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Der begabte Immoralist#

Drei neue Bücher mit Texten von und über Arthur Schnitzler stellen unter Beweis, dass dieser Wiener Arzt und Autor im literarischen Geschehen nach wie vor präsent ist.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 31. Mai/1. Juni 2014)

Von

Hermann Schlösser


Arthur Schnitzler
Arthur Schnitzler, Bildnis eines unbekannten Fotografen.
© dpa

Zu den Autoren, um deren Nachleben man sich derzeit noch keine Sorgen machen muss, gehört der Wiener Arzt, Dramatiker, Novellist und Diarist Arthur Schnitzler. Wie es sich bei einem Schriftsteller dieses Formats gehört, wird sein Werk zurzeit sowohl in einer historisch-kritischen Gesamtausgabe präsentiert als auch in der Neuauflage einer wenig bekannten Erzählung. Und eine neu erschienene literarhistorische Schnitzler-Studie ist ebenfalls zu vermerken, auch wenn gerade sie eher streng mit dem Autor ins Gericht geht.

Philologisch korrekt#

Unter der Leitung der Wiener Germanistin Konstanze Fliedl entsteht derzeit eine ambitionierte Schnitzler-Edition. Sie präsentiert Schnitzlers frühe Texte in mehreren Versionen: Die Manuskripte werden in der Originalgestalt faksimiliert. Da Schnitzlers Handschrift kaum lesebar ist, werden die Texte auch transkribiert, und überdies wird die Fassung der Erstausgabe als sogenannter "Lesetext" präsentiert. Für alle, die es ganz genau wissen wollen, findet sich noch eine Fülle von Entwürfen, Vorstufen und Skizzen. So wird es möglich die Genese des Textes in all ihren Stadien zu verfolgen.

Der neueste Band der Edition präsentiert alle Schriftstücke, die mit Schnitzlers erstem großen Theatererfolg, dem Drama "Liebelei" aus dem Jahr 1895, zu tun haben. Neben dem bereits genannten Material sind hier Dokumente zur Wirkungsgeschichte des Stücks enthalten. All das ist aufschlussreich für Philologen, Lektoren, Dramaturgen und leidenschaftliche Schnitzler-Leser. Wer es allerdings mit dem Autor nicht so ernst meint, wird wohl weiterhin zur Taschenbuchausgabe greifen, um zu lesen, wie die unglückliche Christine unter der Rolle des "Süßen Mädels" leidet, die ihr von den Männern zugedacht wird.

Fast zeitgleich mit dieser großen Edition trat ein weitgehend unbekannter kleiner Schnitzler-Text ans Licht: Wilhelm Hemecker und David Österle haben eine Novelle des 32-jährigen Autors erstmals publiziert. Der literarische Betrieb hat durchaus Platz für derartige Neuentdeckungen, weil sie eben nicht nur der Pflege des Alten dienen, sondern zugleich das Aktualitätsbedürfnis befriedigen. Deshalb wurde der Sensationswert des Fundes vom Verlag und von manchen Medien etwas übertrieben. Wie vor allem Konstanze Fliedl klar gestellt hat, war die Novelle, die nun unter dem Titel "Später Ruhm" veröffentlicht wurde, den Experten keineswegs neu. Sie ist in Schnitzlers Nachlass erfasst, und es ist auch bekannt, dass der Autor selbst von dieser Novelle keine allzu hohe Meinung hatte - weshalb er nach einem missglückten Versuch, sie zu veröffentlichen, keine weiteren Publikationsanstrengungen unternommen hat.

Mediokre Dichter#

Die Herausgeber, die in ihrem Nachwort Schnitzlers selbstkritisches Urteil stark herunterspielen, sehen das naturgemäß anders. Sie finden "Später Ruhm" ausgesprochen lesenswert. Und ganz Unrecht haben sie damit nicht. Schnitzler macht sich in dieser witzigen (wenn auch etwas langatmigen) Erzählung über die mediokren Dichter lustig. Da gibt es einen Literatenclub mit dem sinnigen Namen "Begeisterung", in dem sich poetisch beschwingte Jünglinge zusammenfinden, die viel wollen und wenig können.

Ein Mitglied dieses Vereins wird auf einen alten Beamten namens Saxberger aufmerksam, der in der goldenen Jugendzeit den Lyrikband "Wanderungen" veröffentlicht hat. Schnitzler schildert amüsiert und amüsant, wie dieser Band, der niemals Beachtung fand, zum Lieblingsbuch der jungen Literaten wird. Sie, die selbst nichts zustande bringen, leben ihr Verehrungsbedürfnis an einem alten Herrn aus, dem es (wie ihnen) nicht gelungen ist, als Dichter anerkannt zu werden.

Saxberger ist geschmeichelt, begreift jedoch zunehmend, dass es hier nicht um ihn geht, sondern um einen Kult der Unproduktivität. Die Boshaftigkeit, mit der Schnitzler dieses dilettantische Getue schildert, entspringt wohl dem Überlegenheitsgefühl eines Autors, der der begründeten Ansicht war, seine Texte seien besser als alles, was ein Künstlerclub "Begeisterung" jemals würde hervorbringen können.

Einem bedenklichen Zug des Autors ist Rolf-Peter Lacher in einer sorgfältig recherchierten Studie nachgegangen, und sein Urteil über Schnitzler fällt kritisch aus: Insbesondere in jungen Jahren sei Arthur Schnitzler ein bis zur Widerwärtigkeit egozentrischer Mann gewesen, der vor allem seine zahlreichen Freundinnen schlecht behandelt habe. Das zeigt Lacher mithilfe neu entdeckter Dokumente an den Beispielen der drei Frauen Anna Heeger, Maria Chlum (oder Glümer, wie ihr Künstlername als Schauspielerin hieß) und Maria Reinhard. Schnitzler erscheint hier als Monster: untreu und eifersüchtig zugleich; Lacher unterstellt ihm überdies ein diabolisches Vergnügen daran, die Frauen, die ihn liebten, leiden zu sehen.

Schnitzlers Schuld#

Das alles ist nicht neu, aber Lacher geht über den bisherigen Kenntnisstand zumindest in einem Punkt hinaus: Auch wenn er es nicht unwiderleglich beweisen kann, vertritt er doch mit Gründen die Ansicht, Maria Reinhard sei nicht, wie Schnitzler selbst behauptet hat, an einer Blinddarmentzündung gestorben, sondern an den Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs, den Schnitzler erzwungen habe. Lacher gibt dem Autor also die Schuld am Tod einer seiner Geliebten, und er findet zahlreiche Hinweise in Schnitzlers Texten, die sich als verklausuliertes Eingeständnis dieser Schuld lesen lassen.

Wie immer es sich damit verhalten mag - Lacher hat jedenfalls eindrucksvoll dokumentiert, dass Schnitzlers Verhalten oft genug moralisch anstößig gewesen ist. Schnitzlers Werke sind mit diesem Verdikt allerdings nicht zu entwerten. Denn ihre Qualität verdankt sich ja der dichten Beschreibung all jener Fragwürdigkeiten der Seele und des Leibes, die Schnitzlers vielleicht auch deshalb so präzis zu erfassen vermochte, weil er ihnen im Leben wehrlos ausgeliefert war.

Arthur Schnitzler: Liebelei. Historisch-kritische Ausgabe, herausgegeben von Peter Michael Braunwarth, Gerhard Hubmann, Isabella Schwentner. (Teilband einer von Konstanze Fliedl herausgegebenen Werkausgabe.) De Gruyter Verlag, Berlin 2014, 1300 Seiten, 399,- Euro.

Arthur Schnitzler: Später Ruhm. Novelle. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Wilhelm Hemecker und David Österle. Zsolnay Verlag, Wien 2014, 157 Seiten, 18,40 Euro.

Rolf-Peter Lacher: "Der Mensch ist eine Bestie". Anna Heeger, Maria Chlum, Maria Reinhard und Arthur Schnitzler. Königshausen & Neumann, Würzburg 2014, 250 Seiten, 36,- Euro.

Wiener Zeitung, Sa./So., 31. Mai/1. Juni 2014