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Philosoph des Maßvollen#

Er plädierte stets für "überschaubare Einheiten": Am 5. Oktober wäre der in Salzburg geborene Leopold Kohr 100 Jahre alt geworden.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 3. Oktober 2009) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Andreas Wirthensohn


Als im Sommer 1937 ein junger Österreicher in einem Café in Valencia saß, fragte ihn ein bärtiger Brite, ob er sich neben ihn setzen dürfe. Die beiden kamen alsbald ins Gespräch, und es stellte sich heraus, dass beide als Reporter über den Spanischen Bürgerkrieg berichteten. Der Brite stellte sich mit seinem Decknamen vor, unter dem er später weltberühmt werden sollte: George Orwell. Der Österreicher hieß Leopold Kohr, was seinem Gesprächspartner nichts sagte, doch die Nennung von dessen Geburtsort ließ ihn kurz aufhorchen: Aus Oberndorf nördlich von Salzburg stamme er, sagte Kohr, jenem Ort, in dem das Weihnachtslied "Stille Nacht" entstanden ist.

Auch Leopold Kohr wurde später weltberühmt. 1990, vier Jahre vor seinem Tod, zählte ihn die britische "Sunday Times" zu den 1000 wichtigsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt war er schon lange US-Bürger, allerdings im Begriff, in seine Salzburger Heimat zurückzukehren. Bereits 1938 hatte der studierte Rechts- und Staatswissenschafter das von den Nationalsozialisten "angeschlossene" Österreich verlassen und zunächst Asyl in Kanada gefunden.

Dort und später in den USA nahm er zusammen mit anderen Exil-Österreichern den publizistischen Kampf gegen Hitler auf und trug dazu bei, dass die Alliierten Österreich nicht mehr als Komplizen des "Dritten Reichs" betrachteten, sondern als dessen Opfer. (Dass diese Opferrolle dann zu einem exkulpierenden und gern gehegten Nachkriegsmythos wurde, konnten Kohr & Co damals nicht ahnen.)

Alternativer Nobelpreis#

Seine eigentliche Bestimmung aber fand Kohr ab 1943, als er an der Rutgers University in New Jersey Nationalökonomie und Politische Philosophie zu unterrichten begann. Weitere Stationen seiner Lehrtätigkeit waren die Staatsuniversität von Puerto Rico sowie das walisische Aberystwyth. Die größte Ehrung wurde ihm 1983 zuteil, als er den "Alternativen Nobelpreis" erhielt, welcher Menschen auszeichnet, deren Werk von einer "richtigen Lebenshaltung" ( right livelihood ) bestimmt ist. Für Leopold Kohr war dies das menschliche Maß, die radikale Fokussierung auf das Individuum und seine Bedürfnisse.

Dass er aus dem Ort stammte, in dem das wohl berühmteste Weihnachtslied entstanden war, erzählte Leopold Kohr laut Auskunft seines Biografen Gerald Lehner oft und gerne. "Stille Nacht" war für Kohr aber stets mehr als nur ein witziges Aperçu, nämlich ein paradigmatischer Fall von Regionalkultur, gemäß dem Sprichwort "Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah".

Als der Pfarrer Joseph Mohr einen Tag vor dem Heiligen Abend des Jahres 1818 merkt, dass ihm noch ein richtiges Weihnachtslied fehlt, lässt er sich vom Blick aus dem Fenster inspirieren. Und die Melodie zu seinem Gedicht bestellt er beim Organisten des Nachbardorfs.

Kohr hat die Entstehung des Liedes 1989 in einem Zeitungsartikel beschrieben, der viel über seine Art des Philosophierens verrät: immer nah an der Lebenswelt, mit einer Vorliebe für exempla und unkonventionelle Schlussfolgerungen, und stets mit einem Augenzwinkern vorgetragen.

Heute gilt Leopold Kohr, der am 5. Oktober hundert Jahre alt geworden wäre, als einer der wichtigsten Philosophen der Massengesellschaft und als Ahnherr der Ökologiebewegung. Allerdings verweigert sich sein Denken jeder einseitigen politischen Zuordnung. Denn Leopold Kohr war durch und durch Anarchist (was so weit ging, dass er zwar durchaus ein großes Faible für Frauen hatte, aber nie verheiratet war).

Sein Anarchismus hatte freilich nichts mit Chaos, Regellosigkeit oder gar Gewalt zu tun, die man gemeinhin (fälschlicherweise) mit solchem Denken assoziiert, sondern war höchst zivilisierter Natur. Zwar gilt Kohr manchen als Pessimist, doch betrifft das allenfalls den Glauben an die Umsetzbarkeit seiner Ideen; Kohrs Menschenbild hingegen ist von deutlichem Optimismus geprägt. Wenn er für "weniger Staat" plädiert und "Freiheit vom Regiert-Werden" fordert, dann kann das im Kohr’schen Sinn nur funktionieren, wenn der Einzelne so tugendhaft und diszipliniert ist, dass er sich selbst gesetzten Regeln unterwirft, die zugleich das Zusammenleben der Menschen organisieren. Ein Graus waren Kohr alle kollektiven Normierungen, seien sie nun kapitalistischer oder sozialistischer Natur. Wo nicht mehr das Individuum im Mittelpunkt steht, sondern der statistisch erfasste Durchschnittsmensch, ist ein gutes Leben, ein summum bonum im aristotelischen Sinne, nicht möglich. Je größer ein Staat oder eine Organisation ist, desto größer wird die Macht der Masse und ihrer Gesetze, und desto stärker sind Kreativität und Freiheit des Einzelnen eingeschränkt.

Schon 1941 hatte Kohr in dem Aufsatz "Disunion Now" gefordert, zu einer Zeit, da die freie Welt glaubte, nur in der Vereinigung aller Staaten liege die Chance, Faschismus und Krieg zu überwinden. Kohr vertrat die genau entgegengesetzte Auffassung: Die Gefahr für den Weltfrieden und das Zusammenleben der Völker gehe gerade von den "überentwickelten Nationen" aus, von den globalen bzw. regionalen Großmächten und ihren Regierungen. Deshalb stand Kohr der europäischen Einigung stets skeptisch gegenüber. Die einzige Hoffnung für ihn war, dass die EG bzw. EU nicht den üblichen Weg der Einverleibung der Einzelstaaten gehen, sondern dass sich im Zuge des Zusammenwachsens ein Europa der Regionen herausbilden würde. Denn Heimat und Region hätten, wie er glaubte, nichts mit Chauvinismus zu tun: Gefährlich sei der Nationalismus des Massenstaats, der über kurz oder lang – wenn der Staat eine "kritische Größe" erreicht hat – in Krieg und Expansion mündet.

Gleichwohl war sich Kohr bewusst, dass auch die "kleine Einheit" keine Insel der Seligen ist: "Der Vorteil des Kleinstaates ist nur der, dass auch die Dimension der menschlichen Misere verkleinert wird. Es entsteht auch im Kleinen keine leidensfreie Welt, aber eine erträglichere Welt." Als eine Art perfekter Kleinstaat galt ihm Liechtenstein – momentan freilich nicht unbedingt ein ideales Beispiel – oder San Marino.

Diese Theorie der "Kleinheit" legte er in seinem Hauptwerk "The Breakdown of Nations" (1957) ausführlich dar (das Buch erschien erst 1986 auf Deutsch unter dem Titel "Das Ende der Großen") und präzisierte sie in ökonomischer Hinsicht ("Die überentwickelten Nationen", 1962) sowie unter politischen Aspekten ("Freedom from Government", 1962). Das eingängige Schlagwort für solches Denken fand Kohrs Freund Fritz Schumacher, der 1973 die Schrift "Small is Beautiful" veröffentlichte.

Heute betrifft die Warnung vor den "Großmächten" freilich weniger die Staatenwelt – die seit 1989 um nicht wenige neue Mitglieder bereichert wurde –, als vielmehr multinationale Konzerne und Banken. So forderte die "Süddeutsche Zeitung" jüngst in einem Leitartikel, man müsse Banken verbieten, zu groß zu werden, damit der Zusammenbruch einer einzigen Bank nicht mehr ganze Volkswirtschaften mit in den Abgrund reißen könne. Gleiches gilt für die "Multis", deren Manager heute oft über mehr Macht verfügen als Regierungen, aber lediglich ihren Aktionären oder Kapitalgebern verantwortlich sind.

Und nicht zuletzt verweist das Plädoyer fürs "menschliche Maß" auch auf die Tatsache, dass nur in "überschaubaren" Einheiten – wie einer von Kohrs Kernbegriffen lautet – der Einzelne Verantwortung für sein Tun übernehmen und zugleich verantwortlich gemacht werden kann.

Nicht weniger aktuell sind Kohrs Ideen zur Stadtentwicklung und Verkehrsplanung, die er am Beispiel von Puerto Rico entwickelte, wo er fast zwanzig Jahre lang (1955 bis 1973) lebte und lehrte. Er wurde Zeuge der Automobilisierung, der Suburbanisierung, der Zerstörung der Hauptstadt San Juan durch Schnellstraßen und riesige Bürokomplexe.

Kohrs Gegenentwurf fordert: Schafft eine fußgängertaugliche Stadt mit vielen eigenständigen Zentren, steigert die Lebensqualität dieser Zentren durch öffentliche Plätze und eine Zurückdrängung des Autoverkehrs, sorgt für einen funktionierenden öffentlichen Nahverkehr und urbanisiert die Vorstädte, um der verheerenden Pendelei ein Ende zu machen. Die Leute sollen dort leben und arbeiten, wo sie wohnen, statt oft mehrere Stunden am Tag in Autos oder Zügen zuzubringen. Auch hier geht es wieder um das menschliche Maß, um das Konzept einer Welt "organisch optimaler Dimensionen", die für den Einzelnen "überschaubar" ist und ihm keine entfremdete Existenzform aufzwingt.

Skepsis und Selbstironie#

Von Ernst Bloch stammt der Satz, Humor sei die unaufdringlichste aller Utopien. Kohr war ein "freundlicher" Skeptiker, dessen Denken seine Originalität nicht zuletzt aus dem Humor und der Selbstironie bezog, mit denen es präsentiert wurde. Wichtiger als ein monolithisches Gedankengebäude war ihm die philosophisch-wissenschaftliche Gesprächskultur, die er mit dem schönen Begriff des "Akademischen Wirtshauses" belegte. Diese "letzte Zuflucht der Geisteswissenschaften" sei immun "gegen Massendruck, weil ihr materieller Rahmen von Natur aus klein ist, und gegen ideologischen Druck, weil sie eine auflösende Wirkung auf alle verfestigten Ideen hat, denn in ihrem Einflussbereich wird alles fragmentarisiert".

Nicht ohne Grund bewegte sich Kohr stets an der Peripherie der akademischen Welt, wo er sein realitätsnahes Denken pflegen konnte, ohne mit den Zwängen der Massenuniversität in Konflikt zu geraten. Bei aller Lebensnähe seiner Philosophie war Kohr jedoch kein Mann der Tat. Sein Versuch, dem kleinen Karibikstaat Anguilla bei den ersten Schritten in die Unabhängigkeit zu helfen, wurde 1969 von britischen Fallschirmjägern beendet, die die Insel wieder dem Commonwealth einverleibten. Und auch in Wales errang die von ihm unterstützte Nationalbewegung allenfalls punktuelle Erfolge. Kohr wusste, wo sein Platz war, er verstand sich in aller Bescheidenheit als "Wüstenführer": "Praktisch kann ich nichts. Ich führe. Ich möchte gerne die Leute durch die Wüste unserer Gedankenwelt führen." Gut möglich, dass Leopold Kohrs Wegweiser angesichts der Wüsten, die sich aufgrund der Weltfinanzkrise und des Klimawandels ausbreiten, demnächst viel wichtiger sein werden als bisher.

Andreas Wirthensohn lebt als Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München. Im Rahmen der Leopold-Kohr-Werkausgabe, die im Salzburger Otto Müller Verlag erscheint, hat er die Bände "Entwicklung ohne Hilfe" und "Probleme der Stadt" übersetzt. 2010 wird der Band "Das akademische Wirtshaus" erscheinen.

Wiener Zeitung, Samstag, 3. Oktober 2009