist mir vertraut geworden. Ich sehe, höre dies und jenes und zucke die Schultern. Ich bin einer von denen geworden, auch wenn so vieles bleibt, was ich nicht verstehe."

Information#

Leopold Federmair. Wandlungen des Prinzen Genji. Roman. Otto Müller Verlag, Salzburg 2014, 314 Seiten, 22,- Euro.

Wiener Zeitung, Sa./So., 29./30. November 2014