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Empfindsame Reise ins Grauen#

Der österreichische Autor Janko Ferk ergründet den Charakter von Thronfolger Franz Ferdinand - und das Gemütsspektrum von dessen mutmaßlichem Mörder Gavrilo Princip.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 26./27. April 2014)

Von

Gerhard Strejcek


Fußmarsch an die Front in Galizien, Winter 1915
Fußmarsch an die Front in Galizien, Winter 1915. - Das Foto stammt aus dem Band "Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern", herausgegeben vom Fotohistoriker und "extra"-Mitarbeiter Anton Holzer, Primus Verlag, Darmstadt 2013.
© Primus Verlag/Österreichische Nationalbibliothek

„Ich weiß nicht, ob es meine Kugeln waren", soll Gavrilo Princip am Tag seines Todes, dem 29. 4. 1918, gesagt haben. Die serbische Republik möchte ihm nun ein Denkmal setzen. Warum auch nicht, Princip war ein gebildeter junger Mann, der einiges erdulden musste. So wiesen ihn etwa die Tschetnik-Kommandanten als zu schwächlich zurück.

Als Kämpfer für die Terrororganisation "Schwarze Hand", für die Verschwörer und Königsmörder von "Tod oder Einigkeit" und andere malerische Balkanschlächterorganisationen wäre Princip ungeeignet gewesen. Deshalb bezweifelte er bis zu seinem von Tuberkulose und Vernachlässigung verursachten Tod in einer Theresien-städter Zelle, dass er mit seiner Browning wirklich zwei Meisterschüsse abgegeben haben sollte.

Vielleicht hatte tatsächlich einer der Tausenden Feinde (darunter Tiszá und mit ihm ganz Ungarn) des rabiaten Habsburgers die Gunst der Stunde genutzt und sozusagen einen Freischuss auf Princips Kosten abgegeben. Aber das werden wir ebenso nie erfahren wie die wahren Gründe für das behäbige Umkehrmanöver am Ort des Attentats.

Seltsamer Zufall#

Faktum ist, dass der Chauffeur just vor Princips Mündung Minuten brauchte, um zu reversieren, so wie 40 Jahre später Kennedys Fahrer im Schneckentempo am Schulbuchdepot von Dallas vorbeischlich, in dem Lee Harvey Oswald lauerte. Alles Zufall, natürlich!

In Janko Ferks romanhafter Chronik, deren Titel metaphorisch zu verstehen ist, erfährt der Leser Interessantes über den Kunstgeschmack des Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand von Österreich-Este. Anlässlich eines Empfangs in Duino sprach ihn die befreundete Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe auf Rilke an, dessen Lyrik der jagdbesessene Sammler bereits kannte. Angeblich kaufte der von seinem Onkel Kaiser Franz Joseph I. mehrfach gedemütigte Thronfolger Kitsch und Kunst en gros ein.

Zwischendurch erlegte er eine Viertelmillion an Wild und brachte mit seinen Manöver-Einmischungen den Generalstab unter Conrad von Hoetzendorf zur Verzweiflung. Vom Belvedere aus konterkarierte er die offizielle Außenpolitik der Hofburg und des Ballhausplatzes.

Somit hatten viele Menschen ein Motiv, sich dieser Thronfolger-Figur zu entledigen. Doch anstatt nach dem Attentat am Veitstag, dem höchsten serbischen Feiertag, aufzuatmen und zur Tagesordnung überzugehen, sandte der greise Kaiser seine schlecht gerüsteten Soldaten nach Serbien, während der ungeliebte Bundesgenosse in Berlin gegen Frankreich und das Zarenreich in den Zweifrontenkrieg zog.

Fakten und Gefühl#

Autor Janko Ferk, der die slowenische Sprache beherrscht und der sich, anders als einige rückwärtsgewandte "Patrioten", in die serbische Seele und die tiefe Verletzung der nationalen Gefühle der Attentäter einfühlen kann, legt ein kompaktes, redlich erarbeitetes, sprachlich erlesenes und somit überaus lesenswertes Buch vor, das zudem vom Verlag bibliophil ausgestattet wurde.

Die Genrebezeichnung "Roman" ist trotz des chronologischen Aufbaus und der großen Zahl an historischen Fakten, die der Klagenfurter Autor und Richter verarbeitet hat, nicht unberechtigt. Denn wie sein Vorbild Kafka und der frühe Bernhard zieht Ferk den Leser förmlich ins Grauen hinein, auf eine ganz sachliche Art, die aber von großer Schreibkunst zeugt.

Janko Ferk: Der Kaiser schickt Soldaten aus. Ein Sarajevo-Roman. Styria Verlag, Wien 2014, 157 Seiten, 19,90 Euro.

Wiener Zeitung, Sa./So., 26./27. April 2014