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Schreiben um zu erleben #

Am 16. Jänner 1912 wurde in Südtirol Franz Tumler geboren – ein persönlicher Rückblick auf eine komplizierte Schriftstellerexistenz in den Fängen des 20. Jahrhunderts.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 14./15. Jänner 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


JAHRE

meine Jahre

was habe ich angefangen

mit ihnen

sind nicht meine Jahre

aber

diese Schrift

ist meine Schrift


Franz Tumler
Franz Tumler, der Kettenraucher.
© Sigrid John-Tumler

Als ich ihn im Herbst 1998 in seiner Berliner Wohnung besuchte, saß Franz Tumler aufrecht in einem Lehnstuhl, die Arme aufgestützt, die Hände mit jeweils zwei ausgestreckten Fingern nebeneinander vor seinem Mund angeordnet. Dazwischen klemmte eine brennende Zigarette, die er auf diese Weise festhielt und die er paffte wie ein Räuchermännchen. Kam die Glut seinen Fingern zu nahe, stieß er einen kurzen knurrenden Laut aus, und die pflegende Person wechselte den heruntergebrannten Rest gegen eine neue Zigarette aus. Er konnte zwar noch meinen Namen nachsprechen, als ich hereinkam, aber keine Erinnerung für eine ganze Stunde behalten. Als ich gehen wollte, kannte er mich schon nicht mehr, und bald darauf war er gestorben, 86 Jahre alt. „Das Tal von Lausa und Duron“, seine erste Erzählung vor dem Hintergrund Südtirols, erschien 1935. Da war Franz Tumler dreiundzwanzig Jahre alt und Volksschullehrer in Linz. Das Buch erreichte eine Auflage von zweihunderttausend Exemplaren und machte ihn zu dem, was wir heute einen shooting star nennen.

Ein Epigone Stifters?#

Die Literaturkritik schrieb ihm sofort eine poetische Elternschaft zu, gegen die er sich immer wieder neu verwahrte, zuletzt 1967 in dem Aufsatz „Warum ich nicht wie Adalbert Stifter schreibe“:

„. . . den Anstoß dazu bekam ich . . . aus den Urteilen über mein erstes Buch. Sie waren, in ihrer Bemerkung eines Anklangs zu Stifter, nicht absprechend gewesen. Mir wurde nicht Nachahmung nachgesagt. Aber sie waren gerade in ihrem Wohlwollen für mich ein Anlass zur Provokation, ein Anlass, mich zu unterscheiden . . . Und ich glaube, das war ein richtiger Entschluss, wenn er mich auch auf einen Weg brachte, auf dem ich meine ersten Leser enttäuschte und auf manchen Strecken mir selber Verluste zufügte; ich denke, sie waren notwendig.“

Im letzten Satz versteckt Franz Tumler eine späte Selbstkritik an seinen weiteren Schritten. Er wollte sprachlich zu sich selbst kommen – und kam zu den Nationalsozialisten. Anfänglich seiner familiär tradierten deutschen Option für Südtirol geschuldet, ging das Einvernehmen bald deutlich darüber hinaus. Bereits 1934 erstmals erschienen und 1941 Titel für einen Lyrikband, evoziert das Gedicht „Anruf“ schon in den ersten Zeilen den „Anschluss“ ganz Österreichs ans deutsche Reich:


„Dir, deutsches Volk, gehören

wir im Osten,

weil eh die Erde, die das Jahr

wir furchen,

der wir die Kinder schenken,

die uns nimmt im Tod, auf der das Haus wir bauen

für die Spätern,

uns fremd ist,

wenn wir sie nicht deine nennen.“


Was ab 1945 mühsam als eine nachzusehende Verirrung eingeordnet werden sollte, war zunächst zunächst ein Erfolgsrezept, das hohe Auflagen für seine Bücher in Deutschland garantierte. Der Preis waren erkennbare Auftragswerke und die Mitgliedschaft in einer kulturell apostrophierten Gliederung der SA.

In deren hellbrauner Uniform auf dem Weimarer Dichtertreffen erschienen, traf Franz Tumler im Herbst 1937 zum ersten Mal auf Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels – und zum zweiten Mal auf seine junge österreichische Kollegin Gertrud Fussenegger, die das in ihren Erinnerungen, „Ein Spiegelbild mit Feuersäule“, ausführlich beschreibt. Keine zwei Jahre später, im Mai 1939, lud die Reichsschrifttumskammer zu einer Reise nach Prag und Wien ein. An der Reling eines NS-Ausflugsdampfers „stand Franz Tumler, und als er später, in einem Augenblick des Alleinseins seine Hand auf meine legte“, schreibt Gertrud Fussenegger, „war es passiert. Es war passiert und dauerte zehn Jahre.“

Die selbst schon erfolgreiche Autorin war so beeindruckt, dass auch ihr Schreiben davon berührt wurde: „Alles, was ich in jenen Jahren schrieb, war in irgendeiner Weise von dieser Beziehung angeregt, mitgeformt, mindestens wie von einem Streiflicht angeleuchtet.“ Für alle, die sie kannten, galten die beiden als interessantes Liebespaar, das sich selbst zu literarischen Kunstfiguren stilisierte. „Wir taten immer feierlich wie Stiftersche Figuren, (wie) Heinrich und Natalie im ,Nachsommer‘, wie Augustinus und Margarita in der ,Urgroßvatermappe‘.“

Fusseneggers weitere Charakterisierung öffnet das Feld für eine Betrachtung von Tumlers Beziehungen zu Frauen, zu denen er große Nähe nur in großem Abstand entfalten konnte: „Eine seltsame Liebesgeschichte also und nur deshalb so langlebig, weil uns das Leben getrennt hielt. Tumler lebte damals in Oberösterreich, dann in Berlin, er hatte soeben geheiratet, seine Frau erwartete ein Kind, er hatte sie geheiratet, weil sie dieses Kind erwartete.“

Er hatte die Frau geheiratet, die später meine Mutter wurde und ihm zunächst einen Sohn gebar – im Juni 1939, unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Den Krieg verbrachte Franz Tumler mit seiner jungen Familie auf Schloss Hagenberg im Mühlviertel und schließlich, nach der beharrlichen Weigerung, in einer Propagandaeinheit zu dienen, ab 1941 bei der Marine. Das Leben, das er nun mit seiner Frau führte bzw. nicht mit ihr führte, bescherte ihr drei weitere Kinder, deren standesamtliche Vaterschaft Franz Tumler übernahm und so allen Kindern seinen Namen gab. Für die seelische Unversehrtheit der Heranwachsenden wurden fortan Legenden gestrickt, die mit den Ereignissen und den Biographien der Beteiligten nur teilweise übereinstimmen. So hielt die Liebesgeschichte zwischen Franz Tumler und Gertrud Fussenegger zunächst bis zur Entdeckung ihres Doppellebens 1943 an. Von ihrem Ehemann erwartete sie da gerade das dritte Kind.

Roman und Wahrheit#

In meiner Familie dauerte es noch zwanzig weitere Jahre, bis öffentlich gemacht wurde, dass der Vater von dreien der vier Kinder meiner Mutter nicht Franz Tumler, sondern der Schlossherr von Hagenberg sei – was zumindest teilweise zutreffen dürfte. In seinem Roman „Ein Schloss in Österreich“ hatte Franz Tumler das bereits 1953 angedeutet, und eine weitere Spekulation, nun einen russischen Offizier betreffend, stand 1955 im Hintergrund des Romans „Der Schritt hinüber“.

Unbestritten im Mittelpunkt der Romane steht Tumlers damalige Ehefrau Susanne, wenn auch mit jeweils verschiedenen Namen. Ihr selbst schreibt er in einem Brief „. . . dein Satz, du als Romanfigur, das sei ein Bild, – für mich ist er nicht wahr, ist die Figur keine künstlerische Überhöhung, kein Bild, sondern immer, immer Leben.“ Und aus seinem bereits erwähnten Stifter-Aufsatz geht hervor, dass schon sein Debüt, „Das Tal von Lausa und Duron“, keine reine Erfindung war:

„Bei mir, in meinem ersten Versuch einer Erzählung, findet sich von diesem Thema, das bei Stifter immer wieder vorkommt, nichts. Ich hatte . . . ja auch meine eigenen Personen: sie waren enger gezogen, sie waren nicht Charaktere, die sich ins allgemein Menschliche erweiterten, sondern blieben an Milieu und Herkunft geknüpft. Ich hatte die Kenntnis dieser Personen aus Abstammung und Verwandtschaft.“

Hier offenbart sich ein aufregender Widerspruch: So nah Franz Tumler die Mitmenschen, seine Frauen zumeist, in seine Literatur einführen und hineinziehen musste, so fern musste er sie von sich halten, um Gefühlswelten zu ihnen zu schaffen und mit ihnen zu teilen. Das erlebte nicht nur Gertrud Fussenegger, sondern auch seine erste Ehefrau, meine Mutter. Nur einen literarischen Moment lang ließ im Unterschied zu der Elise im „Schloss in Österreich“ die Zeichnung der Susanna in „Der Schritt hinüber“ so etwas wie eine Empathie des Erzählers erahnen, deren Entsprechung sich in der Korrespondenz zu einer neuerlichen Beziehungskrise im wirklichen Leben findet:

„Ich habe nie gewusst, was Alleinsein heißt, war mir immer selber genug, das Organ für das ,Du‘ hat mir gefehlt . . . Aber wenn man diese Entwicklung zum ,Du‘ erreicht hat, dann kann man auch nicht mehr allein sein . . . man muss einen Menschen haben. Ich habe dich lange ,gehabt‘, ohne dich zu haben, weil ich eben noch kein Du-Mensch war. Das war eigentlich das Unglück mit uns, oder die Ursache des Unglücks.“

Text und Ereignis#

Die Ehe wurde am 21. August 1954 in Linz geschieden. Franz Tumler, der nach Berlin übersiedelt war, lebte von 1967 an in einer Querstraße am oberen Kurfürstendamm. In seinem letzten Lebensjahr heiratete er die Psychotherapeutin Sigrid John.

Eine seiner Routinen war der kleine Spaziergang zum Zeitungskiosk an der Ecke, so auch am 11. April 1968. Aber wo er jeden Tag den „Corriere della Sera“ kaufte, wo ihm Menschen wie Plätze vertraut schienen und er sich angstfrei bewegte, wurde er an diesem Tag aus seinen Gewissheiten geworfen durch ein schreckliches Ereignis, das sich Minuten zuvor dort abgespielt hatte. Rudi Dutschke, eine Ikone der linken deutschen Studentenbewegung, war mitten im Publikumsverkehr auf dem Kurfürstendamm von einem Attentäter angeschossen und gerade mit der Ambulanz davongefahren worden. Seine persönliche Gegenwart an diesem Ort in diesem Moment, die Bilder in seinem Kopf, hat Franz Tumler in einer Erzählung zu bewältigen versucht. Er war damit wieder bei seinem Lebensthema und dem Prinzip seiner Dichtkunst angekommen: Etwas ist erst, was es ist, wenn es beschrieben ist.

„Der Ort zwischen den Kreidestrichen auf der Fahrbahn, die Sandalen und das Fahrrad, und dass es nicht beachtet wurde; und hier die Wendung, ich sage: Da war es noch kein Ereignis, später war es eines; das war der sonderbare Punkt für uns: etwas ist geschehen und ist zu sehen, und ist kein Ereignis; aber alles, was es später als Ereignis wird, ist doch schon geschehen; so sehen Ereignisse in dem Augenblick aus, in dem sie es noch nicht sind.“

Kurzbiographie#

Franz Tumler wurde 1912 in Gries bei Bozen geboren, übersiedelte 1913 mit seiner Mutter nach Linz, wo er ab 1930 als Lehrer tätig war. In der NS-Zeit war er ein erfolgreicher Autor, 1945 kam er für kurze Zeit in Kriegsgefangenschaft. Ab 1954 lebte er in Berlin, wo er 1967/68 Direktor der Abteilung Literatur der Akademie der Künste gewesen ist. Er starb 1998. Tumlers Bücher „Nachprüfung eines Abschieds“ (1961) und „Volterra. Wie entsteht Prosa“ (1962) wurden im Innsbrucker Haymon Verlag neu aufgelegt. Weitere Infos unter: www.haymonverlag.at


Wolfgang Tumler

Wolfgang Tumler, geboren 1947,

Stiefsohn von Franz Tumler,

bis 2010 TV-Produzent in Berlin,

lebt als Autor in Wien.

Wiener Zeitung, Sa./So., 14./15. Jänner 2012