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Schnitzlers ernste Komödie#

Vor 100 Jahren wurde der "Professor Bernhardi" uraufgeführt - und zwar in Berlin, weil seine direkte Kritik am Antisemitismus der Christlichsozialen Partei der Wiener Zensur nicht genehm war.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 24. November 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Gerhard Strejcek


Szenenbild aus 'Professor Bernhardi'
Szenenbild aus der Aufführung des "Professor Bernhardi" 2011 im Wiener Burgtheater: Joachim Meyerhoff (links) in der Titelrolle und Lukas Gregorowicz als Pfarrer Franz Reder.
© APA/HERBERT NEUBAUER

Am 28. November 1912 fand in Berlin im Kleinen Theater die Premiere von Arthur Schnitzlers "Professor Bernhardi" statt. Das Drama kann als Antwort auf den politisch instrumentalisierten Antisemitismus der Luegerzeit verstanden werden.

Der Konflikt zwischen einem Priester, der einer sterbenden jungen Frau die Krankensalbung (das Sakrament hieß damals und bis vor kurzem "Letzte Ölung") erteilen möchte, und dem jüdischen Arzt Professor Bernhardi, welcher die Frau in ihrer Illusion der Besserung erhalten möchte, traf ein innenpolitisches Kernthema der Zeit. Dabei gelang es Schnitzler, die Intrigen und Halbherzigkeiten rund um die von seinem Vater Johannes geleitete "Allgemeine Poliklinik" dramatisch zu verarbeiten. Dieser hatte nach ungerechten Anwürfen 1893 einen frühen Tod gefunden. Während des Ersten Weltkriegs aufgefundene Dokumente schienen dem Autor die im "Bernhardi" thematisierten Eifersüchteleien, Machtkämpfe und politisch motivierten "Wadlbeißereien" schließlich zu belegen.

Wehrte er sich anfänglich gegen die Bezeichnung als Tendenzstück oder Schlüsseldrama, so gab Schnitzler später zu, hierin Erfahrungen des Ärztealltags verarbeitet, reale Ereignisse nur unwesentlich "umgeschrieben" sowie verdichtet und die Charaktere mit seiner kundigen Hand feingezeichnet zu haben. Somit hält uns der "Bernhardi" noch heute den Spiegel einer Zeit vor, deren katastrophale Zuspitzungen in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts immer noch ihre Spuren hinterlassen haben.

Streit um den Namen#

Das war damals zwar nicht voraussehbar, aber dennoch malte eine unsichtbare Hand bereits das Menetekel an die Wand, wie sich an Hand von scheinbar unwesentlichen Details und Nebenschauplätzen zeigte. Der Name des unverstandenen Professors war erfunden, bewahrte den Autor aber nicht vor der Intervention einer gewissen Frau Anna Bernhardi: Sie suchte Schnitzler auf, erbrachte mittels Dokumenten vor ihm zunächst eine Art Ariernachweis und forderte dann "unverschämter Weise" die Umbenennung auf "Bernhardy", weil ihre Familie gegen die Verwechselbarkeit mit der jüdischen Hauptfigur rebelliert hatte. Wenigstens die Punze eines fremdländisch klingenden Namens sollte der Autor seinem Stück aufsetzen, was er natürlich verweigerte. War der "Bernhardi" somit punktgenau an der politischen Wirklichkeit orientiert, so holte diese das Drama ihrerseits wieder ein, wie sich auch in den merkwürdigen Kritiken zeigen sollte. Nicht unerwartet kamen die Häme der antisemitischen Presse und die Anwürfe des satirischen "Kikeriki", die Schnitzler empfahlen, entweder selbst als Arzt zu praktizieren oder als Jude zu schweigen. Dass sich aber Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig und Felix Salten, die alle Züge des Renegaten trugen, kritisch äußerten, und als "wohlmeinende Freunde" Schnitzler von dem heißen Eisen abgeraten hatten, kam überraschend und traf den Autor ebenso wie die hilflosen Distanzierungsversuche liberaler Kritiker. Offenbar befanden sich viele erfolgreiche und assimilierte Wiener Juden bereits in einer weitaus bedrückenderen Lage, als es die heutigen historischen Beschreibungen vermitteln können, ja selbst eine Art Angststarre schien nach dem Aufleben des politischen Stigmas eingetreten zu sein, ehe selbstbewusstere zionistische Kreise (wie etwa die von Kafka unterstützte "Selbstwehr") sowie jüdische Parteien im Landtag und im Abgeordnetenhaus auf den Plan traten.

Schnitzler schwenkte übrigens selbst in seinem Wahlverhalten nach dem Krieg von der zunächst unterstützten "Socialdemokratie" zur jüdisch-nationalen Partei, von der er sich trotz ideologischer Ferne ein entschiedeneres Auftreten gegenüber den antisemitischen Tendenzen versprach. Diese Partei konnte sich in der Ersten Republik nur kurz in der Nationalversammlung und im Nationalrat behaupten.

Doch zurück ins Jahr 1912, als Schnitzler und Hauptmann beide (erst) fünfzig Jahre alt wurden. Der Wiener Bürgermeister und Rechtsanwalt Karl Lueger war schon vor zweieinhalb Jahren verstorben, aber seine hässliche Saat des populistisch verbrämten, "politischen" Antisemitismus war aufgegangen, und so nahm Schnitzler zu Recht die Gelegenheit wahr, die prekäre Lage assimilierter Juden in Wien aufzugreifen.

Dass diese, direkt gegen die Politik der Christlichsozialen bzw. die Anwürfe der "clericalen Partei" gerichtete, künstlerisch gelungene Attacke in der katholischen Doppelmonarchie nicht am Zensor vorbei zu schleusen war, musste Schnitzler von vornherein klar gewesen sein. Er hatte sich daher bereits in den vergangenen zwei Jahren, als er mit der Materie schwanger ging, akribisch vorbereitet und von seinem Anwalt Geiringer sowie einem Ministerialbeamten beraten lassen. Advokat Geiringer hatte ihn über alle Aspekte des Delikts der "Religionsstörung" aufgeklärt, ein Herr Ministerialrat Dlabač wiederum hatte Schnitzler in die Untiefen parlamentarischer Anfragen im Abgeordnetenhaus des Reichsrates eingeführt. Beide juristisch relevanten Themen kommen im "Bernhardi" vor, wobei der ehemalige Unterstützer Flint schließlich dem Professor mit einer dreifachen Lüge in den Rücken fällt.

Politische Sprengkraft#

Die Wiener Germanistikprofessorin und Schnitzler-Expertin Konstanze Fliedl hat die "verräterische Steigerung" dieser Leugnung als "Modellstück eines rhetorischen Dementis" bezeichnet. In der Tat zeigen diese Szenen der fünfaktigen "Komödie" (!) eine seltene Meisterschaft des Dramatikers. Außerdem geben sie ein realitätsgetreues Abbild der universitären und Krankenanstalts-Intrigen, unter denen auch Julius Schnitzler, der Bruder und prominente Chirurg im Wiedener und im Rothschildspital, litt. Dass ausgerechnet Julius Schnitzler später Schnitzlers erklärtem Erzfeind, dem "Prälaten ohne Milde", Ignaz Seipel, nach einem Attentat das Leben retten sollte, ist ein Treppenwitz der Geschichte.

Für den "Bernhardi" blieben all diese Ereignisse ohne Belang, die Genialität des Stücks konnte die Obrigkeit über dessen politische Sprengkraft nicht hinwegtäuschen. Der Zensor schien daher den wissenschaftlichen Vorarbeiten und ihrem dramatischen Ergebnis abhold, er machte kurzen Prozess und verbat die Aufführung in Österreich. Einmal mehr musste Schnitzler ins "Ausland" ausweichen, um zumindest etwas mehr an Kunstfreiheit zu genießen, als in der k.u.k. Monarchie damals möglich war.

Anders als hierzulande schien im evangelischen Preußen und im Wilhelminischen Deutschen Reich eine Aufführung aus ordnungspolitischen Gesichtspunkten als unproblematisch, welche einen jüdisch-katholischen Konflikt thematisierte. Der charmante Berliner Zensor ließ daher fünf gerade sein und beließ die wesentlichen Aussagen des Dramas abgesehen von marginalen Strichen. Der dennoch im Vorfeld der Aufführung wehende Skandalgeruch, der ein Jahrzehnt später im "Reigen" zu einem explosiven Gemisch werden sollte, versprach aber reichliches Publikumsinteresse. Schnitzler zog im Deutschen Reich das Theaterpublikum an, er galt als moderner Dramatiker, der sich an Tabus heranwagte, nicht so wie in Wien, wo er mit der Metapher der "versunkenen Welt" publizistisch niedergemacht wurde. Erst im Mai zuvor hatten Experten und Kritiker wie Kerr, Fulda, aber auch der Schnitzler gewogene Heinrich Mann anlässlich des fünfzigsten Geburtstags die Stärken des Autors und Dramatikers gewürdigt. Der Wiener war demnach in der deutschen Reichshauptstadt kein Unbekannter, nur ein, zwei Jahre zuvor hatten diverse Aufführungen das Publikum in "Das Weite Land" zwischen Wien, Baden und Südtirol ge- und trotz schwacher Schauspielleistungen sogar verführt. Während die Theatergäste begeistert schienen, sah der Autor die Situation realistisch und attestierte trocken, dass das "WL" nun in Deutschland "tot" sei und allenfalls in Hamburg noch Geld einspielen könnte.

Der finanzielle Erfolg des "Bernhardi", des lange Zeit geheim gehaltenen "politischen Stücks", kam Schnitzler im Jahr seines Fünfzigers aber sehr zupass. Zum einen galt es, die Hypotheken der 1910 erworbenen Villa "Römpler-Bleibtreu" in der Währinger Cottage zurückzuzahlen, zum anderen die steigenden Bedürfnisse der vierköpfigen Familie, aber auch diverser, hilfesuchender Damen aus der Vergangenheit zu erfüllen. Von Geiz oder Knauserei fanden sich bei Schnitzler nicht einmal Spurenelemente, er unterstützte die plötzlich verarmte Dilly Sandrock ebenso wie seine Schwägerin Liesl oder einen erblindeten Postbeamten, dessen Schicksal ihn rührte. Das Schicksal lohnte es ihm im 1912er-Jahr insofern, als auch die "Gesammelten Werke", die S. Fischer zu Ehren Schnitzlers erstmals herausgab, einen unerwarteten, durch mehrere Theatererfolge (Das weite Land, Der junge Medardus, Professor Bernhardi) katalysierten Erfolg mit sich brachten.

Erfolg mit Schatten#

Endlich schien sich Schnitzler vom Stigma des "Anatol" und des süßen Mädls gelöst zu haben. Alles schien vor und während der Bernhardi-Uraufführung in bester Ordnung zu sein, man traf sich mit Gerhart Hauptmann, Franz Blei und Alfred Kerr im "Adlon" zur künstlerischen Aussprache. Das Kleine Theater war ausverkauft, der Autor wurde mehrfach gerufen und bejubelt. Theaterdirektor Victor Barnowsky hatte sich sogar eine Umbesetzung der Hauptrolle abringen lassen, weil der ursprünglich vorgesehene Hartau dem Autor als "zu wenig interessant" für die differenzierende Darstellung des Professors Bernhardi erschienen war.

Dennoch war die Premiere von einer Katastrophe überschattet. Diesmal waren es weder Unruhen im Publikum noch behördliche Eingriffe, sondern die Koinzidenz des unterhaltsamen Theaterabends mit dem tragischen Ableben des Theaterdirektors Otto Brahm um halb zehn, also inmitten des dritten Akts.

Schnitzler ließ es sich nicht nehmen, mit einer Ansprache Ende November in der Berliner Urnenhalle gemeinsam mit Hauptmann vom Toten Abschied zu nehmen. Doch die Stimmung am Premierenabend war, wie Schnitzler treffend formulierte, angesichts des Todesfalles "umdüstert".


Gerhard Strejcek, geboren 1963, ist Außerordentlicher Professor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.


Literatur:#

Konstanze Fliedl, Professor Bernhardi, in: Interpretationen. Arthur Schnitzler. Dramen und Erzählungen, Reclam Nr. 17.532, Stuttgart 2007, S. 148-158.

Wiener Zeitung, 24. November 2012