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Leserbuch für Feinspitze #

"Das neue Buch von Norbert Leser ist eine Ahnengalerie für das Österreich des 21. Jahrhunderts", meint William Johnston.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 12. Mai 2011).

Von

Hubert Feichtlbauer


Norbert Leser hat ein Buch über Begegnungen und über seine Lebensperspektiven vorgelegt. Im Spiegelbild von 29 Persönlichkeiten zeigt er sich als Intellektueller und als Brückenbauer. Foto: © Katrin Bruder
Norbert Leser hat ein Buch über Begegnungen und über seine Lebensperspektiven vorgelegt. Im Spiegelbild von 29 Persönlichkeiten zeigt er sich als Intellektueller und als Brückenbauer. Foto: © Katrin Bruder

Norbert Leser – Politikwissenschafter, Philosoph, Sozialdemokrat, Christ, Patriot, Wienerliedsänger – wollte immer schon einer sein, dem man zuhört. Als fünfjähriger Knirps riss er sich in einem belebten Gastgarten von seinen Eltern los, stieg auf einen Tisch und hielt eine Rede. Einem Bauern fiel vor Staunen die Pfeife aus dem Mund. Als er später Berufsmöglichkeiten reflektierte, erwog (und verwarf) er: Politiker (wegen der „Unfähigkeit, mein Mundwerk im Zaun zu halten“), Schauspieler (das ihm empfohlene nervöse Charakterfach, fand er, könne er auch ohne Schauspielausbildung ausleben) und Priester: „Auch für diesen Beruf hatte ich Neigungen, die mit dem Priesterberuf kollidieren…“ Der Salzburger Moraltheologe Stefan Rehrl hätte gern seine Kirchenkarriere gesehen: „Entweder wir hätten dich gleich hinausgeworfen oder du wärst Kardinal geworden.“

Also studierte er, aber nicht die erträumte Philosophie, sondern, „meinem praktischen Sinn folgend“, Jus – und wurde 1971 in Salzburg der erste Ordinarius für die neu eingeführte Disziplin Politologie. In seinem jüngst erschienenen Buch zieht Leser eine Lebensbilanz, die von seinen Uni-Wegweisern Hans Kelsen, Adolf Merkl, Alfred Verdroß-Droßberg und Karl Wolff (dessen Frage „Was sehen Sie als Jurist, wenn Sie vom Stephansturm herunterblicken?“ die Antwort „Rechtssubjekte und Rechtsobjekte“ erforderte) über König, Kreisky, Kirchschläger zu Zilk führt.

An Kardinal Franz König schätzte er naturgemäß ebenso wie an Helmut Zilk eine Begabung, die er auch selbst besaß: als Brückenbauer. Der Autor hat Brücken über Parteigrenzen hinweg gebaut, König bei der Handreichung gegenüber der Arbeiterschaft unterstützt und in der SPÖ entscheidende Weichen für die Wahl Kreiskys als Parteivorsitzender stellen geholfen. Norbert Leser hängt die beeindruckende Vielfalt seiner Lebensperspektiven an 29 klingenden Namen auf, die sein Buch „Skurrile Begegnungen“ nach dem Urteil des prominenten Vorwort-Verfassers William M. Johnston zu einer „Ahnengalerie für das Österreich des 21. Jahrhunderts“ und zu einer „Fundgrube der Österreich-Kunde und der Lebensweisheit“ machen. Jede dieser Personen (nur eine von ihnen lebt noch: Otto Habsburg) ist auf sehr unterschiedliche Weise von Österreich geprägt worden und hat Nachkriegs-Österreich mit geprägt. Der Autor spürt diesen Bezügen nach.

Norbert Leser, Foto: © Katrin Bruder
Norbert Leser
Foto: © Katrin Bruder

Skurrile Personen und Begegnungen#

Das ein wenig überstrapazierte Titelwort „skurril“ bezieht Leser einmal auf eine Person, einmal auf eine („im Grunde“ jede) Begegnung; man könnte es auch auf den Buchtitel selbst anwenden. Gemeint ist jedenfalls, dass höchst unterschiedliche Typen und Charaktere die Geisteswelt Österreichs befruchtet haben. An den Namen Ernst Bloch, Adam Schaff, Milovan Djilas arbeitet er seine Marxismus-Kritik ab („schon im Ansatz falsch, nicht erst in der Umsetzung“), ein Seitenhieb gilt auch Rudolf Burger.

In Josef Dobretsberger, Ex-Sozialminister Schuschniggs, der sich nach 1945 als kommunistischer Katholik versuchte („Sowjetsberger“), sieht er bestätigt, dass „ein Denker … in der Praxis (oft) nicht die Höhe seiner Theorie erreicht“. Mit dem letzten Austromarxisten Josef Hindels verband ihn die „gemeinsame Wahrnehmung und Verurteilung der immer weiter um sich greifenden Geldgier und Genusssucht“.

An Friedrich Heer, dem „bedeutendsten, am weitesten ausstrahlenden und farbigsten Intellektuellen der Zweiten Republik“, schätzt Leser sein Aufarbeiten der österreichischen und europäischen Geistesgeschichte, das Bemühen um Aussöhnung mit dem Judentum und das Ringen um die „österreichische Identität“. Er zitiert dessen Biografen Adolf Gaisbauer, ignoriert aber die herbe Heer-Kritik, die sich 2009 entzündete. An Heers Widerpart Heinrich Drimmel („ein Intellektueller von Format“, aber halt nicht vom Format Heers) gefiel dem Autor auch sein Bedauern, „dass das bürgerliche Lager über keinen Norbert Leser verfüge.“

Manches Buchdetail wird vielen neu sein: etwa, dass der Diplomat Alfred Missong seinem Freund Leser 2010 das Leben rettete, indem er ahnungsvoll von der Polizei die Wohnungstür aufbrechen ließ und Leser nach einem Sturz am Boden liegend vorfand. Oder wer wusste, dass der Bruder Hans Kelsens Pförtner im Wiener Dominikanerkonvent war, Josef Hindels sich in der Emigration Karl Popper (!) nannte, die Tochter des Paradekommunisten Ernst Fischer vom katholischen KPÖ-Stadtrat Viktor Matejka notgetauft wurde und der unreligiöse Jude Hans Weigel sich sonntags von seiner Gefährtin öfter Teilchen der von ihr empfangenen Hostie heimbringen ließ?

Eine Entschuldigung bei Thomas Bernhard#

An Weigel hat Leser viel auszusetzen, sein literarisches Werk aber geschätzt. Den großen Thomas Bernhard habe er, meint Leser, weil dieser den Ruf als Moralist „weder durch sein Werk noch durch sein Leben“ gerechtfertigt habe, 1985 im Profi l unfair kritisiert. Dafür entschuldigt er sich heute so überschwänglich, dass man den Text noch einmal genauer liest und zum Schluss kommen kann, Leser habe damals gar nicht so danebengehauen. Unglaublich immer wieder das elefantöse Erinnerungsvermögen (oder Archiv) Lesers, das ihn kein ihm hingestreutes Lob vergessen ließ. Aber er findet auch berührende Worte der Demut und Selbstkritik, fühlt wie der Apostel Paulus einen „Pfahl im Fleisch“ (Röm. 7,14) und empfindet diesen als belastenden „Teil meiner Berufung.“

So fasziniert das monumentale Leserbuch bis zur letzten Seite. Eine skurrile Dialektik bleibt unerwähnt: Wie konnte ein politischer Reformgeist seines Ranges zum kirchentheoretischen Konservativen mit „Stich ins Schwarzgelbe“ werden? Aber eben das schätzen alle an Norbert Leser: dass er Nachdenken inspiriert.

Skurrile Begegnungen, Foto: © Katrin Bruder
Skurrile Begegnungen
Foto: © Katrin Bruder

Skurrile Begegnungen: Mosaike zur österreichischen Geistesgeschichte. Mit einem Vorwort von William M. Johnston. Von Norbert Leser, Verlag Böhlau 2011. 235 Seiten, Gebunden.

Wörtlich nachzulesen bei Norbert Leser #

„Kurt Scholz sagte mir einmal, dass Zilk an einem Tag so viel arbeite wie sein Vorgänger Gratz die ganze Woche … Unsere Gemeinsamkeiten reichten freilich nicht für eine echte Freundschaft aus, dazu waren wir beide zu narzisstisch … Leider hat er mich nie in seine Sendung ‚Lebenskünstler‘ eingeladen, obwohl ich gut in sie gepasst hätte …“

N. L. über Helmut Zilk

„Der Leser ist in Salzburg ganz verpfafft worden.“

Hertha Firnberg über N. L.

„Wir verstanden einander von Single zu Single sehr gut … Was ihr an Schönheit fehlte, versuchte sie durch betonte tägliche Pflege ihrer Haare zu kompensieren.“

N. L. über Hertha Firnberg

„Lieber Freund, wir sind beide bei der falschen Partei … Ich frage mich, wie ich es in (meiner) Partei von Kerzelschluckern und Kommerzialräten so lange ausgehalten habe.“

Alfred Maleta zu N. L.

„(Der Historiker) Ludwig Jedlicka hatte wie ich einen Stich ins Schwarzgelbe …“

N. L. über sich selbst


DIE FURCHE, 12. Mai 2011