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"Vom hohen Adel des Krieges"#

Philosophie schützt nicht vor Militarismus. Zu den Befürwortern des Kriegsgeschehens gehörten 1914 deutsche Denker, die in pathetischen Reden den Krieg und sogar die Kriegsverbrechen rechtfertigten.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 27./28. Dezember 2014)

Von

Nikolaus Halmer


Max Scheler
Der Philosoph Max Scheler, Verfasser des Buches "Genius des Krieges und der deutsche Krieg".
© Unbekannter Fotograf/Wikimedia Commons

"Wir spüren das Morgenwehen eines neuen Tages nicht bloß für Deutschland, sondern für die Menschheit", verkündete der Philosoph Paul Natorp. Ausgelöst wurde dieses "Morgenwehen" durch den Beginn des Ersten Weltkriegs, der auch von anderen deutschen Philosophen wie Max Scheler, Georg Simmel oder Rudolf Eucken mit großem Enthusiasmus aufgenommen wurde. Angesichts der Bilanz dieses Kriegs - rund zehn Millionen tote Soldaten, etwa zwanzig Millionen Verwundete und ungefähr sieben Millionen an zivilen Opfern - stellt sich die Frage, wie es möglich war, dass neben Künstlern und Schriftstellern auch Philosophen die Speerspitze einer enthusiastischen Kriegsbegeisterung bildeten.

Die Mobilmachung des Geistes für den Krieg ist umso schwerer nachzuvollziehen, als die scientific community vor dem Ersten Weltkrieg bestens vernetzt war. So beteiligten sich Philosophen wie der Literaturnobelpreisträger Rudolf Eucken, Max Scheler oder Georg Simmel an den internationalen Diskursen der Philosophie. Einen ersten Grund für den Absturz in den Hurra-Patriotismus nennt der in Potsdam lehrende Historiker Ernst Piper in seiner Studie "Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs": Es war der Nationalismus, der in der Nachfolge von Johann Gottlieb Fichte eine wahre Renaissance erlebte. "Nur der Deutsche ist der ursprüngliche Mensch", schrieb Fichte, "der wahrhaft ein Volk hat und nur er ist zur vernunftgemäßen Liebe zu einer Nation fähig."

Deutsches Denken#

Diese "Deutschtumsphilosophie" tauchte dann in den Kriegsparolen der Philosophen auf, speziell bei Rudolf Eucken, der von 1846 bis 1926 lebte. Er war der Paradephilosoph des Deutschen Kaiserreichs, der durch seine Populärphilosophie einen ungewöhnlichen Bekanntheitsgrad erreichte. Dazu kam, dass er als Philosoph im Jahr 1908 den Literatur- Nobelpreis erhielt, was seine Reputation noch erhöhte.

Eucken nutzte seine Popularität, um eine regelrechte rhetorische Kriegsmaschine in Stellung zu bringen. Euphorisch feierte er "die sittlichen Kräfte des Krieges, der dem Leben einen gewaltigen Ernst gibt". "Spiel und Tand sind nicht mehr", konstatierte Eucken und "der Einzelne gewinnt im Krieg einen hohen Adel seiner Seele, "die eine unsagbare Größe und Weihe verleiht."

Solche mit Pathosformeln angereicherte Brandreden für den gerechtfertigten Krieg, die vom Pu-blikum begeistert aufgenommen wurden, hielt Eucken an verschiedenen Universitäten. Unterstützt wurden seine demagogischen Ausführungen von dem Phänomenologen und Lebensphilosophen Max Scheler. Im patriotischen Furor verkündete er: "Dieser Krieg ist - wie selten einer - ein gerechter und darum auch ein heiliges Recht findender Krieg" und: "der kriegsführende Staat ist der Staat in der höchsten Aktualität seines Daseins."

Bei Scheler findet sich auch das zweite Hauptmotiv des philosophischen Bellizismus. Er gab dem Krieg eine lebensphilosophische Deutung, die er in seiner über vierhundert Seiten umfassenden Schrift "Genius des Krieges und der deutsche Krieg" entfaltete. Gewidmet war das Pam-phlet "seinen Freunden im Felde". Darin postulierte er, dass der Krieg - "dieses einzigartige Ereignis" - "seine Wurzel im Wesen des Lebens überhaupt habe".

Ähnlich wie Scheler argumentierte auch der Philosoph und Soziologe Georg Simmel, der von 1858 bis 1918 lebte. Er bezeichnete den Krieg als geistiges Erlebnis, das ebenfalls zur Intensitätssteigerung des Lebens beitrage.

"Es scheint sicher, dass der Soldat, mindestens solange er in lebhafterer Aktion ist" - so der kriegsbegeisterte Gelehrte - "eben dieses Tun als ungeheure Steigerung sozusagen des Quantums von Leben, in unmittelbarerer Nähe zu seiner flutenden Dynamik empfindet, viel stärker, als er es an seinen sonstigen Arbeitswirksamkeiten spüren kann."

Simmels Deutung des Krieges ist vor dem Hintergrund seines facettenreichen theoretischen Werks zu verstehen. Ein zentrales Thema war die "Philosophie des Geldes", der er eine eigene Studie widmete. Darin bezeichnete er das Geld, "als den Generalnenner aller Werte, den fürchterlichsten Nivellierer, der den Kern der Dinge aushöhlt". Nicht nur das wirtschaftliche Leben werde vom Geld dominiert, behauptete Simmel, sondern der gesamte "Stil des Lebens". Der Mensch verliere sein vitales Zentrum, seine Essenz, weil er sich dem Götzen Mammon verkaufe. Und da verschaffe der Krieg Abhilfe; er beende die Ära des oberflächlichen Konsums, die Eucken wiederum als "Spiel und Tand" bezeichnet hatte.

Der "Aufruf" von 1914#

Als Höhepunkt des deutschen Chauvinismus gilt der sogenannte "Aufruf an die Kulturwelt" vom 4. Oktober 1914, in dem dreiundneunzig renommierte Philosophen, Wissenschafter und Künstler eine barbarische Aktion des deutschen Militärs zu rechtfertigen suchten, die sich in der belgischen Stadt Löwen ereignet hatte: Als Vergeltung für die Angriffe auf deutsche Soldaten wurden zweihundert Zivilisten erschossen - darunter ein acht Monate alter Säugling -, zweitausend Gebäude in Schutt und Asche gelegt und die bedeutende Universitätsbibliothek niedergebrannt.

Dieses Kriegsverbrechen, das internationale Empörung hervorrief, sollte in dem Aufruf relativiert werden. Unter den Intellektuellen und Wissenschaftern, die den Aufruf unterzeichneten, befanden sich die Physiker Max Planck und Wilhelm Röntgen, der Zoologe Ernst Haeckel, der Regisseur Max Reinhardt, der Schriftsteller Gerhart Hauptmann und der Philosoph Rudolf Eucken. Sie erhoben "Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten".

In England und Frankreich herrschte großes Entsetzen über dieses beispiellose Dokument der Selbstgerechtigkeit und Borniertheit, das der französische Philosoph Henri Bergson in seiner Rede in der "Académie des Sciences Morales et Politiques" in Paris auf den Punkt brachte. Darin bezeichnete er den "Aufruf an die Kulturwelt" als "eine Rückkehr zum Zustand der Wilden", die den militärischen Kampf gegen Deutschland als "den eigentlichen Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei rechtfertige".

Diese Rechtfertigung eines Verteidigungskriegs - im Namen der europäischen Kultur - wurde von Intellektuellen in Frankreich und England unterstützt. "Der Nutzen dieses Kriegs besteht darin, dass er sich gegen den Krieg richtet" - so lautete die allgemeine Überzeugung. Auch in diesen Ländern verbreitete sich ein leidenschaftlicher Chauvinismus, der in Großbritannien sogar dazu führte, dass musikalische Werke von Richard Wagner, Johannes Brahms oder Richard Strauss nicht mehr aufgeführt wurden.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs fanden sich nur wenige Philosophen und Intellektuelle, die sich gegen die hysterische Kriegsbegeisterung stellten. Zu ihnen gehörte der englische Philosoph und spätere Literaturnobelpreisträger Bertrand Russell.

Pazifistische Ideale#

Der Erste Weltkrieg war für den Gelehrten ein traumatisches Ereignis. Er publizierte unmittelbar nach dem Ausbruch des Krieges Zeitungsartikel, in denen er sich scharf gegen die "antideutsche Propaganda der Regierung" aussprach. Zur gleichen Zeit setzte er sich in einem Aufsatz mit dem Titel "Warum die Nationen Kriege lieben" mit der Frage auseinander: "Wie konnte eine scheinbar friedliebende Bevölkerung über Nacht so kriegswillig, ja kriegsfreudig werden?" Von der Sinnlosigkeit des Krieges überzeugt, sprach sich Russell für dessen sofortige Beendigung aus und unterstützte Wehrdienstverweigerer.

Dieses radikale, pazifistische Bekenntnis hatte berufliche Konsequenzen; die Dozentur am Trinity College in Cambridge wurde Russell entzogen. Von seinem philosophischen Kollegen Alfred Edward Taylor wurde Russell beschuldigt, das "German game" zu spielen; er forderte von der Regierung, Maßnahmen gegen Russell zu ergreifen. Der streitbare Philosoph ließ sich von seiner pazifistischen Haltung jedoch nicht abbringen. Auf den Vorwurf, ein Landesverräter zu sein, antwortete Russell in einem Brief, dass Wahrheit und Gerechtigkeit die besten Dienste seien, die er seinem Land erweisen könnte.

Die deutschen Philosophen setzten ihren Propagandafeldzug für den Krieg fort. Zu den bereits erwähnten Philosophen Eucken, Scheler und Simmel gesellte sich der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965). Der Vertreter der dialogischen Ich-Du- Philosophie sprach euphorisch vom Krieg als "Reinigung des Geistes" und bedauerte, aus gesundheitlichen Gründen nicht am Kampfgeschehen teilnehmen zu können.

Schreibtischtäter#

Dieses Bedauern teilte er mit seinen philosophischen Mitstreitern, die ebenfalls kriegsuntauglich waren. Diejenigen Philosophen, die den Krieg rechtfertigten und in hymnischen Tönen priesen, erwiesen sich als bloße Schreibtischtäter; mit der Realität des Krieges waren sie nicht konfrontiert. Wie der Kriegsalltag konkret aussah, beschrieb der 1895 geborene Schriftsteller Ernst Jünger plastisch in seinem "Kriegstagebuch 1914-1918". Darin gibt er einen realistischen Einblick in den Alltag des Krieges, der von Gräueltaten, Verwundungen und und Tod geprägt war. Der einzelne Kriegsteilnehmer verspürte wenig vom "Morgenwehen eines neuen Tages"; der Adel, der angeblich seine Seele erfüllte, erfuhr im Schlachtfeld ein jähes Ende: "Der Graben war überfüllt von Verwundeten und Sterbenden. Öfters musste ich über frische Tote hinwegsteigen. Dann sah ich aus einem Trümmerhaufen einen Rumpf hervorragen, dem Kopf und Hals bis tief auf die Schultern weggerissen waren."

Diese emotionslose Schilderung des Kriegsgeschehens, die im krassen Gegensatz zu den pathetischen Lobpreisungen der deutschen Philosophen-Bellizisten steht, korrespondiert mit der nüchternen Konklusion von Walter Benjamin: "Eine Generation stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken und unter ihnen - in einem Kraftfeld zerstörerischer Stürme und Explosionen - die winzigen, zerbrechlichen Menschenkörper".

Nikolaus Halmer, geboren 1958, ist Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion des ORF; (Philosophie, Kulturwissenschaften.)

Information#

Literaturhinweise:

  • Peter Hoeres: Krieg der Philosophen. Die deutsche und die britische Philosophie im Ersten Weltkrieg. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2004.
  • Ernst Piper: Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs. Propyläen, Berlin 2013.

Wiener Zeitung, Sa./So., 27./28. Dezember 2014