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Melancholie des Untergangs#

Die österreichischen Exil-Autoren Stefan Zweig und Joseph Roth teilten mehr als eine tiefe Sehnsucht nach der "Welt von gestern". Ihr Briefwechsel liegt nun vollständig vor.#


Von der Wiener Zeitung (Sa/So, 5./6. November 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Andreas Wirthensohn


Stefan Zweig und Joseph Roth
Stefan Zweig und Joseph Roth in Ostende, 1936.
Foto: © Wallstein Verlag

Das einzige Foto, auf dem sie gemeinsam zu sehen sind, zeigt sie im Sommer 1936 im Seebad Ostende. Links Stefan Zweig, der wohlwollend, fast ein wenig väterlich auf den neben ihm sitzenden Joseph Roth blickt, welcher eigenartig beklemmend wirkt in dieser Mischung aus Kindlichkeit und körperlichem Verfall. Dass Zweig dreizehn Jahre älter ist als Roth, der zwei Monate später seinen 42. Geburtstag feiern wird - auf diese Idee würde man beim Betrachten des Bildes niemals kommen. Der Alkohol tat unaufhaltsam sein Werk.

Zweig hatte Roth an die belgische Nordseeküste eingeladen, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. "Wir könnten abends gemeinsam uns prüfen und belehren wie in guten alten Zeiten. Sie müssen nicht baden, ich tue es auch nicht - Ostende ist kein Badeort, sondern eine Stadt, schöner, cafehäuslicher als Brüssel." Vor allem aber herrschte "wie überall in Belgien ein für Sie sehr vorteilhaftes Schnapsverbot". Seit Jahren schon beschwor Zweig Roth, endlich die "Sauferei" zu lassen und eine Entziehungskur zu machen. Nun hoffte er, persönlich den Anstoß dafür zu geben. Doch das Vorhaben scheiterte. Stattdessen tat sich Roth während dieses Aufenthalts, bei dem verschiedene Exilschriftsteller anwesend waren, mit Irmgard Keun zusammen. Die 31-Jährige war seit ihrem Debüt 1931 eine erfolgreiche Autorin, leider aber ebenfalls dem Alkohol im Übermaße zugetan. Und so verbrachten die beiden gemeinsam ganze Nächte in den Cafés von Ostende - zur Not mit Wein und Bier.

Wendepunkt Ostende#

Die Begegnung in Ostende erweist sich im Rückblick als Höhe- und zugleich Wendepunkt in dieser Freundschaft zweier österreichischer Schriftsteller, die vieles gemeinsam haben, und die doch Welten voneinander trennen. Als ihr Briefwechsel, der den Weg zum vertraulichen Du niemals schaffen sollte, Ende der 1920er Jahre beginnt, ist Zweig das, was man einen "Großschriftsteller" nennt: mit seinen Büchern weltweit erfolgreich, als geistige Instanz hoch angesehen, ohne finanzielle Sorgen. Roth dagegen wird erst 1930 mit dem "Hiob" seinen ersten großen Erfolg feiern, es aber trotzdem nie schaffen, mit den Einkünften über die Runden zu kommen. Bei seiner Frau Friederike wird 1928 Schizophrenie diagnostiziert, sie verbringt ihr Leben fortan in Heil- und Pflegeanstalten, die es zu bezahlen gilt. Und auch sonst erweist sich "Rothi", wie Friderike Zweig ihn keck nennt, als großzügig: Er lebt fast ausschließlich in Hotels, säuft sich durch den Tag und finanziert nebenher stets noch "sechs" oder "acht" andere Menschen - Roths Angaben hierzu schwanken. Immer wieder muss Stefan Zweig Geld schicken, auch wenn er sehr wohl weiß, dass das "ein Faß ohne Boden" ist, Roth habe "zum Geld das Verhältnis eines Irrsinnigen und versteht es nicht, den Wirklichkeiten sich anzupassen". Dafür erweist sich Roth schon vor 1933 als der politisch deutlich Hellsichtigere von beiden, der Zweig immer wieder beschwört, sich über den Nationalsozialismus keine Illusionen zu machen. Im Februar 1933 spricht er davon, das Ganze werde "zum neuen Krieg" führen, ein paar Wochen später rät er Zweig warnend: "Aus einem brennenden Haus muß man laufen." Und im Mai mahnt er: "Ich bitte Sie überhaupt, sich nicht dem Gedanken zu überlassen, daß Sie in Deutschland noch möglich sind, als der Schriftsteller, dessen Geltung bis jetzt auch Ihre Gegner nicht verleugnen konnten."

Roth selbst hat Deutschland sofort nach der "Machtergreifung" den Rücken gekehrt und verbringt die sechs Jahre bis zu seinem Tod vorwiegend in Frankreich an wechselnden Orten, manisch schreibend - allein zwölf Romane und Erzählungen in der Zeit des Exils -, unablässig mit Geldsorgen beschäftigt und fortwährend hadernd mit seinen verschiedenen Verlegern. In einem Brief vom 16. November 1935 resümiert er sein Leben so: "Ich bin heute 41 Jahre alt. 15 Jahre habe ich trockenes Brot gegessen. Dann kam Butterbrot. Dann kam Krieg. Dann kamen 10 Jahre Brot. Dann kamen Vorschüsse. Journalistik. Ekelhafte Arbeit. Demütigung. 16 Bücher. Erst seit 5 Jahren Erfolg - verbunden mit privatem Unglück und also keiner. Darlehen, beschwindelt werden. Hitler. Immer für Andere sorgen."

Zweig beschwor ihn freilich unablässig, die Schuld nicht nur bei anderen zu suchen: "Lieber, Guter, bitte, klagen Sie nicht immer die Zeit und die Schlechtigkeit der Menschen an, geben Sie auch zu, daß Sie selbst an Ihrem Zustand schuld sind (...) Erfinden Sie keine Sofismen, daß der Schnaps edel, weise, productiv mache - il avilit, er erniedrigt." Doch Roths Weg in den Abgrund war unaufhaltsam. Ab 1935 werden seine Briefe an Zweig immer flehentlicher - "Retten Sie mich", "Bitte, verlassen Sie mich bestimmt nicht" -, doch ein Wille, am eigenen Leben etwas zu ändern, ist nirgends zu erkennen. Immerhin wusste Zweig selbst, was Sucht ist: "Ich bin sehr stolz, daß ich, der wahnwitzigste Kettenraucher, ein wahrer Josef Roth aus dem Alkoholischen ins Nikotinische übersetzt, seit vierzehn Tagen völlig enthaltsam bin." Das Liebäugeln des Juden Roth mit dem Katholizismus fand Zweig, ebenfalls Jude, weniger nachvollziehbar. Auch Roths bedingungsloser Habsburger-Verehrung - "Was mich persönlich betrifft: sehe ich mich genötigt, zu folge meinen Instinkten und meiner Überzeugung absoluter Monarchist zu werden", schrieb Roth am 28. April 1933 - stand er eher distanziert gegenüber.

Und doch waren beide verbunden in der Liebe zu und in der nostalgischen Sehnsucht nach dem, was Stefan Zweig in seiner Autobiographie als "die Welt von Gestern" bezeichnete. Die Moderne mit ihrer Abwendung von der Religion bzw. dem Geist, mit ihrer Auflösung fester Ordnungen war ihrer beider Sache nicht. Daher rührte die tiefe Melancholie, die bei Roth in hemmungslos delirierende Verzweiflung mündete, während Zweig zumindest nach außen Haltung zeigte und Mut zusprach: "Wir müssen das Trotzdem das Trotzalledem zum Leitwort unseres Lebens machen: die Menschen kennen und dennoch lieben wie Rolland unvergeßlich gesagt hat." Treffender hätte er das eigene Verhältnis zu Joseph Roth nicht beschreiben können. Der nun erstmals vollständig und umfassend kommentiert vorliegende Briefwechsel ist ein Ereignis. Er bietet tiefe Einblicke in das Elend des Exils, in das deutschsprachige Schriftsteller nach 1933 getrieben wurden, und er zeigt auf beklemmende Weise, wie zwei empfindsame Seelen, jede auf ihre Weise, dem Untergang entgegentaumeln. Dass die Stimme Stefan Zweigs in diesem Zwiegespräch deutlich seltener zu vernehmen ist, hat ausschließlich überlieferungstechnische Gründe. Der von Hotel zu Hotel vagabundierende Roth hat die Briefe Zweigs schlicht nicht aufbewahrt. Im Juli 1933 fragt er Zweig sogar, ob dieser ihm ein Exemplar seines, Roths, Romans "Zipper und sein Vater" schicken könne: "Ich bin entsetzt, ich habe kein einziges meiner Bücher." Roth war in der Tat Hitler zum Opfer gefallen.

Früher Tod im Exil#

"Ich kann mich nicht umbringen - ich werde aber umkommen. Ganz bestimmt, denn ich halte diese Art Leben nicht mehr aus." Das schrieb Joseph Roth 1935, hellsichtig wie so oft. Er musste dieses Leben allerdings noch fast vier Jahre lang aushalten. "Das Ende zieht sich leider. Das Krepieren dauert länger, als das Leben."Am 27. Mai 1939 war es dann "geschafft", Roth starb in Paris, kaum 45 Jahre alt. Noch am selben Tag schrieb Zweig an Romain Rolland, er habe soeben die Todesnachricht erhalten: "Wir werden nicht alt, wir Exilierten! Ich habe ihn wie einen Bruder geliebt. Entschuldigen Sie, wenn ich abbreche, ich fahre vielleicht nach Paris zu seinem Begräbnis!" Zweig kam seltsamerweise nicht zur Beisetzung seines Freundes. Drei Jahre später starb auch er, zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte Altmann, im brasilianischen Petrópolis - er nahm sich mit einer Überdosis Veronal das Leben.

Information#

Joseph Roth/Stefan Zweig: "Jede Freundschaft mit mir ist verderblich". Briefwechsel 1927 - 1938. Hrsg.: Madeleine Rietra und Rainer Joachim Siegel. Mit einem Nachwort von Heinz Lunzer. Wallstein, Göttingen 2011, 624 Seiten, 41,10 Euro.

Wiener Zeitung, Sa/So, 5./6. November 2011