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Die Provinz ist überall#

Hans Lebert war Sänger, Maler und Schriftsteller. Sein dichterisches Werk nimmt einen unbestrittenen Rang in der österreichischen Nachkriegsliteratur ein. Doch über seine Karriere als Opern- und Operettensänger ist wenig bekannt. Am 9. Jänner hätte er seinen 90. Geburtstag gefeiert.#


Von der Zeitschrift DIE FURCHE (2009), freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

von

Florian Braitenthaller


Hans Lebert, © Die Furche
Hans Lebert
© Die Furche

Auf dem Bahnhof in Reichenberg wird im Jahre 1941 ein junger Mann verhaftet. Sein Name: Hans Lebert. Derselbe Hans Lebert, der nach dem Krieg als Autor von Gedichten, Erzählungen, Hörspielen und vor allem zweier Romane in Erscheinung treten wird, die sich mit der unrühmlichen Vergangenheit Österreichs während der Zeit des Nationalsozialismus in einer Radikalität auseinandersetzen, wie dies selten zu lesen ist. Wer „Die Wolfshaut“ (1960) – ein Roman, für den er mit dem Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet wurde – und „Der Feuerkreis“ (1971) gelesen hat, wird keinen Augenblick an der antinazistischen Haltung seines Autors zweifeln. Dabei wissen wir wenig über diesen Schriftsteller, das meiste ist uns nur aus Interviews bekannt. Aber solche Aussagen sind mit Vorsicht zu bewerten. Die Unsicherheit über ihn fängt schon vor seiner Geburt an. Gerüchten zufolge soll er ein Enkel von Franz Joseph I. sein. Seine Großmutter, Anna Nahowski, war eine Zeit lang die Geliebte des Kaisers gewesen, aus der Verbindung ging ein Kind hervor, Leberts Mutter. Sicher ist, dass die Schwester seiner Mutter Alban Berg geheiratet hat. Lebert wächst in der gehobenen Bürgerschicht Wiens heran. 1935 ist Lebert 16 Jahre alt und beginnt eine Gesangsausbildung, wobei er von Anfang an von der Musik Richard Wagners fasziniert ist. Es folgen seine Wanderjahre. Bis sie auf dem Bahnhof in Reichenberg 1941 gestoppt werden.

Urabneigung gegen Nationalsozialismus#

„Ich habe eine Urabneigung gegen den Nationalsozialismus gehabt“, sagt Hans Lebert später, „einer meiner schlimmsten Tage war der Tag des Anschlusses, als sich Wien plötzlich in eine miese Provinzstadt verwandelt hat.“ Als österreichischer Patriot weigert er sich, die deutsche Uniform anzuziehen. Wie er sagt, ist er seit 1938 auf verschiedenen Bühnen Großdeutschlands engagiert, in Berlin, Dresden, Königsberg, Danzig und so weiter, ständig die Engagements wechselnd, um der schwerfälligen deutschen Bürokratie ein Schnippchen zu schlagen, die ihm den Einberufungsbefehl quer durch Deutschland hinterherschickt. 1940 erhält der damals 21-Jährige als (Helden-)Tenor ein Engagement am Stadttheater in Gablonz. Reichenberg (heute Liberec) und Gablonz (heute Jablonec) sind zwei nahe beieinander gelegene altösterreichische Städte im Herzen des Sudetenlandes. Leberts Spuren lassen sich im Archiv der Stadt Jablonec, etwa im Gablonzer Tagblatt, verfolgen, ebenso im Archiv des dortigen Stadttheaters. Auf der Suche nach dem Feuilleton überblättert man zwangsläufi g die Seiten über die Kriegsberichte; die Finger schwärzen sich an den Texten über die immensen Fortschritte an der Front: der Führer hier, der Führer da. In diesem hässlichen Spektakel, das noch ganz beherrscht ist von einer welteroberischen Aufbruchsstimmung, gibt es ein reges Kulturleben – und Aufzeichnungen, die Leberts Karriere als Sänger in Gablonz dokumentieren.

Auf Leberts Spuren im Gablonzer Archiv#

Die Spielsaison 1940/41 beginnt Ende August mit „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner. Lebert singt den Steuermann „mit anerkennenswertem Bemü hen um seine gesangliche Aufgabe“, wie das seinerzeit blumig formuliert wurde. Weitere Auftritte folgen: in der „Madame Butterfly“ als Fürst Yamadori, als Don Pedro in d’Alberts „Tiefland“. Zum Jahreswechsel – London wird immer noch bombardiert – findet eine Revue statt: „In der Bilderfolge ‚Gablonz steht Kopf‘, die zu Silvester und Neujahr das Gablonzer Stadttheater mit großem Erfolg aufführte, wirkte in der Nummer ‚Vier Krawellers‘ … auch Hans Lebert mit.“ Das mutet befremdlich an, sich Lebert als einen Komödianten vorzustellen, wenn man an die atmosphärischschauderbare Düsternis seiner Werke und an seine gnadenlosen Blicke auf Menschlich- Allzumenschliches denkt. An seinem 22. Geburtstag singt Lebert im „Vogelhändler“ den Stanislaus. Im November 1940 druckt das Gablonzer Tagblatt eine Unterredung mit Karl Kroll ab, der das Stadttheater ab 1. April 1941 leiten wird. Kroll ist bereits seit 1932 Mitglied der NSDAP und zuvor im Stadttheater Baden gewesen. Der kommende Intendant kündigt als „Festaufführung zum Heldengedenktag“ des Jahres 1941 ein Werk an, „das besonders festlich herausgebracht werden soll“: Wagners „Siegfried“. Die Titelpartie wird zum Höhepunkt in Leberts Sängerkarriere. Am 17. März erscheint eine ausführliche Kritik: „Die große Rolle des Siegfried“, schreibt der Kritiker, „war Hans Lebert anvertraut. Der junge, erst 22-jährige Künstler bekam damit eine Aufgabe, die sonst nur ältere, gereifte Sänger zufriedenstellend zu lösen vermögen. […] Der Künstler befindet sich mitten auf dem Wege zwischen dem lyrischen und dem heldischen Tenor; hier kann die Zukunft noch manche Entwicklung bringen.“ Die Zukunft wohl, aber nicht in Gablonz. Den Rest des Jahres verbringt Lebert in Untersuchungshaft. Denn er hat den Einberufungsbefehl, der ihn endlich gefunden hatte, ungeöffnet zurückgeschickt, seine Sachen gepackt und ist schon auf dem Bahnhof, um sich aus dem Staub zu machen, als man ihn verhaftet. Er wird wegen „Wehrkraftzersetzung“ angeklagt, simuliert erfolgreich eine Geisteskrankheit und lässt sich in eine Privatklinik einweisen. Die Gerichtsverhandlung in Reichenberg übersteht Lebert aufgrund seines schauspielerischen Talents unbeschadet. Dank des ersehnten Ausmusterungsschreibens kann er später auch wieder auftreten. Aber, es muss gesagt werden: Lebert hat sich in diesen Jahren durchlaviert, er war ein Sänger, der sich erfolgreich vor dem Militärdienst gedrückt hat.

Theaterbegeisterung lässt nach#

Nach dem Krieg lässt seine Theaterbegeisterung nach. Wagner-Opern werden kaum mehr aufgeführt, sodass Lebert mit seiner „traurigen ‚Tristan‘-Stimme“ nicht mehr gefragt ist. Er ist jedoch als Künstler eine Mehrfachbegabung. Neben der Musik hat er auch immer schon geschrieben, Gedichte vor allem – auf einer Schreibmaschine, die ihm sein Onkel und Pate Alban Berg statt der obligatorischen Uhr zur Firmung geschenkt hat. Wenn er vom Schreiben genug hat, setzt er sich vor eine Leinwand. Alle diese künstlerischen Ausdrucksformen sind in sein Schreiben eingefl ossen, besonders seine Begeisterung für die Musik Richard Wagners. Sieben Jahre lang schreibt er an der „Wolfshaut“, und als sie 1960 erscheint, erntet er höchstes Lob, Verkaufserfolg wird sie nie einer. Lebert wird geehrt – und vergessen. Danach dauert es fast zehn Jahre, bis „Der Feuerkreis“ erscheint. Der wird von der Kritik förmlich zerrissen. Als dann noch innerhalb kurzer Zeit seine Mutter und seine erste Frau sterben, zieht er sich vollkommen aus der Öffentlichkeit, nach Baden bei Wien zurück. Erst Anfang der 90er Jahre, als es dank der Wiederveröffentlichungen im Europa-Verlag zu einer Neuentdeckung kommt, an der auch Elfriede Jelinek maßgeblichen Anteil hat, weil sie unbeirrt auf die einzigartige Bedeutung seines Werkes hinweist, kann Hans Lebert noch einmal den Triumph des gefeierten Dichters genießen. 1993 stirbt er. Einer der wichtigsten Schriftsteller Österreichs.


DIE FURCHE, 2009