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Suche nach Sinn und Balance#

Die Wiener Autorin Herta Staub spiegelte in ihrem Werk das Auf und Ab der Nachkriegszeit.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 20./21. August 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Evelyne Polt-Heinzl


Als Förderin der jungen Schriftsteller- und Künstlergeneration nach 1945 wird Herta Staub in den kulturhistorischen Abrissen selten genannt, obwohl sie als Kunst- und Pressereferentin im Büro des Wiener Kulturstadtrats Viktor Matejka einen großen Anteil hatte an der Vermittlung von Publikations- und Verdienstmöglichkeiten genauso wie von Papier, Wohnraum, Brennstoffen oder Lebensmittelkarten. Ihr eigenes literarisches Werk ist, wohl auch wegen der Organisation der praktischen Seiten ihres Lebens, schmal geblieben - ein Kinderbuch, drei Stücke, drei Lyrikbände, ein Roman - und es ist in sich ein Spiegel der schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen und politischen Umwälzungen.

Not und Prekariat#

Dabei war Herta Staubs Start ins Leben am 21. Dezember 1908 durchaus hoffnungsfroh: Eine gutbürgerliche Wiener Familie, der Vater ist Chemiker und aufgeschlossen liberal, es gibt eine Sommervilla in der Hinterbrühl, Dienstboten, Kindermädchen, einen Gärtner. Doch der Erste Weltkrieg bedeutet für die Familie eine radikale Zäsur. Der Vater stirbt 1922 an den Spätfolgen einer Kriegsverletzung, die Intimität des bürgerlichen Familienlebens endet mit dem Vermieten von Zimmern, die kleine Herta wird nach Holland geschickt; sie ist eines der 30.000 Kinder, die in den Hungerjahren im Ausland aufgepäppelt werden sollten. Ein Universitätsstudium ist unter diesen Umständen nur für ihren lungenkranken Bruder Alexander möglich, den Herta Staub dann fast ihr ganzes Leben lang betreuen wird. Für sie gibt es eine Schmalspurausbildung in einer Schule für Frauenberufe.

Nach Schulabschluss ist sie Teil des Heeres Arbeit suchender junger bürgerlicher Frauen, das sich damals erstmals in den Großstädten formierte. Staubs Anstellungsverhältnisse sind alle prekär: Eintänzerin, Köchin, wechselnde Bürojobs. Doch bereits 1926/27 beginnt sie vereinzelt Gedichte und Reportagen zu veröffentlichen, in den "Literarischen Monatsheften" und im "Wiener Tag". Das führt 1932 zur Redaktionsmitarbeit bei der "Wiener Zeitung", wo sich Edwin Rollett als väterlicher Freund - mit allen Untertönen dieser Bezeichnung - ihrer annimmt. Durch die politische Entwicklung werden die Spielräume für die Redaktion zunehmend kleiner. Herta Staub ist in der Paneuropa-Bewegung aktiv, und der Kampf für ein unabhängiges Österreich ist ihr noch ein Anliegen.

Sie kommt in den Kreis um Heinrich Suso Waldeck, zu dem auch Carl Zuckmayer, Rudolf Henz, Paula von Preradovic, Erich Scheibelreiter, Siegfried Freiberg oder Carry Hauser zählen. Einige davon werden rasch die Seiten wechseln oder es sich mit den Nationalsozialisten zumindest recht gut richten. Auch Herta Staub gerät durchaus in die Nähe des Regimes, wie ein Wissenschaftler anhand von Funden aus dem Nachlass jüngst mit großer Häme gegen Staubs erste Biografin Lisa Fischer dokumentierte. Es scheint vor allem ihre unglückliche Liebesbeziehung zu Rudolf Sparing gewesen zu sein, NS-Beauftragter für Schriftleiterfragen und Mitorganisator der Gleichschaltung des österreichischen Pressewesens nach dem "Anschluss", die sie zu recht bedenklichen Hitler-affinen bis -begeisterten Äußerungen in Briefen wie Notizen veranlasste. Auch Herta Staub hat ihre Biografie nach der Befreiung 1945 offenbar wie so viele erfolgreich geschönt und sich in die Nähe von Widerstandskreisen zu positionieren verstanden. Ihre Neigung zu Ideologemen des Nationalsozialismus, oder zumindest ihre politische Verwirrung, waren freilich in ihrem Roman "Blaue Donau ade" von 1937 immer schon nachzulesen.

1945 aber scheint für Herta Staub einen tatsächlichen Neuanfang bedeutet zu haben - an der Kultur des raschen Vergessens hat sie sich, vielleicht auch aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit Viktor Matejka, nicht beteiligt. 1945 bis 1949 ist sie Kunstreferentin im Kulturamt der Stadt Wien, was menschlich wie intellektuell eine Neuorientierung impliziert. Aber die innere Unruhe bleibt. 1949 tritt sie vom Protestantismus zum Katholizismus über, und es ist wohl auch ihre metaphysische Sinnsuche, die sie in die Nähe des Philosophen Rudolf Kassner führt. Seinem Werk widmet sie die letzten Jahrzehnte ihres Lebens mit der Arbeit an der Kassner-Gesellschaft und einer zehnbändigen Werkausgabe.

Herta Staub ist 63, als ihr Bruder heiratet und sie, erstmals für sich allein verantwortlich, endlich die elterliche Wohnung verlassen kann. Sie zieht in den 16. Bezirk, einen besonders traditionsreichen Boden der Erwachsenenbildung, in der sie sich weiterhin engagiert. Einige Ehrungen und Preise blieben nicht aus, und 1970 wird ihr als erster Frau der Berufstitel "Professor" verliehen. Als Herta Staub am 18. August 1996 stirbt, stehen am Partezettel als Trauernde nur ihr Bruder Alexander und dessen Frau. "Man ist allein und wird es wohl für immer bleiben. / Das mit den Freunden ist ja nur so-so. / Sie können einem höchstens Nachts die Zeit vertreiben, / von irgendwo ersehnte, kurze Grüße schreiben", so beginnt eines ihrer frühen Gedichte mit dem Titel "Sentimental".

Cartoon
„Mit einem Wink der Hand...“
Cartoon: © Jugoslav Vlahovic

Politische Unsicherheit#

Eine zentrale Erfahrung ihres Lebens - die politisch unruhige Zwischenkriegszeit und das Holland-Erlebnis - verarbeitete Herta Staub in ihrem fast 500 Seiten starken Roman "Blaue Donau ade", den der Berliner Schützen Verlag 1937 überraschend groß herausbrachte. "Hier ist eine Stimme aus Österreich, hier ist eine junge Wienerin, die mit dramatischer Kraft und schöpferischer Einsicht für ihre Generation und ihre Heimat Zeugnis ablegt", stand auf der Buchbinde des Romans, der zeitgleich in Leinenbindung und als Taschenbuch erschien.

Wenn man "Blaue Donau ade" heute liest, wird die politische Unsicherheit der Zeit spürbar, auch die der jungen Herta Staub; die Entdeckung ihrer vorübergehenden Verstrickung in die NS-Ideologie ist vor diesem Hintergrund nicht eigentlich überraschend. Ihr formales Vorbild war John Dos Passos, der von der Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit als Beispiel zukunftsweisenden Erzählens propagiert wurde. Seine Spuren in "Blaue Donau ade" sind weniger sprachlich festzumachen, als in der wechselnden Handlungsführung auf verschiedenen Ebenen, die hart gegeneinander geschnitten werden und oft auch inhaltlich kontrastieren oder schmerzlich korrespondieren, etwa mit der Parallelisierung von Kindesmissbrauch hier wie dort: Der holländische Pflegevater entwickelt erotische Interessen für sein Pflegekind, während die in Wien gebliebene Freundin ihren Weg von der Eintänzerin bis zum bitteren Ende gegangen ist als Nackttänzerin im Privatclub des Geldjuden Mézair alias Maxi Messer.

Das ist eine der problematischen Ebenen des Romans, der antisemitische Interpretationen zumindest zulässt. "Ja, solche Leute, mit neuen Ideen, unbeschwert, traditionslos, das waren die richtigen Männer der Zeit . . . indem sie als Fremde und Usurpatoren Haß und Abwehr der sich langsam erholenden Bevölkerung hervorrufen mußten, waren sie vielleicht auch eines der Mittel, an denen die Stadt, endlich . . . wieder ganz sich selbst finden konnte", sinniert einer der Schauspieler an jenem Theater, das Mézair ökonomisch dominiert. Die positive Gegenfigur des sozialdemokratischen Arztes gerät dagegen schwach und eigenartig gleichmütig, beinahe resigniert einem humanistischen Gestus verpflichtet.

Sprachlich dicht und schillernd sind hingegen die atmosphärischen Bilder aus dem Zwischenkriegs-Wien genauso wie die Beschreibung der sehr unterschiedlich ausgelebten Entwurzelungsgefühle der verschickten Kinder. Irritierend ist dabei jedoch das Übermaß an Patriotismus. Diese Kinder im Alter von acht bis 15 Jahren sehnen sich nicht nach den Eltern und der vertrauten Umgebung, sie sehnen sich abstrakt nach dem Heimatland. Scham empfinden sie nicht nur wegen ihrer Armut, sondern vor allem, weil ihr Land im Krieg besiegt und im "Schandfrieden" gedemütigt wurde. Dieses immer wieder kehrende Motiv hat wohl dazu beigetragen, dass "Blaue Donau ade" 1937 in Deutschland erscheinen konnte und massiv beworben wurde.

Nicht einheitlich ist auch das lyrische Werk Herta Staubs, wie es in den drei schmalen Sammlungen vorliegt. Der 1933 erschienene Band "Schaukelpferd" enthält eine Reihe von kecken Großstadtgedichten und Büroversen, die die Atmosphäre der Zeit atmen, wie das Titelgedicht "Chor der Schaukelpferde" oder der "Zwischenruf der Mädchen".

Ruinen-Gedichte#

Der 1958 erschienene Band "Der Feen-Rufer" orientiert sich stark an klassischen Vorbildern und spricht eine ganz andere, ins Metaphysische tendierende Sprache. Enthalten ist in dieser Sammlung aber auch der "Klassiker" von Staubs lyrischem Werk "Donau 1945", eines ihrer Ruinen-Gedichte, das zuerst 1945 in der Zeitschrift "Plan" erschien und in vielen Anthologien abgedruckt wurde.

Bis zuletzt hat Herta Staub immer wieder Krieg, Faschismus und Widerstand thematisiert und dabei jede Sentimentalisierung vermieden. "Hände haben in den Kriegen / unseres Jahrgangs / Taten vollbracht wie noch niemals. / Mit einem Wink der Hand / vollführte man Selektionen" heißt es in ihrem späten Gedicht "Die Wachs-Hand" aus dem letzten Lyrikband "Welt als Versuch" (1978), in dem auch das Gedicht "Gesumm" enthalten ist, eine der schaurigsten Thematisierungen der Gaskammern in der österreichischen Lyrik. Der Forderung, es gelte nach der "großen Flut" (Hans Weigel) vor allem rasch zur Tagesordnung überzugehen, hat sich Herta Staub damit deutlich widersetzt.


Lisa Fischer: Jenseits vom lärmenden Käfig. Die Lyrikerin, Journalistin und Aktivistin Herta Staub.

Böhlau Verlag, Wien 1997, 148 Seiten.


Evelyne Polt-Heinzl, geboren 1960, ist Literaturwissenschafterin und -kritikerin.

Wiener Zeitung, Sa./So., 20./21. August 2011