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Schmerz als Kunst#

Josef Winklers neueste Reiseprosa.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 11. Oktober 2008) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Uwe Schütte


Was wir, als Leser, an dem Schriftsteller Josef Winkler haben, das belegen nicht zuletzt die verschiedenen Fotos, die es von ihm gibt. Ich erinnere mich eines, das doppelseitig in einem Verlagsprospekt abgedruckt war: Es zeigt Winkler, wie er auf dem Petersplatz dem Heiligen Vater die Hand schüttelt. Ein anderes zeigt ihn in weißem Gewand einsam am Grab von Jean Genet sitzend. Und dann die Indien-Bilder: Mit Baseball-Kappe vor einem Hauseingang sitzend, daneben stehend, ein ihn kaum überragender zwergwüchsiger Inder in blauer Uniform und mit rotem Turban. Oder das Autorenfoto auf dem wunderbaren, von Peter Pongratz gestalteten Schutzumschlag seines neuen Taschenbuches „Ich reiß mit eine Wimper aus und stech dich damit tot“: Eine Straßenszene, überall Mist auf dem Boden, links ein nachlässig gekleideter Winkler mit Brille, doch daneben, tanzend, ein bunt gekleideter, dunkelhäutiger Fakir mit Gesichtsbemalung. Das sind alles Selbstinszenierungen, gewiss. Doch wer die Bücher des Kärntner Schriftstellers gelesen hat, wer sein Sich-Frei-Schreiben vom Heimatdorf Kamering, seine Reisen nach Rom, die Expeditionen nach Indien, nach Japan und – im neuen Buch – auch nach Mexiko lesend nachvollzogen hat, der weiß, dass es Winkler todernst ist: mit seiner Obsession, das in der Kindheit Erlebte nicht ruhen zu lassen; mit seiner tiefen Anteilnahme am Leben der Menschen in vermeintlich unterentwickelten Kulturen; mit der Unerbittlichkeit, dem Tod, in welcher Form auch immer er sich uns zeigt, ins Auge zu schauen. Und nicht zuletzt mit der Entschiedenheit, dies alles in seine eigentümliche, um die immer selben Schreckensmotive kreisende Literatur zu überführen. So verfährt der Autor auch in den elf Geschichten des neuen Bands, der wie eine Nachlieferung zu „Roppongi“ (2007) wirkt. In miteinander nur lose verbundenen Prosanotizen verknüpft Josef Winkler seine Reiseerlebnisse mit kommentierten Zitaten aus den jeweiligen Reiselektüren. In dieser Hinsicht wird weder thematisch noch stilistisch Neues geboten. Das aber heißt zugleich: „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“ erweist sich als ein ebenfalls unverzichtbares Buch für all jene Leser, denen es um Literatur geht, die Schmerz in Kunst verwandelt.

  • Josef Winkler: Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot. Suhrkamp Verlag (edition suhrkamp), Frankfurt am Main 2008, 126 Seiten, 8,30 Euro.
Wiener Zeitung, Samstag, 11. Oktober 2008