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Der Meister des Unheimlichen#

Vor 80 Jahren starb der Schriftsteller Gustav Meyrink. In seinen seinerzeit viel gelesenen Erzählungen und Romanen tummeln sich Wesen aus anderen Welten.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 30. November 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christian Hütterer


Gustav Meyrink
Gustav Meyrink (1867-1932).
Foto: © Archiv

Stuttgart im Jahre 1867: Der württembergische Ministerpräsident Friedrich Karl Gottlieb Freiherr von Varnbüler fand Gefallen an der jungen Schauspielerin Marie Meyer - und schon bald musste die junge Schauspielerin wegen ihrer Schwangerschaft Stuttgart verlassen. Sie reiste nach Wien, wo sie am 19. Jänner 1868 im Hotel "Zum blauen Bock" in der Mariahilfer Straße einen Buben zur Welt brachte und ihm den Namen Gustav gab. Aus dem Buben, der in diesen - für die damalige Zeit - misslichen Verhältnissen geboren wurde, sollte unter dem Namen Gustav Meyrink einer der bedeutendsten phantastischen Schriftsteller werden.

Bald nach der Geburt zogen Marie Meyer und ihr kleiner Sohn nach München. Der Vater des Buben blieb vorerst unbekannt, und erst nach einigen Jahren überwies Freiherr von Varnbüler der Familie eine beträchtliche Summe für die Ausbildung seines Sohnes. Die uneheliche Geburt blieb aber stets ein Makel, in Gegenwart von Besuchern musste der kleine Gustav seine Mutter "Tante" nennen und später gab er an, dass er eine "ganz graue Jugend" verbracht hatte. 1883 übersiedelten Marie und Gustav nach Prag, wo die Mutter vom Deutschen Landestheater engagiert wurde.

Der damals 15 Jahre alte Gustav unternahm gleich nach der Ankunft einen Spaziergang durch die Stadt und war von ihr fasziniert. Die Mystik und geheimnisvolle Stimmung, die er bei seinen Wanderungen durch die Stadt spürte, sollten später in vielen seiner Werke wiederklingen. Drei Jahre später schloss Gustav die Handelsschule ab und begann, die angenehmen Seiten des Lebens zu genießen. Er bezeichnete sich selbst als das "eitelste Gigerl von Prag", nannte "Liebschaften, Schachspiel und Rudersport" seine liebsten Vergnügungen und war der erste Automobilist in der Stadt Prag.

Bankier und Spekulant#

Gemeinsam mit seinem Kompagnon Johann David Morgenstern eröffnete Meyrink eine Bank. Die Arbeitsteilung zwischen den beiden war klar: Meyrink brachte das Kapital ein, Morgenstern seine Erfahrungen in der Finanzwelt. Die Zusammenarbeit dauerte allerdings nicht lange, vier Jahre nach der Gründung der Bank wurde diese wieder liquidiert. Meyrink beantragte daraufhin eine neuerliche Banklizenz für sich selbst, erhielt diese und widmete sich danach vor allem der Spekulation an der Börse.

In der Zwischenzeit hatte Meyrink geheiratet, seinen extravaganten Lebenswandel aber beibehalten: In seiner Wohnung richtete er sich ein mystisches Zimmer ein, dessen Wände schwarz bespannt und mit goldenen astrologischen Zeichen verziert waren, alte Kirchenstühle standen darin und in der Mitte des Raumes befand sich ein hohler Baum mit einer schwarzen ausgestopften Katze darauf.

Am Himmelfahrtstag des Jahres 1891 hatte Meyrink ein Erlebnis, das sein Leben grundlegend verändern sollte. An diesem Tag wollte er, "übersättigt mit allem", seinem Leben ein Ende bereiten, als ein Bote eine Broschüre unter der Tür durchschob. Es handelte sich um ein Heft mit dem Titel "Über das Leben nach dem Tode", in dem die Ergebnisse spiritistischer Forscher beschrieben wurden. Meyrinks Interesse für alles Okkulte wurde durch diesen für ihn schicksalhaften Zufall verstärkt und schon bald wurde er Mitglied der Loge "Zum Blauen Stern", die der Prager Ableger der Theosophischen Gesellschaft war. Diese ursprünglich in New York gegründete Gruppierung hatte das Ziel, die allgemeine Menschenliebe zu fördern. Meyrink hatte dabei eine besondere Rolle: Er war der Einzige in dieser Runde, der Englisch sprach und die neuesten Erscheinungen zu diesem Thema lesen konnte.

Spuk und Erleuchtung#

Meyrink suchte lange vergeblich nach Erkenntnis, doch erst durch Zufall stellte sie sich ein. Während einer Reise nach Italien erlebte er in einem Spukhaus "Phänomene, die alles, was die Wissenschaft zu wissen vermeint, sozusagen auf den Kopf stellen." Meyrink will dort gesehen haben, wie Menschen und Objekte durch den Raum schwebten, Tiere aus dem Nichts entstanden und eine Seifenschale durch seine Handfläche ging. Danach suchte er in der indischen Weisheitsliteratur nach Erleuchtung, das Epos "Mahabharata" wurde zu seiner Lieblingslektüre.

Doch Meyrinks Suche fand auch hier kein Ende, er schloss sich unterschiedlichen Geheimbünden und Orden an, praktizierte Yoga, interessierte sich für christliche Mystik und widmete sich der Alchemie, er versuchte sogar, nach alten Lehrbüchern Gold herzustellen.

Meyrink machten in diesem Abschnitt seines Lebens aber gesundheitliche Probleme zu schaffen und so fuhr er nach Dresden, um dort ein Rückenleiden zu kurieren. Während seines Aufenthaltes in einem Sanatorium lernte er den Schriftsteller Oscar Schmitz kennen, der von Meyrinks Formulierungsgabe überrascht war und ihn aufforderte, seine Geschichten nicht nur zu erzählen, sondern auch aufzuschreiben. Meyrink schrieb daraufhin eine Novelle und sandte diese nach München an die satirische Zeitschrift "Simplicissimus", wo sie prompt veröffentlicht wurde.

Paul Wegener spielte in drei Stummfilmen den Golem
Paul Wegener spielte in drei Stummfilmen den Golem. Die Filme beruhen auf derselben jüdischen Legende wie Meyrinks berühmter Roman "Der Golem" aus dem Jahr 1915.
Foto: © Archiv

Wieder in Prag, musste sich Meyrink mit seiner miserablen wirtschaftlichen Lage auseinandersetzen. Während seiner langen und verbissenen Suche nach Weisheit, in die er viel Zeit und Geld investiert hatte, hatten sich seine Finanzen stetig verringert. Meyrink hatte im Auftrag vieler Kunden an der Börse spekuliert, konnte aber die versprochenen Gewinne nicht erzielen. Seine Geschäftspartner klagten ihn nun auf beträchtliche Summen, und nach der Anzeige einer Kundin wurde er im Jänner 1902 sogar in Untersuchungshaft genommen. Ihm wurde vorgeworfen, seine Kunden um große Beträge geprellt zu haben.

Nach mehr als zwei Monaten im Gefängnis wurde er wieder frei gelassen, denn die gegen ihn erhobenen Anklagen erwiesen sich als grundlos. Er war zwar im juristischen Sinne rehabilitiert, sein Ruf als Bankier war aber ruiniert. Meyrink ging in seiner Not sogar so weit, einen Brief an die Familie seines Vaters - er war in der Zwischenzeit verstorben - zu schicken, in dem er sich als Angehöriger präsentierte und um finanzielle Unterstützung bat.

Die Kinder von Varnbüler waren wegen dieses überraschend erschienenen Bruders entsetzt, unterstützten Meyrink aber doch. Später sollte sich das Verhältnis umkehren und nach dem Ersten Weltkrieg, zu einer Zeit also, in der Meyrink bereits ein bekannter und erfolgreicher Autor war, wurde ihm von Seiten der von Varnbüler angeboten, in den Familienverband aufgenommen zu werden. Zu diesem Zeitpunkt konnte es sich Gustav Meyrink aber schon wieder leisten, dieses Angebot abzulehnen.

Literarische Erfolge#

Schon im Gefängnis hatte Meyrink weitere Geschichten für den "Simplicissimus" geschrieben, die von den Lesern der Zeitschrift begeistert angenommen wurden. Der Schriftsteller Erich Mühsam schrieb in seinen Erinnerungen darüber: "Man stürzte sich über jede neue Nummer des Münchner Blatts, und stand ein neuer Meyrink drin, so war für etliche Abende Diskussionsstoff vorhanden." Die Satiren waren allerdings nicht nur für die Leser, sondern auch für ihren Autor ein Vergnügen. Meyrink konnte in seinen Erzählungen mit all jenen abrechnen, über die er sich geärgert oder die ihm geschadet hatten, viele seiner Gegner wurden in den Satiren sogar mit ihrem richtigen Namen genannt.

Eine weitere Eigenheit Meyrinks war, dass er unheimliche oder übersinnliche Elemente in seine Erzählungen einbaute; er konnte sein umfangreiches Wissen über die Welt der Geister und Dämonen auf diese Weise gewinnbringend einsetzen.

1904 verließ Meyrink Prag und übersiedelte nach Wien, wo er die Leitung der Zeitschrift "Der liebe Augustin" übernahm und mit Künstlern wie Roda Roda, Stefan Zweig, Joseph Hoffmann und Kolo Moser in Kontakt kam. Nach Meyrinks Vorstellung sollte in seiner Zeitschrift "nichts Gezwungenes, nichts Plumpes oder Triviales" veröffentlicht werden, sein Konzept scheiterte allerdings und so musste "Der liebe Augustin" wieder eingestellt werden.

Auf das berufliche Scheitern folgte eine private Krise: Meyrinks Ehe zerbrach, er heiratete aber bald darauf noch einmal und zog mit seiner zweiten Frau nach München. Meyrinks Schaffenskraft ließ zu dieser Zeit allerdings erheblich nach, was ihn wiederum vor finanzielle Probleme stellte, und auch seine Theaterstücke brachten nicht den erhofften Aufschwung.

Erst 1913 änderte sich seine Lage, als sein erster Roman mit dem Titel "Der Golem" als Fortsetzungsgeschichte in einer Zeitschrift erschien. Die Geschichte, die nur lose an die jüdische Sage des aus Lehm geschaffenen Wesens angelehnt ist, gilt bis heute als ein Klassiker der fantastischen Literatur. In diesem Buch vermischen sich Traum und Wirklichkeit und obwohl der Ort der Handlung ungenannt bleibt, kann die Geographie des von Meyrink geliebten Prag leicht erkannt werden.

Aufstieg und Fall#

Der Roman erschien im Herbst 1915 in gebundener Form, wurde in ganz Europa zu einem Verkaufsschlager und noch während des Krieges erschienen die ersten Übersetzungen. Dieser Erfolg führte dazu, dass eine Reihe von bis dahin unveröffentlichten Erzählungen Meyrinks nun rasch publiziert wurde.

In der Folge erschienen in kurzen Abständen weitere Romane Meyrinks und trotz der katastrophalen Lage der Bevölkerung am Ende des Ersten Weltkrieges verkauften sich auch diese Bücher sehr gut. Meyrinks finanzielle Lage verbesserte sich und er konnte sich sogar eine Villa am Ufer des Starnberger See leisten, außerdem war er nun materiell abgesichert und widmete sich wieder seinen okkulten Studien und dem Yoga.

Doch Meyrinks Unfähigkeit, mit Geld umzugehen, kam ein weiteres Mal zum Tragen - und schon bald war sein Vermögen aufgebraucht. Er veröffentlichte zwar noch eine Vielzahl von Artikeln und Erzählungen, konnte sich aber für den Rest seines Lebens nicht mehr aus seiner finanziellen Misere befreien. Im Juli 1932 folgte ein familiärer Schicksalsschlag: Meyrinks Sohn, der einen schweren Unfall erlitten hatte, erschoss sich, weil er glaubte, nicht mehr gesund werden zu können.

Gustav Meyrinks gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich danach stetig und er starb am 4. Dezember 1932. Er ist in Starnberg begraben. Auf seinem Grabstein steht die Inschrift "vivo" - ich lebe.

Christian Hütterer, geboren 1974, Politikwissenschafter und Historiker, ist im EU-Dienst und im Internationalen Dienst der Parlamentsdirektion beschäftigt.

Wiener Zeitung, 30. November 2012