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Ein Störenfried namens Štúr #

Vor 200 Jahren, am 29. Oktober 1815, wurde Ludovít Štúr geboren, Wortführer der Slowaken, Kodifikator der slowakischen Schriftsprache. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von DIE FURCHE (Donnerstag 29. Oktober 2015)

Von

Wolfgang Bahr


L̓udovít Štúr
L̓udovít Štúr
Foto: SNM-Historisches National Museum Pressburg

Der Name sei kurz, leicht zu merken und bei Bedarf sogar in Shtoor anglisierbar. In der Slowakei sei er jedem Bürger mitsamt dem Konterfei des Trägers von Kindesbeinen an vertraut. Und dass Štúr ein Mann der Sprache war, eröffne eine ganz besondere Vermarktungsschiene, meint Martin Bajaník, der mittlerweile das vierte Štúr-Café eröffnet hat. Das erste befindet sich in der Pressburger túr-Straße und zieht mit seiner Wohnzimmeratmosphäre vor allem die Studenten der nahen Philosophischen Fakultät an. Die können sich auch am besten an der Speise- und Getränkekarte delektieren, die der gelernte Grafiker mit witzigen Illustrationen und umständlichen Erläuterungen in der „Štúrovština“ versehen hat.

Bajaníks Vater ist ein hoher Funktionär des nationalen Kulturvereins Matica Slovenská, der zusammen mit dem Kulturministerium und anderen Institutionen die Gedenkfeiern in L̓udovít Štúrs Geburtsort Uhrovec am vergangenen Wochenende vorbereitet hat. Die Festversammlung auf dem Štúr-Platz hob an mit der Staats- und der EU-Hymne. Nach einer Kranzniederlegung am Štúr-Denkmal wollte Ministerpräsident Robert Fico den Anlass nützen, sich als „Štúrovec“ von heute zu profilieren (im März stehen Parlamentswahlen an). Nach Verkündigung einer „Botschaft an die Städte und Gemeinden der Slowakei“ wurden eine Gedenkbriefmarke und zwei Štúr- Euro-Münzen präsentiert. Anschließend wurden Kränze am Geburtshaus niedergelegt – einer für Štúr und einer für Alexander Dubcěk, den Helden des „Prager Frühlings“, der 106 Jahre nach Štúr in demselben unscheinbaren Schulgebäude das Licht der Welt erblickt hat.

Ein lutherischer Slowake #

Die Predigt beim Festgottesdienst war dem evangelischen Generalbischof Miloš Klátik vorbehalten, denn die Familie Zay, die Jahrhunderte lang in Uhrovec die Grundherrschaft innehatte, war evangelischen Bekenntnisses. Emmerich Zay hatte L̓udovít Štúrs Vater Samuel als Lehrer berufen und ließ die Familie Štúr am regen kulturellen Leben im Schloss teilhaben. Die deutschsprachige Gemahlin des Grafen war schriftstellerisch tätig und so kamen unter anderem Franz Grillparzer und Karoline Pichler aus Wien zu Besuch. Der von seinem vielseitig gebildeten Vater unterrichtete Knabe lernte so neben der slowakischen Sprache auch die deutsche, während zweier Jahre im Gymnasium von Raab (Győr) kam die ungarische hinzu.

Mit 14 Jahren wechselte L̓udovít ans Evangelische Lyzeum in Pressburg, das eine der angesehensten Lehranstalten im Königreich Ungarn war. Prägend war für ihn die Begegnung mit Juraj Palkovicˇ, der fast vierzig Jahre lang als außerordentlicher Professor am Lyzeum wirkte und an dem sich Štúr und seine Freunde reiben konnten. Denn Palkovič war ein Wortführer jener Protestanten, die am Bibeltschechisch der Reformationszeit festhalten wollten, während die „Štúrovci“ vehement dafür plädierten das Slowakische als selbständige Sprache anzuerkennen.

Der Wandel in der Sprachauffassung ging Hand in Hand mit einer bis dato unbekannten Politisierung. L̓udovít Štúr sollte die Kombination von Sprachpflege und gesellschaftlicher Modernisierung verkörpern wie kaum ein anderer. Dass es bei Deutschen und Ungarn, Tschechen und Polen keine vergleichbare Persönlichkeit gibt, erschwert das Verständnis der Vorgänge in der Slowakischen Republik bis heute.

Ein Meilenstein im atemberaubend schnellen Bewusstwerdungsprozess der slowakischen Nation wie im Leben L̓udovít Štúrs stellte die Feier in Theben (Devín) am 24. April 1836 dar, bei der der erst Einundzwanzigjährige und seine Freunde schworen, sich dem Dienst am slowakischen Volk zu widmen, und zu ihren Taufnahmen slawische Vornamen hinzufügten, Štúr entschied sich für Velislav (der große Slawe). Stellte der Ort an der Mündung der March in die Donau für die Ungarn die „Porta Hungarica“ dar, so erinnerte er die Slawen an das Großmährische Reich, das sie als ersten Staat der Slowaken interpretierten. Profanisiert lebt das Gedenken im Stadtlauf von Devín ins Zentrum von Bratislava alljährlich weiter. Heuer erreichten mehr als 7.000 Läuferinnen und Läufer, unter ihnen der Pressburger Bürgermeister Ivo Nesrovnal, das Ziel beim Štúr-Denkmal an der Donau, wo sich einst der Krönungshügel und später ein Maria-Theresien-Denkmal befunden hatten.

L̓udovít Štúr
L̓udovít Štúr-Plastik
Foto: © SNM-Štúr Museum in Modrá

Von 1838 bis 1840 studiert L̓udovít Štúr in Halle, wo ihn besonders das Werk Hegels und Herders beschäftigt. Zurückgekehrt engagiert er sich neben seiner Lehrtätigkeit am Lyzeum vor allem für die Gründung einer Zeitung und initiiert mehrere Petitionen an den Wiener Hof gegen die immer deutlicher werdenden Madjarisierungstendenzen.

Am 14. Februar 1843 legt Štúr im engen Freundeskreis seinen Entwurf einer am Mittelslowakischen orientierten Schriftsprache für alle Slowaken vor. Entscheidend für das Gelingen ist das Entgegenkommen gegenüber der katholischen „Bernolákovština“. Die Katholiken waren nicht an das Bibeltschechisch gebunden und hatten seit Josef II., der das Deutsche als Reichssprache durchsetzen wollte, aber auch den Unterricht in den Volkssprachen förderte, bereits eine ans Westslowakische angelehnte Rechtschreibung erarbeitet. Deren Schöpfer Anton Bernolák war 1813 verstorben, ein Besuch Štúrs und seiner Weggenossen bei Bernoláks Parteigänger Ján Hollý besiegelte jedoch den ökumenischen Friedensschluss.

Zwischen zwei Sprachen #

Die Idee einer gemeinsamen tschechoslowakischen Sprache war damit nicht ausgeträumt, sie lebte im gemeinsamen Staat ab 1918 sogar nochmals auf. (Die Tschechoslowakische Republik wurde übrigens am 28. Oktober, an L̓udovít Štúrs Geburtstag, ausgerufen.) Doch das Wunschdenken der Tschechen hat nur das Gegenteil bewirkt und das Selbstbewusstsein der Slowaken verstärkt. Die Sprachreform L̓udovít Štúrs hingegen ist zwar weiter entwickelt, aber nie mehr ernsthaft in Frage gestellt worden. Seit der Trennung der beiden Staaten im Jahr 1993 driften Tschechisch und Slowakisch verstärkt auseinander – während die halb so zahlreichen Slowaken vor allem im Medienbereich weiterhin teilweise auf die tschechische Sprache angewiesen sind, gilt dies umgekehrt nicht.

Am 30. Oktober 1847 wurde L̓udovít Štúr für die Stadt Altsohl (Zvolen) in den ungarischen Reichstag gewählt, der damals noch in Pressburg zusammentrat. Mit blendender Rhetorik forderte er eine umfassende demokratische Staatsreform. Was das allgemeine Wahlrecht für Männer und die Bauernbefreiung betraf, ging er dabei konform mit madjarischen Kollegen, doch mit seiner Forderung nach Föderalisierung des Königreichs biss er auf Granit. Die Gleichberechtigung aller Nationalitäten lag nicht in ihrem Interesse.

Nachdem am 12. Mai 1848 gegen Štúr ein Haftbefehl erlassen wurde, bemühte er sich in Prag und Agram intensiv um die Zusammenarbeit der slawischen Nationalitäten in der Habsburgermonarchie und darüber hinaus. Am 15. und 16. September gründete er in Wien mit seinen engsten Mitarbeitern einen Slowakischen Nationalrat, proklamierte am 19. September in Myjava die Unabhängigkeit von Ungarn und rief sogar zu den Waffen. Doch die Hoffnung, im Windschatten der gegen die Ungarn vorrückenden kaiserlichen Armee die nationalen Ziele der Slowaken zu erreichen, erwies sich als Chimäre. L̓udovít Štúr verstarb, aller Wirkungsmöglichkeit beraubt, am 12. Jänner 1856 in Modrá an den Folgen eines Jagdunfalls.

DIE FURCHE, Donnerstag 29. Oktober 2015