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Füttert uns Dinosaurier!#

Schriftsteller als aussterbende Spezies in einer Welt des Wischiwischi-Diskurses - eine Polemik.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 8./9. August 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Andrea Stift


Symbolbild: Buchtext
Illustration: Daniel Jokesch

Machen wir uns nichts vor: Schriftsteller zu sein heißt, einer aussterbenden Spezies anzugehören. Ein Blick in die morgendlich verkehrende Straßenbahn reicht aus, um das zu erkennen. Rundherum kopfgeneigte Menschen, die auf glatten Oberflächen wischen. Manchmal sieht man noch einen E-Book-Reader, am ehesten eine der unsäglichen Postillen mit viel Bild und wenig Text. Den Rest dominiert das Smartphone/Tablet/Whatever. Es ist nicht nur rasend schnell in den öffentlichen Raum vorgedrungen, mittlerweile ist es auch auf Begräbnissen keine Seltenheit mehr.

Ein Bursche, dem ich im Zug nach München erklärte, dass ich mir die Fahrt durch Lesen schnell und gut vertreiben würde, schüttelte den Kopf und sprach: "Das kann ich nicht. Ich muss immer schauen, ob was los ist." Der Bursche war elf Jahre alt.

Grundsätzlich kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Menschheit ihre Lesefähigkeit, vor allem aber ihre Leselust massiv verliert oder besser: aufzubauen gar nicht mehr in der Lage ist. Meine Gespräche mit befreundeten und resignierten AHS-Professoren und Professorinnen bestätigen das. Studien dazu gibt es zuhauf. Eine ganze Heerschar funktionaler Analphabeten scheint da heranzuwachsen und die Lehrpläne unterstützen es. In den Hörsälen scheint es ähnlich zuzugehen, mit Grauen denke ich an all die Germanistik-Studierenden, die zwar gerne Germanistik studieren wollen, aber die dazugehörigen Bücher lesen, ach nö, lieber nicht.

Legion sind die Schreibenden#

Stattdessen spielen sie am Handy rum oder gründeln auf Facebook, gerne auch während der Vorlesung. Es bleiben immer weniger Menschen, die Freude daran haben, zu lesen. Lesen stirbt aus, ebenso wie es die Handschrift tut, und wo kein Publikum mehr ist, da ist auch keine Kunst - irgendwann wird da auch das Subventionswesen nicht mehr helfend eingreifen können, ganz abgesehen davon, dass die beste Subvention eine in die Bildung wäre.

Auch die Literaturhäuser sind immer nur so richtig voll, wenn ein Schriftsteller mit medialem Unterfutter auftritt, so rappelvoll, wie beispielsweise das Grazer Literaturhaus bei der Verlesung der "Feuchtgebiete" war, war es danach lange nicht mehr. Lustigerweise scheint es trotz dieses eklatanten Mangels an Publikum plötzlich massenhaft Autoren zu geben - die zwar gelernt haben, sich selbst zu veröffentlichen, aber nie, sich und ihr Geschriebenes kritisch zu betrachten. Legion sind die Schreibenden, doch die, die schreiben können, werden nicht mehr gelesen. Ich komme mir also schon heute vor wie ein Dinosaurier auf dem Weg in die nächste, hoffentlich bessere, weil lesende Welt. Bis zu meinem Übertritt dorthin muss ich aber sowohl mich als auch meine Familie ernähren. Das geht, wenn man zum Beispiel einen verrückten Lebenspartner hat, der einen unterstützt. Aber sogar das führt zu Konflikten, weil der Unterstützte meist so ein menschliches Gut namens Stolz sein eigen nennt, und dieser Stolz will nicht dauernd an seine Unberechtigkeit erinnert werden, der will alles selbst schaffen.

Wer jammert, dem soll man wegnehmen, wer prahlt, dem soll man geben, lautet ein Sprichwort mir unbekannter Provenienz - also versuche ich, nicht zu jammern. Es bringt überhaupt nichts, die ganze Zeit zu jammern. Erstens ist es ekelhaft und zweitens ist es ekelhaft. Wer jammert, der muss sich damit auseinandersetzen, einen Weg gewählt zu haben, der, nun ja, nicht ausreicht. Man könnte diesen Gedanken auf beliebt oberflächliche Art weiter drechseln: Wer jammert, ist wahrscheinlich einfach nicht gut genug. Aber das ist mir zu neoliberal und obendrein leicht widerlegbar: Es gibt so viele richtig gute Künstler, die ungepriesen durch die Landschaft wandeln, und einige wenige, die von ihrer Kunst richtig gut leben können. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen ist in den meisten Fällen nicht wirklich zu erklären. Wir Nicht-so-doll-Gepriesenen jammern also nicht, wir machen unsere Sache gut und wir versuchen, unseren Stolz zumindest ansatzweise zu bewahren. Was tun wir sonst noch? Ach ja - wir stellen Anträge. Das ist es nämlich, was das Alltagsleben der Schriftsteller so richtig ausfüllt. An einem Buch schreiben? Ja sicher - aber zuerst mal ein paar Stunden Selbstmanagement. Weil wir im Jänner schon wissen, dass wir spätestens im März wieder ein Loch am Konto haben werden, bewerben wir uns für den nächsten anstehenden Hörspielpreis, für eine Stadtschreiberei in der Lüneburger Heide, um eine Projektförderung, für den hippsten Stückemarkt einer Landjugendbühne und um überhaupt alles.

Wir gehen oft zur Post#

Wir schreiben Motivationsschreiben, sichten unveröffentlichte Texte, exemplifizieren, positionieren, kalkulieren, dichten im unschönsten Sinne des Wortes irgendetwas zusammen und drucken das zum Schluss alles aus. Das tun wir, weil wir uns einreden, überall teilnehmen zu müssen, damit uns keiner, auch wir selbst nicht, vorwerfen können, uns nicht genügend anzustrengen.

Man kann sich immer irgendwo um irgendwas bewerben, aber es kostet Zeit, Geld und Kraft. Biografie, Bibliografie, Exposé, fünfzigseitige Romanauszüge, themen- oder ortsbezogene Projektideen. Jedes reizende Kuhdorf wünscht sich Künstler, die sich mit einer genau auf dieses reizende Kuhdorf bezogenen Projektidee bewerben - und wieder sind drei Tage oder mehr verloren, und das wirklich relevante, das eigene Schreiben, stagniert.

Außerdem gehen wir wahnsinnig oft zur Post. Für das anfallende Porto nehmen wir Anleihen bei dem Geldpreis, den wir bei 1700 Einsendungen vermutlich nicht erhalten werden, aber die Chance darauf ist immerhin größer als beim Lotto. Und wenn wir bei einer der Förderstellen, die schon einen dicken Akt mit unserem Namen darauf hat, zum neunzehnten Mal Lebenslauf und Bibliografie mitschicken müssen, dann ärgern wir uns zwar, mucken aber nicht auf, denn: Wir brauchen das Geld.

Warum tun wir das alles? Weil wir vom Buchverkauf nicht leben können. Weil Literatur im österreichischen Fernsehen unter "Bachmannpreis" rangiert und unter sonst nicht viel. Weil wir auf Ö1 bauen, aber auch Ö1 nicht unkaputtbar ist. Weil größere Spielstätten sich ihren eigenen marktgespülten Dramatikernachwuchs züchten. Weil die Tageszeitungen kaum mehr externe Schreibaufträge vergeben und stattdessen ihren eigenen Redakteuren literarische Wunderwerke abfordern, die seltsamerweise immer alle gleich klingen. Wie auch nicht, Periodika leiden unter dem gleichen Finanzierungsproblem wie Autoren. Machen wir uns also nichts vor: Es wird immer weniger gelesen, die Menschen können sich kaum mehr auf längere Texte konzentrieren, und das brauchen sie auch nicht. Zur Selbstdarstellung, zur Meinungsabgabe oder um einen selbstgerechten Kommentar zu schreiben, reicht es vollkommen aus, gleich ins entsprechende Forum zu gehen.

Das Lesen verlernt#

Leider habe auch ich keine Generallösung anzubieten, außer den kompletten Ausstieg. Ein mir bekannter Schriftsteller hat sich von der Literatur abgewandt und deutet stattdessen Sterne - das ist mit großer Sicherheit um einiges einträglicher. Das ganze offizielle Land Österreich ist auf seine Schriftsteller stolz - leider hauptsächlich auf die verblichenen, oder auf die, die sich den Stolz damit verdient haben, im Vorlasshandel gut gepokert zu haben. Und eine theoretisch diskursfähige Öffentlichkeit konsumiert und kommentiert alles nur mehr im Wischiwischi-Modus. Inzwischen verlernen Generationen das Lesen, oder lernen es überhaupt nicht mehr. Wir Schriftsteller sind offiziell eine aussterbende Rasse. Also kauft unsere Bücher. Kommt zu unseren Lesungen. Gebt uns Preise. Füttert uns aussterbende Dinosaurier, solange es uns noch gibt!

Wiener Zeitung, Sa./So., 8./9. August 2015