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Die Macht der Sprache #

Sprache schafft Wirklichkeit, sie wird gemacht und ändert sich täglich. Sie ist nie normal – aber immer ein Gradmesser für Machtverhältnisse #


Mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (Donnerstag, 14. August 2014)

Von

Veronika Schuchter


Normal? Auf die Normalität zu pochen, bedeutet nichts anderes, als das Recht des Stärkeren zu verteidigen.
Es ist ein inhaltlicher und fachlicher Denkfehler, bei einem dynamischen Konstrukt wie der Sprache überhaupt von Normalität zu sprechen.

„Und darum wisse; Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!“ Die vom Vater ausgesprochenen Worte in Franz Kafkas Erzählung „Das Urteil“ jagen seinen Sohn Gregor Bendemann hinaus aus dem Zimmer auf die Straße, wie über eine schiefe Fläche, gegen die er sich nicht zu wehren vermag, zum Wasser treibt es ihn, wo er sich schließlich von der Brücke stürzt. Das Urteil des bettlägerigen Vaters hat keinerlei Legitimität, noch ist dieser in der Lage, es selbst umzusetzen. Es ist allein die Macht der Sprache, die Gregor in den Tod treibt. Der Titel „Das Urteil“ bezeichnet einen deklarativen Sprechakt: Was der Vater sagt, wird zur Wirklichkeit, allein durch die Äußerung. Mit seinen Worten schafft der Vater eine Realität, der sich sein Sohn beugen muss, ob er will oder nicht.

Kafkas meisterhafter Text ist ein wunderbares Beispiel für die wechselseitige Beziehung von Sprache und Macht. Wie beeinflusst Sprache unser Denken und unsere Wahrnehmung? Welche Macht hat Sprache über uns? Um diese Fragen sollte es in den gerade geführten Debatten über die Bundeshymne und das Binnen-I gehen. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, schreibt Ludwig Wittgenstein im Tractatus und meint, wir sind nicht in der Lage wahrzunehmen, was wir nicht sprachlich ausdrücken können. Sprache funktioniert nicht einfach nach dem Prinzip der Bezeichnung von Gegenständen und Konzepten. Wenn wir ein neues Wort lernen, ändert das sofort unsere Perspektive: Wir erkennen plötzlich Dinge, die vorher für uns unsichtbar waren, weil sie nicht denkbar waren. Wolken sind solange nur Wolken, bis wir mit zehn verschiedenen Differenzierungen konfrontiert werden.

Polemische Scheinargumente #

Dringend angesagt wäre ein breites öffentliches Nachdenken über die weibliche Repräsentation in der Sprache. Wie so oft, wenn es um Frauen- oder Minderheitenrechte geht, herrscht aber in den Debatten ein im besten Falle unsachlicher, meist aber schlichtweg polemischer Sprachduktus, der kaum in der Lage ist, die dahinter verborgene Misogynie, Xeno- oder Homophobie zu verschleiern. Wie schwer es den Gegnern und Gegnerinnen verschiedenster gleichstellender Maßnahmen fällt, egal ob es um das Fremdenrecht, das Ehe- und Adoptionsrecht für Homosexuelle oder die Änderung der Bundeshymne geht, ihre eigentlichen Motive hinter Scheinargumenten zu verschleiern, ist entlarvend.

Als aktuelles Beispiel für derartige Strategien kann der Offene Brief zum Thema „Sprachliche Gleichbehandlung“ an Ministerin Heinisch-Hosek und Minister Mitterlehner dienen. Auf zwei Seiten wird in diesem dargelegt, weshalb die sprachliche Gleichbehandlung ein Unding ist. Unterzeichnet wurde er von 800 Personen, unter anderem vom Verfassungsjuristen Heinz Mayer, von Konrad Paul Liessmann, von Bastian Sick. Der Protestbrief ist nicht nur inhaltlich sprachwissenschaftlich unhaltbar, er ist selbst ein Paradebeispiel sprachlicher Machtausübung. Da heißt es: „Folgende aus den angeführten irrigen Grundannahmen entstandenen Verunstaltungen des Schriftbildes sind daher wieder aus dem Schreibgebrauch zu eliminieren“; gemeint sind das Binnen-I, Klammern, Schrägstriche. Viele andere Möglichkeiten des sprachlichen Genderns bleiben unerwähnt. Sprache diene „einzig und allein der problemlosen Verständigung und nicht der Durchsetzung partikulärer Interessen.“ Und weiter: „auf die Forderung, ausweichende Formulierungen zu suchen, ist zu verzichten, weil der Schreiber durch krampfhaftes Suchen nach Ersatzformen häufig vom Wesentlichen des Inhalts abgelenkt wird und andererseits der Leser durch gekünsteltes Wortgut irritiert wird.“

Doktrinäre Normalisierung #

Der Tonfall, die Wortwahl, die Verwendung der Befehlsform dienen gerade nicht der „problemlosen Verständigung“. Vielmehr lassen sich typische Strategien doktrinärer Normalisierung und Marginalisierung identifizieren, die immer dann eingesetzt werden, wenn Rechte verwehrt oder beschnitten werden. Zunächst wird ein Narrativ entwickelt, eine fiktionale Vorstellung, in diesem Fall, dass eine kleine Gruppe radikaler Feministinnen die Politik im Griff habe und die Sprache verunstalte. Die gesellschaftspolitische Bedeutung des Anliegens für jeden einzelnen, auch für jene, die sich im konkreten Fall nicht betroffen fühlen, hier des sprachlichen Genderns, wird marginalisiert. Negative Gefühle werden evoziert bis hin zum Schüren von Angst, etwa der Verweis darauf, dass nur diktatorische Systeme in die Sprache eingreifen.

Das Argument „Normalität“ wurde auch in einer ZIB2-Studiodiskussion zwischen der Akademiedirektorin Eva Blimlinger und dem Verfassungsjuristen Heinz Mayer zum Einsatz gebracht. Auf Blimlingers Vorschlag, wenn die gegenderte Sprache zu umständlich wäre, doch immer die weibliche Form zu verwenden, dann seien eben die Männer mitgemeint, reagiert Mayer mit einem entnervten „Bitte lassen Sie uns endlich zur Normalität zurückkehren!“

Das beweist einerseits, dass Simone de Beauvoirs vor 65 Jahren getätigte Feststellung, dass die Frau das andere, der Mann aber der Maßstab sei, immer noch gültig ist. Was übersehen und dem Großteil der Bevölkerung auch nicht vermittelt wird, ist, dass es hier nicht nur um die Gleichberechtigung von Frauen geht, es geht um jeden in unserer Gesellschaft. Was die Argumentation gefährlich macht, ist das Beharren auf einer angeblich existierenden „Normalität“ und die dahinter verborgene Gesinnung. Auf die Normalität zu pochen, bedeutet nichts anderes, als das Recht des Stärkeren zu verteidigen. Es ist ein inhaltlicher und fachlicher Denkfehler, bei einem dynamischen Konstrukt wie der Sprache überhaupt von Normalität zu sprechen. Sprache existiert nicht im luftleeren Raum, sie ist nichts essentialistisch Naturhaftes, sie wird gemacht und ändert sich täglich durch ihre Nutzer. Sprache bildet Wirklichkeit nicht nur ab, Sprache schafft Wirklichkeit.

Erweitern und nuancieren#

Ins Schwedische wurde mit dem Wort „hen“ gerade offiziell ein geschlechtsneutrales persönliches Fürwort aufgenommen. Es setzt sich aus den Bezeichnungen für „er“ (han) und „sie“ (hon) zusammen und kann in verschiedenen Kontexten verwendet werden, etwa für Trans- und Intersexuelle oder wenn das Geschlecht einer Person für eine Aussage keine Rolle spielt, womit der immensen Bedeutung, die der Leitdifferenz Geschlecht eingeräumt wird, implizit eine Absage erteilt wird. Die Schweden gehen damit einen Weg, der Diskriminierung abbaut und die Wahrnehmung schärft. Sie erweitern und nuancieren, anstatt die Sprache als patriarchales Machtinstrument konservieren zu wollen. Was nicht genannt wird, ist nicht mitgemeint – was nicht genannt wird, ist unsichtbar.

„Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben“, sagte einst George Bernard Shaw. Das Normale ist nicht statisch, es verschiebt sich solange, bis uns das, was einst als Norm galt, absurd erscheint, und es lässt sich ganz sicher nicht mit einem binären System von Richtig und Falsch begreifen.

Normalisierung, das hat Michel Foucault mit seinen Arbeiten zum Wahnsinn, zur Sexualität und zur Bestrafung gezeigt, ist immer eine Form der Gewaltausübung, eine Reglementierung im Sinne der Mächtigen. Wenn jemand aus einer Privilegienposition heraus darauf beharrt, dass es „normal“ und damit rechtens sei, dass Frauen in der Sprache nicht repräsentiert sind, will er gesellschaftliche Ungleichheit zementieren. Wer das Wort „normal“ auf diese Art und Weise verwendet, öffnet Tür und Tor für die Diskriminierung all jener, die dieser hegemonialen Norm nicht entsprechen – und das kann jeden irgendwann betreffen.

Die Autorin ist wiss. Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Uni Innsbruck

DIE FURCHE, Donnerstag, 14. August 2014