unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Reportage und Provokation#

Egon Erwin Kisch gilt als Begründer der Reportage als literarische Kunstform und des Aufdeckerjournalismus.#


Von der Wiener Zeitung (Sonntag, 26. Juli 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Gerhard Strejcek


Egon Erwin Kisch
Kisch führte einen unermüdlichen Kampf gegen den Nationalsozialismus. Wikipedia/Public domain

Das Jahr 1915 brachte für Egon Erwin Kisch körperlichen Schmerz, psychische Beruhigung und ideelle Anerkennung mit sich. Nach seiner Verwundung an der südöstlichen Weltkriegs-Front, der Rückkehr in die Heimatstadt und der Beförderung zum Unteroffizier stand einem wehrhaften Weiterleben unter marxistischen Auspizien nichts mehr im Wege. Dem Bruder des "Presse"-Wirtschaftsredakteurs Paul Kisch sollten die militärische Ausbildung und sein Dienstgrad noch bei zahlreichen Scharmützeln nutzen, wenn auch nicht allzu viel Ruhm und Ehre bringen. In der jungen Ersten Republik kommandierte Egon, den seine greise Großtante versehentlich "Egmont" nannte (sie war glühende Goethe-Verehrerin) im Winter 1918/19 kurzzeitig die "Rote Garde" in Wien, mit der er bevorzugt Medien- und Militäreinrichtungen erstürmte, wenn er nicht gerade mit Werfels Hilfe eine bolschewistische Brandrede hielt.

Man stelle sich den wenig martialischen, aber schriftstellerisch hochbegabten, pausbäckigen "kleinen" Franz auf dem Deutschmeisterplatz vor, wie er im Schatten des Hansen’schen Weltausstellungshotels (heute "Kempinski") und der gegenüber liegenden Roßauerkaserne einen Trupp Rotgardisten gegen die besitzenden Klassen und die ehemaligen k.u.k. Offiziere aufhetzt - also genau genommen gegen sich und die in der Textilbranche tätigen Familien Werfel und Kisch höchstselbst. Ein klarer Kopf wie Arthur Schnitzler reagierte empört darauf, dass wohlhabende, spießbürgerliche Villenbewohner (in concreto: Mahler/Werfel in der Steinfeldgasse 4 auf der Hohen Warte) sich auf offener Straße oder im Salon als Reserve-Trotzkis gebärdeten.

Kampf gegen Hitler#

Kisch war zwar kein Riese, aber sportlicher, mutiger und somit als Kämpfer glaubwürdiger als Werfel, wie seine sozialkritischen Reportagen aus Prager Zeiten zeigten. Unvergesslich wurde aber sein Dialog mit Paul Kisch, (den er später vergeblich dementierte) im Stiegenhaus der "Neuen Freien Presse". Egon: "Im Namen der Revolution fordere ich Dich ein letztes Mal auf, den Weg freizugeben." Paul: "Gut, ich weiche der Gewalt, aber ich sag’s der Mama in Prag!" Fazit - Egon "Erwin" (selbst erwählter Zweitvorname) Kisch zog mit der roten Horde ab.

Längerfristiges Ergebnis seiner Umtriebe war allerdings seine Ausweisung aus Deutsch-Österreich. Es folgten Jahre in der Weimarer Republik bis zu den verhängnisvollen Reichstagswahlen, dem Aufstieg der NSDAP und Hitlers Kanzlerschaft ab Februar 1933. In Berlin währte Kischs Kampf gegen den Diktator nur kurz, denn nach seiner Verhaftung im Gefolge des Reichstagsbrands schob ihn die deutsche Regierung nach Prag ab. Es folgten das australische Abenteuer (siehe S. 38) und 1935 ein Auftritt am Schriftstellerkongress in Paris.

Der Wortgewaltige wehrte sich weiterhin aus dem französischen Exil gegen Hitler, er schrieb einen offenen Brief an den Diktator und zeigte darin einige Widersprüchlichkeiten auf, wie der zum wahnwitzigen GröFAZ ("größten Feldherrn aller Zeiten") aufsteigende Gefreite zu seinem "Eisernen Kreuz" gekommen zu sein behauptet hatte. In der Tat existieren von dieser Episode an der Marne 1918 mehr als drei Versionen - und es erschien bereits zeitgenössischen Militärexperten der Reichswehr seltsam, dass der fast kriegsblinde EK-Träger Hitler als Meldegänger angeblich Heldentaten vollbracht hatte, ohne in all den Jahren befördert worden zu sein. Aber das Volk glaubte Hitler, nicht Kisch.

Doch dieser gab nicht auf und stand als über 50-Jähriger (geb. 29. 4. 1885) persönlich wieder auf den Barrikaden. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte er 1937 gegen Franco aufseiten der Republikaner, auch hier vergeblich. Und schließlich erlebte er, als Frankreich Nazideutschland unterlag, seine transatlantisch-dramatische Flucht, mehr oder minder als Gefangener. Aus der Internierung in Ellis Island vor den Pforten der Einwanderungsbehörde von New York heraus führte er nun einen Kampf gegen die Bürokratie. Er hatte nur ein chilenisches Durchreise-Visum, wollte aber in die USA, das von ihm ironisch beschriebene "Paradies", und ging sodann ins Exil nach Mexiko.

Doch kehren wir noch einmal zurück zum Ausgangspunkt der Kisch-Erfolgssaga, dem unseligen Krieg gegen Serbien. Nachdem Kisch bereits am 2. August 1914 in das Prager Korps eingerückt war, erlebte er noch als Gemeiner der k.u.k. Armee in Serbien das Desaster der ersten Angriffe mit. Vor seinem Einsatz im Kriegspressequartier verfasste der Prager Schriftsteller und begnadete Reporter authentische Schilderungen von seinem Fronteinsatz, die er ab 1922 schrittweise veröffentlichte. In seinem Kriegstagebuch brachte er erschreckende Details über den Krieg zutage. Vielfach wurden die vorrückenden k.u.k. Truppen mit Munition beschossen, die aus heimischen Beständen stammte und noch kurz vor Kriegsbeginn an den Feind ausgeliefert worden war. Anders als in den Manövern, bei denen es darum gegangen war, den Erzherzögen, hochadeligen Gästen und Generalstäblern zu imponieren, versagten zahlreiche Berufsoffiziere im Kampfeinsatz.

Kriegsverbrechen#

Hingegen bewährten sich die Reservisten, darunter eine beachtliche Anzahl jüdischer Offiziere, die ihre Intelligenz und ihre Fähigkeit zu strategischem Denken und zur Menschenführung zu nutzen wussten. Denn dort, wo demotivierte Berufsoffiziere kommandierten, passierte oft Furchtbares. Die Frustration der schlecht geführten Soldaten, die von den erbittert an ihrer Heimatfront kämpfenden Serben zurückgeschlagen wurden und erst im Herbst 1915 allmählich die Oberhand gewannen, entlud sich in Massakern und Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung. Neben einfachen Dorfbewohnern und vermeintlichen "Spionen" gerieten auch orthodoxe Popen in die Schusslinie. Mitunter hielten die marodierenden Militärs sogar Popen für Rabbiner, sodass zum Hass auf die Serben ("Serbien muss sterbien") auch der Antisemitismus und die xenophobe Haltung gegenüber einer fremden Kultur und Religion hinzutraten. In erschreckender Weise erinnern Fotografien von gehängten und hingerichteten Zivilisten an diese Kriegsgräuel.

Kisch fällt in allen Lebensphasen durch sein konsequentes Infragestellen von Befehlen und Verboten auf. Schon in Prager Jugendzeiten berichtete er als frecher Schüler über Maturaschwindel und das bei Deutschtümlern zunächst höchst unbeliebte Fußball-Spiel. Als junger Reporter, der für die "Bohemia" schrieb, wurde er mehrfach verhaftet und ignorierte sogar ein eigens vom k.k. Ministerium für Justiz für ihn erlassenes Besuchsverbot einer Vollzugseinrichtung. Den Erlass aus dem Jahr 1911, den ihm die Oberstaatsanwaltschaft Prag intimiert hatte, missachtete Kisch bewusst und veröffentlichte diesen in einem Feuilleton ("Die Abenteuer in Prag").

Die Reportagen in der Weimarer Republik erzielten höchste Auflagen. Die berührende Geschichte eines Tiroler Spanienkämpfers ("Drei Kühe") erschien auf Spanisch in Mexiko. Als Kisch aus dem Exil nach Prag 1946 zurückkehrte, war er ein gefeierter "antifaschistischer" Schriftsteller, dessen Werke fortan im Ost-Berliner Aufbau-Verlag erschienen. Angesichts seiner Popularität bei der linientreuen KP hinterließ Kisch nach seinem Tod im März 1948 (nach drei Schlaganfällen) ein Erbe von Skeptikern im Westen. Der auffrischende Kalte Krieg schadete der Rezeption seines vielseitigen Werks, das erst in den letzten Jahren wieder eine Renaissance erlebte.

Anders als Joseph Roth, der die versunkene Welt Kakaniens in herbstlichen Tönen anklingen ließ, fand sich bei Kisch stets auch der sozialkritische Ansatz, wenn auch nicht ohne Wehmut an die "Prager" Zeit vor dem großen Krieg. Wer seine Reportagen unbefangen liest, wird einen stets am Puls der Zeit fühlenden, erfrischend originell schreibenden Autor kennenlernen, dessen "linke" Gesinnung nur insofern durchdringt, als er auch einfachen und gestrandeten Menschen, wie Industrie- und Bergarbeitern, Obdachlosen und Gefängnisinsassen Augenmerk schenkt. Seine Reportagen aus fremden Landen sind hingegen von der Sehnsucht nach der Sensation und dem Aufdecken von Skurrilitäten, wie etwa einem Kloster für pensionierte Eunuchen unweit von Peking, gekennzeichnet. Welcher Autor sonst hat auf allen fünf Kontinenten recherchiert und publiziert?

Kunstform Reportage#

Kisch begründete nicht nur die literarische Kunstform der Reportage, sondern betätigte sich in einem Genre, das im Österreich der Zweiten Republik etwa die beiden unermüdlichen, leider schon verstorbenen Journalisten Kurt Kuch und Alfred Worm bedienten, und das der umtriebige Günter Walraff in Deutschland bis dato zur Hochblüte getrieben hat, sei es als Undercover-Reporter in Großküchen oder Bergbaubetrieben. Alle sind sie letztlich auf eine gewisse Art Egon-Kisch-Erben.

Schon in der Affäre um den Generalstabschef Oberst Redl 1913 hatte sich der Reporter als Aufdecker betätigt. Da der Armeechef Conrad von Hötzendorf den Spion zum Selbstmord zwingen ließ, blieben damals bange Fragen offen. Gegenüber Kritikern hatte Hötzendorf allerdings stets höhnisch darauf verwiesen, dass die von Redl verratenen Aufmarschpläne gegen das Zarenreich längst überholt waren. Aufmerksame Beobachter hatten aber noch ganz andere Dimensionen der Spionage entdeckt, wie Flugaufklärung durch Fesselballons, ungebetene Manövergäste und eine überaktive diplomatische Vertretung. Mit diesen Methoden unterschied sich, abgesehen vom technischen Fortschritt moderner Abhöranlagen, die Stoßrichtung der Aufklärung und Abwehr vor einem Jahrhundert nicht maßgeblich von der heutigen Informationsbeschaffung.

Literaturhinweise:#

Kisch-Werke sind in acht Bänden im Aufbau Verlag Berlin/Weimar erschienen, etwa "Der Mädchenhirt" (Roman) und Reportagen wie "Schreib das auf Kisch", "Der rasende Reporter", "Paradies Amerika", "Landung in Australien", "Die Abenteuer in Prag" oder "Nichts ist erregender als die Wahrheit."

Gerhard Strejcek, geboren 1963 in Wien, Außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Wien.

Wiener Zeitung, Sonntag, 26. Juli 2015